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BINDUNG

 

Ein Mensch, der kein Eigentum erwerben darf, kann auch kein anderes Interesse haben, als so viel wie möglich zu essen und so wenig wie möglich zu arbeiten.
Adam Stimm (1776)
 
Die Freundschaft, die der Wein gemacht, Wirkt, wie der Wein, nur eine Nacht.
Friedrich Logau (um 1638)
 
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Die Überzeugung, daß Strukturen wie etwa eine Eidechse oder ein Goldschmiedebetrieb etwas grundsätzlich Unvergleichbares sind, ist im menschlichen Denken so tief verwurzelt, daß sie nur - wenn überhaupt - durch eine große Zahl von Argumenten erschüttert werden kann. Nicht minder schwierig ist es, die gleichsam im Mark unserer Selbsteinschätzung verankerte Überzeugung, daß wir ein freier Endpunkt und Gottesliebling sind, zu erschüttern.

Wir sprachen bisher von den "äußeren Fronten", denen sämtliche Energone - wie auch immer sie sich unseren Sinnen darbieten mögen - gegenüberstehen, mit denen sie sich "auseinandersetzen müssen". Durch sie wird ihre evolutionäre Gestaltung in erster Linie gesteuert. Jedes Energon hat aber auch noch "innere Fronten", mit denen es sich ebenfalls auseinandersetzen muß, die ihm ebenfalls Wirkungsträger und Anstrengungen aufzwingen. So läßt sich im Körper der höheren Tiere das Blutgefäßsystem weder als Anpassung an die Energie- und Stoffquellen noch als solche an störende oder fördernde Umweltbedingungen verstehen. Der Umstand, der diesen Wirkungsträger, diesen Aufwand nötig macht, liegt anderswo. Er liegt in den Energonen selbst. In Betrieben gilt das gleiche für die Kantine, die Buchhaltung, die Reparaturabteilungen. Auch diese Einheiten sind nicht direkt und unmittelbar durch die Art der Erwerbsquellen oder durch sonstige Umweltbedingungen diktiert - vielmehr finden wir solche funktionelle Einheiten bei Energonen höchst verschiedener Erwerbsart und in höchst verschiedener Umweltsituation. Sie sind gleichsam funktionelle Antworten auf Probleme, die im Inneren sehr vieler Energone - sekundär - auftreten.

Eine klare Trennlinie zwischen dem Aufwand, den die Außenfronten verursa-

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chen, und dem, der durch die Innenfronten nötig wird, läßt sich - das sei schon hier hervorgehoben - nicht immer ziehen. Durch Doppelfunktion und Funktionserweiterung gibt es auch hier mannigfache Überschneidungen. Funktionell - und begrifflich - sind die Innenfronten aber trotzdem sauber abgrenzbar und Phänomene für sich. Bei jeder meßbaren Formulierung der Konkurrenzfähigkeit müssen die von ihnen gelieferten Werte gesondert berücksichtigt werden.

 
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Der erste "innere Frontabschnitt" erscheint - nach dem gewohnten Denken - als etwas äußerst Nebensächliches und Banales, kaum der Beachtung und der Rede wert. In den Lehrbüchern der Zoologie und Botanik wird er kaum erwähnt. Er ist aber trotzdem von weittragender Bedeutung. Wenn unsere Welt heute am Abgrund einer möglichen Selbstzerstörung steht - hier das kommunistische, dort das westliche Lager, beide mit Atomwaffen und Fernraketen bewaffnet -, dann hat dies in diesem bisher so vernachlässigten Faktor seine letzte Wurzel.

Ich nenne diesen Faktor "Bindung". Er stellt eine im Inneren auftretende Forderung dar, die bei jedem Energon erfüllt sein muß. Jeder Wirkungsträger muß irgendwie an das Energon, zu dem es gehört, gefesselt sein. Ganz allgemein gilt: Was ohne jede Bindung an ein Energon ist, kann nur im Ausnahmsfall Wirkungsträger dieses Energons sein.

Bei Pflanze und Tier ist von Anbeginn kein Teil für sich, alles ist hier fest miteinander verwachsen. Das verleitet zur Annahme, daß hier kein Problem vorliege.

Es ist jedoch durchaus keine Selbstverständlichkeit, daß jede Zelle an der anderen haftet - sondern das ist eine Leistung, die Kosten verursacht. Bei den tierischen Zellen sind es die Tonofibrillen, die die Zellwände aneinander binden, bei den pflanzlichen die aus Pektin bestehenden Zwischenlamellen. Könnte man die Gesamtkosten dieser Einrichtungen bei den Vielzellern berechnen, dann ergäbe das bestimmt einen beachtlichen Wert. Dazu kommen Bindegewebe, Bänder und Häute, die verschiedene Organe zusammenhalten. Bei den Tieren haben die Knochen und die Außenpanzer, bei den Pflanzen die verholzten Stamm- und Astteile nicht nur Stütz-, sondern auch Bindefunktion. Dadurch, daß einzelne Gewebe und Organe an sie gekettet sind, sind diese auch untereinander fester verbunden. Wie stark im Einzelfall die bindenden Einrichtungen sein müssen, hängt von der Erwerbsart und den Umweltbedingungen ab. Je mehr Beanspruchungen ein Körper aushalten muß, um so stärker müssen - notwendigerweise - auch die Bindungen sein, damit er nicht auseinanderreißt.

In Gewebekulturen kann man Herz-, Nieren- oder Nervenzellen isoliert am Leben halten, dann benehmen sie sich wie selbständige Einzeller, die amöbenhaft

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umherkriechen. Man kann dann beobachten, wie sie Bindungen eingehen, die Eigenbeweglichkeit wieder aufgeben und in einem Gewebe erstarren. Noch deutlicher zeigt sich dieser Vorgang bei den Myxamöben. Diese Einzeller leben zunächst völlig unabhängig und vereinigen sich dann zu einem vielzelligen Körper: zu einer pilzartigen Sporenkapsel, die der Verbreitung dieser Art dient. Jeder solche Vorgang setzt Bindungen als besondere Leistung der beteiligten Zellen voraus.

