Meine bisherige Darstellung täuschte gleichsam vor, es gäbe für jedes Energon einen Konkurrenzwert, nach dessen meßbarer Formulierung wir suchten. Das geschah, um die an sich schwierige Darstellung nicht von Anfang an noch mehr zu komplizieren. Die Überschneidungen der einzelnen Wertebenen sind tatsächlich aber wesentlich komplizierter. Jedes Energon hat nicht bloß einen Konkurrenzwert - sondern zumindest deren drei. Bei den menschlichen Erwerbskörpern sind es noch mehr.
Betrachten wir die beiden Barrieren etwas genauer.
Abbildung 31 gibt ein Schema für die erste Barriere. Die beiden Energone A und B - so wird angenommen - sind gleichermaßen zum Energieerwerb befähigt und überhaupt nur in einem einzigen Merkmal verschieden. B hat die Fähigkeit sich fortzupflanzen, und zwar auf Grund des zusätzlichen Wirkungsträgers x, A dagegen hat diese Fähigkeit nicht.
Diese beiden Energone stoßen nun gegen ein funktionelles Hindernis (eben die Barriere W), die es ihnen - als Individuen - unmöglich macht, weiter zu existieren. W mag für ungünstige Umweltsbedingungen stehen: etwa schlechte Erwerbsbedingungen oder störende Naturgewalten. Oder es ist eine im Inneren auftretende Schwierigkeit: etwa die Begrenzung der Existenzdauer auf Grund von "Altern". Mit "Barriere" ist also nicht unbedingt ein sichtbares, greifbares Hin-
(Originalbuchseite 284)
dernis gemeint, sondern ein Faktor, der am gegebenen Raum-Zeit-Punkt eine im Durchschnitt aktive Energiebilanz unmöglich macht.
Kein Zweifel: in diesem Fall ist Energon B im Vorteil. Zwar nicht als Individuum - denn es geht ja ebenfalls zugrunde -, jedoch als "Art". Da es Nachkommen hervorbringt (in dem vorgeführten Schema nur zwei, aber es könnten beliebig viele sein), haben diese die Chance, an der Barriere vorbeizukommen. Sind ungünstige Lebensbedingungen das Hemmnis, dann mag es einem der Nachkommen an einem anderen Ort besser ergehen. Ist es das Altern, dann ist auch dieses besiegbar geworden, denn auch die Nachkommen haben wieder die Fähigkeit, sich fortzupflanzen. Die Fähigkeit, Nachkommen hervorzubringen, ist somit ein klarer Vorteil für die Lebensentwicklung. Dem Individuum nützt sie nicht - jedoch der Art.
Damit haben wir - vom Evolutionsstandpunkt - den Ursprung des "Art"begriffes definiert. Jedes Energonindividuum ist eine zur Erzielung einer durchschnittlich aktiven Energiebilanz befähigte Struktur. Zur Energonart führte die zusätzliche Fähigkeit der "Fortpflanzung".
An diesem Entwicklungspunkt treten bereits zwei verschiedene Wertungen in Erscheinung. Die zusätzliche Einheit - der Fortpflanzungsmechanismus in seiner Gesamtheit - ist für das Energonindividuum B (und für jeden seiner Nachkommen) durchaus wertlos. Ja sie ist sogar ein Ballast. Sie erhöht durchaus nicht die individuelle Konkurrenzfähigkeit - sondern vermindert diese sogar, indem sie zusätzliche Ausgaben schafft. Im individuellen Wettstreit - gäbe es die Barriere
Die Energone A und B stoßen gegen ein evolutionäres Hindernis (W). A ist nicht zur Vervielfältigung seiner Struktur befähigt, B schon: auf Grund des zusätzlichen Wirkungsträgers x. A geht früher oder später zugrunde, der Typ B hat die Chance, in einem seiner Nachkommen zu "überleben". Weitere Erläuterung im Text.
(Originalbuchseite 285)
nicht - wäre Energon A sogar im Vorteil. Da es diese überflüssige Ausgabe nicht hat, ist seine Bilanz besser.
Alle Tiere und Pflanzen, die mit Einrichtungen zur Fortpflanzung ausgerüstet sind, tragen eine Art von Bürde, die ihnen nicht dient, sondern ihren Konkurrenzwert sogar verschlechtert. Ihrer "Art" dagegen dient dieser Aufwand, erhöht deren Konkurrenzfähigkeit. Wollen wir also den Konkurrenzwert eines Energons ermitteln, dann muß zuallererst Klarheit darüber sein, welcher der beiden gemeint ist. Für den des Individuums sind die Kosten der Fortpflanzung ein reiner Passivposten,1 für den der Art sind sie es nicht. Entsprechende Aktivposten (Vorteile) wiegen ihn dort auf. Auch hinsichtlich der Werte Präzision und Schnelligkeit der Fortpflanzung ist die Situation in beiden Fällen anders. Andere Korrelationen treten auf.
Die verschiedenen Interessen von Individuum und Art (oder "Gattung") haben schon manchen Denker beschäftigt - etwa Schopenhauer.2 In der Biologie wurden sie ebenfalls berücksichtigt - so unterschied etwa W. Zimmermann zwischen "Individualwert" und "Gruppenwert".3 Es ergäbe sich in jedem Fall ein anderer "Nutzwert", eine andere "Zweckmäßigkeit". Für die natürliche Auslese sind so gleichsam verschiedene Angriffsflächen gegeben. In diesem Sinne unterscheidet Zimmermann zwischen "lndividualauslese"' und "Gruppenauslese".
