(Originalbuchseite 189)
VI
 
RÖSSER, DIE GEFÜTTERT WERDEN

 

Wozu hätten wir Freunde nötig, wenn wir sie nicht nötig hätten?
W. Shakespeare ("Thimon von Athen", 1607)
 
"Mein Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den und versäumt es nicht."
Sokrates' letzte Worte (399 v. Chr.)
 
1

In den USA vollzieht sich ein Prozeß, der die dortigen Mammutbetriebe mehr und mehr zu Bestandteilen der Staatsstruktur werden läßt.

Den klassischen Unternehmerbetrieben wuchs ihr Werk über den Kopf. Ebenso verloren die Aktionäre ihren Einfluß auf diese mächtigen Erwerbsgebilde. Die Aufgaben der Steuerung sind heute so kompliziert, daß das Management zur obersten Betriebszentrale geworden ist. Aber auch dieses ist nicht mehr der eigentliche Leiter. Die wirklichen Entscheidungen liegen in diesem hierarchischen System noch "ein Stück weiter unten": bei den Planern, Technikern und anderen Spezialisten. In diesen Riesenbetrieben (es gibt deren etwa 300, deren Umsatz mehr als die Hälfte des gesamten Wirtschaftsumsatzes in den USA ausmacht) bildete sich ein Rückgrat, das die tatsächliche Steuerung ausübt. Galbraith taufte es "Technostruktur".1

Dieses Gebilde - ich folge hier seinen Ausführungen - löste sich von der bisherigen Kontrolle, wurde zu einer sich selbst steuernden Oligarchie. Seine Interessen sind nicht mehr mit jenen der Aktionäre identisch. Die Dividenden werden in einem vernünftigen Rahmen gehalten, zum eigentlichen Ziel wird aber das Anwachsen der Erwerbsstruktur. Die Zuwachsrate ist entscheidend. Sie bedeutet für jeden Angehörigen der Technostruktur mehr Verantwortung, mehr Aufstiegschancen. Der technologische Fortschritt wird gefördert, der Markt wird gesteuert, Risiken werden vermieden.

(Originalbuchseite 190)

Der wichtigste und größte Kunde ist der Staat. 55 bis 60 Prozent des Nationalprodukts in den USA werden allein für das Wehretat ausgegeben - heute über 60 Milliarden Dollar. Der Staat reguliert die Gesamtnachfrage. Mit seinen Interessen identifiziert sich die Technostruktur.

Den Staatsstellen wieder sind diese Energone vertrauenerweckend. Sie werden nicht von Unternehmer- oder Aktionärinteressen geleitet. Sie arbeiten vorausschauend, vorsichtig, rentabel und klug. Die Leitung profitiert nicht unmittelbar von den Erträgnissen. Die Erträgnisse werden in erster Linie dem Wachstum und Fortschritt zugeführt.

So kommt es zu einer natürlichen Partnerschaft. Die staatlichen Stellen verstehen sich gut mit der Technostruktur. Ein kollegiales Zusammenwirken zwischen dieser und den einzelnen Waffengattungen findet statt. Mit gleicher Hingabe arbeiten die Vertreter des Staates und der privaten Wirtschaft zusammen. Eine ganz natürliche Symbiose ergibt sich - wobei jeder Teil den anderen fördert und bestärkt. Es kommt so dahin, daß diese privatwirtschaftlichen Giganten mehr und mehr zu Bestandteilen des Staatsgiganten werden. Verschiedene Energontypen verbinden sich hier zu Interessengemeinschaften. Der Vorgang ist höchst kompliziert, weil diese Betriebe ja selbst Teile der USA sind. Bestandteile eines größeren Energons, bis dahin weitgehend unabhängig, verschmelzen so mehr und mehr mit diesem. Sie werden zu Teilen der staatlichen Bürokratie.

Ich bin eher skeptisch, ob es mir mit diesem Buch gelingen wird, den modernen Wirtschafter für Schnecken und Wacholderbüsche zu interessieren. Die Tiere und Pflanzen erscheinen aus dem Sichtwinkel wirtschaftlicher Problematik äußerst belanglos - wenn sie nicht gerade auf unseren Teller gebracht werden sollen. Und doch geben sie so manchen Aufschluß darüber, was sich heute auf höchster Machtebene vollzieht.

