In Betrieben äußert sich die Wichtigkeit einer Funktion in der Höhe des Entgeltes, das ihre Ausübung einbringt. Die weitaus höchsten Gehälter (plus Nebenleistungen) erhalten die Leitungsspitzen - heute sind es die Manager. Im Staat ist es ebenso. Die höchstbezahlten Posten sind die der obersten Leitung.
Fragt man nach der wichtigsten Funktion im Körper eines Tieres oder einer Pflanze, dann fällt die Antwort weit schwieriger. Hier werden die einzelnen Organe und Gewebe nicht auf dem Markt erworben, und fast jeder Teil ist lebenswichtig. Immerhin kommt dem genetischen Rezept in den Zellkernen und - bei den höheren Tieren - dem Zentralnervensystem besondere Bedeutung zu. Das Erbrezept ist für den Aufbau des Körpers verantwortlich, das Zentralnervensystem für dessen zweckvolle Bewegung. Wenn hier auch das Wort "Wert" nur im Sinne einer mehr oder minder leichten Ersetzbarkeit verwendet werden kann, so haben doch zweifellos auch bei den Organismen die steuernden Einheiten eine besondere Stellung. Sie sind auch die weitaus kompliziertesten und differenziertesten Wirkungsträger.
Betrachten wir uns selbst, dann kann über unsere wichtigste Einheit - gemäß unserem subjektiven Empfinden - kaum ein Zweifel bestehen. Die zentrale und für uns bedeutsamste Erscheinung ist hier unser "Ich": unser Denken und Empfinden. Sie ist praktisch überhaupt die Voraussetzung für unser wirkliches Sein. Ohne unser Bewußtsein mag wohl unser Körper vorhanden sein - wie bei einem völlig Geistesgestörten -, aber ein eigentliches "Ich" ist dann nicht existent.
Nach altüberlieferten Vorstellungen deckt sich "Ich" weitgehend mit "Seele" (oder mit "Geist" im metaphysischen Sinn), und viele erblicken darin etwas Un-
(Originalbuchseite 219)
materielles oder nur teilweise Materielles.1 In zahlreichen Glaubensvorstellungen ist das "Ich" unsterblich, so daß dann alles übrige nur eine Art von Schale ist, in die das Ich vorübergehend hineinschlüpft. Nach dem Konzept des Buddhismus beseelt das Ich sogar in Aufeinanderfolge eine Reihe solcher körperlicher Schalen und kann im Verlaufe der "Seelenwanderung" auch individuelle Erinnerungen bewahren. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt ist das Ichbewußtsein eine Funktion unserer Großhirnrinde. Auch hier ist jedoch kaum je bezweifelt worden, daß diese Funktion das eigentliche Zentrum der Erscheinung "Mensch" ist.
Die Energontheorie führt dagegen unerbittlich zu der Schlußfolgerung (die vielen wohl als das Absurdeste an dieser Theorie erscheinen wird), daß auch jede steuernde Struktur - und somit auch unser "Ich" - bloß ein Wirkungsträger wie alle übrigen ist, durchaus nicht Zentrum und Herr, sondern auch nur Diener. Der wirkliche "Herr" ist und bleibt immer die auf Energieerwerb ausgerichtete Struktur. Diese kann - zumindest in manchen Fällen - auch ohne zentrale Steuerung ihre Leistung erbringen. Nie aber gibt es Steuerungsvorgänge ohne Kraftaufwand: ob dieser nun in einem Bewegungsvorgang oder einem Widerstand besteht. Ohne Energie gibt es letztlich nichts: weder Materie noch Bewegung - nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie nicht einmal Zeit und Raum.
Vom menschlichen "lch" zeichnet die Energontheorie ein höchst merkwürdiges Bild: Die Keimzelle Mensch gelangte zu solcher Überlegenheit, befreite sich derart von allen bis dahin den Lebensprozeß einschränkenden "Fesseln", daß der Energieerwerb - die zentrale Erscheinung - gleichsam zur Selbstverständlichkeit wurde. Das ganze andere Problem trat für sie in den Vordergrund: Was soll mit den Überschüssen geschehen? Hier riß die steuernde Einheit - an das Steuern gewöhnt - die Zügel an sich. Sie betrachtet sich als Selbstzweck - und macht die schnöde Energie zu einem scheinbaren Diener. Alles hat ihren Regungen zu folgen, sie wird zum König. Sie verherrlicht sich, bedauert sich, berauscht sich oder verzweifelt - ein Diener, der unversehens an die Reichtümer des Herrn gelangt ist und selbst kaum weiß, wozu er diese verwenden soll.
Hat eine solche Entwicklung wirklich stattgefunden? Und
wie nahm sie einen solchen Verlauf?
Die zweite "innere Front" ist die einzige Problematik, mit der sich bereits eine junge Wissenschaft sehr im Sinne der Energontheorie beschäftigt hat. Die von dem Mathematiker und Techniker Norbert Wiener begründete Kybernetik
(Originalbuchseite 220)
untersucht die Phänomene der Steuerung von der Funktion her. Es wird dort als sekundär erachtet, ob es Nerven oder Drähte sind, Ganglienzellen, Menschen oder elektronische Einheiten, mit deren Hilfe Steuerungsvorgänge ablaufen. In der Funktion, in der Wirkung erblickt man das Wesentliche und fragt ganz allgemein: Wie müssen Einheiten beschaffen sein, um eine steuernde Wirkung zu erbringen?
Von der Energontheorie her ist die Bezeichnung "Steuerung" ("Kybernetik" ist vom griechischen Wort für "Steuermann" abgeleitet) für die Gesamtheit dieser Problematik nicht wirklich geeignet. Es geht bei diesem Funktionskreis im Prinzip darum, Bewegungsabläufe miteinander zu verknüpfen, zu "koordinieren". Im einfachsten Fall stellt das noch keine Steuerung im eigentlichen Sinne des Wortes dar. Deshalb nenne ich die zweite innere Front "Koordination".
Im Gegensatz zur "Bindung" trifft diese innere Forderung nicht alle Wirkungsträger - sondern nur solche, deren Funktion in einem Bewegungsvorgang besteht. Die Dornen eines Rosenstrauches oder der Schornstein einer Fabrik leisten zum Beispiel ihren jeweiligen "Dienst" in ganz passiver Weise. Die Dornen behindern Pflanzenfresser in ihrer Tätigkeit, der Schornstein lenkt Rauch in eine ganz bestimmte Richtung. Eigenbewegungen sind für diese Funktionen nicht nötig - und deshalb auch keine Koordination mit anderen Bewegungen.
Aber auch nicht jeder aktiv tätige Wirkungsträger muß mit der Tätigkeit anderer koordiniert sein. Das zeigen etwa die schon besprochenen Nesselkapseln der Korallenpolypen. Werden sie von einem Fremdkörper berührt, dann schießen sie ihre Pfeile ab - ganz unabhängig davon, was der restliche Körper gerade tut.