Was jedoch bis heute übersehen wurde, ist dies: Es
gibt noch einen weiteren, dritten Maßstab. Dieser wurde bisher
stets in den zweiten mit einbezogen.
(Originalbuchseite 286)
liche Individuen dieser Art sind dann verurteilt, zugrunde zu gehen - die Art stirbt aus.
Energon C ist in allem völlig gleich, hat jedoch auf Grund der zusätzlichen Einheit y die Fähigkeit, nicht nur artgleiche Individuen hervorzubringen, sondern auch andersartige. Im Schema sind es zwei (D und E), wobei auch D zu keiner aktiven Energiebilanz kommt, E dagegen schon. E "umgeht" - "überwindet" - somit auch diese Barriere. Auf Grund seiner etwas andersartigen Struktur wird es von ihr nicht mehr "gehemmt", nicht mehr betroffen. Dieser neue Energontyp mag befähigt sein, andere Energie- oder Stoffquellen zu erschließen, oder er ist gegen Naturgewalten besser gewappnet. Während somit B und C samt allen ihren artgleichen Nachkommen "Schlüssel" sind, die kein "Schloß" mehr aufzuschließen vermögen, ist E ein andersartiger "Schlüssel", dem das Aufsperren anderer "Schlösser" gelingt.
Weniger theoretisch: eine neue Art ist so entstanden. Sie ist lebensfähig, während jene, aus der sie hervorging, untergeht.
Die so entscheidend wichtige Fähigkeit, neben artgleichen auch artungleiche Nachkommen zu produzieren (im Schema durch den Mechanismus y symbolisiert), beruht bei den Organismen - wie im letzten Kapitel besprochen - weitgehend auf der Funktion "Rezeptverschmelzung" (Kopulation, Zweigeschlechtlichkeit). Alle Tier- und Pflanzenarten, die über die hierfür erforderlichen Einrichtungen verfügen, waren somit anderen, die solche nicht hatten, überlegen. Fragen wir auch hier wieder nach dem Konkurrenzwert.
Daß das Individuum C dem Individuum B nicht überlegen ist, liegt auf der Hand. Beide gehen zugrunde. C mag sogar schneller zugrunde gehen - dann nämlich, wenn die zusätzliche Einheit y ihm laufende Mehrausgaben (etwa durch Behinderung oder notwendige Instandhaltung) verursacht. Aber auch die Art C ist der Art B nicht überlegen. Keine kann sich in einem Individuum behaupten, beide "sterben aus". Ja die Art C stirbt sogar schneller aus - dann, wenn die zusätzliche Einheit y ihre Individuen bilanzmäßig belastet. Auf einem dritten Wertungsniveau ist jedoch Energon C dem Energon B überlegen. Es setzt sich, wenn schon nicht in artgleichen, so doch in artungleichen Nachkommen fort.
Der Lebensstrom, der in B und C an ein unüberwindliches Hindernis gelangt, "fließt" in E weiter, setzt sich in diesem Strukturtyp fort. .
Wie soll nun dieses dritte, "höchste" Bewertungsniveau genannt werden - in Abgrenzung gegen die Begriffe "Individuum" und "Art"? Ich nenne es "Lebensstrom". Das ist keine ideale Bezeichnung, doch finde ich keine bessere. Es geht hier um die "Interessen" der Lebensentwicklung schlechthin. Man könnte somit auch von einem "Evolutionswert" sprechen. Doch Evolution ist ein Vorgang, während ein "Wert" - ebenso wie bei Individuum und Art - an eine räumliche Struktur geknüpft sein sollte. Das Wort "Lebensstrom" wird dieser Forderung gerecht. Was diesen fördert, hat dann "Lebensstromwert", ist "lebensstromför-
(Originalbuchseite 287)
dernd". Das klingt vielleicht umständlich, hat aber den Vorzug, unmißverständlich zu sein.4
Sämtliche Einrichtungen und Vorgänge der Zweigeschlechtlichkeit sind - in dieser Terminologie - bloß lebensstromfördernd. Dem Individuum dienen sie nicht: für seine Bilanz sind sie eine Belastung. Ebensowenig dienen sie der Art. Ob es Pflanzen oder Tierarten sind: die Art wird durch diese Einrichtungen nicht gefördert. Diese führen ja zur Artänderung. Das heißt: sie führen dahin, daß der Lebensstrom sich dann in anderen Strukturen - anderen Arten - fortsetzt. Solche Energone sind gleichsam "Abtrünnige", die in ein anderes "Lager" überwechseln.
Aus dieser Perspektive wird erst richtig klar, wie falsch es ist, Fortpflanzung und Zweigeschlechtlichkeit als etwas Einheitliches, Zusammengehörendes zu betrachten. Fortpflanzung dient der Artbildung und dem Artbestehen. Die Vorgänge der Zweigeschlechtlichkeit dagegen dienen der Artveränderung - und somit der Artüberwindung, ja der Artvernichtung.
Wie jede dieser drei Wertungen - für Individuum, Art und Lebensstrom - sich in den Energonen manifestiert, zeigen anschaulich die Blütenpflanzen.