Daß es jedoch mit der rein mechanischen Bindung nicht getan ist, zeigen die Krebszellen. Sie sind nach wie vor mit dem Körper fest verbunden - und sind doch nicht mehr wirklich seine Teile, seine Wirkungsträger. Sie benehmen sich wie selbständige Organismen, ähnlich wie in den Körper eingedrungene Parasiten. Zur mechanischen Bindung kommt somit - bei allen Zellvereinigungen - noch eine weitere, komplizierte Bindungsform. Was hier letztlich die Bindung darstellt, sind Wirkungsbereitschaften.1 Das zeigt sich auch bei den vom Menschen aufgebauten Energonen. Der Buchhalter, der Geld unterschlägt, der Verräter, der im stillen für den Feind arbeitet, mögen formell fest an ihre Verbände gebunden erscheinen. De facto sind sie aber nicht dessen Wirkungsträger.

Schließlich muß bedacht sein, daß nicht nur alle Wirkungsträger an ihr Energon gebunden sein müssen - auch sie selbst bestehen aus Teilen, zwischen denen Bindungen nötig sind. Auch im Inneren einer Zelle oder eines Organells (Zell-Organs) bleibt nicht ganz von selbst alles an seinem funktionellen Platz.

Welche grundsätzlichen Arten von Bindung gibt es nun, wie sehen sie aus? Bei den künstlichen Organen des Menschen läßt sich das am besten verfolgen. Hier werden ja die Teile gesondert angefertigt und dann erst miteinander verbunden. Hier läßt sich auch genau angeben, welche Kosten der Faktor "Bindung" verursacht.

 
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Wie die als Bindemittel fungierenden Wirkungsträger im einzelnen beschaffen sein müssen, ergibt sich in erster Linie aus der Art der aneinander zu bindenden Einheiten.

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Stoffgewebe lassen sich nicht durch eine Schweißnaht verbinden, Seile kaum durch eine Schraube, Metallplatten nie durch einen Knoten. Material, Form und Größe jeder bindenden Einheit wird somit durch Material, Form und Größe der aneinander zu fesselnden Wirkungsträger diktiert. Steine werden durch Mörtel gebunden, Holzteile durch Schrauben oder Leim, Drähte durch Klammern oder Lötmetall. Ebenso diktiert auch die Funktion der zu bindenden Einheiten die notwendige Gestalt der Bindemittel. Gegeneinander bewegliche Stangen oder Knochen müssen durch elastische Bänder oder Federn zusammengehalten werden. Bei Wirkungsträgern, die sich drehen oder ineinander verschieben, sind entsprechende Gelenke oder Lager notwendig.

Bei den Berufskörpern spielen fakultative Bindungen, die zeitweise gelöst werden können, eine wichtige Rolle. Der Wirkungsträger par excellence für diesen Zweck ist die menschliche Hand. Mit ihrer Hilfe binden wir Werkzeuge zeitweise an uns, bedienen wir Maschinen über Hebel und Schalter. Alle Werkzeuggriffe und Druckknöpfe, aber auch Klinken und Riegel an Fenstern und Türen sind Anpassungen an dieses uns naturgegebene Organ. In Funktionserweiterung übt es auch Bindungsfunktion aus.

Bedeutsam ist die Frage, wie die künstlichen Organe, wenn der Mensch sie gerade nicht verwendet, an ihren Wirkungsträger gefesselt bleiben. Wie schon ausgeführt (S. 49), ist "Ordnung halten" eine dazu dienende Funktion. Nur was in tatsächlicher Verfügbarkeit ist, ist wirklich an uns gebunden. In diesem Sinn übt auch das Zentralnervensystem - genauer: das Gehirn und dessen Untereinheit Erinnerung - Bindungsfunktion aus.

Zu verhindern, daß Teile durch räuberische Energone oder störende Umwelteinflüsse abhanden komme, fällt in die Kompetenz der bereits besprochenen Front "Abwehr". Hier ist bloß festzuhalten, daß sich diese Funktion vielfach in einer Verstärkung der bindenden Wirkungsträger äußert.

Die Sanktionierung von Besitz und Eigentum durch das Gemeinschaftsorgan Staat (Rechtsordnung) übt ebenfalls einen Schutz der zwischen dem Menschen und seinen künstlichen Organen bestehenden Bindungen aus. Ein bereits 1790 v.Chr. von König Hammurabi in Babylon erlassenes Gesetz geht noch um ein Stück weiter: "Wird ein Räuber nicht gefangen, dann soll der Beraubte vor Gott feierlich erklären, was er verloren hat. Die Stadt und der Gouverneur, in dessen Gebiet der Raub stattfand, soll ihm daraufhin das Geraubte ersetzen." Der Staat wird hier - ähnlich den heutigen Versicherungsgesellschaften - zu einem Gemeinschaftsorgan, das bei gewaltsam zerrissener Bindung eine neue zu einem funktionsgleichen Wirkungsträger herstellt.

