Autoren, die ihrem Buch einen möglichst weiten Absatz sichern wollen, gehen heute nicht fehl, wenn sie darin ausgiebig auf das Thema "Sex" eingehen. Auch wir wenden uns nun diesem Thema zu. Ob das Interesse an diesem Buch dadurch gesteigert wird, bleibt allerdings dahingestellt. Denn die Quintessenz dessen, was die Energontheorie zu diesem Thema zu sagen hat, ist: Sex und Forschung sind eng verwandt und müssen vergleichend betrachtet werden. Funktionell spielen sie die gleiche Rolle.
Bis zu diesem Punkt haben wir uns hauptsächlich mit den Energonindividuen beschäftigt. Wir fragten: Wie müssen diese beschaffen sein? Welche Wirkungsträger benötigen sie? Was macht sie konkurrenzfähig?
Wären die Energone isolierte Phänomene - und nicht Träger eines gewaltigen Entwicklungsstromes, der sich in ihnen, und nur in ihnen, fortsetzt -, dann wären wir fast am Ende unserer Betrachtungen angelangt. Wir wüßten dann, daß bei jedem Energon die zentrale Struktur durch die Energie- und Stoffquellen bestimmt wird. Weitere Wirkungsträger benötigt es, um störende Faktoren abzuwehren, fördernde zu nützen. Und dazu kommen noch - als Erfordernisse der inneren Organisation - solche der Bindung, der Koordination, der Abstimmung und der Erhaltung. Nach diesem Begriffssystem läßt sich die Struktur jedes Energons verstehen, es macht alle untereinander vergleichbar. Dieses System ist nicht bloß eines unter vielen anderen möglichen, sondern insofern relevant, als es das Grundgerüst der Konkurrenzfähigkeit bezeichnet und damit die eigentliche Existenzbasis dieser Strukturen.
Betrachten wir dagegen die Energone nicht als Individuen, sondern als Träger
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der Lebensentwicklung, als Voraussetzung und einzige Möglichkeit für das Weiterfließen dieses Prozesses, dann sieht die Situation anders aus. Es zeigt sich dann, daß an ihre raum-zeitliche Struktur noch weitere Forderungen gestellt sind. Sie müssen noch weitere Leistungen erbringen, über weitere, sehr wesentliche Wirkungsträger verfügen.
Man hat den Lebensprozeß nicht selten mit dem Feuer verglichen, und es besteht auch eine gewisse Ähnlichkeit, allerdings bloß in einem einzigen Punkt: Beide Vorgänge benötigen freie Energie, verbrauchen diese.
Die Besonderheit des Lebensprozesses besteht jedoch darin, daß er sich in raum-zeitlichen Strukturen manifestiert, die eine im Durchschnitt aktive Bilanz an freier Energie aufweisen. Während also das Feuer bloß freie Energie verbraucht, setzt sich der Lebensprozeß in materiellen Strukturen fort, die sich die zum Weiterfließen dieses Prozesses nötige Energie selbst zuführen.
Die allerersten derartigen Strukturen - die allerersten Energone, wie wir sie nennen - müssen somit über zwei Grundeigenschaften verfügt haben. Erstens mußten sie in passender Umwelt derartige Wirkungen auf ihre Umgebung ausüben, daß sich ihr Potential an freier Energie erhöhte. Zweitens mußten sie so beschaffen sein, daß diese Potentialsteigerung zu einem Anwachsen ihrer Struktur führte. Es mußte ihnen gelingen, entsprechende Stoffe an sich zu ziehen - und zwar so, daß ihre Struktur sich vergrößerte.
Auf Grund dieser beiden Eigenschaften konnte sich der Lebensprozeß aber noch nicht wirklich entfalten. Solche Energone konnten sich wohl - ähnlich den Kristallen - in passender Umgebung entwickeln und entsprechend anwachsen; wurden jedoch die Umweltbedingungen ungünstig, zerfielen sie wieder. Um zu Verbesserungen - zu einer "Höherentwicklung" - zu gelangen, waren noch zwei weitere Eigenschaften, zwei weitere Fähigkeiten nötig. Die Lebensentwicklung mußte - technisch betrachtet - noch zwei weitere "Hürden" nehmen, zwei weitere funktionelle "Barrieren" überwinden.
Es ist bis heute kaum - oder jedenfalls nicht genügend - darauf hingewiesen worden, daß diese beiden weiteren Fähigkeiten einander geradezu ausschlossen. Das Überwinden der ersten "Barriere" bedeutete praktisch, daß ein Überwinden der zweiten fast unmöglich wurde. Die Lebensentwicklung wurde von allem Anfang an durch einen schwerwiegenden Funktionskonflikt gebremst.
Diesen wollen wir näher betrachten.
Die erste zu überwindende "Barriere" war die Notwendigkeit, zu Einrichtungen der Fortpflanzung zu gelangen.
Hatte ein Energon bloß die Fähigkeit, sich laufend zu vergrößern, dann endete
(Originalbuchseite 268)
die Lebensentwicklung, falls es abstarb, an diesem Punkt. War es dagegen fähig, sich in soundso viele Teile aufzusplittern, dann wurde die Chance, daß eine dieser Einheiten ihre autokatalytische Tätigkeit fortsetzen konnte, erheblich größer. Mochte der Lebensprozeß auch in 99 solcher Einheiten zu einem Endpunkt kommen und versiegen - in der hundertsten setzte er sich fort.
Eine solche Teilung war im einfachsten Fall durch bloßes Zerreißen möglich; zu dieser Art von Vermehrung ist auch das Feuer "fähig". Betrachten wir dagegen die einfachsten, heute noch existierenden Energonarten, dann stellen wir fest, daß bei ihnen die Vermehrung bereits an recht komplizierte Wirkungsträger geknüpft ist. Hier genügt ein bloßes Auseinanderfallen des Energons in mehrere Teile durchaus nicht. Die Gesamtstruktur ist hier bereits so kompliziert geworden, daß sie über besondere Einheiten verfügen muß, die das Gesamtenergon neu aufbauen - also regenerieren können.
