Die dritte "innere Front" ergibt sich aus der weiteren Forderung, daß die Wirkungsträger einander auch gegenseitig nicht behindern, ja einander nach Möglichkeit sogar unterstützen sollen. In Lage, Gestalt, Größe und so weiter müssen sie aufeinander - und auf das Ganze hin - abgestimmt sein. Auch diese im Inneren auftretende Forderung führte in der Evolution zu einer gigantischen Problematik.
Wir kommen jetzt eigentlich zu dem, was man Organismus, Organisation, Harmonie, Ganzheit oder ähnlich zu benennen pflegt. Jeder Wirkungsträger in einem arbeitsteiligen Gefüge ist bloß eine Kraft unter zahlreichen anderen.1 Nur wenn alle diese Kräfte - diese Wirkungen - entsprechend aufeinander abgestimmt sind, wird das Ganze zur Einheit. Es ist über dieses Thema schon sehr viel geschrieben worden - meist allerdings in eher allgemeinen Redensarten. Hier soll nach den konkreten Grundlagen dieser Harmonie - nach meßbaren Zusammenhängen - gesucht werden.
Wem die bisherigen Abschnitte noch nicht bewiesen haben, daß zwischen den Organismen und den menschlichen Erwerbskörpern eine echte und tiefe Ver-
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wandtschaft besteht, der findet diese Verwandtschaft nirgends stärker und deutlicher ausgeprägt als an dieser "inneren Front". Ich nenne sie "Abstimmung".
Auch hier geht es um manchen Zusammenhang, der nach dem gewohnten Denken recht "selbstverständlich", ja banal anmutet. Daß etwa die Augen eines Tieres "vorne" sein müssen, erscheint selbstverständlich. Und daß in einer Fabrik die Maschinenwerkstatt nicht über dem Büro des Generaldirektors angeordnet sein darf, erscheint ebenfalls selbstverständlich. Von der Energontheorie her gibt es jedoch die Wertung "selbstverständlich" überhaupt nicht. Was immer die Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit eines Energons konstituiert, abschwächt oder steigert, muß erfaßt, gemessen, in seinen kausalen Wechselwirkungen erforscht werden.
Wie also können wir die innere Front "Abstimmung" kausal erfassen? Wie können wir praktisch die zusätzlichen Aufwendungen, die sie den Energonen "aufzwingt", messen?
Als erstes ist von Bedeutung, inwiefern ein Wirkungsträger "lagefixiert" oder "lagevariabel" ist.
Bei den meisten Tieren sind etwa die Organe der optischen Wahrnehmung sehr lagefixiert. Hat das Tier im Sinne seiner Fortbewegungsrichtung ein Vorne und Hinten, dann müssen sie am vorderen Ende sein. Sie müssen sich in der Nähe der Mundöffnung befinden (um den Freßvorgang kontrollieren zu können), jedoch nicht allzu nahe (um durch diesen nicht gestört oder gefährdet zu werden). Ihr bester Platz ist oberhalb der Mundöffnung - einerseits weil sich von dort aus die besten Sichtverhältnisse ergeben, anderseits weil Speisereste und Bodenwuchs sie dort weniger stören.
In diesem Fall besteht also eine Wechselwirkung zwischen verschiedenen Funktionen: Die Art des Nahrungserwerbs diktiert dem Wirkungsträger der optischen Wahrnehmung einen bestimmten Platz. Umweltbedingungen und der Freßvorgang legen diesen noch genauer fest.
Extrem lagefixiert sind Schutzpanzer. Um ihrem Energon entsprechend zu dienen - um also die benötigte Schutzwirkung zu erbringen -, müssen sie notwendigerweise außen liegen.
Weniger lagefixiert sind - bei den Tieren - Herz und Nieren. Funktion des Herzens ist es, den Blutstrom in Bewegung zu halten, Funktion der Nieren, dem Blut Abfallprodukte zu entziehen und nach außen abzuscheiden. Ob diese Organe im vorderen oder hinteren Drittel an den Blutkreislauf angeschlossen sind, ist nicht wesentlich. Die Leistungskraft des Organismus wird dadurch kaum berührt.
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Noch weniger lagefixiert sind bei den höheren Tieren jene Organe, die die Blutkörperchen bilden, ebenso die Ablagerungsstellen für gespeichertes Fett. Überall entlang der Blutbahn können diese Wirkungsträger ihre Funktion erbringen. Sie können sich im Gesamtwirkungsgefüge nach den Gegebenheiten richten
a) Die für zwei Wirkungsträger (W1 und W2) optimalen Lagen innerhalb eines Energons überschneiden sich: ein Kompromiß wird nötig (a1). Beide Wirkungsträger entfernen sich von ihrer optimalen Lage. Die optimale Ausdehnung o wird somit um die Raumeinheit x überschritten. Mehr Raum muß somit beherrscht werden: dies bedeutet (in der Regel) eine Mehrausgabe, eine Belastung für die Bilanz des Energons. x ist ein prinzipiell meßbarer, energetischer Sollposten.
b) Zwei Funktionen (F1 und F2) sind hier graphisch als Bereiche dargestellt, in denen sich zwei Tätigkeiten abspielen. Die beiden Funktionen behindern einander (man denke etwa an zwei Arbeitsprozesse, bei denen die sie ausübenden Wirkungsträger zeitweise gegeneinanderstoßen). b1: Auch hier erfolgt ein Kompromiß - diesmal in der Dimension Zeit. Die beiden Funktionen werden so abgestimmt, daß sie nicht gleichzeitig erfolgen. Funktion F2 setzt erst später ein, die Kollision wird so vermieden. Das ergibt jedoch einen längeren Gesamtablauf für die beiden Funktionen. Die Optimalzeit o kann nicht erreicht werden, sie verlängert sich um die Einheit x, die wiederum als Mehrausgabeposten die Bilanz belastet und energetisch ausdrückbar ist.
c) Ein Wirkungsträger W (etwa ein Nerv) kollidiert mit einem Wirkungsträger H (etwa einem Knochen). Ein Kompromiß ist hier nicht möglich. H hat funktionellen Vorrang, W muß ausweichen. Daraus ergeben sich Mehrkosten x, die energetisch meßbar sind.
d) Ein Funktionsablauf, also eine Tätigkeit, wird durch ein Hindernis gestört. Beispiel: ein Botengänger durch einen Felsen oder ein Haus. Der Ablauf wird durch den erzwungenen Umweg entsprechend länger, das kostet die zusätzliche Energie x, die wiederum meßbar ist.