Was dem Individuum dient, ist hier bloß die Blattstruktur,
samt Wurzeln,
Energon B und C stoßen gegen ein evolutionäres Hindernis (W). B hat bloß die Fähigkeit artgleicher Fortpflanzung; dieser Typ geht in allen seinen Nachkommen zugrunde. C dagegen bringt auf Grund des zusätzlichen Wirkungsträgers y neben artgleichen auch artungleiche Nachkommen hervor (D, E). Es hat die Chance, in einem dieser Nachkommen zu "überleben" - die evolutionäre Entwicklung weiterzutragen.
(Originalbuchseite 288)
Stämmen und Ästen. Jene Bildungen, die uns die Pflanzen so besonders liebenswert machen: ihre Blüten und Früchte, sind - vom Pflanzenindividuum her betrachtet - eine Bürde. Es sind Ausgaben, die ihm bilanzmäßig nicht dienen.
In Abwandlung des Goetheschen Wortes könnte man sagen: Drei Seelen wohnen, ach, in der Pflanzen Brust. Blätter, Wurzeln, Stämme, Äste dienen dem Individuum. Die Früchte sind Organe der Fortpflanzung - sie dienen nur der Art. Und die Blüten sind Organe der Zweigeschlechtigkeit, also der Verbesserung - sie dienen weder dem Individuum noch der Art, nur dem Lebensstrom.
Bei den Tieren ist es genauso: Alles was rein der Vermehrung dient - ist Organ der Art. Was dem sexuellen Vorgang der Rezeptverschmelzung dient, ist Organ des Lebensstromes.
Notwendigerweise mußten die sexuellen Einrichtungen eng an die der Fortpflanzung geknüpft sein. Sie mußten die Keimzelle beeinflussen und waren zwecklos, wenn nicht ein Fortpflanzungsvorgang auf die Kopulation folgte. Deshalb sind sie so eng miteinander verbunden. Funktionell sind sie jedoch "meilenweit" voneinander entfernt.
Die Unterschiede im Konkurrenzwert bei Individuum, Art
und Lebensstrom führten - in der Evolution - zu manchem Interessenkonflikt.
Ein solcher Konflikt wurde schon erwähnt. Geringere Aufbaukosten sind für die Energonart immer ein Vorteil, für das Energonindividuum dagegen nicht (S.102).
Ein Tier- oder Pflanzenindividuum ist im Konkurrenzkampf nicht besser dran, wenn es bloß halb soviel Aufbauenergie in Anspruch genommen hat als ein sonst gleichwertiger Konkurrent. Kein Tier und keine Pflanze können sich ein Schildchen anheften: Ich habe mehr gekostet, ich bin darum mehr wert. Im individuellen Kampf gegen die Widersacher kommt es ausschließlich auf die Leistungsfähigkeit und Resistenz an - was die jeweilige Struktur gekostet hat, beeinflußt das Ergebnis der Auseinandersetzung nicht.
Für die Art sind dagegen geringere Herstellungskosten ein klarer Vorteil. Vermag eine Art A mit dem gleichen Energieaufwand doppelt soviel Nachkommen zu erzeugen als eine konkurrierende Art B, dann ist sie - wenn die Nachkommen völlig gleichwertig ausfallen - sicher im Vorteil. Aus den gleichen Überschüssen können dann doppelt so viele Nachkommen produziert werden. Die Chance, daß einige davon geeignete Lebensbedingungen finden und sich durchsetzen können, wird dann doppelt so groß.
Erst bei den menschlichen Erwerbskörpern ändert sich das. Hier kommt es vor,
(Originalbuchseite 289)
daß geringere Aufbaukosten auch für das Individuum ein Konkurrenzvorteil sind - dann nämlich, wenn der Aufbau des Energons durch Kredite finanziert ist, die es zurückzahlen muß. Je weniger ein Energon durch solche Rückzahlungen belastet ist, desto besser. Es kann dann früher zu Überschüssen kommen und Reserven bilden.
Ein anderer, ebenfalls schon erwähnter Interessenkonflikt zeigt noch besser, wie die Wertungen sich unter Umständen verschieben. Sämtliche Tiere und Pflanzen sind - über angeborene Rezepte - gezwungen, bei entsprechenden Überschüssen artgleiche Nachkommen hervorzubringen. Praktisch heißt das: sie sind gezwungen, sich selbst Konkurrenten zu schaffen - denn kein anderes Energon ist so haargenau auf die gleiche Erwerbsart ausgerichtet wie eben der Artgenosse.
Der Lebensstrom zwang den Energonen diese Einrichtung auf. Er konnte sich in ihnen nur fortsetzen und weiterentwickeln, wenn sie über Fortpflanzungseinrichtungen verfügten. Daß zunächst nur artgleiche (oder zumindest sehr ähnliche) Nachkommen erzeugt werden konnten, ergab sich als konstruktive Beschränkung: eine andere Möglichkeit bestand zunächst nicht. Bei der Kompliziertheit der Erbrezepte war die Teilung an sich das große Problem - ganz unmöglich aber konnte sie so erfolgen, daß etwa aus der Keimzelle eines Maikäfers eine Tanne hervorwuchs oder aus der eines Nilpferds ein Regenwurm. Im ersten Teil der Evolution kollidierten somit die Interessen des Individuums mit denen des Lebensstromes und der Art. Für das Individuum waren die Fortpflanzungsmechanismen eine unnütze Belastung. Für Art und Lebensstrom waren sie dagegen nicht nur ein Vorteil, sondern einfach notwendig.