Damit komme ich auf die Ausführungen im vorhergehenden Kapitel zurück: Fortpflanzung ist eine Totalregeneration. Neben allen sonstigen Wirkungsträgern müssen also alle höherentwickelten Energone auch noch solche haben, die einen Gesamtaufbau bewerkstelligen können. Wie sehen diese Wirkungsträger aus? Wie müssen sie beschaffen sein?
Folgen wir dieser Frage theoretisch, dann stellen wir fest, daß die Funktion "Fortpflanzung" zwei sehr verschiedene Gruppen von recht komplizierten Wirkungsträgern notwendig macht. Erste Voraussetzung für jeden Aufbauvorgang - wie dieser dann auch immer im einzelnen erfolgen mag - ist ein Aufbaurezept, ein Gesamtaufbauplan, in dem jede Einzelheit des Energons festgelegt ist. Fehlt ein solcher, dann kann auch die beste Steuerung das Energon nicht bilden. Zweite Voraussetzung ist: Das Energon muß auch über Wirkungsträger verfügen, die diese Rezepte haargenau duplizieren können. Denn bei jeder Vermehrung, bei jeder Vervielfältigung muß ja jedes neue Energon auch das gesamte Aufbaurezept mitbekommen, um es selbst wieder an seine Nachkommen weitergeben zu können. Wie immer also das Rezept aussehen mag - es muß exakt geteilt werden: Das ist das zweite Problem. Je differenzierter, je komplexer ein Energon ist, um so komplizierter und komplexer wird notwendigerweise auch das zu seinem Aufbau nötige Rezept - und um so komplizierter wird auch die Aufgabe, es fehlerlos zu teilen.
Wie es bei den ersten Energonen zu diesem Vervielfältigungsmechanismus gekommen ist - über welche Zwischenstufen er sich entwickelt hat -, wird sich vielleicht nie ganz rekonstruieren lassen. Schon bei den Einzellern sehen wir diesen Mechanismus in hoher Perfektion. Das Aktionszentrum ist hier - in der Regel - das "Zentralkörperchen" (Centriol), ein Wirkungsträger, der sich zuallererst selbst teilt. Von den so entstehenden beiden Zentren, die auseinanderwandern, bilden sich Zuggerüste aus, die die Rezeptfäden, die sich der Länge nach spalten, von zwei Seiten her ergreifen und auseinanderziehen. Dieser Vorgang
(Originalbuchseite 269)
wird "Mitose" genannt. Von der Evolution her betrachtet ist hervorzuheben, daß - notwendigerweise - die Energone bereits auf einem sehr frühen Entwicklungsstadium zu dieser Leistung gelangt sein müssen. Sie war Voraussetzung für ihre Höherentwicklung.
Die zweite "Barriere" ist nicht minder schwierig zu überwinden. Durch den Mechanismus der Rezeptteilung ist dafür gesorgt, daß alle Eigenschaften eines Energons auf seine Nachkommen übergehen, daß also kein in der Evolution erreichter Fortschritt wieder verlorengeht. Wie aber kam es nun zu Fortschritten?
Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: Fortschritte, Verbesserungen kann es nur geben, wenn die Aufbaurezepte sich verändern. Gleichen die Nachkommen stets haargenau dem sie hervorbringenden Energon, dann ist eine Höherentwicklung ausgeschlossen.
Das ist der schwerwiegende Funktionskonflikt, mit dem die Energone - als Träger der Lebensentwicklung - von allem Anfang an belastet waren. Zu ihrer Vermehrung waren Einrichtungen notwendig, die haargenau ihre Eigenschaften auf die Nachkommen übertrugen. Nur so konnte jeder Fortschritt erhalten bleiben. Anderseits aber wurde jede Weiterentwicklung, jeder Fortschritt durch eine solche fehlerlose Duplizierung geradezu ausgeschlossen. An die Erbrezepte - als Zentrum jedes Mechanismus der Vermehrung - waren somit zwei völlig konträre Forderungen gestellt: Einerseits fehlerlose Teilung - sonst gingen die Fortschritte wieder verloren; anderseits Veränderung - sonst konnte es zu keinem Fortschritt kommen.
Wenn heute fast der ganze Erdball mit Pflanzen und Tieren bevölkert ist und wenn wir selbst existieren, dann ist das ein zwingender Beweis dafür, daß es einen Ausweg aus diesem Funktionskonflikt gab. Der "Lebensstrom" - wie ich die Lebensentwicklung weiterhin nennen will - versiegte nicht. Er manifestierte sich in immer neuen, immer leistungsfähigeren, immer höher entwickelten Energonen. Wie spielte sich das ab?
Wie konnten die Erbrezepte diesen so völlig entgegengesetzten Anforderungen sich nicht zu verändern und sich doch zu verändern - genügen?
Damit kommen wir zur Zweigeschlechtlichkeit.
Sie ist, im Prinzip, ein äußerst plumper Vorgang. Bei der Teilung der Erbrezepte kommt es - trotz aller Perfektion - gelegentlich zu Fehlern: zu Mutationen. Diese führen in der überwiegenden Zahl der Fälle zu einer Verminderung der Leistungsfähigkeit - können aber manchmal auch eine Verbesserung bewir-
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ken. Die Wahrscheinlichkeit, daß es zu einer solchen kommt, wird nun aber beträchtlich erhöht, wenn die Erbrezepte verschiedener Individuen miteinander verschmelzen. Es kommt dann zu immer neuen Kombinationen der hier und dort aufgetretenen Abweichungen. Das "Auslesematerial" - wie der Biologe sagt - wird so größer. Während die eine oder andere Änderung für sich allein keinen Vorteil erbringen würde, kann sie durch Kombination mit anderen sehr wohl zu bilanzfördernden Neuerungen führen.
