Hier sei ein kurzer Rückblick gestattet.
Im ersten Teil betrachteten wir die beiden Hauptfronten, denen alle Energone - ausnahmslos - gegenüberstehen: die Energie- und Stoffquellen. An diese müssen sie herankommen, diese müssen sie erschließen können, das ist die conditio sine qua non. Der Energieerwerb steht dabei an erster Stelle. Ohne Energie gibt es keinerlei Aktivität. Stoffgewinnung ist ebenfalls nötig, aber nicht immer und ständig.
Im zweiten Teil besprachen wir weitere Umwelterscheinungen, mit denen sich die Energone auseinandersetzen müssen. In erster Linie sind es behindernde, feindliche, in zweiter Linie günstige, fördernde. Alle diese Umwelt"faktoren" - Energiequellen, Stoffquellen, Räuber, Störungen, Förderungen und Symbionten - steuern die evolutionäre Bildung der Energone. Sie sind für einen wesentlichen Teil ihrer Wirkungsträger und für einen wesentlichen Teil ihrer Bewegungsvorgänge maßgebend. Sie diktieren, wie diese raum-zeitlichen Strukturen aussehen müssen.
Im dritten Teil wandten wir uns den inneren Fronten zu, gegen die jedes Energon ebenfalls anzukämpfen hat. Alle Wirkungsträger müssen aneinander gebunden sein. Funktionen müssen vielfach miteinander koordiniert sein. Kein Wirkungsträger soll den anderen behindern, sondern sogar nach Möglichkeit fördern, und jeder Teil muß auf das Ganze hin abgestimmt sein. Sodann muß bei sämtlichen Wirkungsträgern die Funktionsbereitschaft erhalten bleiben. Und schließlich müssen die Energone sich auch noch fortpflanzen und verändern (verbessern) können. Auch diese inneren "Faktoren" üben steuernde Wirkungen aus, sind aber
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nicht so sinnfällig wie die äußeren. Sie lassen sich nicht "den Sinnen nach", sondern "nur dem Geiste nach" erkennen.
Die so gebildeten Denkkategorien sind weitgehend andere, als man sie bisher zur generellen Einteilung der Erscheinungen gebraucht hat. Sie sind von der Funktion her definiert und lassen sich begrifflich recht sauber abgrenzen. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie (und nur sie, so behaupte ich) jenes unsichtbare Wertgerüst erkennen lassen, das allen Energonen - so verschieden sie auch aussehen mögen - die für sie notwendige raum-zeitliche Struktur vorschreibt. In jeder dieser Kategorien - die sich mit inneren und äußeren "Fronten" vergleichen lassen - ist grundsätzlich meßbar, welche Aufwendungen durch die betreffenden "Faktoren" ("Faktorengruppen") nötig werden, also von ihnen verursacht werden. Ob solche Messungen mit den heutigen Mitteln praktisch durchführbar sind, ist dabei nicht erheblich, besonders bei den Organismen stellen sich dem bedeutende Schwierigkeiten entgegen. Wichtig ist zunächst bloß, zu ermitteln, wo und was überhaupt gemessen werden muß, um an die Konkurrenzkraft der Energone rechnerisch heranzukommen. Und die wichtigste Behauptung der Energontheorie lautet: Solche Messungen können bei jedem Energon nach dem gleichen Schema erfolgen. Die gleichen Bewertungsmaßstäbe können an sie alle - ob es nun Organismen oder von Menschen aufgebaute Erwerbskörper sind - angelegt werden.
Eine Hauptkategorie - und eine besonders wichtige - fehlt allerdings noch. Es ist die Front gegenüber den "Konkurrenten". Ich habe sie bisher übergangen, weil die hier stattfindenden Wechselwirkungen am schwierigsten zu überblicken sind und weil sie sich weder den äußeren noch den inneren Fronten eindeutig zuordnen läßt.
An sich sind die Konkurrenten reale Bestandteile der Umwelt und gehören in diesem Sinne zur Außenfront. Nicht selten ist auch die Auseinandersetzung mit dieser Faktorengruppe eine ebenso unmittelbare wie mit den Störungen und mit den Räubern. Die Hauptauseinandersetzung erfolgt jedoch anderswo - es ist gleichsam ein Kampf der Energone gegen ihre eigene Struktur. Im Konkurrenzkampf erweisen sich fast immer jene überlegen, die billiger, präziser und schneller arbeiten. Das trifft nun praktisch jeden einzelnen Wirkungsträger. Die Hauptwaffe gegen die Konkurrenten sind also Verbesserungen an der eigenen Struktur - die vielfach nicht erforderlich wären, gäbe es keine Konkurrenz.
Daraus erhellt bereits die doppelte Wirksamkeit der Konkurrenz. Einerseits erzwingt diese - steuert also - die Ausbildung direkter Abwehr- und Angriffsmaßnahmen. Anderseits erzwingt sie - steuert - Vorgänge an der "inneren Front".
Das klingt komplizierter, als es ist. Jedem Geschäftsmann sind diese Zusammenhänge aus der Praxis bestens bekannt. Gibt es keine Konkurrenz - was bei Monopolisten immerhin vorkommt -, dann genügt es, wenn das Energon er-
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werbsfähig ist. Sobald jedoch Konkurrenz in Erscheinung tritt, verändert sich die Situation grundlegend. Jetzt, um weiter bestehen zu können, muß der Betriebsleiter - oder der ihn beratende "Brain-Trust" - die Gesamtstruktur neu überprüfen. Wo kann gespart werden? Was kann noch besser gemacht werden? Wie kann die Erwerbsstruktur noch rationeller, noch reibungsloser, noch besser integriert arbeiten? Das ist die indirekte, von innen her kommende steuernde Wirkung, von der ich hier spreche.
Unser gewohntes Denken lehnt sich gegen das Wort "steuern" auf. Wir sind gewohnt zu denken: Es ist der Betriebsleiter, es sind Menschen, die steuern. Das stimmt jedoch nicht wirklich. Der Mensch ist in diesem Fall bloß das Werkzeug einer Steuerung - seine Intelligenz leistet nur eben dies: die Forderungen dieser Steuerung zu erkennen, sie möglichst schon im voraus zu ermitteln. Wohin diese aber führt, wird nur im Ausnahmsfall von ihm diktiert (vgl. S. 115). Die Erwerbsart, die äußeren und inneren Einflüsse und die Konkurrenz legen dies fest. Der Mensch kann bloß diesem Diktat mehr oder minder gut folgen.