Im zweiten Teil der Evolution kam dann die bedeutsame Verschiebung, daß die vom Menschen geschaffenen Energone nicht mehr gezwungen sind, ihre Überschüsse zur Bildung artgleicher Energone zu verwenden. Da nicht mehr das genetische Rezept, sondern das Zentralnervensystem für ihre Vermehrung zuständig ist, kann jetzt jedes Energon jedes andere hervorbringen. Wem aber dient das?
Dem Individuum dient es zweifellos: es ist jetzt von der so sinnwidrigen Pflicht befreit, sich selbst Konkurrenten zu schaffen. Der Art dagegen dient es nicht: ihr Bestand ist jetzt weit weniger sichergestellt. Sind für einen Energontyp die Erwerbsmöglichkeiten nicht optimal, dann besteht - von der Art gesehen - weit eher die Gefahr, daß dieser Typ durch andere verdrängt wird.5 Dagegen ergibt sich für den Lebensstrom ein außerordentlicher Gewinn: die Überschüsse gelangen nun ganz automatisch dorthin, wo sich der Lebensentwicklung die besten Er-
(Originalbuchseite 290)
werbsmöglichkeiten bieten. Es wird nun weit seltener "Substanz" dort vergeudet, wo sie dem Lebensstrom nicht wirklich dient.
In diese verschiedenen Wertungen, die sich mit ein und derselben Struktur verbinden, muß man sich erst hineindenken. Ein anderes Beispiel für einen solchen Interessenkonflikt ist das Problem der Lebensdauer.
Für jeden Organismus bedeutet ein möglichst langes Leben zweifellos einen individuellen Vorteil. Ganz besonders gilt das für alle Tiere, die durch Erfahrungen lernen können. Mit zunehmendem Alter wächst dann - sofern nicht sonstiger Verfall eintritt - ihre Konkurrenzfähigkeit. Ebenso ist auch für die Art eine möglichst lange Lebensspanne von Vorteil. Dann bleibt nämlich das Artvolumen bei einer geringeren Zahl von notwendigen Nachkommen erhalten.
Für den Lebensstrom dagegen ist lange Lebensdauer ein Nachteil. Denn jedes lange sich behauptende Energon nimmt Nachrückenden den möglichen Erwerbsplatz weg. Das aber bedeutet: die Chance, zu Veränderungen - und so auch zu Verbesserungen - zu gelangen, wird dadurch geringer. Lange individuelle Lebensdauer hemmte also - zumindest im ersten Teil der Evolution - die Höherentwicklung und Machtsteigerung.6
Schon diese ersten Beispiele für Interessenkonflikte
rücken die Energone in ein neues Licht. Ihre körperliche Gestalt
ist wohl eine Einheit. Aber diese wurde in der Evolution durchaus nicht
"einheitlich" geformt. Zu den überall ähnlichen Steuerungen durch
die Außen- und Innenfronten kamen noch verschiedene Wertungen, die
ebenfalls Ansprüche stellten, Wertungen, die einander oft diametral
entgegengesetzt waren.
(Originalbuchseite 291)
Ja auf diese Weise kann der Lebensstrom sogar zu einem Gewinn kommen. Ist etwa der gefressene Organismus ein solcher, der nicht erwerbsfähig (oder konkurrenzfähig) ist und sich darum nicht fortpflanzen kann, dann ist er für den Lebensstrom wertlos. Er zehrt bloß die noch verfügbaren Energiemengen auf. Wird er von einem erfolgreichen, sich fortpflanzenden Energon gefressen, dann gewinnt der Lebensstrom einen Teil seines Wertes zurück. Und als weiterer Vorteil kommt hinzu, daß durch gegenseitiges Vernichten die durchschnittlichen Lebensspannen heruntergedrückt und so die Möglichkeit zu Verbesserungen gesteigert wird.
Bei den menschlichen Erwerbskörpern gewann dieser Zusammenhang eine noch größere Bedeutung. Nehmen wir an, dem Energon A wird von Energon B ein nicht verwachsener Wirkungsträger entwendet - etwa eine Schaufel, ein Geldstück oder irgendeine sonstige funktionelle Einheit. In diesem Fall tritt für den Lebensstrom überhaupt kein Wertverlust ein - sofern diese Einheit dem Energon B ebenso dient, wie sie Energon A diente. Ein Wirkungsträger, eine Machteinheit verlagert sich dann bloß von einem Energon auf das andere. Auch hier kann der Vorgang für den Lebensstrom sogar einen Gewinn bringen. War bei A der Wirkungsträger funktionslos (stand etwa die Schaufel ungenützt im Schuppen), dann war sein Wert für den Lebensstrom sehr gering. Wird er nun bei B eingesetzt, dann kommt es - vom Lebensstrom her gesehen - zu einer Machtsteigerung.
Hier deutet sich bereits an, wie manche in totalitären Staaten geläufigen Betrachtungsweisen gleichsam Sprachrohr der Lebensstrominteressen sind. Besitz und Eigentum, die der eine nicht benötigt, während sie bei einem anderen die Erwerbstätigkeit steigern würden, erhält aus dieser Sicht eine negative Bewertung, wird gleichsam zur Verfehlung an der Gemeinschaft, zum strafwürdigen Tatbestand.