 
2

An den Pflanzen gibt es zwei Dinge, die sie uns liebenswert machen. Erstens die Blüten, zweitens die Früchte. Von diesen Bildungen haben nicht wenige angenommen, daß sie von göttlicher Vorsehung eigens für den Menschen geschaffen worden seien. Damit wir sie genießen könnten. Ich will nun zu zeigen versuchen, daß gerade sie uns über jene Vorgänge Aufschluß geben können, denen wir das Machtnetz unserer heutigen Existenz verdanken. General Motors und Dow Chemical scheinen himmelweit entfernt von der Pelargonie auf dem Fensterbrett und von dem Kürbis im Gemüsegarten. Sie sind es auch - aber nur in unserer Vorstellung.

Die erste Möglichkeit für die Landpflanzen, ihre Samenverbreitung durch

(Originalbuchseite 191)

fremde Kraft finanziert zu bekommen, war die Indienststellung des Windes. Aber es ergab sich noch eine andere Möglichkeit, wodurch die Samen sogar noch um ein Vielfaches weiter von der Mutterpflanze entfernt werden konnten. Auch hier handelte es sich um das Einspannen von Fremdenergie, auch hier waren eigene Ausgaben erforderlich. Besondere Strukturen mußten ausgebildet werden. Sie sahen etwas anders aus als jene, welche die Windenergie in den Dienst der Pflanze zwingt. Im wesentlichen bestanden sie aus Zucker, der rings um den Samen angeordnet war. Sodann aus einer darum gespannten Haut. Förderlich war, wenn diese möglichst bunt ausfiel.

Diese Bildung nennen wir "Früchte". Sie sind nichts anderes als ein Zahlungsmittel an die Vögel, welche sie auffressen und auf diese Weise die Samen verbreiten. Der Same gelangt so in den Vogelmagen und wird später an ganz anderer Stelle entleert. Meist sogar mit daran klebenden Exkrementen, die beim Keimungsprozeß als Düngemittel willkommen sind.

Der radikale Unterschied zur Samenverbreitung durch den Wind besteht darin, daß in diesem Fall ein Energon ein anderes dazu bringt, ihm förderliche Dienste zu leisten. Während dem Wind die mit der Flugvorrichtung verbundene Energieaufwendung nicht im geringsten "dient", ist das den Samen umhüllende Fruchtfleisch für den Vogel ein direkter Vorteil. Es ist für ihn wertvolle Nahrung. Seine Dienste werden so entsprechend bezahlt. Daß beide Partner von diesem Geschäft nichts wissen, ändert an dem sich vollziehenden Tauschvorgang nicht das geringste: Er beruht auf der Entwicklung von Verhaltensrezepten, die sich in diesem Falle nicht bloß bei dem die fremde Hilfe erwerbenden Energon bildeten. Auch die Verhaltensstruktur der Vögel paßte sich an diese willkommene Zuckergabe an.

Allerdings funktionierte die Sache nicht unbedingt und ohne weiteres. Die Vögel müssen - da sie fliegen - ganz besonders mit ihren Energien sparen und haben darum eine äußerst schnelle, ja rasante Verdauung. Für sie ist es ein Vorteil, wenn die Nahrung ihren Magen nicht allzulange beschwert. Für die Samen bedeutet das eine Gefahr. Denn werden sie in diesem wirkungskräftigen Prozeß selbst mitverdaut, dann ist der Samenverbreitung nicht viel geholfen.

Der Kirschkern, jedem bestens bekannt, zeigt den zusätzlichen Aufwand, der hier nötig war. Der eigentliche Samen mußte so umhüllt sein, daß die ätzende Magenflüssigkeit ihm nichts anhaben konnte. Eine feste Außenhaut rings um die Frucht war ebenfalls wichtig. Sie durfte nicht so fest sein, daß dies die Vögel störte, doch wenn kleinere Tiere (die nicht fliegen und die Samen transportieren konnten) von diesem Zuckerhort ferngehalten wurden, war das ein Vorteil.