Bei den sechs Beinen eines Käfers ist es anders. Für diese Wirkungsträger genügt es nicht, für sich isoliert Bewegungen auszuführen. Um die benötigte Funktion zu erbringen - nämlich den Körper des Käfers fortzubewegen -, ist eine ganz bestimmte Verknüpfung mit den Bewegungen der übrigen Beine erforderlich - außerdem mit den Sinnesmeldungen der Augen.
Während also jeder Wirkungsträger an sein Energon gebunden sein muß, braucht durchaus nicht jeder mit den übrigen koordiniert zu sein. Die zweite innere Front trifft somit nur manche Wirkungsträger - doch sie ist darum nicht weniger bedeutsam. Im Gegenteil: Kein anderer Faktor hat den Energonen kompliziertere Einrichtungen aufgezwungen als gerade dieser.2
(Originalbuchseite 221)
Wie können überhaupt - ganz allgemein betrachtet - zwei Wirkungsträger in ihren Bewegungen miteinander koordiniert werden? Welche zusätzlichen Einrichtungen sind hierfür erforderlich?
Ohne Zweifel muß in diesem Fall irgendein Signal von dem einen Wirkungsträger zu dem anderen hinüberfließen, ein Kommando, durch das ein Zusammenwirken erzielt wird. Das aber macht bereits das Vorhandensein von nicht weniger als vier grundverschiedenen Leistungen, vier grundverschiedenen funktionellen Strukturen unerläßlich.
Erstens muß ein vermittelndes Etwas da sein, über das das Signal seinen Weg nehmen kann. Zweitens ist das Signal selbst notwendig. Drittens muß bei dem einen Wirkungsträger eine Sendevorrichtung vorhanden sein, fähig, das Signal auszusenden. Viertens ist beim anderen Wirkungsträger ein "Empfänger" notwendig, der das Signal auffängt - und "versteht". Letzteres gewinnt besondere Bedeutung, wenn verschiedene Signale vom einen Wirkungsträger zum anderen hinüberfließen. Dann muß dieser erkennen, um welches es sich handelt.
Erstens: das vermittelnde Etwas. In der Kybernetik wird es "Übertragungskanal" genannt. Diese Bezeichnung paßt einigermaßen, wenn wir an Signale durch Hormone über den Blutstrom denken. Diese Botenstoffe werde an einer Stelle von einer Drüse abgesondert und lösen an einer anderen eine bestimmte Wirkung aus. In diesem Fall hat das Signal die Gestalt einer chemischen Substanz und bewegt sich, gemeinsam mit dem Blutstrom, im Röhrensystem des Blutkreislaufes - also wirklich in einem "Übertragungskanal". Sind dagegen die Signale elektrische Impulse, die über einen Draht laufen, dann paßt das Bild vom "Kanal" bereits weniger gut. Ein Draht ist nicht hohl. Ist das Signal ein Wort, das von einem Menschen gesprochen und von einem anderen gehört wird, dann paßt "Übertragungskanal" noch schlechter. In diesem Fall ist das vermittelnde Etwas die Luft. Ganz besonders schlecht paßt jedoch diese Bezeichnung, wenn die Signalübertragung - etwa bei einer Maschine - über einen Hebel erfolgt. Ein solcher Hebel hat mit einem "Kanal" nicht mehr das geringste zu tun. Darum will ich in der Energontheorie das übertragende, vermittelnde Etwas "Übertragungsmedium" nennen.
Bleiben wir bei der Luft, welche die Schallwellen der Stimme fortpflanzt (im luftleeren Raum pflanzt sich kein Ton fort). Die auf Erden operierenden Energone kostet sie nichts, sie ist als Gegebenheit da. In diesem Fall wird also - für die Zeit der Schallübertragung - die Luft zu einer Hilfseinheit der sich verständigenden Personen. Eine fördernde Umweltgegebenheit wird hier temporär in das Wirkungsgefüge des Energons mit eingespannt.
Pflanzen sich im Inneren der Zellen chemische Signale durch die Zellflüssigkeit
(Originalbuchseite 222)
fort, dann wird - in Funktionserweiterung - die Zellflüssigkeit zum "Übertragungsmedium". Auch hier ist somit kein zusätzlicher Aufwand erforderlich - eine schon gegebene Einheit übernimmt einen weiteren Dienst. Bei der Signalübertragung über Nerven oder Telephondrähte sind dagegen zusätzliche Einheiten Voraussetzung: eben diese Nerven und Drähte. In diesem Fall liegt also ein entsprechender Aufwand, eine entsprechende Bilanzbelastung vor.3
Zweitens: die Signale. In der Kybernetik nennt man sie "Nachrichtenträger" oder "lnformationsträger". Diese Bezeichnung könnte nicht besser gewählt sein. Von der Energontheorie her, sind auch sie Wirkungsträger. Bei sprachlicher Verständigung treten sie uns in Gestalt von Lauten, Worten und Sätzen entgegen; bei schriftlicher Verständigung in entsprechend angeordneten Schriftzeichen. Bei telegraphischer Übermittlung wird nur über drei Einheiten (langer Impuls, kurzer Impuls, Pause) der Sinngehalt des zu Übertragenden übermittelt. Der Kybernetik gelang es, diesen Sinngehalt - genannt "Information" - mathematisch erfaßbar zu machen. Information wird heute in "bit" gemessen.4
Die Entwicklung einfacher Signale läßt sich bei den Tieren gut verfolgen. Schlägt etwa ein Pfau sein Rad, dann überträgt er damit auf Artgenossen eine ganz bestimmte "Mitteilung", löst bei diesen ganz bestimmte Reaktionen aus (bei Männchen Einschüchterung, bei Weibchen sexuelle Annäherungsbereitschaft). Bei solchen Signalen - die vor allem als Erkennungsmerkmale zwischen Artgenossen und Geschlechtspartnern eine wichtige Rolle spielen - läßt sich feststellen, welche Eigenschaften ein Signal haben muß, um wirkungsvoll zu sein.
Es sind deren zwei: Jedes Signal muß möglichst auffällig sein - damit es gut wahrnehmbar ist. Zweitens soll es noch möglichst ungewöhnlich sein - damit nicht Verwechslungen mit anderen Sinneseindrücken auftreten. Wenn wir bei Tieren - besonders in Gebieten, wo es viele verschiedene Arten gibt - sehr komplizierte und ungewöhnliche Signale finden (man denke etwa an Körperfärbungen, Balz- oder Drohzeremonien), dann erklärt sich das aus der Wichtigkeit, Miß-
(Originalbuchseite 223)
verständnisse zu vermeiden. Auch hier sehen wir eine evolutionäre Steuerung am Werk. Tierarten mit leicht mißverständlichen Signalen kamen in Nachteil, solche mit prägnanten, präzisen Signalen setzten sich besser durch.