In den totalitären Staaten - etwa in den kommunistischen - wird postuliert, daß jeder arbeiten muß, um gleichsam ein Anrecht auf sein Dasein zu erwerben. Von der Energontheorie gesehen heißt das: Der Mensch wird zu seiner Funktion als "Keimzelle" genötigt. Er muß Berufskörper aufbauen oder im Rahmen von Erwerbsorganisationen mitwirken - er muß "arbeiten". Das erinnert an den im ersten Evolutionsteil auf alle Tiere und Pflanzen genetisch ausgeübten "Zwang", ihre Erwerbsstruktur zu vergrößern und zu vermehren (anstatt die Überschüsse derart zu verjuxen, daß sie für die Energonentwicklung völlig vergeudet sind).
Aber auch in allen marktwirtschaftlichen Staaten, in denen Wirtschaftspolitik betrieben wird (und das sind praktisch sämtliche der "westlichen Welt"), treten Lebensstrominteressen deutlich in Erscheinung. Für die Gesamtwirtschaft ist ein möglichst reger "Umsatz" vorteilhaft - und wird durch entsprechende Maßnahmen angeregt. Das Geld im Sparstrumpf dient dem Wirtschaftsfluß ebensowenig wie die ungenützte Schaufel im Schuppen. Wohl kann in dieser Staatsform der
(Originalbuchseite 292)
unproduktive Besitz nicht verdammt und der einzelne nicht gewaltsam zur Arbeit angehalten werden. Hier ist der Weg, das gleiche zu erreichen, ein anderer. In jeder möglichen Weise werden Kaufwünsche geschürt. Diese sorgen dann dafür, daß der einzelne nach Überschüssen strebt, daß die Sparstrümpfe sich leeren und Wirkungsträger nicht ungenützt bleiben.
Die in der westlichen Welt zur chronischen Krankheit werdende
"Hast" hat hier ihre letzte Wurzel. Sie entspricht nicht eigentlich den
Interessen des einzelnen, sondern einem ganz anderen, übergeordneten
Interesse, das seit Beginn der Evolution diese als lenkendes Agens begleitet.
Auch zu diesem Vorgang gibt es Vorstufen im Tier- und Pflanzenbereich: zum Beispiel sind die schon erwähnten "Verdauungshelfer", die im Darm von Insekten oder Säugetieren leben, dort die Verdauungstätigkeit fördern und so eine Drüsenfunktion ersetzen (S. 37), solche Vorläufer.
Abbildung 33 zeigt dieses Verhältnis schematisch. A ist ein Insekt (etwa eine Termite), F ein Verdauungshelfer (etwa ein Flagellat). Sowohl A als auch F sind Energone, doch indem F innerhalb von A (innerhalb von dessen Wirkungsgefüge also) eine Funktion ausübt, wird es zu dessen Organ, zu dessen Wirkungsträger. Für beide Teile ergeben sich aus dem Verhältnis Vorteile. Der Verdauungshelfer wird im Magen der Termite mit Nahrung versorgt - er braucht sich um diese nicht zu bemühen; ein erheblicher Vorteil für seine Bilanz. Die Termite wieder erspart sich den Aufbau entsprechender Drüsen (die dieses Energon vielleicht gar nicht in der Lage gewesen wäre hervorzubringen). Auch ihre Bilanz wird demnach entlastet.
Ein ähnliches Verhältnis zeigt auf Abbildung 33 Energon B: es ist dem Energon A durchaus gleich (in unserem Beispiel also wieder eine Termite), hat jedoch in seinem Darm den Verdauungshelfer G, der sich von F dadurch unterscheidet, daß er neben den guten Diensten auch eine schädigende Nebenwirkung (n) ausübt, beispielsweise Stoffe abscheidet, die die Darmwände angreifen.
Treten nun die Energone A und B in einen Konkurrenzkampf, dann hat A, das von seinen Verdauungshelfern keine Schädigungen erfährt, einen Vorteil. Ist dieser groß genug, dann wird B zurückgedrängt. Das aber bedeutet, daß sich das
(Originalbuchseite 293)
Energon G durch seine Nebenwirkung selber schadet. Indem es seinen "Wirt" (seinen "Brotgeber") schädigt, untergräbt es die eigene Existenz. Stirbt die Art B infolge dieses Bilanznachteiles aus, dann verliert die Art G ihre Erwerbsquelle. Ist es ihre einzige - dann stirbt sie ebenfalls aus.
Errechnen wir somit den Konkurrenzwert für F und G, dann müssen wir die positiven und negativen Wirkungen, die sie auf ihre "Wirte" (A und B) ausüben, ebenfalls berücksichtigen. Je besser sie diesen dienen - desto mehr fördern sie die eigene Erwerbsquelle. Je mehr sie diesen schaden - desto mehr untergraben sie diese. Das gilt jedoch - als allgemeine Regel - nur für die Art. Die Rückwirkungen zeigen sich oft erst so lange danach, daß sie sich auf das Individuum selbst nicht auswirken.
Bei den menschlichen Erwerbskörpern ist vieles ganz anders, trotzdem tritt das gleiche Prinzip auch hier in Erscheinung. Jeder Angestellte wird im Rahmen seines Betriebes zu dessen Wirkungsträger, zu dessen Organ. Er übt innerhalb dieses größeren Energons eine benötigte Funktion aus und wird dafür bezahlt. Der Betrieb ist seine Erwerbsquelle. Je besser er seine Funktion erbringt, desto besser für den Betrieb. Schädigt er diesen - dann schädigt er die eigene Erwerbsquelle. Aber die Rückwirkungen müssen ihn nicht unbedingt treffen. Arbeitet er in die eigene Tasche, dann braucht der Schaden (falls er nicht erwischt wird) nicht auf ihn rückzuwirken.