Zu beachten ist - ebenso wie in Abb. 27 - die höchst verwandte Situation bei räumlicher und zeitlicher Problematik.
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und dort, wo sie am wenigsten stören, eingepaßt sein. Ihre optimale Leistungskraft ist nicht an eine bestimmte Lage gebunden.
Bei Betrieben sind die Dächer der Gebäude extrem lagefixiert. Sie dienen diesen Energonen nur dann, wenn sie sich auf den entsprechenden Gebäuden befinden. Auch ein Portier kann seine Funktion nur am Eingang erfüllen. Wird in Fließfertigung gearbeitet, dann ist durch den Produktionsplan für sehr viele Einheiten der notwendige Punkt ihrer Tätigkeit festgelegt. Der Fuhrpark kann dagegen an sehr verschiedenen Punkten angeordnet sein.2
Ebenfalls wichtig ist der Unterschied zwischen "formfixiert" und "formvariabel". Wenn wir nochmals die Augen der Tiere zu unserer Betrachtung heranziehen, so sind diese sehr formfixiert. Von der Funktion her ist ihre Gestalt weitgehend festgelegt (weitgehend gesteuert). Das gleiche gilt für eine Nähnadel, für eine Schiffsschraube, für den Gesteinsbohrer bei der Rohölgewinnung. Schon geringfügige Abänderungen an der optimalen Gestalt beeinträchtigen hier die jeweilige Leistungskraft wesentlich. Dagegen zeigt etwa die Leber der Fische, daß sie sich weitgehend den Darmzwischenräumen anpassen kann. Auch in höchst absonderlicher Gestalt kann sie ihre Funktion fast ebenso gut verrichten. Bei den nicht verwachsenen Wirkungsträgern der menschlichen Berufskörper und Erwerbsorganisationen wird weit seltener die Form des einen durch die Form anderer beeinflußt. Aber auch hier kommt es zu Vorrangstellungen, durch die dem einen oder anderen Wirkungsträger eine unoptimale Form aufgezwungen wird - beispielsweise bei der Anordnung von Räumen und Gebäuden.
Im Rahmen solcher Wechselwirkungen spielt wiederum eine Rolle, wie "wertvoll" (Aufbaukosten, Beschaffungskosten, Ersetzbarkeit) und wie "wichtig" (funktionelle Vertretbarkeit, Zentrum und Ausmaß der Benötigung) ein Wirkungsträger ist. Wird bei einem Tier das Gehirn oder bei einem Produktionsbetrieb die Energieanlage beeinträchtigt, dann sind die betroffenen Energone empfindlich gestört. Fällt dagegen ein Muskelstrang oder ein Lastwagen aus, dann ist das Energon wohl behindert, kann jedoch - bei unerheblich verschlechterter Bilanz - trotzdem seine Tätigkeit fortsetzen.
Aus alldem ergibt sich, daß manche Wirkungsträger anderen gegenüber Vorrangstellung einnehmen. Manche sind an einen bestimmten örtlichen Punkt gebunden, sonst kommt es zu einem empfindlichen Leistungsabfall, andere dagegen nicht. Manche können sich sehr verschiedenen Gegebenheiten einfügen, andere können das nicht. Manche sind kostspieliger, schwieriger ersetzbar oder
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werden konstanter benötigt als andere. Jedes Energon hat so ein internes Gerüst von Vormachtstellungen, das für den Konkurrenzwert von großer Bedeutung ist. Denn logischerweise ist im Konkurrenzkampf immer jenes Energon allen (sonst gleichwertigen) Konkurrenten gegenüber im Vorteil, bei dem die Wirkungsträger am wenigsten Einbuße an ihren optimalen Fähigkeiten erleiden.
Der so häufig zitierte Satz "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" ist eine ebenso wahre wie auch oberflächliche Feststellung, die sehr wenig besagt. Der Arm eines Schmiedes kann für sich allein nicht das geringste leisten. Im Verein mit dem Körper des Schmiedes, einem Hammer, einer Esse und so weiter kann er dagegen sehr viel vollbringen. Eine Niere, für sich genommen, hat kaum Lebensfähigkeit; im Körper eines Tieres hat sie einen wichtigen Platz. Da die Teile in einem arbeitsfähigen Gefüge für sich genommen meist keinerlei Leistungsfähigkeit haben, bedeutet es wahrhaft nicht viel, wenn hier das Ganze mehr ist als die Summe der Teile.
Weit wesentlicher ist, daß bei jedem Energon - ausnahmslos - die Summe der Wirkungen weniger ist als die Summe der Einzelwirkungen: einfach deshalb, weil manche Wirkung die andere stört. In jedem Leistungsgefüge sind mannigfache Kompromisse notwendig. Für den Konkurrenzwert ist dabei entscheidend, daß diese ein Optimum an "Abstimmung", also ein Minimum an Leistungsverlusten ergeben.
Sehr deutlich zeigt sich die Auswirkung dieser "inneren Front" am Beispiel der Gliedmaßen bei den Wirbeltieren. Hier besteht eine Abstimmung zwischen vier sehr verschiedenen Wirkungsträgern: den Knochen, den Muskeln, den Blutgefäßen und den Nerven.
Am stärksten form- und lagefixiert sind die Knochen. Aus der Wirkung, die sie erbringen müssen, ergibt sich ihre notwendige Gestalt, aus dem Material ihre Dimensionierung. Schon geringe Abweichungen in Form und Lage müssen hier zu wesentlichen Leistungsverlusten führen.