Damit waren aber die "Probleme" dieser Pflanzen noch durchaus nicht gelöst. Die Keime gelangten so wohl in weite Entfernung, aber gerade dies führte auch wieder zu einer Schwierigkeit. In der Evolution konnten die Organismen nicht weiterkommen, wenn der Mechanismus der geschlechtlichen Verschmelzung der

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Keimzellen nicht arbeitete. Wir kommen darauf noch zurück. Nun aber wird - durch Hilfe der Vögel - die Tochterpflanze weit entfernt. Wie sollten ihre Keimzellen sich mit anderen vereinigen?2

Die stillen Pflanzen sind weit dynamischer als es scheint. Für den Transport der Keimzellen gelang es ihnen, die Insekten (und auch manche Vögel) einzuspannen. Auch dieser Hilfsdienst erforderte eine entsprechende Gabe, eine Aufwendung, ein Lockmittel, eine Belohnung. Es ist wiederum der für die Tiere so leichtverdauliche Zucker. Außerdem, um die nicht eben sehr sehbegabten Insekten zu diesem für sie bestimmten Geschenk zu führen, war die Entwicklung von Geruchsstoffen und möglichst bunten Blättern zweckmäßig.

Wir nennen diesen Wirkungsträger zur Nutzbarmachung der Insektenenergie - diesen "Energietransformator" nach Ostwald - "Blüte". Die "Bestäubung" ist hier ein klarer Geschäftsvorgang - von dem wiederum die Partner selbst nicht das geringste "wissen". Er kam zur Ausbildung - und da er funktionierte, blieb er bestehen und wurde immer weiter vervollkommnet.

Jene Teile also, die wir an den Pflanzen so besonders angenehm und liebenswert finden (Früchte und Blüten), haben mit dem eigentlichen "Wesen" der Pflanze recht wenig zu tun. Es sind zusätzliche Organe, die ihnen auf Grund ihrer eigenen Unbeweglichkeit aufgebürdet sind. Könnte der Kirschbaum laufen, dann hätten weder die Japaner an seinen Blüten Freude noch wir selbst an seinen Früchten.

Die Entwicklung ging aber noch ein Stück weiter. Warum dem Menschen Blüten gefallen, ist nicht Gegenstand dieses Buches. Warum uns Früchte schmecken, versteht sich von selbst. Beide Gründe führten nun aber dazu, daß auch hier die menschliche Manipulation von Erbrezepten einsetzte, die wir "Zucht" nennen.

Der Mensch erreichte durch diesen Vorgang, daß es heute pflanzliche Energone gibt, die ganz sinnlos große und bunte Blüten bilden, oder Früchte von einer Größe und von einem Zuckergehalt, wie ihnen das im natürlichen Gleichgewicht der Natur nie möglich wäre. Wir protegieren sie. Sie werden gedüngt, verteidigt, geschützt und gehätschelt. Wozu? In dem einen Fall gewinnen wir so für uns angenehm schmeckende Nahrungsmittel. Im anderen gewinnen wir jene so schwer erfaßbare und in Zahlen darstellbare Wirkung, die wir unser "Wohlgefallen" nennen. Wenn es heute die prächtigen Zierblüten gibt, dann ist das auch wieder ein sehr verschlungener Weg, um Fremdenergie für uns arbeiten zu lassen. In diesem Falle schafft sie für uns das, was wir als "schön" empfinden - also Vorteile im "Luxusbereich". Auch dazu haben wir die Kräfte der Natur gebracht.

(Originalbuchseite 193)
 

3

Zurück zu unserem Einsiedlerkrebs. Manchen Arten genügt die schützende Hülle, welche die Schnecke vor ihnen - für ihre eigenen Bedürfnisse - schuf, anderen nicht. Sie schützt vor vielen Raubfeinden, nicht vor Tintenfischen. Eine Möglichkeit, auch diese abzuhalten, besteht darin, Seerosen aufs Gehäuse zu pflanzen. Auch dazu gelangten - wie jeder weiß - manche der Einsiedlerkrebse.