Damit ist bereits das Grundprinzip der Zweigeschlechtlichkeit dargelegt. Manche Forscher glaubten, daß durch die Zellverschmelzungen Fehler in den Erbrezepten ausgeglichen würden; daß das also die Funktion dieser Vorgänge sei. Wie die genetischen Forschungen einwandfrei gezeigt haben, ist dies jedoch - zumindest in der Regel - weder der Fall noch überhaupt nötig. Die Teilungen der Erbrezepte - bei den Zellteilungen - erfolgen höchst akkurat. Die Wahrscheinlichkeit zu Mutationen beträgt bloß 1 : 10.000 bis 1 : 100.000. Wenn im sexuellen Vorgang verschiedene Keimzellen verschmelzen, dann hat dies nicht den Zweck, Fehler auszubessern, sondern aufgetretene Veränderungen zu kombinieren.1
In fünf Punkten zusammengefaßt sieht dieser Zusammenhang, der dem gewohnten Denken sehr fremd und fern ist, so aus:
Betrachten wir die Auswirkungen beider Funktionen genauer. Zuerst die der Fortpflanzung.
Schon bei den Einzellern sind auf das Konto dieser Funktion recht aufwendige und kostspielige Einrichtungen zu verbuchen. In erster Linie sind es Wirkungsträger - ob wir sie heute bereits kennen oder nicht - die die Zellteilung, also die Verdoppelung sämtlicher Organe, die Aufbaurezepte mit eingeschlossen, bewirken. Diese Einrichtungen dürften fast in jedem Fall komplexer sein als jene des Energie- und Stofferwerbs oder der Feindabwehr. Sie bedeuten für die Individuen eine ganz beträchtliche Belastung und machen noch zusätzlich Wirkungsträger der Bindung, der Koordination, der Abstimmung und Erhaltung notwendig.
Bei den Vielzellern ist der gleiche Fortpflanzungsmechanismus beibehalten. Von geringfügigen Ausnahmen abgesehen, teilen sie sich nicht als Ganzes. Die Keimzelle baut hier durch eine Folge entsprechend gesteuerter Teilungen und Differenzierungen einen größeren Erwerbskörper auf, wobei jedoch einige Zellen undifferenziert und totipotent bleiben ("Keimbahn"). Das heißt, sie bewahren die gleichen Fähigkeiten wie die Keimzelle: die Fähigkeit zur Totalregulation. Stirbt ihr Energon ab oder werden sie von diesem ausgestoßen, dann vermögen sie ein neues, ebensolches Energon aufzubauen.
Allerdings stellen sich diesem Vorgang beträchtliche Schwierigkeiten entgegen. Denn jedes sich erst bildende Energon ist noch nicht voll "einsatzfähig" und somit entsprechend wehrlos. Für räuberische Energone sind die Keimzellen und die aus ihnen hervorwachsenden Entwicklungsstadien eine willkommene Beute.
Wir gelangen hier zu einer interessanten Einsicht. Die Energone - als Träger der Lebensentwicklung - werden hier zu einem Hemmschuh für diesen Prozeß. Indem manche von ihnen fremde Keime fressen, fördern sie zwar die eigene Entwicklung - und damit den Lebensstrom -, anderseits aber stören sie dadurch
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die Fortpflanzung der betroffenen Energonarten und hemmen dort den Lebensstrom. Wir kommen auf diese und ähnliche Interessenskonflikte im nächsten Kapitel zurück.
Zwei Möglichkeiten, die Keime und ihren Bildungsvorgang zu schützen, gibt es: Entweder wird die Keimzelle, samt entsprechender Energie und Stoffmenge für den Aufbau, mit einem festen Panzer umhüllt und ihrem Schicksal überlassen. Das nennen wir dann bei Pflanzen einen "Samen", bei den Tieren ein "Ei". Aus dieser Umhüllung sprießt bei den Pflanzen - wenn der Samen in geeignete Umweltbedingungen kommt - das junge Pflänzchen hervor. Bei den Tieren vollzieht sich darin der Entwicklungsprozeß, und ist das neue Energon erwerbsfähig, dann "schlüpft" es, verläßt die schützende Hülle.
Die andere Möglichkeit ist die, daß das sich fortpflanzende Energon unmittelbar die Ernährung des Keimes durchführt und die Schutzfunktion übernimmt. In diesem Fall wächst der Nachkomme im eigenen Körper heran - ganz wie ein Organ. Besonders bei den Tieren, wo diese Vermehrungsart verbreitet ist, stellt das eine erhebliche Belastung für das sich vermehrende Energon dar. Erst wenn der Keim selbst-erwerbsfähig und selbst-verteidigungsfähig (also "lebensfähig") geworden ist, wird er abgestoßen. Auch für diesen Vorgang der "Geburt" sind besondere Einrichtungen (vor allem eine entsprechende Öffnung und Koordinationsrezepte für innerkörperliche Vorgänge) nötig.
Bei den höheren Tieren finden wir eine weitere Fortpflanzungstechnik verbreitet. Auch bei ihnen reift das "Junge" innerhalb des Körpers heran, ist jedoch, wenn es abgestoßen wird, noch nicht voll erwerbs- und verteidigungsfähig. Seine Weiterentwicklung erfolgt vom elterlichen Körper getrennt, doch unter dessen Schutz und Versorgung. Das nennen wir dann "Brutpflege". Für diese Fortpflanzungsart - die die meisten Vögel und Säugetiere praktizieren - sind neben allen sonstigen Fortpflanzungsmechanismen noch angeborene Verhaltensrezepte notwendig.
Eine Rationalisierung dieser so aufwendigen Prozesse finden wir nur bei wenigen Organismen, vor allem bei den staatenbildenden Insekten. Bei den Termiten, Ameisen und Bienen ist nicht mehr jedes Individuum mit der - ihm individuell gar nicht dienenden - Bürde der Fortpflanzung belastet. Die "Königin" übernimmt für alle dieses Geschäft. Es ist dies eine wirkungsvolle Funktionszusammenlegung. Im Rahmen des Energons "lnsektenstaat" wird dieses spezialisierte Individuum zu einem Organ (Wirkungsträger) der Fortpflanzung. Für die Bilanz der Gemeinschaft bedeutet das eine erhebliche Energieeinsparung.