Die "Art" wird dagegen betroffen. Das läßt sich besser bei Maschinen zeigen als bei Menschen. Fällt etwa eine Maschine häufig aus, dann ist das eine negative Nebenwirkung, die den Betrieb schädigt. Die Folge ist: es spricht sich herum. Die-
F und G üben in den Energonen A und B eine bestimmte benötigte Wirkung aus (f). Da G noch eine schädigende Nebenwirkung (n) ausübt, schädigt es seinen "Wirt" (Brotgeber, Betrieb) und damit indirekt auch wieder sich selbst. Näheres im Text.
(Originalbuchseite 294)
ser Maschinentyp wird dann bei anderen Betrieben nicht mehr angeschafft. In der Sprache der Energontheorie: Energone mit diesem Wirkungsträger bilden sich nicht mehr, "pflanzen sich nicht fort", "sterben aus".
Nicht anders ist es, wenn der Wirkungsträger ein Mensch ist - genauer: ein Berufskörper, also ein Energon. Eignet sich dieser Typ von Berufskörper - oder der Typ von Mensch, der sein Zentrum ist - nicht für die benötigte Funktion, treten negative Nebenwirkungen auf, dann spricht sich das herum. Die Betriebe meiden ihn. Solche mit diesem unpassenden Berufstyp werden dann seltener. Sie "pflanzen sich nicht mehr fort", "sie sterben aus".,
Bei den Organismen gibt es viele Parasitenarten, die im Körper anderer Organismen leben. Sie üben auf ihre "Wirte" (in der Regel) nur schädigende Wirkungen aus. Auch hier kommt es zu Rückwirkungen, die meist nicht das Individuum, aber die Art treffen.
So kastrieren beispielsweise manche Parasiten den eigenen Wirt. Das hat dann zur Folge, daß die Wirte sich nicht fortpflanzen können. Also untergraben diese Parasiten ihre eigene Erwerbsquelle. Für das Individuum ist die Auswirkung belanglos - sie setzt erst lange nach seinem Tod ein. Aber für die Art ist sie von Nachteil. In späteren Generationen stehen dann die Individuen dieser Art einer immer spärlicheren Erwerbsquelle gegenüber.
Sogar das hat im Wirtschaftsleben gewisse Parallelen - etwa in den unerlaubten Erwerbsarten. Nehmen wir an, ein spektakulärer Banküberfall wird ausgeübt, und den Banditen gelingt ein großer Coup. Dann wird die individuelle Bilanz dieser Berufskörper - auch das sind ja Energone - sehr verbessert, gleichzeitig aber untergraben sie für Artgenossen die "Existenzbasis". Durch ihren Erfolg werden die Abwehrkräfte der Gesellschaft mobilisiert, in den Banken werden bessere Schutzeinrichtungen installiert. Also wird für andere Bankräuber das "Geschäft" verschlechtert, der "Markt" gestört. Diese Erwerbsquelle wird nun schwieriger zugänglich.
Ganz allgemein kann man sagen: Lebt ein Energon in einem anderen (Verdauungshelfer, Parasit, Angestellter, Räuber innerhalb eines Staatswesens) und ist dieses seine Erwerbsquelle, dann üben fördernde oder schädigende Wirkungen, die es auf dieses größere Energon ausübt, fördernde oder schädigende Rückwirkungen aus - meist nicht auf das Individuum, jedoch auf die Art.
In den demokratischen Staaten stehen heute fast überall zwei Hauptparteien einander gegenüber: die eine tritt für die Interessen der Arbeitnehmer, die andere für die Arbeitgeber ein. Beide Teile sind sich darüber im klaren, daß jeder den anderen braucht. Für den Arbeitnehmer ist der Arbeitgeber die Erwerbsquelle - für den Arbeitgeber ist der Arbeitnehmer ein notwendiger Wirkungsträger. Worüber jedoch gestritten wird - unaufhörlich, bis auf den heutigen Tag -, das ist das "gerechte Abstimmungsverhältnis". Wieviel Nutzen muß der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer zubilligen?
(Originalbuchseite 295)
Oder andersherum: Wieviel Energie darf der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber entziehen?
Stimmt die Energontheorie, dann werden eines Tages Computer bei der Schlichtung dieses Streitpunktes mithelfen können. Es geht hier letztlich um nichts anderes als um die Abstimmung von Konkurrenzwerten, die in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Läßt sich das Optimum für diese Abstimmung rechnerisch ermitteln (ein Wert, der auch von mancherlei Umweltfaktoren beeinflußt wird), dann bedeutet das den geringsten Leistungsverlust für beide Teile. Ein neutral "gerechtes" Leistungsäquivalent ist dann ermittelt.
Auch in den Staatskörpern können Einzelinteressen das Gemeinschaftsinteresse fördern oder diesem zuwiderlaufen - hier jedoch ist die Rückwirkung (es sei denn über gesetzliche Maßnahmen) noch langsamer, noch unübersichtlicher. Der Steuerhinterzieher schädigt durch seinen Akt den Staat, wird jedoch - falls er nicht erwischt wird - kaum durch eine Rückwirkung betroffen. Die unzähligen politischen, zivilrechtlichen und strafrechtlichen Interessenskonflikte zwischen den Staaten und den ihnen untergeordneten Funktionskörpern werden nie von Computern entschieden werden können. Aber für die große grundsätzliche Abstimmung können sie auch in diesem Bereich Richtdaten liefern.