Wesentlich anpassungsfähiger sind die Muskeln und Bänder, doch gemäß der von ihnen benötigten Funktion und der Gestalt der Knochen ist auch ihre Form und Lage weitgehend fixiert. Die Blutgefäße müssen sich diesen vorrangigen Wirkungsträgern anfügen. Sie weichen im Konfliktfall aus - laufen also um die Knochen und Muskeln herum. Für das Energon ergeben sich daraus Mehrkosten - aber der Leistungsverlust ist geringer, als wenn diese Gefäße quer durch Muskeln und Knochen hindurchlaufen würden. Auf der untersten Rangstufe stehen schließlich die Nerven. Im Konfliktfall weichen sie nicht nur den Knochen und
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Muskeln, sondern auch den Blutgefäßen aus. Für die Gesamtbilanz ist es so günstiger. Der etwas längere Nerv bedeutet gegenüber einem längeren oder gebogenen Blutgefäß eine geringere Leistungs- und Kosteneinbuße.
Wie genau im Körper diese Komponenten aufeinander abgestimmt sind, zeigt ein Vergleich mit der Schädelkapsel. Dort haben die Knochen bloß schützende und bindende Funktion, die jedoch durch kleine Löcher nicht wesentlich gestört wird. Hier haben manche Blutgefäße und Nerven den Vorrang. Sie laufen nicht mehr um den Knochen herum, sondern durchqueren ihn direkt.3
Bei den Betrieben versucht der Mensch schon vor deren Aufbau alle notwendigen Wirkungsträger aufeinander abzustimmen und Leistungseinbußen zu minimieren. Daß dieses trotzdem nicht immer gelingt, ist bekannt. Hier ist das Ausmaß solcher innerbetrieblicher Störungen ("innere Reibung") deutlicher verfolgbar und auch in Geld meßbar. Da man die Organismen bisher meist für perfekte Konstruktionen hielt, hat man an ihr Wirkungsgefüge nur selten solche Maßstäbe angelegt.
Neben den Abstimmungen von Gestalt und Lage - also in der Dimension Raum - sind auch solche von Bewegungsabläufen nicht minder wichtig: also Abstimmungen in der Dimension Zeit. Geht es bei der "Koordination" darum, verschiedene Bewegungstätigkeiten zu einer gemeinsamen Leistung zu verknüpfen, so muß die "Abstimmung" dafür sorgen, daß kein Ablauf den anderen behindert. Nicht selten stören aktive Funktionen einander gegenseitig - oder schließen einander sogar aus.
Ein sehr markantes Beispiel: Wenn wir schlucken, können wir nicht atmen. Oder: Wenn wir essen, können wir nicht (oder nur sehr behindert) sprechen. Hier hat die Eßöffnung (in Funktionserweiterung) zur ursprünglichen Funktion der Nahrungsaufnahme die des Gasaustausches und des Sprechens hinzugewonnen. Daraus ergibt sich - zwangsläufig - ein Funktionskonflikt. Abhilfe schafft hier alternierende Funktion. Entweder wir schlucken oder wir atmen und sprechen.
Das gleiche Lösungsprinzip kennzeichnet das Instinktverhalten der Tiere. Auch hier schließt mancher Verhaltensablauf den anderen aus. In Betrieben zeigt sich diese Problematik, wenn ein Angestellter "nur eine Sache auf einmal besorgen kann". Die Lösung heißt dann: Das im Augenblick Wichtigere wird zuerst ausgeführt, das weniger Wichtige muß warten. Die hier kollidierenden Funktionen stehen gleichsam beim gleichen Wirkungsträger Schlange.4
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Es kann aber auch vorkommen, daß Wirkungsträger Bewegungsabläufe stören oder umgekehrt. In diesem Fall besteht dann also eine Kollision zwischen räumlichen und zeitlichen Phänomenen.
Der erste Fall ist bei allen Tieren gegeben, die einen Schutzpanzer ausbilden. Ein solcher stört beispielsweise den Gasaustausch - also eine aktive Funktion. Ebenso erschweren Panzer die Aufnahme von Sinnesmeldungen - besonders jene des Tastsinns. In Betrieben wiederum werden häufig Gebäude oder Wände zur Ursache von Umwegen. Diese können zu ganz beträchtlichen Leistungseinbußen führen, deshalb bemüht man sich, sie - schon von der Planung her - möglichst gering zu halten. Das kommt in der Anordnung von Räumen, Türen und Stiegen zum Ausdruck, aber auch in der Inneneinrichtung und der Anordnung von Werkzeugen an der Werkbank. Im Staatsgebiet trifft das gleiche Problem die Gestaltung der Verkehrswege, der Kanalisation und so weiter. Auch hier geht es um eine Minimierung von "innerer Reibung" durch Vermeidung von Behinderung.
Der umgekehrte Fall - daß aktive Funktionen einen Wirkungsträger, also ein räumliches Gebilde beeinträchtigen - ist etwa gegeben, wenn in einem Atomreaktor die Mitarbeiter durch Strahlungsschäden erkranken oder wenn durch Überhitzung eines Motors Lager auslaufen. Bei diesem Wirkungszusammenhang stört nicht ein räumliches Gebilde einen Vorgang, sondern eine aktive Funktion stört eine körperliche Struktur.
Jede solche Behinderung führt zu Leistungseinbußen und damit zu einer Belastung der Bilanz. Auf Grund verschiedener Wichtigkeit, Ersetzbarkeit, Form und Lagefixierung können einfach nicht alle Wirkungsträger optimal und gleichzeitig tätig sein. Einbußen - deren Auswirkung durchaus meßbar ist - müssen in Kauf genommen werden. Für den Konkurrenzwert ist es wichtig, daß diese so gering wie möglich sind. Wer und was dabei im Einzelfall den Vorrang hat, entscheidet letztlich - die Bilanz.