Beim Menschen sehen wir nach wie vor die Individuen mit der Fortpflanzungsproblematik belastet. Hier vollzog sich dann aber der bedeutsame Übergang, daß die weitere Aufbaufunktion auf ein vielzelliges Organ, das Zentralnervensystem, überging. Bei den von uns gebildeten größeren Energonen, in denen wir selbst nur noch "Keimzelle" und steuerndes Zentrum sind, fällt das ungeheure Problem der
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immer länger werdenden Rezeptfäden und ihrer immer schwieriger werdenden Teilung weg. Die im Zentralnervensystem verankerten Rezepte können viel einfacher vervielfältigt werden: über Sprache und Schrift können sie direkt von einem Gehirn auf ein anderes übertragen werden. Schließlich können sie auch in Gestalt von künstlichen Organen - den Körper verlassen. Ihre Vervielfältigung wird dann zu einem geradezu banalen technischen Problem.
Sollen etwa die Aufbaurezepte für einen Betrieb vervielfältigt werden, dann genügt es, sämtliche Anweisungen und Zeichnungen - sämtliche "Pläne" also - zu photokopieren. Von jeder Gebrauchsanweisung, jedem fachlichen Buch können im Druckverfahren ebenso schnell wie billig beliebig viele "Kopien" angefertigt werden. Erst aus dieser Perspektive wird klar, mit welcher Bürde der erste Teil der Evolution belastet war und um wieviel einfacher die gleiche Funktion nun bewältigt werden kann.
Innerhalb der menschlichen Gemeinschaften wurde das fachliche Schrifttum - die Wissenschaft schlechthin - zu einem (heute bereits jedermann zugänglichen) Hilfsorgan der Rezeptbildung. Aus diesem ungeheuren Informationsreservoir schöpft der organisierte Mensch, durch die Gemeinschaftsorgane "Schulen" und "Universität" lernt er die Kunst des Rezeptbaus. Es liegt an ihm, sich zu entscheiden, welche Erwerbsstrukturen er bildet - welche Energonarten er fortpflanzt.
Die Energone sind jetzt nicht mehr gezwungen, ihre Überschüsse in artgleiche Fortpflanzung zu investieren - sondern ein ganz anderer Mechanismus wird nunmehr zum Garanten dafür, daß die Energonvermehrung weiterläuft. Es ist das menschliche "Luxusstreben" - die Gesamtheit aller angeborenen und erworbenen Triebkräfte, die den Menschen zum Streben nach "Annehmlichkeit" im weitesten Sinne des Wortes drängen. Die dieses Verhalten auslösenden Einheiten - wir kommen später auf sie zurück - bewirken, daß der Mensch sich besonders emsig der Energonbildung befleißigt. Er bildet Berufskörper, baut Betriebe auf. Diese nicht verwachsenen Energone pflanzen sich fort - ohne daß ein Angehöriger der "Art" irgend etwas dazu tut. Ein neuer Schneiderbetrieb oder eine neue Versicherungsgesellschaft können entstehen, ohne daß ein anderer Schneiderbetrieb oder eine andere Versicherungsgesellschaft das geringste dazu beitragen. Die Überschüsse können nunmehr dorthin fließen, wo sich den Energonen die besten Erwerbsmöglichkeiten bieten - eine für die Energonentwicklung ungemein günstige Veränderung.
Darüber hinaus fördert das menschliche Luxusstreben die Energonentwicklung und damit den Lebensstrom - noch in anderer Hinsicht. Der einzelne Mensch braucht die in seine Verfügungsmacht gelangenden Überschüsse überhaupt nicht mehr zum Energonaufbau zu verwenden - und doch kommen sie diesem zugute. Der Juwelier, der in Mallorca sein Geld ausgibt, trägt zum Florieren der dort etablierten Hotelenergone bei. Der Prokurist, der sein Gehalt für schöngeistige Literatur oder Dirnen verwendet, wird ebenfalls zur Erwerbsquelle für andere
(Originalbuchseite 274)
Energone. Sogar der Playboy, der das elterliche Vermögen in Rennautos verwandelt und diese zuschanden fährt, fördert die Energonentwicklung: alle Berufskörper und Betriebe, die am Aufbau dieser seiner Spielzeuge beteiligt waren, haben ihm zu danken.
Der Überblick über diesen Entwicklungsweg gehört zu den schwierigsten und dem gewohnten Denken am meisten zuwiderlaufenden Überlegungen der Energontheorie. Auch er sei in knapper Form zusammengefaßt.
(Originalbuchseite 275)
Der ursprünglichste Mechanismus der "Verbesserung" arbeitete sozusagen von selbst. Ohne besondere Wirkungsträger, ohne eigenes Zutun. Aus Fehlleistungen - den Mutationen - wurde unter Umständen ein Vorteil.
Die Mutationen werden manchmal von außen bewirkt (Hitzeeinwirkung, kosmische Strahlen usw.), oder sie ergeben sich als Fehler im Teilungsvorgang. Jedenfalls sind sie richtungslos. Sie vermindern meist die Erwerbs- und Konkurrenzkraft des betroffenen Energons (seine Leistungsfähigkeit), können diese aber auch steigern. Das ist dann gleichsam ein "Geschenk" des Schicksals, das einige Energone und ihre Nachkommen genießen - und denen eine weit größere Zahl von bilanzverschlechternden "Geschenken" an andere Energone, die dann meist gar nicht zur Fortpflanzung kommen, gegenübersteht.
Der zweite Mechanismus, der die Höherentwicklung der Organismen förderte, war dagegen ein ungemein kostspieliger. Es ist die Einrichtung "Zweigeschlechtlichkeit". Schon bei den Einzellern kann man sehen, welche Belastung die sexuellen Vorgänge für die Individuen bedeuten.
Auf die einfachste Formel gebracht, heißt die zweite Forderung: Nicht nur müssen die Erbrezepte sich teilen können - sie müssen auch das Gegenteil können: mit dem Erbrezept eines anderen Individuums verschmelzen.2 Man bedenke, was das bedeutet! Die endlosen Fadenmoleküle müssen derart an andere, ebensolange Fadenmoleküle herangebracht werden, daß jeder der tausend, hunderttausend oder Millionen Befehlsträger (Gene) mit genau dem analogen vom andern Faden verschmelzen kann. Wer einen Wollknäuel oder eine verwickelte Angelschnur entwirren soll, dem wird vielleicht die Schwierigkeit dieses technischen Problems bewußt.