Ist schon dieser Vorgang in der Evolution neu - wenn man von Hilfsleistungen der vielzelligen Körper an beschädigte Gewebe und Zellen absieht -, so stellt die vom Staat sanktionierte Vererbung von Eigentum einen noch bedeutsameren Fortschritt dar. Der Keimzelle Mensch wird so ermöglicht, darüber zu bestim-

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Abbildung 27: Hauptstufen der Bindung und der Koordination

a) Einfache Bindung zweier Einheiten (A, B) durch einen bindenden Wirkungsträger (x). Beispiel: Nagel, Leim, Schweißnaht, Vertrag. - Indirekte Bindung über eine dritte Einheit (C), an welche die zu bindenden Einheiten gebunden sind. Dadurch werden sie auch aneinander gebunden. Beispiele: Bindung von Körperteilen an die Wirbelsäule, Befestigung von Maschinen auf einer gemeinsamen Basis, Bindung der Soldaten an den Feldherrn. - Innerhalb eines raum-zeitlichen Bereiches wird ein Bindungsfeld geschaffen, das die zu bindenden Einheiten umschließt. Beispiele: die durch die Zellhaut zusammengehaltenen Zellbestandteile, Pakete in einer Einkaufstasche, Staatsbürger innerhalb der Staatsgrenzen (hier sind es Verfassung und Gesetze, die ein begrenztes Bindungsfeld schaffen).

b) Einfache Koordination der Tätigkeiten zweier Einheiten (A und B) durch ein koordinierendes Signal. Beispiel: zwei Arbeiter, die über akustische oder optische Signale ihre gemeinsame Tätigkeit abstimmen. - Indirekte Koordination über eine dritte Einheit (C), die den zu koordinierenden Einheiten entsprechende Signale gibt (x, y). Dadurch wird ihre Tätigkeit koordiniert. Beispiel: Gehirn, das an verschiedene Muskeln Befehle erteilt, Koordinierung von Arbeitern durch einen Werkmeister, Koordinierung maschineller Tätigkeiten durch einen Computer. - Innerhalb eines raum-zeitlichen Bereiches wird ein Koordinationsfeld geschaffen. Beispiele: die über den Körper eines Vielzellers verteilte Koordinationsvorschrift durch die in jeder Zelle befindlichen genetischen Befehlsstellen, Koordination von Menschen über Radio, Koordination von Betriebsabläufen durch einen gedruckten Koordinationsplan, von innerstaatlichen Vorgängen durch überall veröffentlichte Gesetze.

Zu beachten ist die höchst verwandte Situation bei räumlicher Problematik (Bindung) und zeitlicher Problematik (Koordination). In Funktionserweiterung und Funktionspartnerschaft können auch Wirkungsträger der Bindung Koordinationsfunktion übernehmen und umgekehrt. Beispiele: der Draht, der den Hörer mit dem Telephonkasten verbindet, dient sowohl der Bindung als auch der Koordination. Die Bindung der Staatsbürger an das Staatsgebiet sowie, etwa im Kriegsfall, an die Befehlsstellen erfolgt nötigenfalls durch Polizei: also über den Weg koordinierter Abläufe.

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men, was nach ihrem Tod mit den an sie gebundenen künstlichen Organen zu geschehen hat - an welche anderen Menschen oder andere Energone sie nach dem eigenen Ableben gebunden sein sollen. Ein nicht geringer Teil der Zivilgesetzgebung beschäftigt sich mit Fragen der Bindung. Durch besondere Formalitäten werden solche geschaffen, geschützt - und übertragen. Auch jeder Kauf stellt eine staatlich sanktionierte Übertragung einer Bindung dar.

Lebt ein Mensch völlig allein, dann kann er die Bindung seiner künstlichen Organe vermittels seiner Hände und seines Erinnerungsvermögens sowie durch "Ordnung halten" und Verteidigung gegen Naturgewalten allein bewerkstelligen. In Nachbarschaft anderer Menschen benötigt er dagegen für diese Funktion einen zusätzlichen Wirkungsträger: eben das Gemeinschaftsorgan "Staat".

 

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Besondere Probleme der Bindung ergeben sich, wenn der Mensch andere Lebewesen zu seinen künstlichen Organen macht.

Wir stoßen hier auf wohlbekannte Erscheinungen: Den Haustieren wird ein Zaumzeug umgelegt, um sie an den Wagen zu ketten. Sie werden durch Ställe und Zäune an der Flucht gehindert. Sie werden mit einem Seil an einem Pfosten festgemacht. Wächter hüten Herden. In allen Fällen handelt es sich um Wirkungsträger der Bindung.

Ähnliche Wächter hüteten auch die menschlichen Sklaven. Darüber hinaus schützte fast jede Staatsgewalt dieses Eigentum - schützte die Bindung an den "Herren", verhinderte ein Entweichen. Bei Unterwerfung ganzer Staaten, von denen dann Tribut erpreßt wurde, sorgte eine militärische Besatzung dafür, daß das Band nicht riß, sorgte also für Aufrechterhaltung der Funktionswilligkeit. Der unterworfene Staat wurde in diesem Fall in seiner Gesamtheit zu einer Melkkuh, zu einem Erwerbsorgan, das gewaltsam festgebunden sein mußte.

Auch im Zwangsstaat sorgen Wächter - Armee, politische Polizei - für die Aufrechterhaltung der Funktionswilligkeit der Bürger. Hier sind wir der Problematik der Krebszellen bereits sehr nahe. Auch im Körper der vielzelligen Organismen muß nicht bloß eine Instanz vorhanden sein, die den einzelnen Teilen ihre jeweilige Funktion vorschreibt, sondern auch Wächter, die für die Aufrechterhaltung der Funktionswilligkeit sorgen. Die das Verhalten vorschreibende Instanz kennen wir heute: es ist das in jeder Zelle enthaltene genetische Rezept. Über die Wächter und Kontrollen wissen wir dagegen noch wenig. Wüßten wir mehr, dann wäre wahrscheinlich das Phänomen der Krebszellen - die ja diese Bindung abschütteln - bereits gelöst.