Geht ihr Erwerbsgeschäft gut und werden sie größer, dann wird das Schneckenhaus für sie zu klein. Von angeborenem Verhalten gesteuert, suchen sie dann nach einem größeren. Sie übersiedeln in dieses und übertragen auch die Seerosen auf das neue Haus. Mit den Scheren streicheln sie deren Fuß, worauf sich dieser von der Schale ablösen läßt. Mit der Schere überpflanzt der Krebs dann die Seerose auf das neue Haus. Das ist keine Intelligenzleistung, auch dazu mußten sich im Evolutionsgeschehen besondere Verhaltensrezepte entwickeln - einerseits beim Krebs, anderseits aber auch bei den Seerosen, denen die Symbiose ebenfalls zugute kommt.

Für den Krebs ist die Seerose ein Wirkungsträger des Schutzes. Für die Seerose ist der Krebs ein Wirkungsträger der Fortbewegung. Die Seerose wird so in der Gegend herumgetragen und kommt mit größerer Wahrscheinlichkeit an Nahrung heran. Das Prinzip jeder derartigen Verbindung von zwei Energonen wird hier deutlich ablesbar. Die Partner machen einander wechselseitig zu künstlichen Organen, welche den besonderen Vorzug haben, daß sie sich selbst betreiben. Jeder gewinnt so einen Anteil fremder Leistung. Jeder der beiden Teile gliedert von Fremdenergie betriebene Organe in sein Wirkungsgefüge ein.

Auch beim Verhältnis der Pflanzen zu den Vögeln und Insekten ist es nicht anders. Die Pflanze gewinnt so Wirkungsträger der Fortbewegung. Die Vögel und Insekten gewinnen Zucker. Das sieht so aus, als würden die Pflanzen in diesem Geschäft zu ihrer Energiequelle. Das stimmt aber nicht ganz. Auch hier wird nicht eigentlich dieser Zucker ertauscht - sondern Fremdenergie. Die Pflanzen werden für die Vögel und Insekten zu Herstellern und Lieferanten dieser Zuckergabe. Sie werden also zu Wirkungsträgern der Nahrungsbeschaffung. Auch hier wird durch eine Leistung eine andere Leistung erworben.

Dieser Unterschied ist wichtig, um die ähnlich gearteten menschlichen Tauschakte richtig zu sehen. Nehmen wir den einfachen Fall, daß ein Mensch für den anderen einen Zaun baut und als Gegenleistung von diesem fünf Hühner bekommt. Auch was der Zaunbauende in diesem Falle eintauscht, ist nicht eigentlich die Nahrung selbst, sondern die Arbeitsleistung, die zur Beschaffung dieser Nahrung erforderlich war. Der andere hat diese Hühner gefüttert und großgezogen: das ist die Leistung, die hier zum Tausch geboten wird.

Als Vermittler in diese Tauschakte kann dann noch Geld eingeschaltet sein. Das macht den Vorgang komplizierter, ändert aber am Grundzusammenhang nichts.

(Originalbuchseite 194)

Auch wenn für Geld Nahrungsmittel erworben werden, wird mit dem betreffenden Geldbetrag die zur Beschaffung dieser Nahrungsmittel notwendige Anstrengung bezahlt. Das ist insofern von hoher Wichtigkeit, als sich daraus das höchst unkonstante Wertverhältnis zwischen Geld und Rohenergie erklärt.

Kaufe ich Fleisch, Gemüse, Kohle oder Elektrizität - also Energie in irgendeiner für uns verwendbaren Gestalt -, dann mag das gleiche Quantum an einem Ort doppelt soviel kosten als am anderen, zu einem Zeitpunkt doppelt soviel als zu einem vorhergehenden. Wäre Geld eine unmittelbare Anweisung auf Rohenergie, dann wäre unverständlich, wieso kein konstantes Verhältnis vorliegt. Das ist Geld jedoch nicht. Sondern Geld ist immer und ausschließlich ein Anweisungsschein auf menschliche Arbeitsleistung - deren Wert je nach Angebot und Nachfrage sowie sonstigen Umständen schwankt.3

Von der Energontheorie her ist somit Geld ein - innerhalb einer Gesellschaft anerkannter - Anweisungsschein auf das Ergebnis menschlicher Arbeit. Oder noch genereller: eine funktionelle Hilfseinheit, um eine ungeheure Vielzahl von künstlichen Organen, die sich selbst betreiben, zeitweise in das eigene Wirkungsgefüge eingliedern zu können. Niemals wird mit Geld etwas anderes erworben als menschliche Leistung - auch wenn ich einen Bleistift kaufe, auch wenn ich in einem Gasthaus einen Braten esse.