Die Konkurrenten lassen sich von den Räubern begrifflich sehr klar abgrenzen. Sie sind eine weit schlimmere Bedrohung als diese. Das läßt sich leicht zeigen.
Beim Individuum tritt das nicht so deutlich in Erscheinung, stets jedoch bei der Art. Sind etwa Gazellen die einzige Nahrung von Löwen und rotten diese die Gazellen aus - dann müssen sie schließlich selbst verhungern. Beim Erwerb durch Tausch besteht die gleiche Wechselwirkung. Nimmt eine Berufs- oder Betriebsart stark überhand, dann absorbiert sie allzusehr den Bedarf, von dem sie lebt - und schließlich ist nicht mehr genug Bedarf da.
Hier wie dort kommt es dann zum gleichen Vorgang: Sowohl die räuberischen als auch die tauschenden Energone "pendeln" sich mit ihrer Erwerbsquelle "ein". Nehmen die Löwen überhand, dezimieren sie die Gazellenbestände allzusehr, dann hat das - in späteren Generationen - ein Verhungern entsprechend vieler Löwen zur Folge. Die Zahl der Löwen sinkt dann - und die Gazellen können sich wieder besser vermehren.
Bei den Wirtschaftskörpern ist es nicht anders. Entstehen allzu viele Seifenfabriken, Putzereien oder Kinos in einem Gebiet, dann gehen früher oder später einige zugrunde. Daraufhin wächst dann wieder der Nachfragedruck (sofern sich an der Nachfrage nichts Grundsätzliches geändert hat), und es kann zu einem neuerlichen Anschwellen des Angebotes kommen.
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Der vorausblickende Mensch versucht diesen Entwicklungen zuvorzukommen - aber die Praxis zeigt, daß ihm dies häufig nicht gelingt. Auf Grund der "Marktintransparenz" sind Angebot und Nachfrage nicht klar zu durchschauen. Dennoch "pendeln" auch hier die anbietenden Energone und die nachfragenden Erwerbsquellen sich gegeneinander ein.
Völlig anders ist das Verhältnis des Konkurrenten zu seinem "Opfer". In diesem Fall ist das betroffene Energon nicht die Erwerbsquelle, sondern es hat die gleiche Erwerbsquelle. Der Kampf spielt sich hier nicht selten so ab, daß die konkurrierenden Energone einander gar nicht sehen. Es geht um die gleiche Beute, den gleichen zu befriedigenden Bedarf, um den gleichen "Futtertopf".
Gelingt es einem Energon, seine Konkurrenten völlig zu verdrängen, reißt es also die Erwerbsquelle ganz an sich, dann entsteht ihm daraus nicht der geringste Nachteil. Es ist für ihn bloß vorteilhaft. Deshalb ist jeder Konkurrent so mörderisch gefährlich. Der Räuber - so könnte man sagen - ist "seines Opfers halber Freund". Denn dieses Opfer ist ja seine eigene Erwerbsquelle. Der Konkurrent ist dagegen ein völlig rücksichtsloser Widersacher. Er nimmt am Zugrundegehen seines Opfers meist gar nicht teil. Der überwundene Widersacher verendet irgendwo. Und dem Sieger geht es dann um so besser.
Über die indirekte, innere Wirksamkeit des Konkurrenten haben wir bereits ausführlich gesprochen. Wenn jeder Wirkungsträger eines Energons nicht nur die erforderliche Wirkung erbringen muß, sondern dies auch noch möglichst billig, möglichst präzise und möglichst schnell besorgen soll, dann liegt das weitgehend an dem von der Konkurrenz ausgeübten Druck. Indem wir uns um die meßbare Erfassung der Konkurrenzfähigkeit bemühten, beschäftigten wir uns bereits mit dieser indirekten, gleichsam von innen her kommenden Wirksamkeit. Es bleibt jetzt noch die direkte, unmittelbare Abwehr der Konkurrenten zu besprechen.
Ehe wir das tun, müssen wir noch einige allgemeine
Betrachtungen vorausschicken.
Die meisten Pflanzen sind streng an einen Ort gefesselt. Die Tiere sind zwar beweglich, doch gibt es unter ihnen viele Arten, die in einem bestimmten Gebiet seßhaft sind. Bei den menschlichen Erwerbsformen ist bei jedem Bauern - aber auch bei jedem Friseur und jedem Handelsvertreter - die gleiche Situation gegeben. Sie wirken in einem mehr oder minder scharf abgegrenzten Raum. Dagegen
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werden die in der Luft schwebenden Bakterien und das im Wasser treibende Plankton durch Fremdenergie einmal hierhin, dann dorthin getragen. Treffen sie auf Nahrung, dann gedeihen sie, treffen sie auf keine, dann gehen sie zugrunde.1 Ihr Erwerbsraum ist an sich winzig klein: diese Energone tragen ihn gleichsam mit sich. Nur was sie unmittelbar berühren, gelangt in ihren Machtbereich. Bei beweglichen Tieren, die nomadenhaft leben, ist dieser sie unmittelbar umgebende Erwerbsraum bereits größer. Wo die Wanderheuschrecken passende Nahrung erkennen, fallen sie ein. Beim nomadenhaft lebenden Urmenschen war es ebenso. Wo er passende Jagdgründe fand, dort jagte er; erschöpften sich diese, zog er weiter. Recht ähnlich ist es heute bei den großen Produktionsbetrieben. Sie sitzen zwar am Ort fest, sind aber trotzdem Nomaden. Ihre Erwerbsorgane - ihre Produkte - kreisen rings um die Welt. Wo sie auf passenden Bedarf treffen, etablieren sie sich - und schaffen dem Betrieb so zusätzlichen Erwerbsraum.
Der Begriff "Erwerbsraum", wie ich ihn verwende, ist somit von der Leistung, vom Erfolg her definiert. Er ist gleichsam ein Ausschnitt aus der Gesamterwerbsquelle, die das jeweilige Energon aufzuschließen vermag. Es ist ein statistischer Begriff, der sich nicht ohne weiteres mit dem Bleistift auf einer Karte aufzeichnen läßt.