Weit interessanter jedoch als diese gewaltsamen Bindungen sind andere, deren

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Werdegang sich in der Tierentwicklung verfolgen läßt. Wir kommen hier zu den Phänomenen der Bindung der Jungen an die Eltern, der sexuellen Bindung, der Gruppenbindung. Wir kommen über diesen Weg auch zu den für uns bedeutsamen Phänomenen der "Liebe", "Freundschaft" und des "Patriotismus".2

Die Bindung von Jungtieren an ihre Eltern gibt es nur bei Arten mit Brutpflege: sie beruht auf angeborenen Verhaltensrezepten. Bei Entenküken - so wurde experimentell festgestellt - wird in der dreizehnten bis sechzehnten Stunde nach ihrem Schlüpfen die "Nachfolgereaktion" festgelegt.3 Sehen sie in dieser Zeit ihre Mutter, dann folgen sie weiterhin dieser nach, sehen sie statt dessen einen Menschen oder einen Luftballon, dann folgen sie weiterhin - irreversibel - nur noch Menschen oder Luftballonen. Diesen Tieren ist also ein Instinkt zur "Bandbildung" angeboren. Mit wem jedoch das "Band" geschlossen wird, darüber entscheiden die Sinneseindrücke in einer ganz bestimmten Entwicklungsphase.

Auch sexuelle Bandbildungen - bei brutpflegenden Arten, die ehig zusammenleben - beruhen auf angeborenem Verhalten. Bei Graugänsen, die besonders lange und starke Bindungen eingehen, erfolgt diese über ein besonderes Verhaltenszeremoniell.4 Die Tiere sind dann, wie man in der Verhaltensforschung sagt, ineinander ",verklinkt". Sie sind wie durch ein unsichtbares Gummiband aneinander gefesselt.

Ebenso ist heute erwiesen, daß bei gruppenbildenden Tierarten der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Individuen über angeborene Reaktionen erfolgt. Termiten, Ratten, Wölfe, Schimpansen kämpfen für ihre jeweilige Gemeinschaft, ja opfern sich für diese auf.

Wesentliche Gründe sprechen dafür, daß auch manche Formen menschlicher "Bandbildung" instinktgesteuert sind. Wie jeder weiß, sind die Phänomene des Sichverliebens nicht Ergebnis unserer Intelligenz. Auch ethische Ideale dürften bei uns während der Pubertät prägungsartig festgelegt werden. Ideale, die ein Kind in dieser Zeit bildet, beeinflussen seine spätere Lebensanschauung wesentlich.5 Auch die Reaktion patriotischer Begeisterung, besonders vor Kriegsausbrüchen zu beobachten, dürfte - recht ähnlich wie bei manchen Tierarten - von angeborenen "Mechanismen" in unserem Zentralnervensystem beeinflußt sein.

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Dazu kommen beim Menschen Bindungen durch Gewohnheit:, gemeinsame Interessen und ähnliches.

Es gibt somit "Bänder", die durch angeborene oder erworbene Verhaltensweisen geschaffen werden. Versuchen wir auch diese vom Energonkonzept her zu beurteilen.

 
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Bei der Bindung des Entenkükens an seine Mutter - und ähnlichen Bandbildungen - ist es so, daß hier Lebewesen bei der Geburt noch nicht fertig und deshalb auf Brutschutz angewiesen sind. Für die betreffende Periode werden die Eltern zu ihrem "Schutzorgan": zum schützenden Wirkungsträger. Für das Jungtier ist es von großer Wichtigkeit, daß es dieses Organ nicht verliert, daß also das Band zu diesem erhalten bleibt. Das ist über Instinktvorgänge sichergestellt. Geht dem Küken die Mutter verloren, dann piept es auf Grund einer angeborenen Reaktion laut vernehmlich. Im Schutzorgan (der Mutter also) löst dies die ebenfalls angeborene Reaktion aus, selbständig nach dem Küken - also nach dem zu schützenden Energon - zu suchen. Läuft das Küken der Mutter nach, dann folgt es somit seinem eigenen Schutzorgan.

Noch kurioser erscheinen aus dieser Perspektive menschliche Bindungen: etwa die sexuelle Bindung. Sie ist - vom Erwerbsstandpunkt - vor allem für die Frau wichtig.

Ist der Mann der einzig verdienende Teil, dann ist er für die Frau - ihr Erwerbsorgan. Dieses nicht zu verlieren ist dann für sie das zentrale Problem. Irgendwie muß dieser Wirkungsträger - es sei denn, ein anderer wird gefunden - gefesselt bleiben. Genauer: seine Funktionsbereitschaft darf nicht verlorengehen. Welche Mittel setzt nun die Frau ein, um das zu erreichen?

Jede Frauenzeitschrift - aber auch Romane, Prozeßberichte usw. - geben genaue Schilderungen der hier angewandten teils drastischen, teils sehr subtilen Methoden. Zu ihnen gehören: Szenen, Drohung, gut Kochen, Verwöhnen, Eifersucht wecken, verständnisvoll sein, eigenwillig und undurchsichtig sein, Angst wecken, Selbstmordversuch usw. Zum Teil stammt solches Verhalten aus Erziehung und eigenen Intelligenzakten - ist dann also erworben. Sehr viel wird aber auch "instinktiv" eingesetzt - solche Verhaltenssteuerungen sind dann also angeborene Waffen der Frau. Vom Standpunkt der Energontheorie sind alle dafür zuständigen Rezepte Wirkungsträger der Bindung - und zwar der Bindung eines Erwerbsorganes an sein Energon.

Die Pflege der uns angenehmen Gefühle und damit auch unserer Liebes- und Freundschaftsbeziehungen fällt weitgehend in den "Luxusbereich" (Kulturbe-

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reich) und läßt sich mit ökonomischen Maßstäben nicht messen. Wo diese Verhaltensweisen jedoch innerhalb der Erwerbskörper eine funktionelle Rolle spielen, ist eine solche Bewertung doch berechtigt, ja angebracht. Leichter fällt sie bei dem ähnlichen, jedoch weniger mit Gefühlsmomenten belasteten Verhältnis zwischen Zuhälter und Dirne.