Schon bei dem so einfachen Bakterium Coli sind die Rezeptfäden tausendmal länger als sein Durchmesser. Hier standen die Energone vor einer ganz außerordentlichen Schwierigkeit.
Besondere Einrichtungen (Wirkungsträger) müssen zunächst einmal gewährleisten, daß Einzeller der gleichen Art einander überhaupt suchen, einander erkennen und in diesen Vereinigungsvorgang eintreten. Dann müssen die Rezeptfäden ihren entsprechenden Partner finden, und die Vereinigung der Zellen muß so verlaufen, daß dabei ihre Leistungsfähigkeit nicht erlischt, sondern vielmehr ein darauf folgender Teilungsvorgang erfolgen kann.
Bei den Vielzellern wurde diese Problematik noch größer. Die irgendwo in
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ihrem Körper eingebetteten Keimzellen mußten mit denen anderer Individuen verschmelzen. Das machte entsprechende Öffnungen und Einführungsorgane nötig. Im Wasser konnte es genügen, wenn die Partner die Geschlechtsprodukte gemeinsam ausstießen und zur Vereinigung brachten. So ist es bei vielen Fischarten. An Land war das jedoch nicht möglich, da die Keimzellen an der Luft austrocknen. Hier müssen die Geschlechtszellen ins Körperinnere des Partners eingeführt werden. Das gleiche gilt auch für solche Wassertiere, deren Nachkommen im elterlichen Körper heranwachsen.
Die uns so selbstverständliche Unterteilung in "männlich" und "weiblich" stellt eine Rationalisierung dieses Vorganges dar. Eine Sorte von Keimzellen übernimmt die Aufgabe, den Partner zu suchen: die "männlichen" Spermien. Die andere Sorte übernimmt die Aufgabe des nachfolgenden Energonaufbaus: die mit entsprechenden Energie- und Stoffreserven ausgerüsteten "weiblichen" Eizellen.
Bei den Einzellern ist diese Unterscheidung nicht immer gegeben, und unter den vielzelligen Pflanzen gibt es genug, die gleichzeitig männlich und weiblich sind. Bei den meisten höheren Tieren dagegen wurde diese Arbeitsteilung ausgeprägt und führte zu weiteren Differenzierungen. Das weibliche Tier ist auf das Hervorbringen der Nachkommen spezialisiert, das männliche auf die Suche nach dem Weibchen und auf den Schutz der "Familie".
Die Geschlechtspartner müssen einander an besonderen Merkmalen erkennen. Die normalen, dem Nahrungskonkurrenten gegenüber feindlichen Tendenzen müssen zeitweise - zum Zweck des Paarungsvorganges - ins Gegenteil umschlagen. Entsprechende Steuerungen (Verhaltensrezepte, Triebe) müssen sie zu einem äußerst innigen Kontakt drängen. Entsprechend positive Empfindungen müssen mit der erfolgreichen Ausführung des Paarungsvorganges einhergehen (oder negative mit der Nichtausführung) - sonst ist kein Grund dafür gegeben, daß er stattfindet.
Welch enormen Aufwand - von der Bilanz her betrachtet - diese Vorgänge bedeuten, zeigen alle Tierarten, die zum Paarungsgeschäft Wanderungen ausführen, sich in Bereiche erhöhter Gefahr begeben oder sich in Rivalenkämpfen und Begattungszeremonien erschöpfen.
Bei den festgewachsenen Landpflanzen wurde das Zueinandergelangen der Geschlechtspartner zum besonderen Problem. Hier wird - wie schon besprochen - Fremdenergie dienstbar gemacht. In erster Linie ist es der Wind. Manchen gelingt es, durch ihre besonders ausgebildeten Geschlechtsorgane, die "Blüten", Insekten zum Transport der männlichen Geschlechtszellen zu den weiblichen hin zu veranlassen.
Vor noch größere Probleme stellt die Notwendigkeit der Vereinigung von Keimzellen sämtliche Schmarotzer. Wie schon ausgeführt, ist es diesen oft nur auf komplizierten Umwegen und über mehrfache Gestaltsveränderungen möglich, an ihre eigentliche Erwerbsquelle - in das Körperinnere ihrer Wirte - zu gelangen.
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Daß in diese Zyklen - zumindest gelegentlich - auch noch die Vereinigung mit Artgenossen einbezogen sein muß, macht die Sache nur noch komplizierter.
Über die ungeheure Vielfalt von Einrichtungen und Verhaltensweisen, die bei den einzelnen Tier- und Pflanzenarten die geschlechtliche Vereinigung sicherstellen, ist schon genug geschrieben worden. Zu wenig wurde jedoch auf die Funktion hingewiesen, die diesen ganzen Aufwand nötig macht. Es geht um nichts anderes als darum, die zufällig auftretenden Erbveränderungen zu vermengen und so die Chance für erwerbsfördernde Veränderungen zu steigern.
Dieser recht plumpe Mechanismus wird in seiner Wirksamkeit verbessert, wenn unter den Individuen einer Art die erwerbsfähigeren bevorzugt zur Paarung gelangen. Das ist die biologische Bedeutung von Rivalenkämpfen. Die aktiv diesen Vorgang suchenden Individuen (meist die "Männchen") gelangen so, wenn sie stärker und fähiger sind, eher an den Partner (das "Weibchen").
Bei den höheren Tieren finden wir als weitere Verbesserung das aktive Erkennen der höheren Qualitäten (Kraft und Integration) beim Partner. Nur durch besondere Eigenschaften wird dann die Paarungsbereitschaft ausgelöst. Auch das fördert und beschleunigt den so langsamen und schwerfälligen Vorgang der natürlichen Auslese.
Von der Energontheorie her ist die äußere Vielgestalt dieser Erscheinungen sekundär. Von primärer Bedeutung ist bloß, daß hier insgesamt ein ganz ungeheurer Aufwand, eine ganz eminente energetische Belastung vorliegt, die wir fast ausnahmslos bei jeder Organismenart finden.