Drittens: der sendende Wirkungsträger. Er muß befähigt sein, Signale über das Übertragungsmedium auf den Weg zu bringen. In manchen Fällen kann eine solche Sendeeinheit sich erübrigen, sie kann mit einem anderen Wirkungsträger in Funktionserweiterung zusammenfallen. So übt etwa beim männlichen Rotkehlchen die Färbung der Kehle auf rivalisierende Männchen eine drohende Wirkung aus. Die Kehle wird hier durch die besondere Färbung - in Funktionserweiterung - zu einem Signal. Eine besondere Sendeeinheit erübrigt sich in diesem Fall: es wird Fremdenergie dienstbar gemacht. Die sowieso den kaum durcheilenden Lichtstrahlen werden von der Kehle reflektiert und gelangen - ganz von selbst - zu den Augen, dem Empfangsapparat der anderen Männchen. Dagegen sind zur Aussendung von Lautsignalen besondere schallsendende Wirkungsträger nötig: bei den Heuschrecken ist es eine besondere Ausbildung der Hinterbeine und Flügel, bei uns sind es die Stimmbänder. Für schriftliche Nachrichtenübermittlung (etwa durch einen Brief) sind als zusätzliche Einheiten ein Schriftträger (etwa Papier) und ein Schreibwerkzeug nötig. Zur Übermittlung über Telegraph oder Radio gehört ein Sender.
Das sind bereits sehr verschiedene Strukturen (rote Kehle, Stimmbänder, Bleistift, Radiosender), die von der Funktion her zusammengeordnet werden müssen. Den Kybernetiker interessiert dabei das allen zugrunde liegende gemeinsame technische Prinzip. Von der Energontheorie her dagegen interessiert die durch die gleiche Funktion bedingte bilanzmäßige Belastung - also der "Aufwand", die Kosten.
Doppelfunktionen und Funktionserweiterungen erschweren die funktionelle Beurteilung. So ist etwa die rote Kehle des Rotkehlchens sowohl Signal als auch Sender - zwei sehr verschiedene Funktionen fallen hier in ein und demselben Wirkungsträger zusammen. Beim Pfau sind die Radfedern nicht nur besonders gefärbt, sondern auch noch entsprechend vergrößert: eine Funktionserweiterung der Schwanzwurzeldeckfedern, durch welche sowohl die Sende- als auch die Signalwirkung verstärkt wird. Außerdem ist dieser Federkranz zusammenklappbar - eine Folge des Funktionskonflikts zwischen Signalwirkung einerseits und Erwerbstätigkeit sowie Feindabwehr anderseits. Das geöffnete Rad würde beim Beutefang behindern und auch für Feinde ein allzu deutliches Erkennungsmal sein. Ferner ist es der Signalwirkung zuträglich, wenn das Signal nur im Augenblick, da es erteilt werden soll, ausgesandt wird. Für die Empfängerseite wird es dann auffälliger. Mannigfache Korrelationen sind so an der evolutionären Gestaltung körperlicher Einheiten und ihrer Bewegungsweise beteiligt.
Bei der menschlichen Nachrichtenübermittlung über technische Hilfsmittel
(Originalbuchseite 224)
werden "Störungen" zu einem wichtigen Faktor. Fließen elektrische Impulse über einen Draht, dann werden sie mit zunehmender Entfernung schwächer. Die im Leiter auftretenden Störungen fallen dann stärker ins Gewicht, die Erkennbarkeit des Signals nimmt immer mehr ab. Die Lösung dieses Problems heißt "Relais" und "Verstärkerkette". Das Signal wird dazu gebracht, einem neuen, starken Stromfluß dieselbe Information aufzuprägen. Gerade dieser Kunstgriff machte die Techniker auf das Phänomen der Steuerkausalität aufmerksam. Von der Energie des Signals geht bei diesem Vorgang nicht das geringste in den weiterlaufenden Stromfluß über. Diese Energie steuert bloß dessen Impulse.
Vom Standpunkt der Sendeeinheit ist an diesem Vorgang interessant, daß hier, zur Verstärkung der Wirksamkeit, auf dem Signalweg weitere - sozusagen kollegiale - Sender eingeschaltet werden.
Viertens: die Empfängerseite.
Auch hier ist es möglich, daß sich ein eigener Wirkungsträger erübrigt - dann nämlich, wenn das Signal unmittelbar zum Reiz wird, der bei der empfangenden Einheit eine entsprechende Reaktion auslöst. Bei den chemischen Botenstoffen, die innerhalb und zwischen den Zellen wirken (besonders bei den Vererbungs- und Entwicklungsvorgängen), liegen meist solche unmittelbaren Wirkungen vor. Hier ist der Signalträger selbst Auslöser einer chemischen Reaktion.
Ist dagegen die Empfängerseite mit Sinnesorganen ausgestattet, die auf mehr als einen Reiz ansprechen, dann lautet das Problem: Wie gelingt es dem Empfänger, unter verschiedenen Reizen ein bestimmtes Signal (oder gar deren mehrere) zu erkennen? Die empfangende Einheit spielt dann funktionell die Rolle eines "Filters", der jeweils nur ganz bestimmte Reizkombinationen "durchläßt" - die dann dieses oder jenes Verhalten auslösen.
Solche Mechanismen des "Erkennens" wurden bei zahlreichen Tierarten experimentell nachgewiesen. Sind sie angeboren (werden sie also vom Erbrezept aufgebaut), dann nennt man sie AAM - "angeborene auslösende Mechanismen".5 Es sind auf Signalempfang - genauer: auf Datenverarbeitung - spezialisierte Ein-
(Originalbuchseite 225)
heiten innerhalb des Zentralnervensystems. Daß ähnliche Mechanismen des "Erkennens" auch im Vorgang des Lernens und Übens aufgebaut werden können, zeigt jede Tierdressur. In diesem Fall wird dann im Zentralnervensystem künstlich ein solcher "Filter" aufgebaut, der aus der Fülle wahrgenommener Sinneseindrücke ganz bestimmte heraussondert - woraufhin dann eine ebenfalls anerzogene Reaktion erfolgt.
Beim Menschen stellt das "Verstehen" der Bedeutung gesprochener oder geschriebener Sätze eine vergleichbare Gehirnleistung dar. Auch Worte und Sätze sind Signale. Auch sie müssen aus der Vielheit anderer Wahrnehmungen herausgesondert und in ihrer Bedeutung erkannt werden. Auch sie lösen - in unserem Gehirn - eine bestimmte Reaktion aus: das "Erfassen der Bedeutung", das "Verstehen". Aus zahlreichen dieser Einzelleistungen innerhalb einer zum Teil äußerst komplizierten Datenverarbeitung bauen sich unsere Intelligenzhandlungen auf.
Je wichtiger eine Nachrichtenübermittlung (Information, Meldung, Befehl) innerhalb des Wirkungskörpers eines Energons ist, um so wichtiger wird es auch, daß das jeweilige Signal richtig "verstanden" wird, also zur richtigen Reaktion führt. Daraus ergibt sich als weiteres funktionelles Problem das der Kontrolle.
Praktisch bedeutet das eine Umkehrung des gesamten Vorganges. Läuft etwa ein Befehl von A nach B, dann muß die Kontrollmeldung von B nach A zurücklaufen. Das erfordert - im Prinzip - vier weitere notwendige Einheiten: einen Sender auf der Empfängerseite, einen Empfänger auf der Senderseite, ein übertragendes Medium (es mag das gleiche sein oder auch nicht) und entsprechende Signale. Dieser umständliche Vorgang eröffnete eine bedeutsame konstruktive Möglichkeit. Solche Rückmeldungen können nämlich dazu verwendet werden, die Befehlsaussendungen unmittelbar zu korrigieren (in der Biologie: "Reafferenzprinzip").