Nicht immer aber genügen Kompromisse, um Funktionskonflikte tragbar zu machen. Recht häufig sind besondere, darauf spezialisierte Wirkungsträger, die als "Puffer" fungieren, dazu nötig. Somit führt die innere Front der "Abstimmung" nicht nur durch Kompromisse zu einer Belastung der Bilanz - sondern diktiert darüber hinaus noch zusätzlich notwendige Wirkungsträger, die ebenfalls eine Ausgabe, einen belastenden Aufwand darstellen.
Das zeigt beispielsweise in unserem Körper das Herz. Durch seine dauernde Bewegung - die auf Grund seiner Funktion unvermeidbar ist - würde es die be-
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nachbarten Organe, besonders die Lunge, stören. Und durch die auftretende Reibung würde es auch sich selbst schädigen. Eine Verlagerung würde nicht genügen, denn wo immer sich das Herz auch befände, träten durch Reibung störende Nebenerscheinungen auf. In diesem Fall ist ein zusätzlicher, abschirmender Wirkungsträger notwendig: der mit Flüssigkeit gefüllte Herzbeutel, in dem dieser Wirkungsträger, ohne Schädigung zu verursachen, pulsiert. In Betrieben haben schallisolierende Mittel eine ähnliche Funktion. Beim Atomreaktor finden wir die zentrale Einheit durch einen höchst kostspieligen Bleimantel abgeschirmt - er wäre überflüssig, gäbe es nicht strahlungsempfindliche Menschen. Hier ist ein ganz gehöriger Ausgabeposten für eine zusätzliche Einheit dem Konto der "Abstimmung" anzulasten.
In einer Sprengmittelfabrik tritt uns eine solche Abschirmung in wieder anderer Gestalt gegenüber. Hier besteht die Gefahr, daß bei Explosion einer Einheit andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb müssen die einzelnen Komplexe klein gehalten und voneinander möglichst weit entfernt werden - der Betriebswirt spricht von "flächenintensiven" Unternehmen. Von der Energontheorie her müssen in diesem Fall die Mehrkosten für Grunderwerb dem Faktor Abschirmung angelastet werden. Der räumliche Abstand - der ebenfalls Geld kostet - wird hier zur abschirmenden Einheit.
Bei zusammenhängenden Wirkungsträgern, die Bewegungen ausführen, werden entsprechende Gelenke, Lager und Schmierungen notwendig. Wir finden solche Einrichtungen ebenso bei den Knochen der Tiere wie bei den Gestängen und Rädern der Maschinen. Durch Funktionszusammenlegung kann die Schmierung in Form einer "Zentralschmierung" zu einem eigenen Leistungssystem werden. Auch alle diese Einheiten müssen dem Konto "Abschirmung" angelastet werden, sie sind ebenfalls zusätzliche Aufwendungen, die dieser innere Frontabschnitt notwendig macht.
Noch komplizierter ist die Abschirmung bei organischen Wirkungsträgern, besonders in Betrieben und im Staatswesen. Hier verursacht der Wirkungsträger Mensch beträchtliche "Reibungen". Er hat Triebe und Launen, neigt zu Antipathien und Streit. Sein Streben nach Anerkennung und Rang führt zu tausendundeinem Konflikt. Mit der eigentlichen Funktionserfüllung hat das meist gar nichts zu tun; es sind negative Begleiterscheinungen dieser sonst so ungemein vielseitigen und hochbegabten Einheit. Wie sehen hier die abschirmenden Mittel aus, um solche "inneren Reibungen" zu verhindern?
Sie treten uns in Gestalt von Betriebsordnungen entgegen; in der Funktion von Einheiten, die Streit schlichten; in entsprechenden Methoden der Menschenführung. Dieser Aufwand hat mit Kugellagern und schallisolierenden Platten äußerlich wenig gemein und muß doch - von der Energontheorie her - mit diesen gemeinsam beurteilt werden. Von der Bilanz her gehören diese zusätzlichen Aufwendungen zusammen. Ob es ein Mensch ist oder eine technische Vorrichtung, die
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eine bestimmte Funktion erbringt, ist - wie schon mehrfach hervorgehoben - für die Energone sekundär. Von primärer Wichtigkeit ist dagegen immer, daß Wirkungsträger, die einander beeinträchtigen, entsprechend abgeschirmt werden müssen.
Im Tierreich gibt es auch dafür mancherlei Parallelen. So erkennen im Ameisenstaat die einzelnen Individuen einander am Geruch. Das ist wichtig, weil fremde Ameisen eine feindliche Reaktion auslösen. Wirft man eine Ameise ins Wasser, dann verliert sie den "Nestgeruch" und wird von ihren Mitbürgern nicht mehr erkannt, sondern heftig bekämpft. Hier bewirkt also der Gemeinschaftsgeruch eine Abschirmung gegen die angeborene Reaktion aggressiven Verhaltens. Da er sich von selbst bildet, verursacht er dem Energon "Ameisenstaat" keine nennenswerten Kosten - trotzdem wird er zu einer sehr wichtigen funktionellen Einheit. Er bewirkt die Ausschaltung einer sonst auftretenden "inneren Reibung".
Der Innenfaktor "Abstimmung" äußert sich jedoch nicht nur in der notwendigen Vermeidung von Konflikten. Auch der entgegengesetzte Vorgang ist von Bedeutung: Einzelne Wirkungsträger können einander auch gegenseitig fördern.
Im Energoninneren gibt es das Gegenstück zu dem bereits besprochenen Roß-Reiter-Verhältnis. Auch Wirkungsträger können sich Fremdenergie nutzbar machen - und zwar die Leistung anderer Wirkungsträger.
Alle Formen der Funktionsanlagerung und Funktionszusammenlegung (S. 168) gehören hierher. Immer geht es hier darum, daß funktionelle Einheiten ihren Bilanzteil verbessern, indem sie sich körperlich oder in der Ausübung aktiver Funktionen mit anderen verbinden. Das sind gleichsam interne Hilfsbündnisse. Zweigleisigkeiten werden so vermieden.