Hier wird die Frau zum Erwerbsorgan des Mannes. Wie bindet er diesen Wirkungsträger an sich?

Die Praxis zeigt, daß auch hier sowohl angeborene als auch erworbene Verhaltensrezepte mit im Spiel sind. Häufig macht der Zuhälter sein Mädchen erst in sich verliebt. Er schafft so ein möglichst festes, instinktverankertes Band. Dann wird der Widerstand gegen die Tätigkeit als Prostituierte auf die eine oder andere Art gebrochen: durch Überredung, Drohung, Belohnung, Zärtlichkeit, Alkohol, Schläge. Die Funktionsbereitschaft wird geschaffen. Die pure Gewalt bleibt dann weiterhin ein wichtiges Bindemittel. Es kann auch so vor sich gehen, daß eine Prostituierte sich freiwillig einem Zuhälter anschließt, um in dessen Schutz zu sein. Auch alle diese so verschiedenartigen Vorgänge und der Aufwand, den sie verursachen, gehören - im jeweiligen Energon - bilanzmäßig in die Rubrik "Bindung". Es sind Funktionen, die dieser innere Frontabschnitt notwendig macht.

Noch ein Beispiel für Bindung: die einer Räuberbande an ihren Hauptmann oder eines Volkes an einen Diktator. In beiden Fällen handelt es sich um Menschen, die eine entsprechende Zahl von anderen zu Bestandteilen ihrer Erwerbsstruktur und Willensentfaltung machen. Diese anderen müssen irgendwie aneinander und an die Leitperson gebunden sein, sonst zerfällt der Körper, stehen Räuberhauptmann und Diktator ihrer Erwerbsorgane beziehungsweise Machtstruktur entledigt da.

Finanzielle Bindungen - von denen wir gleich anschließend sprechen - spielen hier eine wichtige Rolle. Sehr wesentliche Bindemittel sind aber auch in diesem Fall angeborene oder erworbene Verhaltensrezepte.

Beim Räuberhauptmann kann es körperliche oder geistige Überlegenheit oder eine mitreißende Führerpersönlichkeit sein, die ihm zu "unbedingter Gefolgschaftstreue" verhelfen. Ähnliche Eigenschaften sind es auch beim Diktator. Er kann wohl viele Untergebene über Gewalt oder durch Entlohnung binden, doch soundso viele müssen ihm wirklich "ergeben" sein. Die angeborene Reaktion, sich dem Stärkeren, Überlegenen unterzuordnen - die auch bei rudelbildenden Tieren nachgewiesen ist -, spielt hier eine wichtige Rolle. Droht dem Erwerbskörper Zerfall, lockern sich die Bande, dann gibt es ein erprobtes Mittel, um diese zu festigen: den gemeinsamen Feind, die gemeinsame Gefährdung. Auch hier handelt es sich um ein auch bei Tieren nachweisbares Verhalten: um die "soziale Verteidigungsreaktion". Beim Menschen braucht der Feind gar nicht real zu sein, hier kann es genügen, in der Phantasie einen solchen hervorzuzaubern. Seit es die

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menschlichen Sprachen gibt, gibt es Demagogen, die dieses Kunstmittel anwenden. Auch auf solche Art können durch Aktivierung von Instinkten Bindungen verstärkt (oder geschaffen) werden.

Weitere Mittel zur Festigung der Gefolgschaftstreue - zur Verstärkung von "Patriotismus" und "Staatsbewußtsein" - sind Zeremonien, Hymnen, Paraden, Ehrungen. Die Wirkung ihres "Pathos" hat ebenso bindenden Charakter wie die gemeinsame Sprache, wie Sitten, Kunst, Lebensideale und nationale Erfolge. Auch die besonders starken religiösen Bindungen sind nicht selten zur Verstärkung der Bindung von Völkern an ihre Monarchen herangezogen worden.

Eine ungeheure Vielfalt der Erscheinungen erbringt somit die gleiche funktionelle Wirkung: Wirkungsträger an ihr Energon zu fesseln, Wirkungsbereitschaften zu erzeugen.

 
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Bei den menschlichen Erwerbskörpern, besonders bei den Betrieben, wurde Geld - genauer: Entlohnung - zum hauptsächlichen Bindungsmittel. Auch dafür gibt es schon bei den Pflanzen und Tieren Vorstufen.

Vom Problem der Bindung her stellt sich das Verhältnis Kirschbaum - Vogel so dar: Durch die Gabe der Frucht macht der Kirschbaum den Vogel vorübergehend zu seinem Wirkungsträger. Durch ein Energiequantum bindet er diese Einheit temporär an sich. Weder der Vogel noch der Kirschbaum "wissen" etwas davon. Aber de facto - vom Energiestandpunkt, von der Bilanz her - gehört der Vogel für soundso lange mit zum Wirkungskörper der Pflanze.

In ganz analoger Weise mietet der Unternehmer die Dienste seiner Angestellten vorübergehend oder "bis auf Kündigung". Mietpreis - wir sprechen von Honorar, Gehalt etc., doch faktisch ist es eine Miete - ist in diesem Fall die Universalanweisung auf menschliche Leistung "Geld". Damit gewinnt das Geld die Funktion eines Bindemittels.

Grundlage für jede Miete menschlicher Arbeitskraft ist ein Vertrag - sei dieser nun mündlich oder schriftlich. Die Sicherstellung der Einhaltung übernimmt im Falle schriftlicher oder sonst formal (etwa vor Zeugen) geschlossener Abmachungen der Staat durch das Zwangsmittel Rechtsordnung. Geld ist in diesem Fall das eigentliche Bindemittel. Der Staat wird zusätzlich zum Organ der Sicherung dafür, daß die vereinbarte Funktionsbereitschaft erhalten bleibt.