Gibt es beispielsweise in einem bestimmten Areal für Löwen 100.000 Beutetiere, dann überschneiden sich die Erwerbsräume der einzelnen Löwen mannigfach. Statistisch aber ergibt sich ein ganz konkreter Wert. Werden etwa pro Jahr im Durchschnitt 6000 Beutetiere gefressen und fallen auf einen bestimmten Löwen davon 60 Stück, dann beträgt sein Erwerbsraum 1 Prozent des gesamten Areals.
Diese Art der "Revierbestimmung" - die sich wesentlich von der in der Biologie üblichen unterscheidet - ist universell anwendbar. Gibt es in einer Stadt 20 Zahnärzte, dann ist für diese der Gesamtbedarf an Zahnbehandlungen die Erwerbsquelle. Mit dem Bleistift auf einem Stadtplan lassen sich die "Territorien" der einzelnen nicht genau abgrenzen. Es ist ohne weiteres möglich, daß ein Patient einen am entgegengesetzten Stadtende ordinierenden Zahnarzt aufsucht. Statistisch aber geben uns die Bilanzen genau Aufschluß über den Revierteil jedes einzelnen. Reißt ein Zahnarzt 10 Prozent des Gesamtumsatzes an sich, dann beträgt sein Erwerbsraum 10 Prozent des gesamten Erwerbsareals.
Sowohl im Erwerbsgebiet der Löwen wie auch in jenem der Zahnärzte mag es bessere und schlechtere Erwerbsplätze geben. An gewissen Stellen halten sich die Beutetiere bevorzugt auf (etwa bei der Tränke), in gewissen Stadtteilen leben reichere Patienten, die für Zahnbehandlung mehr ausgeben können. Wer hier seinen
(Originalbuchseite 306)
Machtanspruch ausdehnen kann, ist im Vorteil. Besonders um den Besitz dieser strategischen Punkte setzt der Konkurrenzkampf ein.2
Es sind somit zwei verschiedene Gesichtspunkte zu unterscheiden. Erstens die Bewegungsfähigkeit und Beutesuchfähigkeit eines Energons und zweitens seine Fähigkeit, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen. Wesentlich dabei ist - und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt -, daß es sich in jedem Fall um Leistungen, also um Energieeinsatz handelt.
So betrachtet ist das Erwerbsterritorium nicht als konkretes Areal, sondern als Machtanspruch definiert. Es läßt sich für jedes Gebiet und für jede Energonart in einem konkreten Energiewert ausdrücken: jener Energiemenge, die aufgewandt werden muß, um es zu beherrschen. Besteht keinerlei Konkurrenz - was selten vorkommt -, dann steht, je nachdem wie "reich" die Erwerbsquelle in dem betreffenden Gebiet ist, einer durchschnittlich eigenen Anstrengung ein
a) Mit Hilfe von künstlichen Organen erweitert der Urmensch den Machtbereich seines genetischen Körpers und wird als Räuber den Tieren und Pflanzen immer mehr überlegen.
b) Ackerbau bedeutet eine immense Steigerung der möglichen Beute je Areal. Zur Nahrung nicht geeignete Pflanzen werden vernichtet, geeignete werden künstlich angebaut. Tiere werden gezwungen, künstliche Organe (Pflug, Wagen) direkt zu betreiben. Diese Energie muß der Mensch nicht mehr über seinen Magen aufnehmen und über seine Muskeln einsetzen - ein Vorgang, dem enge Grenzen gesetzt sind. Die vom Menschen gebildeten "Berufskörper" umfassen jetzt auch Wirkungsträger (etwa einen Ochsen), deren Energie direkt andere Wirkungsträger (Pflug) betreibt.
c) Zu einer weiteren immensen Machtsteigerung führt der menschliche Leistungstausch. Durch Erbringung einer eigenen Leistung oder der Abgabe ihres Ergebnisses kann der Mensch die Leistungen anderer oder deren Ergebnis für sich gewinnen.
d) Durch die Entdeckung der Elektrizität gelingt es dem Menschen, Naturkräfte (etwa die Energie eines Wasserfalles oder der Kohle) schnell und über weite Strecken zu leiten. Ein Betrieb kann so einen hundert Kilometer entfernten Wasserfall zum direkten Antrieb eigener Wirkungsträger zwingen. Ein ebenfalls schneller und sehr verlustfreier Energieträger ist das vom Menschen geschaffene "Geld": eine Universalanweisung auf menschliche Leistung innerhalb einer Gemeinschaft. Sowohl Elektrizität als auch Geld sind leicht in verschiedene Energieformen verwandelbar: die Elektrizität in Maschinenkraft, Licht, Wärme usw; das Geld in jede erdenkliche spezialisierte menschliche Arbeit oder deren Produkt.
(Originalbuchseite 308)
durchschnittliches Ergebnis gegenüber. Gibt es dagegen Konkurrenten, dann bestimmt die Konkurrenzkraft den Quellenanteil: den Erwerbsraum. Der beliebtere Zahnarzt oder die Produktionsfirma mit dem besseren Erwerbsorgan (Verkaufsprodukt) reißt dann den größeren Marktanteil - den größeren Erwerbsraum - an sich.
Der Erwerbsraum ist somit stets das Ergebnis einer Anstrengung. In jedem Konkurrenzgebiet muß er erstens erkämpft und zweitens behauptet werden.
Hier ist einzufügen, daß es neben den Erwerbsterritorien noch andere Territorien gibt, für deren Erringung und Behauptung die Energone ebenfalls Energie aufwenden. Bei den Tieren trifft das vor allem den zur Paarung und Fortpflanzung (besonders bei Brutpflege) nötigen Raum. Dieser mag mit dem Erwerbsraum zusammenfallen, dann ist keine zusätzliche Leistung nötig. Denken wir aber etwa an den Lachs, der zum Ablaichen in den Flüssen aufwärts wandert, dann sehen wir ein Energon, das sich zu Fortpflanzungs- und Paarungszwecken mit beträchtlichem Energieaufwand einen zusätzlichen Wirkungsraum schafft. Der Lachs gewinnt dort keine Nahrung, hat vielmehr beträchtliche Hindernisse zu überwinden und nimmt zusätzliche Gefahren auf sich. Wie im letzten Kapitel besprochen, sind das Anstrengungen, die nicht dem Individuum, sondern nur der Art und dem Lebensstrom dienen.