Bei manchen Pflanzen und Tieren (besonders Parasiten) gibt es auch "ungeschlechtliche" Fortpflanzungsvorgänge (Knospung, Parthenogenese). Der Fortpflanzung geht dann keine Verschmelzung voraus. Aber auch bei diesen Arten sind, zumindest zeitweise, doch immer wieder sexuelle Vereinigungen eingeschoben. Das zwingt zu dem Schluß: Die Organismen konnten ohne den Vorgang der Kopulation nicht auskommen, konnten ohne ihn zu keiner Weiterentwicklung und Steigerung ihrer Konkurrenzfähigkeit gelangen.3
Genauer formuliert: Jene Arten, die über diese Funktion verfügten, waren ausnahmslos im Vorteil. Entstanden andere, ohne entsprechende Einrichtungen für den Paarungsvorgang zu besitzen, dann blieben sie - mit seltenen Ausnahmen - im evolutionären Konkurrenzkampf auf der Strecke.
Diese Überlegung gibt uns eine weitere Handhabe zur Beantwortung der Streitfrage, ob eine übersinnliche, die Organismen zu höherer Ordnung hinführende Kraft wirksam gewesen ist oder nicht.
(Originalbuchseite 278)
Das Phänomen der Zweigeschlechtlichkeit liefert einen sogar zahlenmäßig erfaßbaren Beweis dafür, daß keine solche Kraft ("Entelechie") unmittelbar in den Evolutionsvorgang eingriff. Meines Wissens ist darauf bisher noch nicht hingewiesen worden.
Hätte eine solche Kraft - wie die "Vitalisten" annehmen - die Evolution gesteuert, dann wäre dieser aufwendige und schwerfällige Mechanismus der Verbesserung überflüssig gewesen. Die Zweigeschlechtlichkeit hätte sich dann gar nicht zu entwickeln brauchen beziehungsweise wäre längst wieder zurückgebildet worden. Die lenkende Kraft hätte die Organismen weit direkter und eleganter zu Verbesserungen hingeführt.4
Man möge dieses Argument nicht leichtfertig beiseite schieben. In der gesamten Evolution zeigt sich auf das deutlichste, daß kostspielige Strukturen, die nicht benötigt werden, zur Rückbildung gelangen. Gingen Tiere zu einer Lebensweise über, die Sehorgane überflüssig machte, dann wurden diese rückgebildet. Gingen sie zu einer festsitzenden Lebensweise über, dann wurden die Fortbewegungsorgane rückgebildet. Gingen Pflanzen zu einer parasitären Lebensweise über, dann gelangten ihre Blätter zur Rückbildung. Gingen Wasserlebewesen zum Landleben über, dann bildeten sich alle für das Wasserleben dienlichen Wirkungsträger zurück. Im Konkurrenzkampf können sich Energone mit funktionslosen Teilen, die sie belasten und die sie dennoch ernähren und pflegen müssen, nicht behaupten. Sie gelangen gegenüber anderen, die sich solcher Bürde entledigen, in Nachteil, werden von ihnen verdrängt. Also bleiben jene, denen die Rückbildung gelingt, schließlich übrig.
Es läßt sich meßbar ermitteln, welcher Prozentsatz an funktionslosen Teilen für Organismen noch tragbar ist, also noch unter dem Niveau dessen liegt, was die Konkurrenzfähigkeit belastet. Die Kosten der Zweigeschlechtlichkeit liegen sicher wesentlich darüber - denn es gibt Hunderte von nachweisbaren Fällen, in denen weit weniger aufwendige Strukturen zurückgebildet wurden.
Von dieser Tatsache her betrachtet, ist es praktisch ausgeschlossen, daß der so aufwendige Funktionskreis "Zweigeschlechtlichkeit", der faktisch jede Tier- und Pflanzenart bilanzmäßig belastet, zur Ausbildung und zu so starker Entfaltung gelangt wäre, hätte nicht eine zwingende Notwendigkeit ihn diktiert. Alle
(Originalbuchseite 279)
heutigen Forschungsergebnisse weisen aber eindeutig darauf hin, daß dieser Vorgang den Organismen keinen anderen Vorteil bringt als eben den: bevorzugt zu Veränderungen, zu Neukombinationen und so - möglicherweise - zu Verbesserungen zu gelangen.
Es ist noch nicht das letzte Wort darüber gesprochen, ob dieser Mechanismus plus Mutationen und natürliche Auslese genügt hat, um die Höherentwicklung der Organismen zu garantieren. Die meisten Biologen sind heute dieser Ansicht, manches aber spricht auch dagegen - vor allem die verhältnismäßig "kurze" Dauer der Evolution (von nur etwa 3 Milliarden Jahren). Unmöglich ist es also nicht - meines Erachtens sogar wahrscheinlich -, daß noch ein weiterer Verbesserungen begünstigender Wirkungszusammenhang entdeckt wird.
Aber auch ein solcher zusätzlicher Mechanismus muß
- das kann schon jetzt gesagt sein - so beschaffen sein, daß er ohne
die Einrichtung "Zweigeschlechtlichkeit" nicht auskommen kann. Der enorme
Aufwand dieser Funktion bei sämtlichen Organismen spricht seine allzu
deutliche Sprache.
Am Evolutionsentwicklungspunkt "Mensch"' wurde diese Bürde abgestreift. Der Mensch - darauf kommen wir gleich zurück - ist zwar durch Sex und dessen Auswirkungen besonders belastet, doch die von ihm gebildeten Energone bedürfen dieser Vorgänge nicht mehr. Wir sehen keinen Betrieb mit einem anderen in Entzücken und mit Orgasmus kopulieren. Und doch zeigen sämtliche vom Menschen geschaffene Erwerbskörper eine ganz erheblich schnellere Artveränderung und Höherentwicklung.