Dieses Grundprinzip, daß bei Tauschakten zwischen Energonen nie Objekte ertauscht werden, sondern immer nur Leistungen anderer Energone, ist allgemein gültig - vom ersten symbiotischen Verhältnis, zu dem Organismen je gelangten; bis zur Verflechtung von General Motors mit dem US-State Department. Stets handelt es sich um einen Leistungstausch - auch dann, wenn dabei Objekte den Besitzer wechseln. Bei den amerikanischen Mammutbetrieben, die - gemäß den Untersuchungen von Galbraith - allmählich zu Organen des Staates werden, ist die Lage insofern noch verzwickter, als hier Energone in einem anderen Energon stecken. Jeder Betrieb innerhalb eines Staates ist - wenn auch nur in loser Gefügtheit - ein Teil desselben. Hier verschwistert sich also ein Energon mit dem anderen, das gewissermaßen schon ein Teil seiner selbst war.

Auch dieser Vorgang - und hier kommen wir dem Grundprinzip der Bildung aller Energone sehr nahe - wird besser verständlich, wenn man ihn von seinen Anfangsstufen her betrachtet.

(Originalbuchseite 195)
 

4

Bleiben wir bei den nun schon so oft zitierten Einsiedlerkrebsen. Bei Eupagurus prideauxi - diese Art lebt im Mittelmeer - ist der Partner immer nur eine einzige Seerose, eine Adamsia palliata. Sie ist für den Krebs nicht nur ein Schutzorgan, sondern leistet noch einen weiteren Dienst. Sie umwächst mit ihrem Fuß das Schneckenhaus und scheidet am Rand eine Hornsubstanz ab - derart, daß dadurch das Schneckenhaus vergrößert wird (Abb. 26 b, c). Die Schnecke, die es schuf, hätte es nicht viel besser weiterbauen können. Auf diese Art wird für den Einsiedlerkrebs, wenn er größer wird, die Übersiedlung in ein anderes Schneckenhaus überflüssig. Das ist für beide Partner ein Vorteil. Das künstliche Organ Seerose verbessert hier das künstliche Organ Schneckenhaus. Diese Komplizierung erwähne ich hier jedoch bloß als Übergang zu der nun folgenden.

Beim Einsiedlerkrebs Eupagurus constans - er lebt in der Nordsee - wird derselbe Hilfsdienst von einer ganzen Kolonie von Hydroidpolypen (Hydractinia sodalis) geleistet (Abb. 26 d, e). Hier ist es ein ganzer Rasen von Polypen, der das Schneckenhaus überwuchert und es durch Ausscheidungen ebenfalls vergrößert. Diese Gemeinschaft tut noch ein übriges: sie bildet an der Kante der Öffnung besonders entwickelte Wehrpolypen aus - also ein noch erhöhter Feindschutz für den Krebs. In diesem Fall ist also der Tauschpartner des Krebses nicht mehr ein einzelnes Energon, sondern bereits eine organisierte Vielheit von mehreren Hundert Energonen.

Ein ähnliches Verhältnis finden wir in den Ameisen- und Termitenbauten bei den schon erwähnten Symphilen. Es sind Insektenlarven sehr verschiedener Ordnungen und Familien, die von den Ameisen geschützt, gefüttert und herumgetragen werden, weil sie aus Drüsen eine von den Ameisen geschätzte Flüssigkeit abscheiden. So wie die Pflanzen durch die Gabe ihrer Früchte und ihres Nektars Vögel und Insekten in Wirkungsträger verwandeln, so machen diese Larven durch ihre Abscheidungen einen ganzen Tierstaat zu ihrem Verbündeten. Auch hier - ebenso wie bei Eupagurus constans - steht einem Energon als Partner eine organisierte Energonvielheit gegenüber. Sie ist in diesem Fall weit größer: der Symphile ist in ihrer Gemeinschaft bloß ein winziges Objekt. Das würde am grundsätzlichen Verhältnis noch nichts verändern. Eine Änderung ist jedoch insofern gegeben, als der Termitenstaat bereits als ein lose gefügtes Energon angesehen werden muß.