Beim Menschen kommt als Besonderheit der Luxusraum hinzu, der unter Umständen um ein Vielfaches größer (auch wieder energetisch betrachtet) werden kann als der Erwerbsraum. Auch er muß erobert - erworben - werden. Auch seine Verteidigung macht in der Regel Staatsschutz, also laufende Energieausgaben in Form von Steuerzahlungen nötig.
Die Energontheorie führt zu einer etwas anderen, wie mir scheint genaueren, Definition der Begriffe Grundbesitz beziehungsweise Grundeigentum. Was der Besitzer oder Eigentümer in diesem Fall hat, ist nicht eigentlich der Boden selbst, sondern das vorübergehende oder ständige Verfügungsrecht - also ein Machtanspruch. Erwerben wir von einem anderen ein Grundstück, dann verdrängen wir diesen aus dem betreffenden Bereich. Wir vernichten dort seinen Machtanspruch. Das kann - wie in alter Zeit - gewaltsam geschehen. Oder - im organisierten Staatswesen - durch einen Tauschakt, durch Übergabe einer entsprechenden Geldsumme.
Hier wird wieder die enge Verwandtschaft zwischen Raub und Tausch deutlich. Denn Geld ist ja, wie wir gesehen haben, nichts anderes als eine Anweisung auf menschliche Leistung, auf Fremdenergie (vgl. S. 194). Ob - wie beim Landraub - Energie zur gewaltsamen Verdrängung eingesetzt wird oder - wie beim Grundstückkauf - ein entsprechendes Energieäquivalent freiwillig an den Verkäufer abgetreten wird, scheint in der Bilanz gar nicht auf. In jedem Fall wird "Territorium" unter Energieaufwand erobert.
Bei den Tieren ist es so, daß sie erworbene Territorien dann laufend gegen Kon-
(Originalbuchseite 309)
kurrenten, die sie zu verdrängen suchen, verteidigen müssen. Innerhalb von organisierten Menschengemeinschaften, die Grunderwerb gestatten, übernimmt dagegen der Staat die Sicherung dieses Machtanspruches. In einem Grundbuch wird dieser formal festgelegt, der Besitzer wird so zum Eigentümer. Indem er Zäune errichtet, hält er Eindringlinge fern. Den eigentlichen Machtanspruch sichert jedoch der Staat, indem er im Ernstfall gegen Okkupanten vorgeht. Für diesen Schutz zahlt der Bürger Steuern und Gebühren.
Auch im Gewerbe und in der Industrie können manche Erwerbsräume durch Kauf erworben werden, und vielfach werden sie dann auch durch den Staat geschützt. Bei allen Konzessionen, Patenten und Urheberrechten verhindert der Staat das Aufkommen von Konkurrenten innerhalb eines bestimmten räumlichen und zeitlichen Abschnittes. Auch das sind mögliche Sicherungen gegen Konkurrenz. In sehr vielen Erwerbsgruppen besteht jedoch heute Gewerbefreiheit. Das sich bildende Energon muß allenfalls - über den Weg von "Prüfungen" - eine Grundqualifikation nachweisen (als Schutzmaßnahme für die Gemeinschaft), dann jedoch ist es auf sich gestellt und muß im freien Wettbewerb sich einen Erwerbsraum zu erkämpfen suchen. Fast immer werden die betreffenden Erwerbsquellen bereits von anderen erschlossen. Die menschlichen Erwerbskörper müssen sich in diese feindliche Gemeinschaft hineinkämpfen - nicht anders als jede Jungpflanze und jedes Jungtier.
Bestimmte Territorien hält der Staat für alle seine Bürger frei, sowohl für Erwerbs- als auch für Luxuszwecke. In erster Linie sind das sämtliche öffentlichen Straßen und sonstigen Verkehrswege. Sie durchziehen wie ein Spinnennetz die mannigfach einander überschneidenden Erwerbsräume. Auf ihnen kann sich jeder frei bewegen - sei es zum Erwerb oder zu seinem Vergnügen. Dazu kommen noch Parks, allgemein zugängliche Ländereien und ähnliches.
Die menschlichen Erwerbsräume gründen sich also
heute sowohl auf Privat- wie auch auf Gemeinschaftsrechte. Charakteristisch
für die menschliche Entwicklung ist die Ertragssteigerung durch Intensivierung.
Tiere sehen wir nicht selten ihre Konkurrenten ähnlich bekämpfen wie die
(Originalbuchseite 310)
Räuber: am Futterplatz, an der Tränke. Sie können in diesem Kampf meist die gleichen "Waffen" verwenden, nur sind andere Verhaltensrezepte nötig. Denn der Konkurrent sieht anders aus und benimmt sich anders. Überlegene Größe spielt in dieser Auseinandersetzung eine nicht geringe Rolle. Der große Hund boxt den kleineren an der Futterstelle beiseite, der große Elefant den kleineren bei der Tränke.
Der menschlichen Intelligenz war es jedoch vorbehalten, zur furchtbarsten Waffe in diesem Kampf um Energie und Stoffe zu werden. Nie und nirgends in der Evolution hat sich ein so mörderisches Abschlachten von Konkurrenten abgespielt als seit dem Zeitpunkt, da im menschlichen Zentralnervensystem diese besondere Fähigkeit des Kombinierens und Schließens erwachte.
Der erste Vorgang, den dieser Funktionsträger ersann, ist das "Roden", und er hat in unserer Gefühlswelt eine positive Tönung. Die für uns wertlose oder wertarme Natur wird unserem Willen untertan gemacht, ihre Tätigkeit wird von uns organisiert. Was für uns als Rohenergie wertlos ist, wird gewaltsam beseitigt, was uns als "Nahrung" dient, wird künstlich angepflanzt und gefördert. Praktisch bedeutet das eine Vernichtung von Konkurrenten ohnegleichen. Sie werden mit Stumpf und Stiel ausgerottet - der eigene Erwerbsraum wird um ein Tausendfaches intensiviert.
Das gleiche Areal kann so ungleich mehr an Ertrag liefern. Der Mensch verbessert so seinen Erwerbsraum, indem er ihn völlig konkurrenzfrei macht.