Auch bei allen sonstigen Wirkungsträgern eines Unternehmens (Werkzeugen, Maschinen, Anlagen) spielt Geld als Bindungsmittel indirekt eine wichtige Rolle. Der das Eigentum schützende Staat schützt nur solches, das im ordentlichen Tauschakt - in der Regel über Geld - erworben wurde. Sieht man die Dinge so,

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dann beruht jedes Eigentum und jede Miete - ob es sich um ein Ding oder eine Person handelt - auf einem Vertrag.6

Weitere Mittel, um solche durch Geld und Verträge bewirkten Bindungen noch zu verstärken, sind jedem Betriebswirt bekannt. Durch Kündigungsfrist, Konventionalstrafe, Vorschüsse, Kredite, Investivlohn versucht der Betrieb der Gefahr, daß ihm Wirkungsträger verlorengehen, entgegenzuwirken. Die menschlichen Erwerbsstrukturen sind hier weit schlechter daran als die Organismen, bei denen jedes Organ auf Gedeih und Verderb mit dem Gesamtkörper verwachsen ist. Sowohl bei den Pflanzen als auch bei den Tieren ist es ausgeschlossen, daß ein Organ zu einem anderen Organismus "hinüberwechselt". Bei den nichtverwachsenen Erwerbskörpern, die der Mensch aufbaut, ist das aber durchaus möglich. Angestellte können wegengagiert werden, wichtige Wirkungsträger können (sofern der Gemeinschaftswille, also Gesetze, dies nicht verhindern) im Handumdrehen zu solchen eines Konkurrenten werden. Die Bindungsfrage ist hier somit noch mehr akut.

Im Anfang der industriellen Entwicklung hatten Betriebe nicht selten ein Monopol hinsichtlich der Vergabe von Arbeitsplätzen. Sie konnten sich deshalb die besten Kräfte auswählen, konnten deren Löhne äußerst drücken. Der am Ort bestehende Mangel an Erwerbsmöglichkeiten wurde so zu einem Garanten für ein festes Band. Heute hat sich das Blatt gewendet. Die meisten Betriebe müssen beträchtliche Anstrengungen unternehmen, um gute Mitarbeiter für sich zu verpflichten und sich diese zu erhalten.

Der Betriebsangehörige wird umworben, man versucht, ihn durch ein angenehmes "Betriebsklima" zu binden. Eine gute und billige Kantine wird geboten, saubere und freundliche Arbeitsbedingungen, Betriebsveranstaltungen, Musikberieselung, Vergünstigungen, Freizeit, Betreuung der Familie, Rechtsbetreuung, Altersversorgung und anderes. Vom Energon her müssen auch diese Aufwendungen weitgehend dem Ausgabenkonto "Bindung" angelastet werden. So wie in jedem Staatsbudget Ausgaben enthalten sind, die letztlich dazu dienen, der jeweiligen Regierung die Funktionsbereitschaft der Staatsbürger zu erhalten, so müssen heute auch die meisten Betriebe wesentlich mehr tun, als bloß ihre Angestellten finanziell sicherzustellen.

Galbraith unterscheidet vier Motive, die Menschen dazu bewegen, ihre persönlichen Wünsche zurückzustellen und im Rahmen einer Gemeinschaft disziplinierte Arbeit zu verrichten. Das erste ist Angst vor Strafe, das zweite ist das Streben nach Geld. Das dritte nennt Galbraith "Identifizierung": Dem einzelnen kann es

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- ganz abgesehen vom Erwerbsvorteil - Befriedigung verschaffen, zu einem Wirkungsträger zu werden, in einer Aufgabe aufzugehen. Das vierte nennt er "Adaption"". In diesem Fall - das trifft besonders leitende Stellen - diene der einzelne der Organisation nicht, "weil er ihre Ziele über die eigenen stellt, sondern weil er hofft, sie auf diese Weise mit den eigenen Zielen besser in Einklang zu bringen". Er macht also die Organisation zum Wirkungsfeld des eigenen Willens.

Diese Unterteilung, die im Funktionellen wurzelt, hat ihre Berechtigung. Zu den ersten beiden Formen der Unterwerfung kommt es einerseits durch Gewalt, anderseits durch eine Tauschgabe ("Entlohnung"). Die beiden weiteren Motive wurzeln bereits im menschlichen Luxusstreben. In Fall drei und vier wird die Arbeit zusätzlich noch zu einer Quelle des Vergnügens. Bei der "Identifizierung"' ist es der soziale Trieb, sich einer Gemeinschaft einzuordnen, der angesprochen wird. Aus Lob und Anerkennung ersprießen dem Menschen positive Gefühle. Bei der "Adaption" wird ein weiterer angeborener Verhaltensmechanismus aktiviert: der beim Menschen stark ausgeprägte Aggressionstrieb. Er drängt zum Erringen von Führerstellen und belohnt durch die ebenfalls lustspendenden Erlebnisse individueller Befehlskraft und Machtentfaltung.

Der Betrieb - wie auch der Staat - hat somit verschiedene Möglichkeiten, die durch Geld und Verträge geschaffenen Bindungen zusätzlich durch Genußspenden zu verstärken. Diese belasten wohl die Bilanz als zusätzliche Ausgabe, führen aber durch entsprechend stärkere Bindungen zu einer Steigerung der Konkurrenzkraft.

Das gewaltsame Herabdrücken des "gerechten Lohnes" - auf Grund von Monopolstellungen innerhalb der kapitalistischen Staaten - führte zur Gegenbewegung des Kommunismus. Von der Energontheorie her stellt sich der Zusammenhang so dar: Macht und Notlage wurden ausgenutzt - eine "günstige Umweltsituation" also -, um für Bindung weniger auszugeben als normalerweise nötig.