In diesem Fall - und eigentlich nur in diesem - ist das Ganze tatsächlich "mehr als die Summe seiner Teile". Die Gesamtkosten sind dann nämlich geringer als die Summe der Einzelkosten. Gegenüber den Mehrkosten, die jedem Energon durch gegenseitige Behinderung seiner Wirkungsträger erwachsen, dürften jedoch solche Einsparungen eher in den Hintergrund treten.
Fassen wir zusammen: Einerseits durch "innere Reibung", anderseits durch zusätzliche Wirkungsträger, um solche Reibungen zu vermindern (oder zu beseitigen), wird die Bilanz der Energone belastet. Wieder sind hier die Kriterien Kosten, Präzision und Schnelligkeit gültig. Denn innere Reibung äußert sich in Mehrkosten, im Verlust von Präzision, in der Verlangsamung von Abläufen. Und bei sämtlichen Wirkungsträgern, die der Verminderung oder Beseitigung solcher Reibung dienen, sind diese Maßstäbe erst recht wieder gültig: auch bei ihnen ist
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es wichtig, daß sie möglichst geringe Kosten
verursachen und möglichst präzise wirken. Daß auch die
Schnelligkeit ihrer Wirkung von erheblicher Bedeutung sein kann, zeigt
sich beispielsweise bei der Schlichtung von Streitfällen.
Die bisher besprochenen "Abstimmungen" treffen nicht jeden Wirkungsträger. Nicht jeder übt störende Nebenwirkungen auf andere aus. Es gibt jedoch eine weitere, besonders bedeutsame Abstimmung, die jeden einzelnen Wirkungsträger jedes Energons trifft. Es ist die Abstimmung der Teile auf das Ganze.
Auch über dieses Thema ist schon sehr viel geschrieben worden - nicht zuletzt in der Staats- und Volkswirtschaftslehre. Dort besteht schon seit langem die Streitfrage: Soll man das Ganze von den Teilen her beurteilen ("atomistische" Betrachtung) oder die Teile vom Ganzen her ("universalistische" Betrachtung). Praktisch heißt das: Was hat Vorrang? Müssen die Teile sich nach dem Ganzen richten - oder bestimmen die Teile das Ganze?
Von der Energontheorie her ist 0. Hertwigs Ansicht beizupflichten, daß jede dieser Betrachtungsweisen unvollständig ist und zu einer fehlerhaften Beurteilung der Wirklichkeit führt.5 Sowohl bei den Organismen als auch bei den von Menschen geschaffenen Energonen manifestiert sich die wechselseitige Beeinflussung deutlich. Sehr oft zwingen einzelne Wirkungsträger - durch die Ansprüche, die sie auf Grund ihrer Funktionen stellen - dem Ganzen erhebliche Bürden auf. Anderseits aber muß jeder Teil, um eine optimale Wirkung auszuüben, zum Ganzen in einer bestimmten Relation stehen.
Goethe sprach von einer "Subordination der Teile". Heute verfügen wir über den noch weit besseren Begriff der "Integration". Von der Bilanz her läßt sich dieser besonders gut fassen. Die Kriterien Kosten, Präzision und Zeit treten hier neuerlich in Erscheinung.
Ist ein Wirkungsträger größer oder kleiner dimensioniert, als vom Ganzen her nötig wäre, dann ist das ein Konkurrenznachteil. Ist er zu groß und aufwendig, dann ist das eine überflüssige Ausgabe; ist er zu klein, dann kann er im Wirkungsgefüge des Energons zum "schwächsten Glied in der Kette" werden und die Vorzüge anderer Wirkungsträger entwerten. In diesem Sinne spricht man in der Betriebswirtschaftslehre von einer "Dominanz des Minimumsektors". Ist ein solcher gegeben und unvermeidbar, dann muß sich alle Planung auf diesen schwächsten Teilbereich "einnivellieren".
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Bei den Organismen bewirkt die natürliche Auslese das gleiche. Ganz zwangsläufig setzt sie stets beim schwächsten Glied der Kette an.
Sehr viele Tier- und Pflanzenarten haben jedoch die besondere Fähigkeit einer "funktionellen" oder "regulatorischen" Anpassung. Die Proportionen der einzelnen Wirkungsträger sind dann vom Erbrezept her nicht streng festgelegt. Je nach Beanspruchung können sie ihre Größe und Funktionskraft steigern.6 Geht die Beanspruchung zurück, dann erfolgt auch wieder eine Rückbildung. Solche Organismen verfügen also über besondere Mechanismen zur individuellen Verbesserung ihrer innerkörperlichen Integration.
Bei den menschlichen Erwerbskörpern führen Intelligenz und Kontrollen zur gleichen Leistung. Wird in einem Betrieb festgestellt, daß eine Abteilung überlastet ist, dann wird sie - sofern sich keine andere Lösung findet - entsprechend vergrößert. Sitzen in einer anderen die Angestellten untätig herum, dann wird sie - bei rationeller Betriebsführung - früher oder später verkleinert.7
Gutenberg wies darauf hin, daß in den Betrieben auch die Qualität der Produktionsmittel integriert sein muß. Wo etwa Hochleistungsmaschinen nicht unbedingt nötig sind, werden sie zum Nachteil, da ihre "optimalen Nutzungszonen" meist eng sind. Das für den Betrieb mögliche "Abstimmungsoptimum" wird nur dann erreicht, wenn die "optimalen Kapazitäten" aller Betriebsmittel den tatsächlichen Anforderungen entsprechen.
Der gleiche Zusammenhang hat auch bei den Organismen Geltung. Wo etwa feine Sinnesleistungen - für eine bestimmte Erwerbsart oder Feindabwehr - nicht erforderlich sind, ist ihre Ausbildung ein überflüssiger Aufwand. Sowohl im Tierreich wie auch im Pflanzenreich zeigen viele Beispiele deutlich, wie in einem solchen Fall die natürliche Auslese zu entsprechenden Einsparungen führt.