In der Evolution führte der hierarchische Stufenbau der Energone immer wieder zu der gleichen Problematik. Jede Unterordnung unter ein größeres Ganzes führt zur Notwendigkeit, Abstimmungen zwischen solchen Energonen zu erreichen, deren Beziehung zueinander darin besteht, daß die einen Teile der anderen sind. Beide gewinnen dadurch Vorteile - und müssen Nachteile in Kauf nehmen. Das äußere Bild mag bei den Vielzellern, bei den Staatsquallen oder den Insektenstaaten (die aus zahlreichen Vielzellern bestehen), bei den Betrieben, Konzernen, Staaten und Staatenbünden sehr verschieden aussehen: letzten Endes liegt aber überall die gleiche Situation, die gleiche Problematik, die gleiche Notwendigkeit entsprechender Abstimmung zwischen verschiedenen Energonen vor.
Auf jeder dieser Integrationsstufen gibt es mannigfache Korrelationen zu den Konkurrenzwerten der jeweils unter- oder übergeordneten Partner. Die Divergenzen zwischen Individuum und Art treten im zweiten Evolutionsteil zurück. Zu besonders erbitterten Interessenskonflikten kommt es hier zwischen den Berufskörpern und den Betrieben sowie zwischen Berufskörpern und Betrieben einerseits und dem ihnen übergeordneten "Staat" anderseits. Die Staatsinteressen gleichen sich - sowohl in den totalitären als auch in den liberalen Staaten - sehr weitgehend den Lebensstrominteressen an.7
Zu diesen recht komplexen Wechselwirkungen kommen noch die Luxus"interessen" des Menschen (genauer: der Keimzelle Mensch). Auch sie strahlen in den
(Originalbuchseite 296)
Erwerbssektor ein. Auch sie spielen im Rahmen der Konkurrenzwerte ("Überlebenswerte") eine Rolle.
Für den einzelnen Berufskörper oder Betrieb
kann es wohl kaum von unmittelbarem Vorteil sein, wenn die ihn aufbauenden
Menschen die Überschüsse zur Steigerung ihrer individuellen Annehmlichkeit
verwenden. Anderseits fällt hier die erzwungene Notwendigkeit, diese
Überschüsse in artgleiche Vermehrung investieren zu müssen,
weg - das an sich ist bereits für sie ein Vorteil. Außerdem
fließen die für "Luxus" ausgegebenen Überschüsse anderen
Energonen zu und fördern so - im Wirtschaftskreislauf - auch das eigene
Interesse. Vom Staatsinteresse und vom Gesamtlebensstrominteresse her betrachtet
sind die Luxustendenzen der Keimzelle Mensch - wie bereits ausgeführt
- von entscheidender Bedeutung und förderlich. Sie mögen den
Nachteil haben, daß bei Hypertrophie die Abwehrkraft des Staates
gegen seine Feinde vermindert und er auf diese Weise gefährdet
wird. Im übrigen aber wird so die Arbeits- und Fortschrittswilligkeit
der Keimzelle Mensch gehoben. Die Luxus"interessen" wurden in der Tat zum
stärksten Impuls für die Energonbildung - zur stärksten
aller die Evolution vorantreibenden Kräfte.
Dieser Lebensstrom ist jedoch nichts Persönliches, kein zielhafter oder gar bewußter "Wille".10 Er ist ein Phänomen, ein durchaus kausales Geschehen, das wie eine Lawine an Macht gewinnt. Was ihn fördert, ihn weiterträgt - bleibt beste-
(Originalbuchseite 297)
hen. Was ihn nicht fördert, ihn nicht weiterträgt - vergeht. Nur in diesem Sinne kann man sagen: das oder jenes lag in seinem "Interesse", steigerte seinen "Wert". Seine Träger, die Energone, stehen untereinander im Konkurrenzkampf. Für sie sind die Konkurrenzwerte entscheidend: was konkurrenzfähiger ist, trägt den Lebensstrom weiter. Beim Lebensstrom selbst aber - da er alle Energone umfaßt - gibt es keine "Konkurrenz", keinen "Konkurrenzwert". Hier kann man nur von einem "Machtwert" sprechen. Je nach der gegebenen Umwelt kann die weiterrollende Lawine in ihrer Gesamtheit mehr oder weniger "leistungsfähig" sein, mehr oder weniger hohen "Machtwert" haben.
Wie ein obskurer Hintermann und Drahtzieher beeinflußt der Lebensstrom praktisch jedes Energon - sehr oft entgegen dessen Individualinteresse. Anderseits freilich ist er der stärkste Helfer aller Energone, die breite Basis, auf der sie alle aufbauen.
Wer hat zum Beispiel für die gesamten angeborenen Aufbau- und Verhaltensrezepte der Organismen "bezahlt"? Sie scheinen in der Bilanz keines Energonindividuums auf, auch nicht in Bilanzen der Energonarten. Jedes Energon erhält sie als Gratisgeschenk mit auf den Weg. Aber irgendwer muß sie bezahlt haben. Es waren die Vorfahren: jeder von ihnen wirkte neubildend oder weitergebend mit.