Eine weitere Maßnahme besteht darin, alle jene Konkurrenten abzuwehren, die am Ergebnis dieser rücksichtslosen Tätigkeit ebenfalls profitieren könnten. Zäune werden gezogen, Vogelscheuchen aufgestellt, Parasiten mit Giftstoffen auszurotten versucht.
Die künstlich gepflanzten Energone, die später gegessen werden sollen, werden von uns in jeder nur denkbaren Weise gehegt und gefördert. Allen störenden Einflüssen wird nach bester Kraft entgegengewirkt. Der Boden wird künstlich bewässert, künstlich gedüngt. Unsere Dichter besingen Saat und Ernte, sehen in der Fruchtbarkeit des Bodens ein Gegenstück zur Fruchtbarkeit der menschlichen Frau. Die Vernichtung der sich den menschlichen Interessen entgegenstellenden Konkurrenz wird so zur Selbstverständlichkeit, zur guten Tat. Der Mensch sieht sich als Zentrum und Zweck dieser Schöpfung.
Eine weitere Intelligenzleistung bestand darin, die Erträge durch "Fruchtwechsel" zu steigern. Das einseitige Bebauen führt zu einer Erschöpfung des Bodens - zu einer Desintensivierung des Erwerbsraumes. Durch die Zwei- oder Dreifelderwirtschaft wird dem begegnet. Nach Weizen werden etwa Hülsenfrüchte angebaut. Oder das Feld wird eine Saison lang sich selbst überlassen - "brachliegen gelassen". Durch diese Manipulationen kommt es zu weiteren Steigerungen des Gesamtertrages.
Damit nicht genug: der Mensch züchtet. Er betreibt den gleichen Vorgang wie
(Originalbuchseite 311)
die natürliche Auslese, bloß im Hinblick auf eigenen Vorteil. Aus Rindern werden möglichst ergiebige Fleisch- und Milchlieferanten gemacht. Die gute Kuh liefert 3000 Liter Milch im Jahr, die Holsteinkuh bis zu 10.000 Liter. Das Ziel der Züchtung ist somit ein Tier, das sein Futter besonders rationell verarbeitet. Auch so wird der Erwerbsraum intensiviert, die aus ihm herausgepreßte Menge an Rohenergie gesteigert.
Weitere Steigerungen des "Ertrages" werden durch Verbesserung oder Hinzugewinnung von künstlichen Organen erzielt: durch Wegverbesserung, Mechanisierung, Kollektivierung. Die optimalen Betriebsgrößen werden errechnet. Je nach der Entfernung zum Absatzort werden leichtere oder schwerere Früchte angebaut. Butter braucht - dem Gewicht nach - hundertmal mehr Boden als Heu, Wolle ungefähr tausendmal mehr als Kartoffeln. Eine wichtige Möglichkeit zur weiteren Intensivierung ist schließlich die Abfallverwertung. Manches kann wieder zur Düngung dienen, manches, durch entsprechende Weiterverarbeitung, zusätzliche "Nutzprodukte" liefern.
Es ist bemerkenswert, daß nur an diesem einen Punkt
der Evolution, an diesem Übergang von den Organismen zu den menschlichen
Erwerbskörpern, eine so rigorose Konkurrentenvernichtung stattfindet.
Unter den menschlichen Erwerbskörpern gibt es dann wieder einen Konkurrenzkampf,
der sehr an jenen unter den Organismen erinnert.
In der marktwirtschaftlichen Welt werden den Konkurrenten gegenüber ähnliche Methoden angewandt wie im Reich der Tiere und Pflanzen, nur sind sie, auf Grund der menschlichen Intelligenz, noch erheblich verfeinert. Auch hier werden Konkurrenten nach besten Kräften geschädigt (durch Einwirken auf Kreditgeber, Zwischenhändler, Abnehmer, durch Sperre von Transportmitteln, Exklusivverträge, Treuerabatte, Preisunterbietungen usw.). Auch hier spielt die physische Größe und Macht eine nicht unerhebliche Rolle. Das "absatzwirtschaftliche Instrumentarium" umfaßt jedoch außerdem noch Kampfmittel, die bei den Orga-
(Originalbuchseite 312)
nismen keinerlei Parallelen haben - etwa Ratenzahlung, Rabatte, Skonto, Zusatzgeschenke. Und dazu kommt noch als Besonderheit die militante Werbung.3
Man kann sie am besten mit der Düngung des Bodens und der Züchtung besonders ertragreicher Nutzorganismen vergleichen. So wie durch diese Maßnahmen der Ertrag je Areal gesteigert wird, so wird durch diese Art von Werbung der Bedarf - und damit die spezifische Erwerbsquelle - je Areal gesteigert. Ja es können mit dieser Technik neue, noch überhaupt nicht vorhandene Wünsche künstlich geschaffen werden, somit also neue, noch gar nicht vorhandene Erwerbsquellen. So wie die landwirtschaftlichen Erwerbskörper den Boden möglichst "nutzbar" machen, so machen andere menschliche Erwerbskörper den Mitmenschen nach bestem Vermögen "nutzbar". Mit jedem ihnen zur Verfügung stehenden Mittel versuchen sie Wünsche dort zu wecken, wo noch keine existieren.
Auch dieser Vorgang, genauso wie die Vernichtung der tierischen und pflanzlichen Konkurrenz, wird mit positiven Gefühlswerten untermauert. Kein werben-
(Abbildung Originalbuchseite 313)
A Wirkungsträger Erwerbsorgan ("Tauschmittel"). Für ein solches, etwa Schuhe, können erworben werden: erstens Nahrungsmittel, also verdaubare organische Moleküle (x); zweitens menschliche Arbeitskraft (y): der Arbeitende wird dann während der Zeit seiner Tätigkeit zu einem künstlichen Organ des Energons, das das Tauschmittel anbietet (Leistungsmiete); drittens das Produkt menschlicher Arbeitskraft (z): in diesem Fall wird ein künstliches Organ gegen ein anderes vertauscht.
B Wirkungsträger Geld. Wollte etwa ein Schwertschmied eine Gans, dann konnte er über Naturaltausch schwer an eine solche gelangen, weil der Bauer vielleicht kein Schwert brauchte und vor allem weil das Schwert einen zu hohen Gegenwert (Leistungswert) darstellte. Der Universalvermittler Geld macht jede Leistung teilbar und auch in jede andere vertauschbar. Er eröffnete weiters die Möglichkeit einer allmählichen Speicherung von Tauschwerten ("Sparen").