Marx fiel keine bessere Abhilfe ein, als das Eigentum des Unternehmers an den Produktionsmitteln zu verdammen. Der Arbeiter müßte, so erklärte er, selbst anteilig Eigentümer der Betriebsmittel sein. Daraus ergab sich - folgerichtig - die gewaltsame Enteignung. Zum Eigentümer der Anlagen, Maschinen etc. - also der künstlichen Organe - wurde der die Arbeitsinteressen vertretende Staat. Dieser wurde dadurch zu einem kommerziellen Riesenbetrieb. Was Marx übersah - und das belastet die kommunistischen Länder bis heute -, war die funktionelle Bedeutung des Unternehmers und jene des Konkurrenzkampfes als Gratisinstrument zur Hochhaltung der Leistungen.

Indem die kommunistischen Staaten die Bindung von Betriebsmitteln an Einzelpersonen nicht gestatten, verhindern sie gewaltsam die Bildung von Energonen. Innerhalb des normalen Integrationssystems wird so eine ganze Schicht aus-

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radiert: die Privatunternehmen, die sich in den industrialisierten Ländern zwischen die Berufskörper und den Staat einschieben. Der Faktor Bindung ist somit der eigentliche Angelpunkt für die "weltanschauliche"' Kluft, welche unsere Welt heute in zwei große Lager spaltet.

Im kommunistischen Staat werden die Betriebe zu Organen - zu Wirkungsträgern. Das aber zieht nach sich, daß der Staat für sie sorgen und sie kontrollieren muß - eine sehr bedeutsame bilanzmäßige Mehrbelastung. Außerdem gehen so die aus dem natürlichen Erwerbsstreben hervorwachsenden Impulse und das Gratisregulativ der Auslese des Tüchtigeren durch den Konkurrenzkampf verloren. Daß die von Marx vorgeschlagene Lösung weder die einzig mögliche noch die beste war, hat sich inzwischen gezeigt. Das Ausnützen "günstiger Umweltsituationen" für billige Bindung wird heute durch die Interessenvertretungen der Arbeitnehmer (Gewerkschaften, staatliche Kontrolle) ebenfalls erreicht - weniger kostspielig für die Gesamtwirtschaft.

Zweifellos kann mancher Fortschritt durch eine gewaltsame Zentralregierung stärker und schneller vorangetrieben werden als in marktwirtschaftlichen Demokratien. Aber durch Verbot der Bindung, die wir "Eigentum an Produktionsmitteln" nennen, wird eine sehr wesentliche, für jede Volkswirtschaft wichtige Kraft erstickt. Ist das natürliche Gewinnstreben unterbunden, dann muß der einzelne sich weitgehend über "Identifizierung" und "Adaptionen" - im Sinne Galbraiths - befriedigen. Bei manchen Menschen mag das gelingen, bei sehr vielen jedoch gelingt das nicht. Ausgerechnet der menschliche Impuls zur individuellen Energonbildung - auf der die zweite Stufe der Evolution basiert - wird so weitgehend zum öffentlichen Feind gemacht.
 

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Damit sind die Phänomene und Probleme der Bindung nur eben grob angedeutet. Es gibt noch viele weitere.

So besteht etwa für den Konkurrenzwert ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen der Energongröße und den Kosten der notwendigen Bindungen. In der Wirtschaft zeigte sich, daß die Bindungsfunktion mit zunehmender Organisationsgröße schwieriger wird - daß also die durch sie verursachten Kosten unproportional anwachsen. Je mehr Untergebene, um so größer wird der notwendige Kontrollapparat, um sie zusammenzuhalten.7 Ähnliche Zusammenhänge spielen auch bei den tierischen und pflanzlichen Körpern eine Rolle.

Vielfach werden die Kosten der Bindung durch Doppelfunktion, Funktionser-

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weiterung und Nutzbarmachung von Fremdenergie vermindert. Dann üben Einheiten diese Funktion aus, die scheinbar im Dienst ganz anderer Funktionen stehen oder in der Bilanz überhaupt nicht in Erscheinung treten.

Ein Beispiel für eine Doppelfunktion ist die Schädelkapsel des Menschen und der übrigen Wirbeltiere, von der gemeinhin angenommen wird, daß sie das so lebenswichtige Gehirn gegen Störungen und Bedrohungen abschirmt. Das tut sie zweifellos, doch die Bindungsfunktion ist hier nicht minder wichtig. Da die Gehirnzellen auf Grund ihrer Funktion in einem besonders innigen Kontakt stehen müssen und die notwendige feste Bindung dieser Einheiten auf anderem Wege gar nicht möglich sein dürfte, wird die sie fest umschließende Kapsel zum technisch einzig möglichen Mittel, um ein Auseinanderreißen - auch schon bei schnellen Körperbewegungen - zu verhindern.

Ein Beispiel für das Einspannen von Fremdenergie für die Bindungsfunktion ist bei fast jeder menschlichen Erwerbsstruktur das Nutzbarmachen der auf unserem Planeten wirksamen Schwerkraft. Viele unserer Einrichtungen stehen auf Grund ihres "Eigengewichtes" am Ort fest, so daß sie dort nicht besonders festgemacht zu erden brauchen. Das erscheint selbstverständlich, ist es aber durchaus nicht - das wissen heute die Astronauten. Im schwerelosen Raum fällt "Gewicht" und die damit verbundene Bodenreibung als bilanzentlastende Hilfe weg. Was dort nicht festgemacht ist, kann sich bei Anstoß leicht auf die Wanderung machen.

Die Entstehung oder Verstärkung von Bindungen innerhalb von Tier- und Menschengemeinschaften durch das Auftreten von Feinden ist ebenso "ungewollt" wie jene durch die Schwerkraft. Für den Feind - etwa für den Räuber - ist diese Wirkung, die er ausübt, sogar äußerst ungünstig. Tatsache aber ist: er übt sie aus. Und der Politiker, der heute - wie in der gesamten Geschichte - die Vorstellung einer Bedrohung in fremden Gehirnen aufbaut, nützt Fremdwirkung ebenso aus wie jeder, der es dem "Eigengewicht" eines Körpers überläßt, fest an einem Ort stehenzubleiben.