Was bei Betriebsmitteln "Qualität" heißt, deckt sich weitgehend mit dem in der Energontheorie verwendeten Begriff "Präzision". Ganz allgemein gilt: Für jedes Energon ist von Vorteil, daß auch die Präzision seiner Wirkungsträger integriert ist.
Ebenso muß auch die Schnelligkeit, mit der einzelne Wirkungsträger ihre Funktionen erfüllen, auf die Gesamttätigkeit des Energons abgestimmt sein. Zu große Schnelligkeit wird zum Nachteil, wenn sie erhöhte Kosten verursacht und nicht notwendig ist. So braucht am Fließband keiner der Arbeitsabschnitte schneller erfolgen, als ihm durch den Gesamtzeitplan zugebilligt ist. Ist anderseits eine Funk-
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tionserfüllung zu langsam, dann kann sie die Gesamtleistungskraft des Energons vermindern.
Die Unterordnung der Teile unter das Ganze erfolgt somit nach verschiedenen Gesichtspunkten. Innerhalb des Gesamtwirkungsgefüges müssen sich gleichsam die einzelnen Wirkungen gegeneinander "einpendeln". Das jeweils optimale "innere Gleichgewicht" perfekter Integration zu ermitteln dürfte zu den schwierigsten rechnerischen Aufgaben gehören. Die Leistungen sämtlicher Wirkungsträger müssen hier berücksichtigt werden - und außerdem sämtliche das Energon beeinflussenden Umweltfaktoren.
Ändern sich diese, dann ändert sich automatisch auch das optimale innere Gleichgewicht.
Das ist ein überaus wichtiger Punkt. Jede Integration hat nur bei konstanter Erwerbsform und in einer konstanten Umweltsituation Gültigkeit. Das aber bedeutet: jede "Ganzheit" ist ein völlig relativer Wert. Ändern sich die Umweltbedingungen, dann ändern sich auch die Anforderungen an einzelne Wirkungsträger. Die von außen her wirkenden "Kraftfelder" verändern sich und überschneiden sich dann anders. Die Werte für perfekte Integration sehen dann entsprechend anders aus.
Diese Erkenntnis führt zu einer dynamischen Beurteilung der Energone. Ihre notwendigen Teile und deren Vorrangverhältnisse hinsichtlich Lage, Dimensionierung, Form und Funktion: all das ist durchaus nicht konstant. Je mehr sich die Umweltbedingungen - besonders die Erwerbsverhältnisse - ändern, um so mehr verändern sich auch die Forderungen an ihre innere Abstimmung. Bei den Organismen können die Teile, da sie verwachsen sind, nur in beschränktem Maße durch "Regulation" solchen Veränderungen nachkommen, und alle erblich festgelegten Strukturen konnten sich innerhalb der Evolution nur sehr langsam und sukzessive verändern. Erst bei den vom Menschen gebildeten Erwerbskörpern fielen diese Beschränkungen weg, erst hier wurden schnelle und grundlegende Veränderungen und Umschichtungen möglich.
Diese besondere Fähigkeit zeigt sich nirgends deutlicher als bei kriegerischen Verbänden. Je nachdem wie die gegnerischen Kräfte stehen und wie das Terrain beschaffen ist, können die einzelnen Truppenteile und sonstigen Kampfmittel so oder anders angeordnet werden. Gerade darin liegt die Kunst jeder "Strategie". Aber auch hier ist es letztlich nicht der Feldherr, der über die jeweils bestmögliche Aufstellung und Taktik (deren es auch mehr als eine geben kann) bestimmt, sondern der Gegner und die jeweilige Umweltsituation. Auch hier üben diese
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Faktoren - ohne es auch nur im entferntesten zu wollen - eine steuernde Wirkung aus.
Was jeweils die beste Ganzheit ist, bestimmt immer die Umwelt - und nur diese. Sie diktiert die notwendige Größe, Lage und Leistungsart der einzelnen Wirkungsträger, und deren Forderungen strahlen dann weiter in das Energoninnere ein, diktieren dort sekundäre, tertiäre, quartäre Abstimmungen.
Sehr deutlich tritt diese Problematik auch bei jedem Wachstum in Erscheinung - das weiß jeder Betriebswirt. Wird ein Betrieb vergrößert, dann ändern sich fast alle Abstimmungen - und durchaus nicht immer proportional. Jedes bestehende Gebäude, jede bestehende organisatorische Verflechtung wird erneut zum Problem: manche grundsätzliche Neubewertung wird nötig. Wenn bei den Tieren und Pflanzen das Wachstum so reibungslos vor sich geht, dann ist das wohl eines der erstaunlichsten Phänomene. Jeder Aufbauvorgang muß hier so erfolgen, daß die im Entstehen begriffenen oder anwachsenden Wirkungsträger nicht andere, in Veränderung begriffene behindern. Allein hier sind die durch die innere Front "Abstimmung"' notwendigen Leistungen der Erbrezepte ganz außerordentlich.
Wenn die vom Menschen gebildeten Energone ihre benötigten Wirkungsträger aus "Werkstätten" beziehen können, die einander überhaupt nicht stören, dann kann dieser Vorteil gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Bis zur Evolutionsstufe Mensch war der Entwicklungsstrom bei dem Aufbau- und Wachstumsvorgang durch Probleme der Abstimmung ganz außerordentlich belastet.
Gutenberg wies darauf hin, daß der Einbau jeder neuen Einheit in einen Betrieb das ganze System beeinflußt. Genau das gleiche gilt für die Entstehung jedes neuen Wirkungsträgers im Verlauf der Evolution. Wie der Entwicklungsphysiologe Roux sehr richtig hervorhob, muß jede neue Einheit sich ihren Platz erst "erkämpfen".8 Ihre relative Wichtigkeit muß sich erweisen und sich mit jener der übrigen, besonders der benachbarten Einheiten, auseinandersetzen. Manche Wirkungsträger ziehen dabei ein ganzes "Gefolge" zusätzlicher Ansprüche nach sich: Energieversorgung, Abfallsabfuhr, Pflege, Reparatur, Kontrollen, notwendige Hilfseinheiten und anderes mehr. Der neu hinzutretende Wirkungsträger kann so mit seinen Auswirkungen bis in die entlegensten Abschnitte eines Energons einstrahlen und dort Modifikationen und Änderungen notwendig machen. Berücksichtigt man all das, dann wird die besondere Bedeutung der Funktionserweiterung im Evolutionsverlauf besonders deutlich. Nur über diesen Vorgang war es oft möglich, in kleinen Schritten - und über mancherlei Umwege - zu neuen Wirkungen und den sich daraus ergebenden zusätzlichen Abstimmungen zu gelangen.