So wie beim Relais das Signal seine Impulse einem anderen Energiestrom aufprägt, so kann die Rückmeldung zum Befehlsgeber dazu verwendet werden, die Befehlserteilung selbst entsprechend zu steuern. Das Prinzip der Steuerkausalität tritt auch hier in Erscheinung. Von der Energie der Rückmeldung geht nichts in den Energiestrom der Befehlsgebung über. Sie steuert diesen bloß.
Ein praktisches Beispiel für einen solchen "Regelkreis" ist der Thermostat im Eisschrank. Im einfachsten Fall ist hier die befehlsgebende Einheit ein Thermometer. Steigt dessen Quecksilbersäule höher (etwa bis plus 4 Grad), dann schließt sie einen Stromkreis - und die Kühlmaschine beginnt zu arbeiten. Daraufhin sinkt im Eisschrank die Temperatur, die Quecksilbersäule sinkt ab - und der Strom-
(Originalbuchseite 226)
kreis wird unterbrochen. Die Kühlmaschine setzt aus. jetzt steigt wieder die Temperatur, die Quecksilbersäule steigt ... schließt den Stromkreis: die Kältemaschine arbeitet wieder. So wird die Temperatur ganz "automatisch" in engen Grenzen konstant gehalten.
In diesem Fall erfolgt die Rückmeldung zur Befehlsstelle (zum Thermometer) über die im Eisschrank befindliche Luft. Als Signal fungiert - ebenfalls gratis - die Wärme. Indem diese die Quecksilbersäule zum Steigen bringt, wird die Kühlmaschine eingeschaltet. Die Rückmeldung steuert so die Befehlsstelle. Sinkt die Temperatur, dann ist dies eine andere Rückmeldung - die das Abschalten der Kühlmaschine bewirkt. Man nennt diesen Wirkungszusammenhang "Rückkoppelung". Die Befehlsstelle wird so zu einer Art von Hampelmann, der bloß auf den Fadenzug der Rückmeldungen reagiert. Auch hier handelt es sich um eine Funktionserweiterung: Die Rückmeldung übernimmt zusätzlich das Amt der Steuerung.
Sowohl in der Technik als auch im Körper der Organismen spielen solche selbsttätige Steuerungen eine wichtige Rolle.
Im menschlichen Körper wird auf diese Weise die Körpertemperatur innerhalb enger Grenzen gehalten - ebenso der Blutdruck und der Blutzuckerspiegel. In unser Bewußtsein dringt ein "Regelkreis" bei der Atmung. Sie wird durch den CO2-Gehalt im Blut gesteuert: steigt dieser, dann aktiviert das die Befehlsstelle "Atemzentrum", und diese löst eine Atembewegung aus. Daraufhin - infolge des Atmungsvorganges - sinkt der CO2-Gehalt im Blut, und soundso viele Sekunden lang erfolgt vom Atemzentrum her kein Befehl. Da wir die Atembewegungen willentlich beeinflussen können, kann jeder die Wirksamkeit der Rückmeldungen an sich selbst beobachten. Halten wir den Atem an, dann spüren wir,
a) Sollen beispielsweise acht Wirkungsträger koordiniert werden (1-8), dann muß jeder mit jedem verbunden sein.
b) Durch den vermittelnden Wirkungsträger Z (Zentrale) verringern sich die notwendigen "Leitungen" erheblich. (Nach Stefanic-Allmayer.)
(Originalbuchseite 227)
wie der Atemdrang immer intensiver wird, wie die steuernde Wirkung der Rückmeldungen uns immer mehr zu einer Atembewegung drängt.
In Betrieben und innerhalb der staatlichen Organisation
spielen Regelkreise ebenfalls eine wichtige Rolle. Dort sind es nicht Zellen
oder Schaltelemente, die zu einem selbsttätig gesteuerten Wirkungszusammenhang
gekoppelt sind, sondern denkende und fühlende Menschen. Am Prinzip
ändert sich dadurch jedoch nichts. Auch dort bewirken Kontrollrückmeldungen
entsprechende Befehlsänderungen. Werden diese Befehle von einem Menschen
erteilt, dann ist er ebenso ein "Hampelmann" wie die Befehlsstelle Thermometer
im Eisschrank oder wie die Befehlsstelle Atemzentrum in unserem Rückenmark.
Auch er ist dann nicht wirklich für die von ihm erteilten Befehle
verantwortlich. Die jeweilige Rückmeldung ist es, die diesen oder
jenen Befehl bei ihm auslöst - durch die er somit gesteuert wird.
Abbildung 28 zeigt den funktionellen Vorteil einer Zentrale, etwa im Telephonwesen. Schon wenn bloß 50 oder 100 Teilnehmer vorhanden sind, würde es zu einem ungeheuren Drahtgeflecht führen, wenn jeder Teilnehmer mit jedem anderen direkt verbunden wäre. Ist dagegen eine vermittelnde Einheit zwischengeschaltet, dann genügt ein Draht zu jedem Teilnehmer.
Bei den niederen Tieren - etwa bei den Medusen - sehen wir diffuse Nervennetze den Körper durchziehen. Im Verlauf der Höherentwicklung kam es zu einer immer stärkeren Zentralisation (Abb. 29). Die Gründe hierfür sind jedoch nicht ganz so einfach wie bei der Zentralisation im Telephonsystem.
Hier mußte die sich bildende Zentrale (das "Gehirn") gleich von Anbeginn mehr leisten als eine bloße Vermittlung. Sie übernahm - in einer Funktionszusammenlegung - einerseits die Bewertung eingehender Sinnesmeldungen, anderseits die Erteilung von koordinierten Befehlen an ausführende Organe (Gliedmaßen, Freßorgane, Drüsen etc.). Für jede dieser beiden Leistungen waren zusätzliche Einheiten (untergeordnete Wirkungsträger) nötig: die in diesem Buch schon häufig genannten Verhaltensrezepte. Einerseits benötigte das Zentralnervensystem Rezepte des Erkennens: also entsprechende Richtlinien dafür, nach welchen Reizkombinationen das Individuum in der Vielheit der einströmenden Sinnesmeldungen suchen muß. Anderseits benötigte es solche der Befehlserteilung: Anweisungen für entsprechend koordinierte Befehle an ausführende Organe, besonders an die "Muskeln".
Die eigentliche Vermittlungstätigkeit besteht darin, diese "sensorischen" und "motorischen" Leistungen entsprechend zu verknüpfen. Nimmt das Gehirn eine bestimmte Reizkombination ("Schlüsselreiz", "Auslöser") wahr, dann muß das zu
(Originalbuchseite 228)
einer ganz bestimmten "Reaktion", zu einer ganz bestimmten Bewegungsfolge, also zur Aktivierung eines ganz bestimmten motorischen Rezeptes führen.