Auch die Kosten jedes Rezepts sind - im Prinzip - errechenbar. Sie ergeben sich aus der Zahl von Generationen, die zu ihrer Entwicklung notwendig waren;. aus der Gesamtzahl von Energonen, über welche die einzelnen Verbesserungsschritte zustande kamen; aus den Kosten der "Gesamt-Biomasse", die gebildet werden mußte, bis sie erreicht wurden. Aus dieser Perspektive wird aus dem unheimlichen Tyrannen "Lebensstrom" ein geduldiger Spender, ein Emporheber.
In der zweiten Phase der Evolution verringerten sich die "Entwicklungskosten" für die Rezeptbildungen ganz außerordentlich. Verbesserungen, die im genetischen Rezept vielleicht erst über eine Million von Energonen erreichbar waren, konnten jetzt von einem einzigen Zentralnervensystem in Jahren, Tagen, ja in Sekunden geschaffen werden - bei einem relativ minimalen Energieaufwand. Der Weg der Übertragung von einem Gehirn auf andere erfolgte nun in tausendfachen Verzweigungen. Im Riesengemeinschaftsorgan "Wissenschaft" werden sie heute gesammelt, geordnet und der Gesamtheit aller menschlichen Energone verfügbar gemacht.
Auch in diesem zweiten Evolutionsteil wirkt der Lebensstrom
einerseits als Spender, anderseits als Tyrann. Die Spendertätigkeit
wollen wir - undankbar, wie der Mensch nun einmal ist - im weiteren beiseite
lassen. Im letzten Teil unserer Untersuchung soll uns jetzt noch eingehender
der verborgene Diktator beschäftigen, der unser Tun bis in intimste
Bereiche hin steuert. Wie Hampelmänner zieht er die Menschen an unsichtbaren
Fäden. Indem er uns in bestimmte Richtungen lenkt, dienen wir nicht
unserem - sondern seinem Interesse.
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Anmerkungen:
1 Es ist
denkbar, daß ein Individuum durch allzu starkes Anwachsen seine eigene
Erwerbskraft vermindert. In diesem Fall wäre auch für das Individuum
das Abstoßen einer entsprechenden Portion von Vorteil. Aber für
diesen Zweck sind keine differenzierten Fortpflanzungsmechanismen nötig
- und von diesen ist hier die Rede.
2 "Zur Philosophie
und Wissenschaft der Natur", in "Parerga und Paralipomena: kleine philosophische
Schriften", 2. Bd., Berlin 1851.
3 W. Zimmermann,
"Methoden der Phylogenetik", in G. Heberer, "Die Evolution der Organismen",
Stuttgart 1967, S.137f.
4 Die Bezeichnung
"Lebensstrom" hat einen etwas metaphysischen Beigeschmack. Ich verstehe
darunter jedoch nichts anderes als die Gesamtheit der "vitalisierten" Materie
in den Dimensionen Raum und Zeit: die Gesamtheit der Träger eines
kausal ablaufenden energetischen Geschehens.
5 Ein Beispiel
mag das vielleicht noch deutlicher illustrieren: War es im ersten Evolutionsteil
so, daß Veilchen auf jeden Fall weitere Veilchen produzierten, so
könnten im zweiten etwa Juweliere, wenn die Konjunktur für sie
schlecht, für Nachtlokale dagegen gut ist, ohne weiteres ihr Geschäft
auflassen und Nachtlokale gründen. Die Energonart Juweliergeschäft
erleidet dann Einbußen.
6 Daß
dieses Prinzip auch bei den Erwerbskörpern der Wirtschaft eine Rolle
spielt, zeigte sich etwa nach dem letzten Krieg. Durch die Zerstörung
so vieler Betriebe kam es zu einem weit moderneren Neuaufbau. Wären
die Betriebe nicht zerstört worden, dann hätten die alten Strukturen
- die alten Betriebs"arten" - sich länger behauptet. Verbesserungen
und Fortschritt hätten nur langsamer erfolgen können. Sogar die
in den französischen Besatzungsgebieten praktizierte Demontage war
mit ein Grund für das deutsche Wirtschaftswunder: In Frankreich hatte
man dann die alten, in Deutschland moderne Maschinen.
7 Darauf
kommen wir in Teil 4, Kapitel VII eingehend zurück.
8 Johann
Gottfried Herder schrieb: "Bei dem Menschen stand die Reihe still; wir
kennen kein Geschöpf über ihm, das vielartiger und künstlicher
organisiert sei; er scheint das höchste, wozu eine Endorganisation
gebildet werden konnte." ("Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit",
1784-91.). Dies formuliert anschaulich die durch die ganze Geschichte hindurch
bis heute herrschende Überzeugung.
9 Goethe
und viele andere Denker sahen die Lebewesen als "Selbstzweck": Vom Lebensstrom
her gesehen, sind sie es nicht. Nur dieser ist "Selbstzweck".
10 Schopenhauer
und Nietzsche sahen beide in einem "Willen" das eigentliche Zentrum der
organischen Erscheinungen. Der Lebensstrom in seiner Gesamtheit ist in
der Tat ein "Wille": jedoch kein bewußter, zielhafter, wirklich "wollender"
- sondern eben ein Prozeß, der in seinem Weiterlaufen immer komplexere
Wechselwirkungen schafft.