C Wirkungsträger Markt. Dieser erleichtert das Aufeinandertreffen von Angebot (Erwerbsorgan) und Nachfrage (Energieüberschüsse plus Bedürfnis). Der beiderseitige Suchvorgang wird so durch ein Gemeinschaftsorgan (Markt) rationalisiert.
D Wirkungsträger Werbung. Durch ihn wird ebenfalls der Suchvorgang erleichtert, außerdem gestattet er, künstlich Nachfrage zu schaffen. Wünsche werden dort geweckt, wo keine oder andere sind. Entwicklungshilfe macht diese Beeinflussung perfekt. Denn es kann nur Nachfrager sein, wer über entsprechende Überschüsse verfügt. Es müssen also nicht nur im anderen Menschen Wünsche erzeugt werden, sondern es muß auch darüber hinaus gefördert werden, daß er zu Überschüssen gelangt. Er muß ermutigt werden, Berufskörper und Erwerbsorganisationen zu bilden.
(Originalbuchseite 314)
der Produzent spricht von seinem Profit, sondern immer
bloß von den Diensten, die er anbietet, von dem Fortschritt, den
er fördert. Der Kampf gegen den Konkurrenten wird so auch hier zu
einem Fanal echten Menschentums.4
Auch hier steigert es in jedem Fall den Konkurrenzwert, wenn diese Wirkungen möglichst billig erzielt werden. Auch hier spielt es fast immer eine Rolle, daß sie präzise funktionieren. Auch hier ist es oft wichtig, daß sie möglichst schnell wirken. Und schließlich ist auch hier die Situation in der Aufbauperiode eine grundsätzlich andere als in den Erwerbsphasen, und in diesen ist sie wieder anders als in Ruhephasen oder Stilliegephasen. Somit gelangen wir auch hier zu zwölf Werten, die bei einer Ermittlung der Konkurrenzfähigkeit mit in die Berechnung eingehen müssen.
Das gilt für Individuum und Art. Ist das Energon
Teil eines größeren Energons, ergeben sich Wertkonflikte, und
vom Lebensstrom her betrachtet, sehen diese Bewertungen auch wieder anders
aus.
Dieses Problem ist bis heute nicht entschieden. Ein Blick nach Ost und West genügt, um das zu sehen.
(Originalbuchseite 315)
Im allgemeinen dürfte in der Geschichte die Entwicklung meist vom Gemeinschaftseigentum zum Sondereigentum (Privateigentum) verlaufen sein. Der Grund dafür ist leicht zu erkennen. Der jeweilige Erwerbsraum und Besitz (Acker, Gehöfte usw.) war meist weniger von Tieren als vielmehr von anderen Menschengruppen bedroht. Den Schutz gegen diese konnte nur die Gemeinschaft bieten. Darum lag es nahe, daß die Gemeinschaft (Sippe, Verband, Volk) sich als Besitzer des Erwerbsraumes betrachtete und dem einzelnen Abschnitte davon zur Bearbeitung und Nutzung zuteilte. So ist es auch heute noch bei vielen primitiven Stämmen (etwa bei Negern und Malaien). Oder es wird dem einzelnen die Nutzung des Gebietes, das er selbst rodet, übertragen (so ist es bei den meisten Indianerstämmen). Bei den Germanen entstand das erste "Sondereigentum" an der Hofstätte. Die Ackerflur war noch zur Zeit des Tacitus Gemeinschaftseigentum: wer die Felder vorübergehend benützen durfte, wurde jeweils verlost. Erst nach der Völkerwanderung entstand Sondereigentum auch an Ackerland. Hingegen hatten die Römer einen sehr individualistischen Eigentumsbegriff: bei ihnen reichte die Macht des Eigentümers usque ad coelum et infernos - bis zum Himmel und zum Erdinneren. Das sind einfach Definitionen, die auf Grund menschlicher Konventionen anerkannt werden. Sie bieten für Staat und Individuum entsprechende Vor- und Nachteile.
Daß Privateigentum an Boden und Früchten ein starker Anreiz und Ansporn zur Arbeit ist, zeigt sich deutlich in den kommunistischen Ländern, wo der Arbeitsanreiz vielfach fehlt, weil Eigentum äußerst beschränkt oder völlig verboten ist. So wurden etwa im kommunistischen Polen von Privatbauern je Hektar 621 Zloty erzielt, von Kollektivwirtschaften 517 Zloty und von den Staatsgütern 394 Zloty.5 Das bedeutet ein Absinken um mehr als 37 Prozent. In anderen Gebieten dürfte dieser Unterschied noch größer sein.
Von der Evolution her betrachtet - jenseits von Gut und Böse - ist Privateigentum zweifellos ein natürlicher Zustand. Die "Naturrechtler" hatten durchaus unrecht, wenn sie aus den Frühverhältnissen menschlicher Entwicklung das Gemeinschaftseigentum als das ursprüngliche, natürliche abzuleiten glaubten.6 Ursprünglich ist, daß die Leistung sich durchsetzt und sich entfaltet. Darauf beruht die gesamte Evolution.
Bei in Herden lebenden Organismen traten Gemeinschaftsinteressen hinzu. Bei extrem instinktgesteuerten Tieren - wie etwa bei den staatenbildenden Insekten
(Originalbuchseite 316)
- können diese ganz an die Stelle der Individualinteressen treten. Dem intelligenten Menschen die Früchte seiner Tätigkeit zu entziehen bedeutet jedoch, dem Lebensstrom seinen stärksten und ursprünglichsten Impuls zu nehmen.
Die weit kritischere Frage - und um diese geht es auch im wesentlichen - ist jene der Vererbbarkeit des Eigentums. Das ist ein Vorgang, der von der Evolution her schwer zu bewerten ist - einfach deshalb, weil er im Organismenreich kaum Vorstufen hat.
Erst bei den menschlichen Erwerbskörpern kam es dahin, daß die einzelnen Wirkungsträger mit dem Tod des sie beschaffenden und kombinierenden Menschen durchaus nicht zugrunde gingen. Ein anderer Mensch kann die leergewordene Stelle besetzen - und das Energon lebt weiter.