Sind solche Verhaltensrezepte angeboren, dann ist die Zusammenschaltung genetisch festgelegt, und die Reaktion erfolgt "automatisch". Das einfachste Beispiel sind die "unbedingten Reflexe" - deren es auch beim Menschen noch verschiedene gibt. So schließen sich etwa bei Wahrnehmung von hellem Licht "ganz von selbst" unsere Pupillen. Eine bestimmte Sinneswahrnehmung ist hier streng an die Erteilung von Befehlen an entsprechende Muskeln (eben jene, welche die Pupillenveränderung bewirken) gekoppelt. Ähnlich verhält es sich auch bei weit komplexeren "Verhaltensweisen".
Eine ganz bestimmte Reizsituation - die man dem Tier auch im Experiment darbieten kann - löst dann bei diesem eine ganz spezifische Verhaltensweise aus. Bei vielen Tieren löst zum Beispiel die Wahrnehmung hochkomplizierter Balzbewegungen (und eben nur sie) die nicht minder komplizierte eigene Bewegungsfolge aus, die zur Begattung führt.6
Eine weitere Leistung des Zentralnervensystems tritt in Erscheinung, wenn die angeborenen Verhaltensrezepte durch individuelle Erfahrung abgeändert oder verfeinert werden können. Diese zusätzliche Fähigkeit zeigt beispielsweise die junge Kröte.
Angeborenermaßen schnappen diese Tiere zunächst nach jedem kleinen, sich schnell bewegenden Körper. Ein Rezept des Erkennens spricht auf diesen recht allgemeinen "Schlüsselreiz" an und löst die motorische Befehlsgebung des Hinspringens und Zuschnappens (also koordinierte Befehle an zahlreiche verschiedene Muskelgruppen) aus. Gerät nun aber die junge Kröte an ein Insekt, von dem sie gestochen wird, dann "assoziiert" sich dieser Sinneseindruck mit dem angeborenen Verhalten. Praktisch heißt das: die junge Kröte merkt sich das unangenehme Erlebnis, und begegnet ihr wiederum ein mit ähnlichen Merkmalen versehener "kleiner, sich schnell bewegender Körper", dann springt sie ihn nicht mehr an, schnappt nicht mehr zu. Das "Schaltnetz" der angeborenen Reaktion ist dann um eine zusätzliche Einheit erweitert, es wurde abgeändert, verbessert, mehr "differenziert"'. Der große Vorteil dieser Fähigkeit liegt auf der Hand. Das Verhalten wird so weniger mechanisch. Das Energon (in diesem Fall die Kröte) vermag so seine angeborenen Verhaltensrezepte den individuellen Umweltbedingungen besser "anzupassen".
Noch weiter geht diese Leistungssteigerung, wenn ganz allgemein Erfahrungen gespeichert werden können, ohne daß bereits feststeht, wozu sie dem Energon später dienen sollen. Erst diese über die bloße "Assoziation" weit hinausgehende
(Originalbuchseite 229)
Fähigkeit ist, was wir "Erinnerungsvermögen" nennen. Eine neue funktionelle Einheit (innerhalb des Zentralnervensystems) ist dafür Voraussetzung: eine "Erfahrungsregistratur", ein "Erinnerungsdepot". Gemeinhin nennen wir diese Einheit "das Gedächtnis".7
Zwei nicht eben einfache Leistungen muß dieser Wirkungsträger erbringen: Erstens muß die Vielheit der eingehenden Sinnesmeldungen entsprechend "verarbei-
a) Süßwasserpolyp (Hydra), b) Strudelwurm (Planaria), c) Palolowurm (Eunice), d) Honigbiene, e) Mensch.
Bei der festsitzenden Hydra verbindet ein diffuses Netz von Koordinationseinheiten (Nervenfasern) die einzelnen Körperteile. - Beim Strudelwurm ist bereits eine Zentralisierung der Koordinationsträger erkennbar. Vier Längsstämme sind durch ringförmige Querverbindungen miteinander verbunden; die beiden ventral gelegenen (im Bild gezeichnet) sind stärker ausgebildet und enden vorn in einer Anhäufung von Nervenzellen, einem noch sehr einfachen "Gehirn". - Beim Palolowurm sind die Längsstämme näher aneinandergerückt, und wo die Querverbindungen ("Komissuren") sie verknüpfen, haben sich weitere Anhäufungen von Nervenzellen ("Ganglienknoten") ausgebildet. - Bei der Honigbiene konzentrieren sich die Ganglienzellen auf zwei Punkte. - Beim Menschen bilden Gehirn und Rückenmark die Steuerungszentren für die bewußten und unbewußten Nervenleistungen.
(Originalbuchseite 230)
tet", in entsprechende "Kategorien" eingeordnet, bildlich: in entsprechende Geistesschubladen eingereiht werden. Und zweitens muß dieser gespeicherte Erfahrungsschatz, dieses "Wissen", dann auch wieder zugänglich sein - das heißt: bei Bedarf, also in entsprechender Situation, müssen diese Erfahrungen dem Zentralnervensystem auch wieder verfügbar sein, es muß sie wiederfinden können.
Bei den höheren Tieren sind beide Fähigkeiten bereits nachweisbar. Beim Menschen steigerten sie sich noch dadurch, daß wir die einzelnen "Begriffsschubladen" mit Wortbezeichnungen versehen. Das Tier kann bloß "averbale" Begriffe bilden. Unsere Denkprozesse stützen sich dagegen weitgehend auf die durch Worte geschaffene, weit klarere Unterteilung.
Diese neue Einheit - das Erinnerungsvermögen - ermöglicht den höher entwickelten Tieren nicht nur angeborene Rezepte entsprechend abzuändern, also zu ergänzen und zu verfeinern. Darüber hinaus können sie aus angeborenen Grundeinheiten individuelle Rezepte zusammenbauen - oder überhaupt völlig neue schaffen ("Lerntiere").
Auf die besondere Bedeutung der menschlichen "Phantasie" wurde bereits hingewiesen. (S. 104 f.) Wie auf einem inneren Projektionsschirm werden in unserem Gehirn Bewußtseinsinhalte miteinander verglichen, und das Zentralnervensystem vermag so "Pläne" - man kann sie theoretische Verhaltensrezepte nennen - aufzubauen.
Dazu kommt noch - seit der Mensch Gemeinschaften bildet
und sich sprachlich verständigt -, daß für das kombinatorische
Spiel "Gedanken" durchaus nicht nur die eigenen Erfahrungen als Baumaterial
zur Verfügung stehen. Im Verlauf der Erziehung fließt eine ungeheure
Menge Erfahrung, die von anderen Menschen gemacht wurde, in uns ein - und
auch diese wird mit zu einem "Baumaterial" für solche Kombinationsversuche.