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Bei den menschlichen Erwerbskörpern wurde eine weitere Abstimmung bedeutungsvoll, die gleichsam aus dem Luxussektor in den Erwerbssektor hineinstrahlt. Ihr Ursprung ist das menschliche Schönheitsempfinden, auf dessen Wurzeln wir an späterer Stelle zurückkommen (Teil 4, Kap. II).
An sich muß jeder Erwerbskörper nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichtet sein. Seine Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit ist die Basis seiner Existenz. Sobald jedoch der Mensch zu entsprechenden Überschüssen kam, baute er nicht nur Luxuskörper um sich auf, sondern begann außerdem auch seine Erwerbskörper entsprechend zu "verschönen".
Die Problematik, die sich aus diesen oft sehr divergierenden Kriterien ergibt, ist jedem Konstrukteur und Architekten bekannt. Nicht nur Repräsentationsmittel - wie etwa Autos und Gebäude -, sondern auch Maschinen und Werkzeuge werden heute so gestaltet, daß sie sowohl leistungsfähig als auch für unser Empfinden "gefällig" sind. Das bedeutet praktisch neben Lack und Politur so manche Änderung, durch die die Leistungskraft dieser künstlichen Organe sogar vermindert wird. Besonders deutlich wird das in der Architektur. Wenn beispielsweise die Fenster von Gebäuden regelmäßig und symmetrisch angeordnet sind, dann liegt das ausschließlich an dem Eindruck, den diese von außen her erwecken. Vom Standpunkt der jeweiligen Wohnung oder Einrichtung her wäre oft eine ganz andere Anordnung zweckmäßiger.
Verschiedene "ganzheitliche Maßstäbe" überschneiden sich hier. Der eine zielt auf Bilanzverbesserung hin: der ökonomische. Der andere versucht unserem Schönheitsempfinden (samt Modeeinflüssen) gerecht zu werden: der ästhetische.
Ähnliche Überschneidungen treten in Erscheinung, wenn sich in einer freien Wirtschaft wirtschaftspolitische Gedanken durchsetzen. Während in Ländern mit völlig freier Wirtschaft der Staat mit all seinen Einrichtungen ein Gemeinschaftsorgan ist, das anteilig den Einzelinteressen dient, verwandelt eine organisierte Volkswirtschaft den Staat mehr und mehr in ein Energon. Es ergeben sich dann verschiedene Bewertungen, die oft erheblich kollidieren. Einmal ist der Staat ein Diener, ein andermal wird er zum Herrn. Da meist keine der beiden Richtungen sich voll durchsetzt, kommt es auch hier zu notwendigen Abstimmungen - ähnlich jenen zwischen ökonomischer und ästhetischer Bewertung.
Wenn Betriebe sich fusionieren oder ein Berufstätiger mehr als einen Beruf ausübt, kollidieren ebenfalls verschiedene Wertmaßstäbe - verschiedene "Ganzheiten". Auch hier werden entsprechende Abstimmungen - entsprechende Kompromisse - nötig
(Originalbuchseite 251)
Der Begriff "Ganzheit" hat bis heute einen mystischen, übersinnlichen Beigeschmack. Das liegt daran, daß viele Forscher ihn verwendeten, die an die Wirksamkeit einer übersinnlichen, die Evolution zu höheren Formen von Ordnung und Ganzheit hinführenden Kraft glaubten.
Die konsequenteste derartige Weltanschauung stammt von dem Wiener Philosophen und Volkswirtschaftler Othmar Spann. Während die übrigen "ganzheitlich orientierten" Denker (Driesch, Üxküll, Gurwisch, Bertalanffy u. a.) die von ihnen postulierte übersinnliche Kraft nur gleichsam als Hypothese forderten (ohne sich jedoch genauer mit ihr zu beschäftigen), entwarf Spann - an die ".Ideen" von Plato anknüpfend - eine Art von Religion.
Spann sah in Gott selbst - der "Urmitte" - das Zentrum aller Ganzheit. Gott selbst "gliedere" sich in untergeordneten Ganzheiten wie in Organen "aus". Aus diesen gingen dann immer weitere, ihnen wieder untergeordnete Ganzheiten hervor ... und so fort. Die jeweils höhere Stufe präge so jeweils das Aussehen der aus ihr hervorwachsenden. Das Ganze sei somit "vorgegeben", es sei vor den Gliedern da. Es würde in seinen Gliedern geboren.
Dieser - pantheistische - Gedanke hat, praktisch betrachtet, viele Schwächen. Spann war konsequent genug, um sie selbst in aller Klarheit zu sehen.
Die erste Schwierigkeit ist die: Warum verändern sich dann diese sich aus der göttlichen Ganzheit herausschälenden Glieder? Spann schrieb dazu: "Warum sich die Ganzheit nicht in ewiger Herrlichkeit eines strahlenden, einmal für immer gesetzten Gliederbaues erfreut und in seliger Ruhe ihrer selbst genießt, warum sie vielmehr in rastloser Veränderung sich umgliedert, wird sich wohl rein rational nie ergründen lassen."9
Noch schwerwiegender ist ein zweiter Widerspruch. Wenn Gott selbst es ist, der sich in diesen vielen Ganzheiten ausgliedert und manifestiert: wie läßt sich dann verstehen, daß diese Teile miteinander konkurrieren, ja sich gegenseitig auf das erbittertste bekämpfen? Dazu schrieb Spann: "Wer das Verhältnis der Ganzheiten zueinander verstünde, der verstünde die Welt, nicht nur nach Weisen, sondern nach der Art. Darum überschreitet diese Frage die Macht des menschlichen Erkennens . . ."10
Ich führe diese Gedanken an, weil sie die universalistische Gedankenrichtung in der Volkswirtschaft - besonders in Wien bei W. Heinrich - nicht unwesentlich beeinflußt haben. Vor allem aber deshalb, weil Spann trotz seiner so völlig anderen Sicht zu vielen Folgerungen gelangt ist, die sich durchaus mit jenen der Energontheorie decken.