Es ist sehr natürlich, daß der Mensch es am liebsten sieht, wenn die eigenen Kinder die herrenlos gewordenen Erwerbsstrukturen übernehmen, daß er ihnen - als Teilen seiner selbst - gern die bereits gehorteten und noch zu erreichenden Überschüsse zuführen möchte. Der nicht so begünstigte Einzelmensch muß darin jedoch ein Unrecht sehen - besonders wenn er daran glaubt, daß der Mensch von Gott persönlich eingesetzt ist und allen deshalb die gleiche Ausgangsposition eingeräumt werden sollte.
Durch den Vorgang der Vererbung von Besitz und Eigentum gelangten Familien, Sippen und Clans zu bedeutenden Machtpositionen, die über Generationen hinweg immer mehr gefestigt und ausgebaut wurden. Diese Erwerbskomplexe stellen insofern eine Besonderheit dar, als sie sich oft in wechselnden Erwerbsformen entfalten und diese mannigfach kombinieren. Mit den einfachen Energonen sind sie kaum noch zu vergleichen - sie führen vielmehr das Grundprinzip des Lebensstromes in verkleinerter Ausgabe vor Augen.
Menschen, die keinem solchen Clan angehören, stehen dann anderen gegenüber, denen solche Machtpotentiale völlig mühelos und gleichsam "unverdient" in den Schoß gefallen sind. Während der eine auf den Leistungen seiner Vorfahren mühelos weitergetragen wird, hat der andere nichts, ja die Aufstiegswege werden ihm sogar durch diese Clans versperrt.
Eine vergleichbare Situation entsteht, wenn ein Jungbaum in einem HochwaId zu sprossen beginnt. Der Konkurrenzkampf ist hier ziemlich aussichtslos. Die Baumriesen - von zahllosen Zellgenerationen geschaffen - haben bereits eine Position, die kaum mehr angefochten werden kann. Auf die Menschheit übertragen, führt das zu der Frage: Sollen nun die Baumriesen gewaltsam abgesägt werden? Soll der Staat veranlassen, daß jeder neue Jungbaum die gleiche Ausgangsposition hat?
Es gibt hier genug Argumente für und wider. Im Laufe der Geschichte haben sich viele Extreme von selbst aufgehoben oder abgeschliffen.
(Originalbuchseite 317)
Auf diese Weise entstand Großgrundbesitz in gigantischem Ausmaß. Es ist jedoch durchaus falsch, zu glauben, daß solche Anhäufung von Erwerbsraum in wenigen Händen stets und nur durch Gewalt zustande kam.
Nicht selten - etwa in der Zeit der Völkerwanderung - suchten freie Bauern den Schutz eines Herrschers oder der - damals starken - kirchlichen Macht. Die Könige ihrerseits suchten für die Bestellung ihres Landes nach Siedlern und boten diesen vorteilhafte Bedingungen. Jeder vom Menschen gebildete Erwerbskörper hat seinen grimmigsten Feind in anderen menschlichen Erwerbskörpern. Für jede Entfaltung solcher Energone - und das gilt schon seit Beginn der menschlichen Entwicklung - war Schutz stets das Hauptproblem. Einen solchen Schutz kann aber immer nur eine übergeordnete Organisation bieten. Worauf es also ankommt, das ist ein den beiderseitigen Leistungen angemessenes Teilungsverhältnis. Die Beschlagnahme des gesamten Erwerbsraumes durch den Leiter dieser Organisation stellt bestimmt eine zu hohe Bezahlung für seine Schutzleistung dar. Diese übersteigerte Machtentfaltung durch Einzelpersonen, Familien und Sippen, die die Macht immer an ihre Blutsverwandten weitergaben und das Aufkommen aller übrigen verhinderten, hatte denn auch Gegenbewegungen zur Folge. Die Herrscherhäuser wurden gestürzt, der Großgrundbesitz aufgeteilt.
Dann trat die industrielle Macht an die Stelle der auf Grundbesitz basierenden, und auch hier kam es zur Bildung ähnlicher, durch Vererbung weitergegebener Machtpositionen. Auch diese wurden über das vernünftige Maß ausgenützt. Die kommunistische Bewegung war die Folge. Sie krankt bis heute an einem Denkfehler ihres Begründers Karl Marx. Er glaubte, die Beseitigung dieser übersteigerten Machtpositionen wäre nur durch Beseitigung der Eigentumsrechte an den "Produktionsmitteln" zu erreichen. Damit machte er den Staat zum wirtschaftlichen Monopolisten und beraubte ihn einer seiner wichtigsten Kräfte: der Unternehmer. Daß eine vernünftige Abstimmung von Einzel- und Staatsinteressen auch auf weniger drastische Weise erzielt werden kann, wurde inzwischen bewiesen.
Wieder anders stellen sich diese Interessenkonflikte von der "höchsten Instanz" - dem Lebensstrom - her betrachtet dar.
(Originalbuchseite 318)
Wie kalt und nüchtern diese Wertung ist, geht aus folgendem Beispiel hervor. Vom Lebensstrom her gesehen ist es wesentlich, daß die Gesamtheit der Tiere zur Gesamtheit der Pflanzen in einem bestimmten Verhältnis steht; welche Arten dabei im Spiel sind, ist unerheblich.
Wie schon angeführt, könnten die Pflanzen ohne Tiere nicht leben: sie würden in Sauerstoff ersticken. Die Tiere könnten ohne Pflanzen nicht leben: sie würden in Kohlendioxyd ersticken. So betrachtet, kann man die Gesamtheit der Pflanzen als notwendiges "Organ" der Tierentwicklung ansehen, oder die Gesamtheit der Tiere als notwendiges "Organ" der Pflanzenentwicklung.
Im Interesse des Lebensstromes lag es, den Erwerbsraum zu vergrößern. Deshalb lag die Entstehung von Neubildungen, die in noch unbesiedelte Gebiete vorzudringen vermochten, in seinem "Interesse". Das Vordringen auf das Festland war die größte "Schlacht" in diesem Feldzug. Wie Feuer breitete sich der Lebensprozeß über immer weitere Teile unseres Planeten aus. Er manifestierte sich stets und ausschließlich in Energonen.