Auch die Funktion "Rezeptverbesserung" übernahm an diesem Evolutionspunkt die vielzellige Einheit Zentralnervensystem. Auf dem inneren Projektionsschirm "Phantasie" entwirft der Mensch neue Aufbau- und Verhaltensrezepte, vermag sie dort sogar auf ihre Eignung zu prüfen. Da die einzelnen Teile der von ihm selbst gebildeten Energone nicht mehr fest miteinander verwachsen sind, kann er sie wesentlich leichter verändern oder austauschen. Daraus ergibt sich - als weitere Folgeerscheinung - eine wesentlich größere Regulationsfähigkeit. Die bei den Tieren und Pflanzen noch weitgehende Übereinstimmung der Individuen einer "Art" geht nun verloren, ist nicht mehr notwendig und auch nicht fördernd. Ähnlich geartete Erwerbsformen diktieren nach wie vor ähnliche Strukturen, doch das einzelne Energon wird mehr und mehr zu einer individuellen Erscheinung. Das für alle notwendige innere Wertgerüst bleibt maßgebend - doch im äußeren Erscheinungsbild treten immer größere Verschiedenheiten auf.
(Originalbuchseite 280)
In der weiteren Entwicklung trennte sich dann die Funktion "Rezeptverbesserung" von der einzelnen Keimzelle Mensch. In den Betrieben sehen wir größere und noch mehr spezialisierte Einheiten mit dieser Aufgabe betraut: die Forschungsabteilungen (einschließlich jener der Marktforschung). Zahlreiche Menschen verbinden hier ihre Fähigkeiten der Planbildung und werden dabei von einer immer größeren Zahl künstlich geschaffener Wirkungsträger unterstützt: etwa von Statistiken und Computern. Mit den Wirkungsträgern und Abläufen der Zweigeschlechtlichkeit haben diese Wirkungsträger und Abläufe äußerlich nicht mehr das geringste gemein - und doch üben sie die gleiche Funktion aus.
Innerhalb der noch größeren Staatsgebilde setzte sich dieser Prozeß noch fort. Hier verlassen die Wirkungsträger der "Rezeptverbesserung" auch die Körper der einzelnen Berufsstrukturen und Betriebe. In Gestalt einer vom Staat subventionierten Forschung wird diese Funktion von Gemeinschaftsorganen übernommen, deren Ergebnisse dann allgemein zugänglich sind. Schließlich lösen sich diese Gemeinschaftsorgane auch von den staatlichen Bindungen - vereinigen sich - so daß man heute die Forschung bereits als "Technostruktur" des evolutionären Fortschritts bezeichnen kann. Wie mit Spinnenarmen dehnt sie sich über den ganzen Globus aus und wird zum zentralen Evolutionsorgan schlechthin.
Nach unserem herkömmlichen Denken sind Sex und Forschung völlig verschiedene Phänomene: es erscheint grotesk, Liebesakt, Lippenstift und Dirnen funktionell gleichzusetzen mit Seminaren, Lehrkanzeln und wissenschaftlichen Zeitschriften. Aber auch hier liegt der Fall vor, daß im Strom der evolutionären Entwicklung eine Funktion auf andere Wirkungsträger übergegangen ist.
Trotz der äußeren Verschiedenheit gibt es auch hier - wie zu erwarten ist - strukturelle Parallelen.
Zuallererst die: Bei allen Organismen sehen wir die Verbesserungs- und Fortpflanzungsfunktion eng aneinandergekoppelt - notwendigerweise. Denn die Rezeptverschmelzung hat ja nur dann "Wert" für die Evolution, wenn ein Fortpflanzungsvorgang auf sie folgt. Bei den menschlichen Erwerbskörpern ist zwar die Gesamtsituation eine völlig andere, trotzdem gibt es auch hier eine ähnliche Koppelung. So sind etwa die Gemeinschaftsorgane "Universitäten" nicht nur Wirkungsträger der Rezeptfortpflanzung, sondern auch solche der Rezeptverbesserung.
Noch aufschlußreicher ist eine zweite Parallele: Grundfunktion der Zweigeschlechtlichkeit ist die Vermengung verschiedener Rezepte. Zu ganz ähnlichen Vermengungen kommt es nun aber auch im zweiten Evolutionsteil - nur treten sie uns hier in ganz anderer Gestalt gegenüber.
Jede fachliche Debatte ist Rezeptverschmelzung. Rezepte werden - über die Sprache - von einem Energon auf ein anderes übertragen und dort mit den schon vorhandenen "vermengt" - genauer gesagt: gegen sie abgestimmt.
Liest ein Forscher ein wissenschaftliches Werk, dann vollzieht sich der gleiche
(Originalbuchseite 281)
Vorgang. Die schriftlich niedergelegten Rezepte des Autors treten dann mit den im Gehirn des Lesenden befindlichen in Berührung. Auch jedes Studium führt so zur Rezeptverschmelzung: zu neuen Kombinationen.
Bei wissenschaftlichen Kongressen - etwa bei einem Symposion -, aber ebenso auch bei jeder innerbetrieblichen oder staatlichen Beratung werden die Rezepte zahlreicher Menschen aufeinander abgestimmt. In diesem Fall - das ist ein Novum in der Evolution - sind mehr als zwei Partner an einer solchen Rezeptvereinigung beteiligt.
Manche Geschichtsphilosophen haben in der Verschmelzung
von verschiedenen Völkern den Ausgangspunkt für Zyklen kultureller
Entwicklung gesehen. Auch das ist eine Rezeptverschmelzung von Energonen.
Auch so kam es zu neuen Kombinationen, zu neuen Entfaltungen sowohl im
Erwerbs- als auch im Luxussektor.
In der Übergangsphase der Energonentwicklung, am Entwicklungspunkt "Mensch", verlor also die Sexualität ihre Bedeutung. Gleichzeitig aber - wie ein letztes Aufflammen - gelangte sie eben beim Menschen zu größerer Macht als bei irgendeinem anderen Organismus. Während die meisten Tiere ihr Paarungsgeschäft nur zu bestimmten Perioden abwickeln - auch eine Form der Rationalisierung -, ist beim Menschen der zur Vereinigung drängende Trieb das ganze Jahr hindurch, ja fast das ganze Leben hindurch aktiv.
Warum?