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So prägte Spann die Sätze "Leistung geht vor Leistungsträger" und "Die Leistung schafft sich das Organ". Er sprach von einem "Leistungsfeld", von "Ortsempfindlichkeit" und einem "relativen Qualitätswert". Er sprach von "Leistungsgefügen" und erklärte, die Leistungsträger seien "keine Wirklichkeiten an sich". Er sprach auch von "Leistungs-Stellvertretung".
Auch die Energontheorie sieht letztlich "das Ganze vor dem Teil" - insofern nämlich, als die Umweltsituation gleichsam im voraus darüber bestimmt, wie ein Energon aussehen muß, um an einem bestimmten Raum-Zeit-Punkt erwerbs- und konkurrenzfähig zu sein.
Praktisch freilich steht meine Theorie auf der von Spann so sehr bekämpften "atomistischen" Grundlage. Sie sieht in der Evolution ein durchaus kausales Geschehen, das aus den anorganischen Erscheinungen hervorwuchs. Sie behauptet außerdem, daß diese besondere Entfaltung nicht beliebige Formen annehmen konnte. Vielmehr waren diese - und sind es für alle Zukunft - durch die Notwendigkeit, eine aktive Energiebilanz zu erzielen, festgelegt. Das führte - ganz automatisch - zu steuernden Wirkungen von seiten der Erwerbsquellen wie auch von seiten widriger und fördernder Umweltbedingungen. Weitere Auswirkungen ergaben sich dann - sekundär, tertiär, quartär - im inneren Gefüge. Jedes Energon wächst so gleichsam in ein ihm vorgezeichnetes Wertgerüst hinein - um dessen Aufdeckung und meßbare Erfaßbarkeit sich die Energontheorie bemüht.11
Neben Bindung, Koordination und Abstimmung steht jedes
Energon noch einer weiteren, sehr wichtigen "inneren Front" gegenüber.
Auch sie ist eine Kategorie, die man bisher nicht als Einheit anzusehen
pflegte.
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Anmerkungen:
1 Auch organisierten
Widerstand bieten stellt eine "Kraft" dar, selbst wenn keine laufende Energieausgabe
sich damit verbindet. Auf Grund besonderer Form und Masse kann ein Wirkungsträger
Bewegungsvorgänge abändern - auch das ist eine Leistung, unter
Umständen eine hochdifferenzierte Funktion. Beispiele: die Panzerplatte
stoppt die Kanonenkugel; das Negativ einer Photographie läßt
beim Kopierungsprozeß nur an bestimmten Stellen Lichtstrahlen verschiedener
Intensität durch.
2 K. Mellerowicz
stellte zehn Grundsätze für die "innerbetriebliche Standortwahl"
auf, deren Studium auch Biologen anzuempfehlen wäre. Manche der dort
gegebenen Gesichtspunkte - Prozeßfolge, wirksame Kontrolle, zentrale
Anordnung verkehrsreicher Abteilungen, Isolierung von Gefahrenquellen und
so weiter - haben auch die evolutionäre "Gestaltung" der Organismen
beeinflußt. ("Betriebswirtschaftslehre der Industrie", Freiburg 1958,
S. 253 f.)
3 So ist
etwa bei unserem Schläfenbein (Os temporale) das "Warzenloch"
(Foramen mastoideum) ein Durchgang für eine Vene und der Canalis
caroticus der Durchtritt für eine Arterie: die innere Kopfschlagader.
Eine Durchtrittsöffnung für einen Nerv (den 12. Gehirnnerv) ist
beim Hinterhauptbein (Os occipitale) der Canalis nervi hyperglossi.
4 Im Rahmen
der "operations research", wo Optimierungsprobleme im Vordergrund stehen,
wurde eine besondere "Theorie der Warteschlangen" entwickelt.
5 "Der Staat
als Organismus", Jena 1922, S. 12. Hertwig gibt in den ersten drei Kapiteln
dieses Werkes einen ausführlichen Überblick über die beiden
Betrachtungsweisen.
6 Unsere
Muskeln sind dafür ein Beispiel. Bei dauerhafter Beanspruchung entwickeln
sie sich stärker.
7 Nach Parkinson
ist es im Staatswesen meist nicht so. Hier setzen Abteilungen einer etwaigen
Verkleinerung Widerstand entgegen, indem sie Wichtigkeit vortäuschen.
Dies führt zu einer übermäßigen Aufblähung des
Staatsapparates ("Parkinsons Gesetz und andere Untersuchungen über
die Verwaltung", Düsseldorf 1957).
8 W. Roux,
"Der Kampf der Teile im Organismus", Leipzig 1881.
9 "Kategorienlehre",
Jena 1939, S. 209.
10 Ebenda
S. 365.
11 Der
schon seit Plato und Aristoteles bestehende Disput, ob das Allgemeine
oder das Individuelle, die "Idee" oder der konkrete Gegenstand
die eigentliche Wirklichkeit sei, wird durch diese Überlegungen berührt.
Messungen sind nur am Individuum, am konkreten Gegenstand möglich
- hier stimmt die Energontheorie Aristoteles bei. Die eigentlich bedeutsamen
Werte, die das Aussehen der Individuen bestimmen, ergeben sich jedoch
aus sinnlich nicht wahrnehmbaren Zusammenhängen. Diese können,
je nach der Art ihres Einflusses, in "Kategorien" zusammengefaßt
werden ... vielleicht im Sinne der platonischen "Ideen"