Mehr als das:
Indem der Wirkungsträger "Phantasie" jeden Erfahrungsinhalt mit jedem anderen kombinieren kann, vermag er auch die Vorstellung der eigenen Person mit in diese kombinatorischen Spiele einzubeziehen. Genau das aber ist nach meiner Ansicht bereits das als "Ich-Bewußtsein"' bezeichnete Phänomen. Das Energon Mensch hat so - durch einen besonderen Wirkungsträger - die Möglichkeit, Abstand von sich selbst zu gewinnen, sich selbst zu "objektivieren" - also sich selbst als "Objekt" zu sehen. Unser "Ich" ist nach diesem Konzept nichts anderes als eben die Tätigkeit dieses Projektionsschirmes, die Funktion dieses besonderen Wirkungsträgers. Es ist die Summe unserer Gedanken und der uns durch sie "be-
(Originalbuchseite 231)
wußt werdenden" Gefühle. Dies deckt sich mit Descartes' "Cogito ergo sum" - Ich denke, also bin ich.8
Selbst den höchsten Tieren fehlt dieser (oder zumindest ein so leistungsfähiger) Projektionsschirm. Wir dagegen besitzen ihn - und damit ein "Bewußtsein" und ein "Ich". Dieses "Ich" aber - wie könnte es anders sein - ist sich natürlich selbst Zentrum, sieht alles von ebendiesem Zentrum aus. Es bildet - beinahe notwendigerweise - die Vorstellung, der übrige Körper wäre gleichsam eine Schale, rings um dieses "Ich" gelagert, ja sein Besitz. In diesem Sinne sagen wir mein Körper, meine Augen, meine Hände.
Von der Energontheorie her ist das eine Denkschablone,
vielleicht die allererste, zu der der Mensch gelangte. Unser "Ich" ist
nach dieser Ansicht nur eine unter zahlreichen Funktionen - die Tätigkeit
eines Wirkungsträgers innerhalb der Keimzelle Mensch.
Bei allen von diesem "Ich" aufgebauten Berufskörpern ist es nach wie vor das Zentralnervensystem des betreffenden Menschen, das sämtliche Wirkungsträger steuert: auch die künstlichen Organe. Ob es eine Hacke ist oder ein Bleistift, ein Zugtier oder ein gegen Bezahlung Dienste leistender Mensch: immer sind entsprechende Verhaltensrezepte notwendig, um diese zusätzlichen Einheiten in den eigenen Wirkungskörper einzubauen, sich ihrer zielführend zu bedienen. Die "Handhabung" des gesamten Berufskörpers, jeder seiner Einheiten muß "gelernt" sein.
Noch mehr: Auch die Verwendung von Gemeinschaftsorganen - genauer: ihr zeitweiliger Einbau in das eigene Wirkungsgefüge - hat erworbene Verhaltensrezepte zur Voraussetzung. Wir müssen auch lernen, uns der Gerichte, der Post oder eines Zirkus zu "bedienen". Wir sind gewohnt, das Verhältnis anders zu betrachten. Aber vom Energon her muß es so beurteilt werden. Ganz allgemein gilt: Für jeden zusätzlichen, nicht verwachsenen Wirkungsträger, auch wenn er millionenfach größer ist als wir selbst und wir ihn nur gelegentlich in Anspruch nehmen, sind entsprechende, in unserem Gehirn künstlich aufgebaute Verhaltensrezepte (des Erkennens, der Bewegung und der Kombination von beidem) erforderlich. Nur wenn wir sie haben, stehen sie uns potentiell zur Verfügung.9
(Originalbuchseite 232)
Schon bei den Berufskörpern verlassen jedoch manche Funktionen des Zentralnervensystems den genetischen Körper. Der Berufstätige macht sich Notizen - damit verlagert sich die Speicherung von Erinnerung auf das künstliche Organ Papier. Im Rahmen unserer planenden Tätigkeit machen wir Skizzen, rechnen, schreiben - das sind Hilfsfunktionen der Planbildung, deren Träger bereits von unserem Körper getrennt sind.
Bei den Betrieben steigert sich dann noch dieser Vorgang. Die steuernde Einheit ist hier nicht mehr ein Mensch, sondern setzt sich aus vielen Menschen zusammen. In der Buchhaltung wird systematisch Erinnerung gespeichert. Durch statistische Verfahren wird diese verarbeitet. Computer - rein technische Gebilde - führen das noch weiter, übernehmen auch Steuerungen.
Auch hier spezialisieren sich besondere Abteilungen auf Rezeptbildung. Das Ergebnis ihrer Tätigkeit sind die jeweiligen Betriebsrezepte. Aus den ihre Ausführung bewirkenden "Ichs" entsteht im Betrieb gleichsam ein "lch" von höherer Integrationsstufe. Es ist ein Kollektiv-Ich, das sich nicht ohne weiteres als Summe aller Einzel-Ichs erklärt. Selbst das Ich des Unternehmers ist in dieser größeren Einheit nicht mehr frei entscheidend, sondern nur noch Bestandteil. Bei Entscheidungen kommt es nicht selten vor, daß dieses "Kollektiv-Ich" ganz eigengesetzlich in Erscheinung tritt.
In den Staatskörpern mit Volksvertretung. ist es nicht anders. Auch dort setzt sich die steuernde Struktur aus einer Vielheit denkender und planbildender Menschen zusammen, wobei die entworfenen Konzepte zum Teil der "allgemeinen Meinung" entstammen, zum Teil persönlichen Überzeugungen oder Interessen, und nicht zuletzt auch der Macht weit zurückreichender Gemeinschaftsgewohnheiten: der Tradition. Auch hier bildet sich ein recht abstraktes "Über-Ich", das jedoch trotzdem eine sehr wirksame Realität darstellt. Ähnlich dem Ich des einzelnen neigt auch dieses "lch" dazu, sich selbst als Zentrum zu betrachten, als wichtigste Einheit, um die sich alles übrige lagert. Eine sehr komplexe Struktur wird so nicht selten zum eigentlichen "Geist", zur eigentlichen "Seele" dieser Energone und regiert dann nicht selten jene, die sie geschaffen haben.
In den Koordinationsstrukturen sämtlicher Energone tritt ein und dasselbe Problem auf. Es lautet: Zentralisation oder Dezentralisation? Letztlich wurzelt es immer in der Problematik: Wieviel aktive Wirkungsträger vermag eine Einheit zu steuern?
Sollte dereinst der Mensch die Steuerung seiner größeren Erwerbsorganisatio-
(Originalbuchseite 233)
nen Computern übertragen - was gar nicht unwahrscheinlich ist -,dann mag diese Problematik wegfallen. Denn Computer arbeiten um so vieles schneller, daß sie eine unvergleichlich größere Zahl von Einheiten steuern können. Sowohl der Zelle als auch dem Menschen sind hier dagegen enge Grenzen gesetzt.
Das ist der eigentliche Grund dafür, warum wir im Staat, in Betrieben und auch im Körper der Organismen hierarchisch gestaffelte Steuerungsstrukturen am Werk sehen. Sie sind - auf dem Innensektor "Koordination"' - eine funktionelle Notwendigkeit. Sie sind die Folge notwendiger Arbeitsteilung, die Folge beschränkter Leistungsfähigkeit der zur Steuerung verfügbaren Wirkungsträger. Und innerhalb dieser Hierarchien ergibt sich dann - als sekundäres Problem - das Problem: Was muß von der obersten Leitungsspitze her gesteuert werden - und was kann der "Kompetenz" untergeordneter Steuerungsträger überantwortet sein.?