Man hielt das zunächst für eine Überfunktion (Hypertrophie), ähnlich jener bei den Haustieren. Indem wir diese gegen ihre natürlichen Feinde abschirmen, wirken wir der natürlichen Auslese entgegen. Das hat - wie man heute weiß - zur Folge, daß manche Triebe sich steigern (etwa der Freß- und der Sexualtrieb). Durch seinen technischen Fortschritt hat sich der Mensch nun ebenso gegen die natürlichen Feinde abgeschirmt - Lorenz sprach darum von einer "Selbst-Domestikation" des Menschen. Nach heutiger Auffassung ist jedoch das Hypertrophieren des Geschlechtstriebes nicht bloß eine negative Begleiterscheinung unserer Abschirmung gegen die natürliche Auslese, sondern hat eine sehr positive Bedeutung.
Bei der besonders langen "Brutpflege", die das menschliche Kind zu seinem Heranreifen benötigt, war beim Urmenschen der elterliche Schutz besonders wichtig. Man vermutet, daß damals die gesteigerte Sexualität zu einem Mittel wurde, Mann und Frau fester aneinander zu binden. Trifft das zu, dann handelt es sich um eine Funktionserweiterung. Der ursprünglich nur der Erwerbsverbesse-
(Originalbuchseite 282)
rung dienende Mechanismus wurde sekundär auch noch zu einem Hilfsmittel der Brutpflege - also der Fortpflanzung.
Da uns dieser Trieb besonders starke Lust- und Glücksgefühle - also "Annehmlichkeit" im weitesten Sinne des Wortes - vermittelt, wurde er außerdem zu einem entscheidenden Impuls für das menschliche Vorwärtsstreben. Sehr viele der im Lauf der Geschichte gebildeten Erwerbskörper verdanken - direkt oder indirekt - dieser Triebkraft ihre Bildung, ihr Florieren.
Und noch in anderer Hinsicht hat "Sex" die menschlichen Erwerbskörper beeinflußt - obwohl er bei diesen funktionslos wurde.
Unser Schönheitsempfinden, das ebenfalls diesem Funktionskreis entstammt, leitet uns nicht nur bei der Partnerwahl, sondern wir bevorzugen auch solche künstlichen Organe, auf die der rezeptive Mechanismus in unserem Gehirn besonders anspricht: die wir als "schön" empfinden. Von der Energontheorie her ist das höchst natürlich. Denn alle diese künstlich von uns geschaffenen Einheiten sind ja eben nichts anderes als Erweiterungen des menschlichen Körpers. Wenn wir somit auch an sie eine ähnliche Wertung anlegen wie an den Körper selbst, dann ist das eine durchaus organische Weiterentwicklung.
Im ersten Evolutionsteil war somit der plumpe Verbesserungsmechanismus "Zweigeschlechtlichkeit" am Werk. Im zweiten wurde er durch die Wirkungsträger "Intelligenz" und "Forschung" ersetzt. Am Übergangspunkt - bei der Keimzelle Mensch - gelangte "Sex" aber noch zu einer besonderen Blüte. Selbst die völlig neutralen, geschlechtslosen Erwerbskörper, die wir schaffen, werden durch diesen Trieb beeinflußt. Nicht wenige von ihnen verdanken diesem Relikt ihre Existenz. Außerdem zwingt es ihrer Gestaltung einen Wertmaßstab auf, der nicht selten mit dem ökonomischen kollidiert.
Daß auch alle Wirkungsträger der "Fortpflanzung"
und der "Verbesserung" möglichst billig, möglichst präzise
und möglichst schnell ihre Wirkungen erbringen müssen, ist wohl
klar. Fragen wir uns jedoch, wie diese Werte in die Gesamtformel der Konkurrenzfähigkeit
eingebaut werden müssen - dann stoßen wir auf eine Schwierigkeit.
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Anmerkungen:
1 Wenn ich
hier nicht sage "Fehler zu kombinieren", wie das der heutigen Ansicht der
meisten Biologen entspräche, dann deshalb, weil immer noch offen ist,
ob nicht doch - wie Lamarck und Darwin vermuteten - eine Vererbung erworbener
Eigenschaften stattfindet. Der Wirkungszusammenhang sähe dann
so aus: Die Erbänderungen würden dann nicht bloß als Folge
auftretender Fehler, der Mutationen, erfolgen. Vielmehr würden individuelle
Anpassungen (wie sie zumindest den höheren Lebewesen auf Grund ihrer
Regulationsfähigkeit möglich sind) erblich werden. Die individuellen
Veränderungen würden in diesem Fall während der Lebensdauer
auf das Erbrezept zurückwirken, dieses abändern. Der Teilungsvorgang
würde dann bereits an einem veränderten Erbrezept erfolgen.
2 Am Anfang
der Energonentwicklung mögen die Erbrezepte noch so einfach gewesen
sein, daß die Verschmelzung verschiedener Typen möglich
war. Im Lauf der Differenzierung kam es dann aber dahin, daß nur
sehr ähnliche - artgleiche - sich vereinigen konnten.
3 Bei einigen
Rotatorien und Nematoden wurden bis heute keine Geschlechtsvorgänge
nachgewiesen. Hier dürfte die Funktion sekundär zurückgebildet
worden sein. Solche Arten können bei konstanten Lebensbedingungen
weiterbestehen, doch vermindert sich an diesem Ast der Lebensentwicklung
die Möglichkeit zur Höherentwicklung und phylogenetischen Anpassung.
4 Auch hier
geht es nicht um ein Argument gegen die Existenz einer höheren, allen
Erscheinungen zugrunde liegenden Macht - also "Gottes". Es geht bloß
um einen Beweis dafür, daß eine solche Macht - wie immer wir
sie uns verstellen mögen - nicht unmittelbar und gestaltend in den
Evolutionsprozeß eingriff, sondern dieser Prozeß sich selbst
überlassen blieb. Die Grundgesetze, denen er unterworfen ist - alle
uns bekannten Gesetze der Energie und Materie -, werfen selbstredend auch
wieder die Frage auf: Welches ist ihr Ursprung oder gar ihre Bedeutung?
Wie kamen sie zustande? Welches Letzte, uns Unbekannte manifestiert sich
in ihnen?