Im weiteren lag es dann im Interesse des Lebensstromes, die eroberten Erwerbsräume mehr und mehr zu intensivieren: also den Lebensumsatz je Areal zu steigern. Die Aufspaltung in das Pflanzen- und Tierreich ("Autotrophe" und "Heterotrophe") kam diesem Interesse sehr entgegen. Für die Pflanzen ist die maximale Entfaltung je Quadratmeter Boden beschränkt. Durch Höhenwuchs können sie die Lebenssubstanz noch steigern - aber das hat seine Grenzen. Tatsache ist: sie könnten weit mehr produzieren, mehr umsetzen - aber sie haben einfach nicht den nötigen Raum. Die Tiere sind hier gleichsam ein Ausweg aus dieser Sackgasse. Sie fressen die Pflanzen (die ihrerseits mühelos nachwachsen) und sind selbst nicht auf Sonnenbestrahlung angewiesen. So betrachtet, sind sie Ableger der Pflanzen, die an Stellen gedeihen können, wo es der Pflanze selbst nicht möglich ist. Die Gesamtlebenssubstanz je Areal wird so gesteigert - der Erwerbsraum wird intensiviert.
(Originalbuchseite 319)
Das Energon Mensch eröffnete dann den Weg zu weiteren Vergrößerungen und Intensivierungen. Es schuf sich künstliche Organe - das heißt praktisch: es bezog immer mehr anorganisches Material in das Lebensgefüge mit ein, "vitalisierte" es, machte es zu Bestandteilen des Lebensstromes. Baut ein Mensch aus Steinen ein Haus, dann werden diese zu Wirkungsträgern: zu Bestandteilen des Lebensprozesses. Bauen wir aus Eisen eine Maschine, dann wird Metall zu einem Teil des Lebensstromes. Grundsätzlich neu ist dieser Vorgang nicht: auch die "lebende" Substanz besteht letztlich aus anorganischem Material. Aber erst in der zweiten Evolutionsphase werden große anorganische Komplexe zu hochwirksamen Lebensbestandteilen.
Sodann gelingt es dem Menschen - beziehungsweise den von ihm gebildeten Energonen - in steigendem Maß, Fremdenergie in das Lebensgeschehen einzuschleusen, es diesem ebenfalls dienstbar zu machen. Kohle und Erdöl sind organischen Ursprungs - die darin enthaltene freie Energie war eine "unverhoffte Erbschaft", wie Ostwald sagte. Aber Wind, Wasserkraft und Atomenergie sind völlig anorganische Energieformen. Alle diese Kräfte werden nun zum direkten Betreiben von künstlichen Wirkungsträgern eingespannt, erhöhen das Machtpotential in den Erwerbsräumen.
Durch künstliche Beheizung treibt der Mensch den Lebensstrom in polare Gebiete vor, durch künstliche Bewässerung in Wüstengebiete. Mit besonderen Wirkungsträgern verläßt er bereits den Planeten Erde. Höchst menschlich gesprochen könnte man sagen: Auf all das sieht der Lebensstrom wohlwollend herab. All das dient ihm.
Auch auf Kriege sieht er wohlwollend herab. Sie fördern die Neuerung, vernichten stagnierende Erwerbskörper.
Auch auf die Hast des technischen Zeitalters sieht er wohlwollend herab. Wo immer eine Steigerung des Nationalprodukts erfolgt, darf er das ganz automatisch als Steigerung des Bruttolebensproduktes verbuchen.
Ungern sieht er dagegen Menschen, die sich in sich selbst kehren, in sich selbst ihre Werte und ihren Lebenszweck suchen, die sich nicht treiben lassen, deren Bedürfnisse nicht beeinflußbar sind. Ein besonders ekelerregendes Energon für den Lebensstrom war Diogenes in seiner Tonne.
Solche Individuen sind Ausbrecher aus dem großen Strom. Sie steigern nicht seinen Umsatz.
Damit sind wir an einen Punkt gekommen, wo es sich nicht
länger vermeiden läßt, von den Motiven des menschlichen
Handelns zu sprechen. An anderer Stelle7
bin ich ausführlicher auf dieses Thema eingegangen - und habe dort
die Grundgedanken der Energontheorie bereits angedeutet. Im Rahmen der
Energontheorie wird nun das menschliche Verhalten zu einem Phänomen
unter vielen.
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Anmerkungen:
1 Daß
die erste Alternative genügend oft gegeben ist, beweist die Existenz
dieser Arten. Wäre es nicht so, gäbe es sie nicht.
2 In der
Wirtschaft nennt man "Betriebsdichte" die Zahl von möglichen Nachfragern
je Areal, die für einen Betrieb als Abnehmer seiner Leistungen oder
Produkte in Frage kommen. Großwarenhäuser zum Beispiel bedürfen
einer Stadt von mindestens 500.000 Einwohnern. Für Selbstbedienungsläden
von 200 Quadratmeter Geschäftsgröße ist ein "Einzugsbereich"
bis zu 200 Meter im Umkreis maßgebend.
3 Gemeint
ist hier nicht die Werbung in ihrer Funktion als Orientierungsmittel für
interessierte Käufer, sondern in ihrer weiteren Funktion der Schaffung
von Nachfrage.
4 Ein wichtiges
Gegenargument ist dieses: Durch Werbung wird Massenbedarf geweckt - dadurch
kann aus einem ursprünglichen Luxusgut ein wesentlich billigeres,
also dem alltäglichen Bedarf zugängliches werden. Das stimmt
zweifellos. Ebenso stimmt, daß viele Menschen Beeinflussung brauchen,
weil sie selbst gar nicht wissen, was sie in diesem Leben wollen. Trotzdem
bleibt aufrecht: Es handelt sich hier um eine Kampfmaßnahme, nicht
anders als bei räuberischem Erwerb.
5 Diese
Zahlen stammen vom VIII. Plenum des polnischen Zentralkomitees (1956),
in dem Gomulka anprangerte, daß die Staatsgüter und Kolchosen
zuwenig gut funktionierten. H. Gross in "Gegenwartsprobleme der Agrarökonomie",
hg. von A. Zottmann, Hamburg 1958, S. 131.
6 So schrieb
etwa Gerhard Uhlhorn, daß gemeinsamer Besitz die ursprüngliche,
natürliche Ordnung gewesen sei, Privateigentum dagegen eine Folge
der Sünde. ("Die christliche Liebestätigkeit in der alten
Kirche", 1882.)
7 "Wir Menschen",
Wien 1968.