Ein Beispiel für krasse Dezentralisierung ist das Erbrezept sämtlicher Vielzeller. Bei jeder Zellteilung teilt sich auch dieses - so daß (auch beim Menschen) fast jede der Millionen und Milliarden von Zellen in ihrem Kern über das gesamte "Erbgut" verfügt. Die "Differenzierung" der einzelnen Gewebe und Organe beruht - wie man heute weiß - auf einem vom Konstruktionsstandpunkt aus gesehen recht kuriosen Vorgang. In jeder der so mannigfach spezialisierten Zellen ist gleichsam ein Teil des genetischen Rezeptes "stillgelegt". In den Nervenzellen wirkt bloß jener Abschnitt, der eben für Nervenzellen gilt; innerhalb eines Muskels oder Knochens nur eben der für Muskeln oder Knochen zuständige Teil.
Grob verglichen ist das so, als würde beim Bau eines Betriebes jedem Beteiligten ein Gesamtplan mit sämtlichen Anweisungen in die Hand gedrückt, in dem alle Befehle, die nicht für ihn gelten, ausgekreuzt sind.
Das erstaunlichste dabei ist, daß auch diese Blockierung - notwendigerweise - vom Erbrezept aus gesteuert sein muß. Diese endlosen Molekülfäden, die in Doppelfunktion Rezept und steuernde Instanz zugleich sind, bewirken - wo ihre Befehle nicht passen - ihre eigene Blockierung.
Bei allen Organismen, die keine Eigenbewegung benötigen (hauptsächlich also bei den Pflanzen), genügte diese Lösung einer extremen Dezentralisation. Jeder der Teile - ist er erst differenziert - arbeitet weitgehend unabhängig. Von der Pflanze sagte Goethe, sie sei "nur im Augenblick Individuum, wenn sie sich als Samenkorn von der Mutterpflanze loslöst". Bereits im Verfolg des Keimens sei sie "ein Vielfaches". Das mag nach den heutigen Forschungsergebnissen etwas zu kraß ausgedrückt erscheinen - denn ein langsames Kommunikationssystem über Stofftransport und Diffusion dürfte doch alle Teile zumindest lose verknüpfen. Im Hinblick auf den Unterschied zum typischen Tier trifft es aber doch das Wesentliche.
Aber auch das Zentralnervensystem der Tiere ist weniger zentralisiert, als viele glauben. Jede angeborene Verhaltenssteuerung ("Instinkt") hat eine Art
(Originalbuchseite 234)
von Eigenleben - Lorenz verglich ihr Zusammenwirken mit einem "Parlament". In diesem melden sich gleichsam die verschiedenen Steuerungsträger "zu Wort", wetteifern darum, abwechselnd oder gemeinsam die Steuerung des Körpers zu übernehmen. In sehr aufschlußreichen Experimenten (und nicht zuletzt durch künstliche Gehirnreizungen) gelang es, diese höchst föderative Situation recht genau zu erkennen. Eine "oberste Leistungsspitze" ist auch bei höchsten Tieren noch nicht vorhanden.
Erst beim Menschen trat eine solche hinzu - nach meinem Dafürhalten durch die Bildung (oder stärkere Entfaltung) unseres Wirkungsträgers "Phantasie". Erst der ichbewußte Mensch verfügt über eine sich auf Erfahrung und Überlegungen stützende zentrale Instanz. Daß deren Macht allerdings nicht allzu groß ist, dürfte wohl jeder aus eigener Erfahrung wissen.
Angeborene Steuerungsstrukturen haben auch bei uns nach wie vor einen gewichtigen Sitz im Parlament unserer Entschlüsse. Die "Triebe" sowie angeborene Reaktionsnormen üben starke Einflüsse aus. Weit seltener, als der einzelne es sich wahrscheinlich eingesteht, ist unser "Wille" wirklich frei - im Sinne von emotionsunabhängigen, auf nüchterner Erfahrung basierenden Entscheidungen.
Aber noch in anderer Hinsicht sind unsere Steuerungen dezentralisiert. Lernen wir eine Tätigkeit - Schreiben, Autofahren, Klavierspielen -, dann geschieht das zunächst bei voller "Aufmerksamkeit" (deren wir nur eine haben). Das heißt: der innere Projektionsschirm wird für diesen Lernvorgang eingesetzt. Haben wir dann aber die neue Fertigkeit erworben, übernehmen untergeordnete Zentren (auf Grund der so gebildeten Rezepte) diese Aufgabe. Der erwachsene Mensch muß längst nicht mehr bewußt jeden seiner Schritte lenken. "Ganz von selbst" bewegen sich unsere Beine so, daß wir auf der Straße anderen ausweichen, Hindernisse überwinden, Stiegen steigen. Der geübte Autofahrer denkt nicht mehr an Gasgeben, Bremsen, Schalten - er kann gleichzeitig an ganz anderes denken, sich über etwas ganz anderes unterhalten. Der Pianist spielt Hunderte von Tönen in der Minute - aber seine Aufmerksamkeit gilt nicht mehr jedem einzelnen Finger.
Auf dem inneren Frontabschnitt "Koordination" bietet sich beim Menschen ein recht komplexes Bild. Von der Steuerung durch unser genetisches Rezept, das in jeder einzelnen Zelle wirksam ist, dringt nicht das geringste in unser Bewußtsein - in unser Ich. Ebenso spielt sich auch in unserer Verhaltenssteuerung vieles unterhalb der Grenze dieses Bewußtseins ab - erfolgt dezentralisiert, "ganz von selbst". Und sogar in der eigentlichen Steuerungszentrale kommt es zu vielen Entscheidungen, die das Ich nicht wirklich kontrolliert. Wie in einem Parlament bemühen sich dort - im "Unterbewußtsein" - angeborene und erworbene Steuerungsmechanismen (letzteres sind vor allem die "Gewohnheiten", die uns ebenso mächtig drängen können wie die Triebe) ums Wort. Sie beeinflussen, ja lenken nicht selten das Oberhaupt "Wille", verhindern eine auf Erfahrungen basierende "Vernunft".
(Originalbuchseite 235)
In den Betrieben ist perfekte Zentralisation möglich geworden, hat sich jedoch als schädlich erwiesen, da sie die Initiative der Mitarbeiter lähmt. Ein gewisses Maß an "dispositiver Freiheit" hat sich hier als förderlich gezeigt. Bei den besonders erfolgreichen Großbetrieben der USA gilt die Parole: "Ziele zentralisieren, Entscheidungen dezentralisieren." Besonders wenn etwa Filialen über die ganze Welt verstreut sind, erwies es sich als besser, "wenn sich die Entscheidungsgewalt möglichst nahe am Schauplatz des Geschehens befindet".10
Im Staat führt allzu starke Zentralisation ebenfalls zu einer Stagnierung und zu einem Überwuchern von Bürokratie. Der Gewaltstaat braucht Zentralisation, denn er ist auf laufende Kontrollen angewiesen. Ebenso muß in Kriegs- oder Notzeiten jeder Staat straffer, zentralisierter gelenkt werden. In Friedenszeit und bei echter Demokratie hat dagegen Dezentralisation manchen Vorteil. In ihrem mehr flexiblen Rahmen können sich verschiedenartige Bestrebungen entfalten - das ist manchmal eine Gefahr für das Gemeinwesen, gleichzeitig aber auch eine wichtige Quelle für den Fortschritt.