Von der Bilanz her können alle Ausgaben, welche die Bindungsfunktion verursacht, in einer gemeinsamen Rubrik zusammengefaßt werden, denn sie beeinflussen das innere Wertgerüst in sehr ähnlicher Weise. Daß auch hier Kosten und Präzision dieser Wirkungen wichtige Kriterien sind, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Dagegen tritt das Kriterium Schnelligkeit an Bedeutung zurück. Nur bei den fakultativen Bindungen von künstlichen Organen ist Schnelligkeit - unter Umständen - für den Konkurrenzwert von Bedeutung.

Der Kritiker mag hier einwenden, daß sich gerade beim Faktor "Bindung" die praktische Unmöglichkeit der Berechnung des Konkurrenzwertes zeigt. Er mag sagen: Wenn Phänomene wie Instinkte, Gewohnheiten, Freundschaft etc. mit ins Spiel kommen, dann ist eine konkrete Messung nicht mehr möglich. Das stimmt im Einzelfall, im großen Durchschnitt jedoch nicht.

Es verhält sich hier ähnlich wie im anorganischen Bereich. Für das einzelne

(Originalbuchseite 217)

Atom ist die Wärmebewegung nicht bestimmbar - für eine Vielzahl von Atomen ergibt sich dagegen ein recht genauer statistischer Wert. In Betrieben hat sich das gleiche gezeigt. So ist etwa der Wert einer besseren Kantine, einer besseren Angestelltenbetreuung, einer freundschaftlichen Geschäftsverbindung empirisch durchaus abschätzbar. Uns persönlich erscheinen unsere Reaktionen und Gefühle wohl frei und variabel. Über längere Zeiträume hinweg werden sie jedoch zu einer recht genau fixierbaren Größe.

Auch sämtliche Wirkungsträger der Bindung sind evolutionär gesteuert, und zwar liegt hier eine doppelte Steuerung vor. Wie stark die Bindung zwischen zwei Wirkungsträgern sein muß, wird stets durch die Gesamtheit aller Umwelteinflüsse diktiert. Genauer: durch jenen Umwelteinfluß, der das Energon der stärksten Beanspruchung aussetzt. Bei Bäumen mag das Sturm oder Schneelast sein, bei den Tieren ist es oft die Art ihres Beuteerwerbs oder die Angriffsmethode ihrer Raubfeinde. Bei den Betrieben ist es vielfach die Wirksamkeit der Konkurrenz. Form, Größe und Material werden dagegen durch die Einheiten diktiert, die verknüpft werden müssen. Diese üben somit sekundäre Wirkungen aus. Wird etwa in Betrieben die gleiche Funktion hier durch einen Menschen und dort durch eine Maschine erbracht, dann zeigt sich, wie verschiedenartig die jeweils nötigen Bindemittel sind.

Sowohl die äußere als auch die innere Steuerung erfolgt über die natürliche oder intelligenzgesteuerte Auslese. Sind Bindungen zu schwach, dann kann der Typ sich nicht behaupten. Sind sie zu stark oder zu kostspielig, dann ist das ein überflüssiger Aufwand, der den Typ - im Konkurrenzkampf - ebenfalls schädigt und früher oder später zu seinem Ausscheiden führen kann.

Die zweite "innere Front" hat mit der eben besprochenen manche Ähnlichkeit. Geht es bei jeder Bindung um das Zusammenhalten von materiellen, also räumlichen Einheiten, so geht es beim nächsten Faktor um die Verknüpfung von Bewegungsvorgängen, also von zeitlichen Abläufen.
 
 

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Anmerkungen:

1 "Ein Rechtsverhältnis zwischen dem einzelnen Menschen und seinen Gliedern oder Organen ist undenkbar", schrieb Otto von Gierke. ("Das Wesen der menschlichen Verbände", 1902, S. 30.) Tatsächlich aber konstituiert das in den Zellen enthaltene Erbrezept eine "Verfassung", die sich durchaus mit den menschlichen Rechtsordnungen vergleichen läßt. Sie besteht nicht zwischen dem "Menschen" und seinen Organen, sondern zwischen den Wirkungsträgern, die insgesamt das sind, was wir "Mensch" nennen. So wie Kelsen in der Rechtsordnung ("einem System von Normen") das den Staat Konstituierende sah, so ist auch die "Rechtsordnung" Erbrezept das den individuellen Körper eines tierischen und pflanzlichen Organismus Konstituierende.
2 Einen interessanten Überblick über die bei Tieren auftretenden Formen der "Bandbildung" und die Frage, wieweit menschliche Bindungen auf ähnlichen oder gleichen Mechanismen beruhen, gibt I. Eibl-Eibesfeldt in seinem aufschlußreichen Buch "Liebe und Haß - Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen", München 1970.
3 E. R Hess, "Imprinting an Effect of Early Experience", in: "Science" 130, 1959, S. 133-141.
4 Einzelheiten gibt Konrad Lorenz in seinem lesenswerten Buch "Das sogenannte Böse", Wien 1966.
5 Auf Einzelheiten über das menschliche Triebverhalten komme ich in Teil 4, Kapitel II ausführlich zurück.
6 So sah auch Sombart die Zusammenhänge. Er schrieb: "Jedes technische Problem muß sich im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung in einen Vertragsabschluß auflösen lassen, auf dessen vorteilhafte Gestaltung alles Sinnen und Trachten des kapitalistischen Unternehmers gerichtet ist!" ("Der moderne Kapitalismus", München 1921, S. 321.)
7 M. Haire, "Modern Organization Theory", New York 1959, S. 302.