Auch die zusätzlichen Einheiten, die der innere Frontabschnitt "Koordination" den Energonen aufzwingt, sind somit äußerlich sehr verschiedenartig. Zu ihnen gehören auch die kompliziertesten und differenziertesten Strukturen, die überhaupt je von Energonen hervorgebracht wurden.
In der Erwerbsperiode benötigen nur manche Wirkungsträger eine Bewegungssteuerung - in der Aufbauperiode dagegen alle. Das zeigt der Aufbau jedes künstlichen Organs und jedes Organismus.
Bauen wir ein Haus, dann erfordert das Legen jedes Ziegels, jedes Rohres, jeder Täfelung ebenso Koordination wie jeder Spatenstich, jeder Materialtransport, jede Montage. Beim "Aufbau" der Organismen, ihrer "Ontogenese", ist es nicht anders. Nur durch entsprechende Koordination der einzelnen Zellteilungen und Differenzierungen können Knochen, Blätter, Blutgefäße, kann ein Zentralnervensystem entstehen.
Wie wir heute wissen, gibt es bei der Entwicklung der Tiere zwei verschiedene "Techniken". Solche mit "Mosaikkeimen" - etwa Insekten, Weichtiere, Manteltiere - haben einen straff zentralisierten Aufbauvorgang. Die aus der Keimzelle hervorwachsenden Strukturen sind gleich von Anbeginn stark eingeengt, können nur noch ganz bestimmte Organe bilden. Bei Tieren mit "Regulationskeimen" - etwa Stachelhäuter und Amphibien - bewahren dagegen die Zellbe-
(Originalbuchseite 236)
zirke mehr Selbständigkeit, mehr "Potenz". Ähnlich wie bei den Pflanze n kann hier auch noch aus einzelnen Zellen - wenn man sie abtrennt - der ganze Körper entstehen. Ihre Aufbauweise ist somit mehr "föderativ".
Daß auch bei den Wirkungsträgern der Koordination sowohl der Aufbau als auch die Tätigkeit möglichst billig, möglichst präzise und möglichst schnell erfolgen soll, versteht sich von selbst. Hier hat der Wertmaßstab Schnelligkeit wieder größeren Einfluß auf den Konkurrenzwert. Auch hier ist die Situation in den Erwerbsphasen, in den Ruhephasen und in den Stilliegephasen eine grundsätzlich andere - also müssen diese gesondert beurteilt werden. Auch dieser "Sektor" liefert somit - ebenso wie der Sektor "Bindung" - zwölf weitere für die Beurteilung der Konkurrenzfähigkeit relevante Werte.
Jeder Wirkungsträger muß an sein Energon gebunden
sein, viele Wirkungsträger müssen in ihrer aktiven Funktionserfüllung
auch koordiniert sein. Darüber hinaus ist noch eine andere, weit komplexere
Wechselwirkung von eminenter Wichtigkeit.
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Anmerkungen:
1 Eine Übersicht
über die Definitionen des Begriffes "Seele" gebe ich in Anhang I.
2 Das Wort
"Verbindung" vermeide ich mit Absicht. Im sehr ungenauen Sprachgebrauch
werden damit zwei Gruppen von Erscheinungen bezeichnet, die von der Energontheorie
her getrennt werden müssen. Sagt man, zwei Ziegel werden durch Mörtel
"verbunden" - dann meint man das Aneinanderfesseln materieller Körper.
Sagt man dagegen, eine telephonische "Verbindung" ist hergestellt,
dann geht es darum, energetische Vorgänge zu verknüpfen: hin
und her eilende Worte - also sich in der Dimension Zeit manifestierende
Phänomene. Das aber sind funktionell völlig verschiedene Aufgaben.
Deshalb spreche ich beim ersten Problemkreis von "Bindung", beim zweiten
(da hier kein passendes deutsches Wort existiert) von "Koordination".
3 Die
in einem Betrieb befindliche Luft als "Produktionsmittel" zu betrachten,
weil sie für Verständigung nötig ist, mag dem Wirtschaftler
überflüssig und abwegig vorkommen. Diese Ansicht wird sich jedoch
ändern, wenn auf dem Mond der erste Betrieb errichtet wird. Da dieser
keine Atmosphäre hat, ist dort eine Verständigung über Lautsignale
nicht möglich. Ein zusätzlicher Aufwand - etwa für eine
Verständigung über elektromagnetische Wellen - wird dann nötig,
um ein fehlendes Produktionsmittel zu ersetzen.
4 Die Bezeichnung
"Information" für das in "bit" Gemessene ist mit Recht sehr umstritten,
da sich der kybernetische Begriff vom Sprachgebrauch des Wortes "lnformation"
grundlegend unterscheidet. Die Verwendung dieses Begriffes ohne genaue
Kenntnis der von C. Shannon mathematisch formulierten Grundlage
ist deshalb gefährlich und hat schon zu vielen Mißverständnissen
geführt. Eine anschauliche Kritik gibt B. Hassenstein in seiner Schrift
"Was ist Information?" in "Naturwissenschaft und Medizin", Mannheim 1966.
5 Richtiger
wäre es, sie AEM zu nennen - "angeborene erkennende Mechanismen".
Denn nicht das "Auslösen", sondern das "Erkennen" ist die besondere
und schwierige Leistung dieser Wirkungsträger. "Erkennen" darf dann
freilich nicht im Sinne bewußter Vorgänge verstanden werden,
sondern ganz allgemein im Sinne einer datenverarbeitenden (datenintegrierenden)
Leistung. Diese neutrale Bedeutung ist auch gemeint, wenn man in der
Verhaltensforschung häufig von "angeborenem Erkennen" spricht.
6 Auf die
Bedeutung der "Antriebsmechanismen" (Triebe), die dieses Wechselspiel durch
Schaffung verschiedener "Gestimmtheiten" ebenfalls beeinflussen, komme
ich in Teil 4, Kapitel II zurück.
7 Nach dem
heutigen Forschungsstand gibt es ein Kurzzeitgedächtnis ("Fluoreszenzgedächtnis")
und ein Langzeitgedächtnis. Hier ist von letzerem die Rede.
8 Plenges
im Motto gegebene Abänderung Cogito ergo sumus - Ich denke, daher
sind wir - präzisiert die Stellung des Menschen noch genauer. Plenge
fügt hinzu. "Denn ich könnte nicht denken, wenn nicht Wir, die
menschliche Gesellschaft, Sprache und Denkform geschaffen hätten."
("Drei Vorlesungen über die allgemeine Organisationslehre", Essen
1919, S. 39.)
9 Auf diese
Thematik bin ich bereits in "Wir Menschen" eingegangen. Wien 1968, S. 125
f.
10 0.
G, dEstaing, "La décentralisation des pouvoirs dans lentreprise".