Für jeden Symphilen ist der gesamte Ameisen- oder Termitenstaat, in dem er lebt, ein Schutzorgan. Für diese Staaten wieder ist jeder Symphile der Spender erwünschter Abscheidungen.

Bewegen wir uns eine Integrationsstufe abwärts. Ich erinnere hier an die Verdauungshelfer der Termiten. Es sind Einzeller, die in deren Darm leben und für sie die Holznahrung verdaubar machen. Auch hier stehen wir vor einem

(Originalbuchseite 196)

 

Abbildung 26: Beispiele für die Nutzbarmachung anderer Energone in beidseitigem Interesse (Symbiose)

a) Der Einsiedlerkrebs Pagurus arrosor, der Seeanemonen auf sein Schneckenhaus pflanzt. Die Schutzwirkung des künstlichen Organs Schneckenhaus wird so noch verstärkt: besonders gegenüber dem Hauptfeind Tintenfisch (Octopus). Wächst der Einsiedlerkrebs und muß er in ein anderes, größeres Haus übersiedeln, dann überpflanzt er auch die Seeanemonen. Durch Streicheln mit den Scheren bewirkt er, daß sie sich ablösen lassen. Der Vorteil für die Seerosen in dieser Partnerschaft (die bei beiden Tierarten auf angeborenen Verhaltensrezepten beruht) ist: sie werden gratis herumgetragen und gelangen so besser an Nahrung.

b) Beim Einsiedlerkrebs Eupagurus prideauxi leistet die Seerose Adamsia noch einen weiteren "Dienst": durch entsprechende Kalkabscheidung vergrößert sie das Schneckenhaus (c), so daß für den Einsiedlerkrebs die Notwendigkeit zu Übersiedlungen wegfällt. Das ist für beide Partner ein Vorteil.

d) Beim Einsiedlerkrebs Eupagurus constans wird das Schneckenhaus von einer Polypenkolonie der Gattung Hydractinia überwachsen. Auch diese Vielheit aneinanderhaftender Polypen baut die Mündung des Schneckenhauses weiter: betätigt sich als künstliches Organ, das ein anderes (das Schneckenhaus) verbessert. Am Mündungsrand (e) bildet die Polypenkolonie besonders entwickelte Wehrpolypen aus (x) - eine zusätzliche, dem Einsiedlerkrebs (und damit auch wieder der Partnerschaft) dienende Funktion.

(Originalbuchseite 197)

Gegenseitigkeitsverhältnis mit sehr ungleichen Partnern. Für jeden Verdauungshelfer ist der riesige Termitenkörper ein Wirkungsträger des Schutzes und der Nahrungsbeschaffung. Denn daß sie die Aufschließung des Holzes besorgen, ist nicht ein reiner Liebesdienst für den Wirt, sondern sie gewinnen dabei selbst Energie und Stoffe. Für den großen Termitenkörper ist wieder jeder Verdauungshelfer ein Organ der Nahrungsaufschließung. Hier steht ein Einzeller einem vielzelligen Körper als Partner gegenüber.

Bei den Wiederkäuern, in deren Magen Bakterien das Verdauungsgeschäft unterstützen, wird der Größenunterschied noch gewaltiger. Im Magen der Ziege leben Millionen von Bakterien. Trotzdem ändert sich dadurch nichts am Prinzip. Jede Bakterie ist ein Tauschpartner des Ziegenkörpers.

Ja noch mehr: Indem die Gesamtheit dieses vielzelligen Körpers zu einem Hilfsorgan des Schutzes und der Nahrungsbeschaffung für jedes Bakterium wird, dient diesem nicht nur die Ziege als Ganzes - sondern auch jedes ihrer Organe. Nur durch das Zusammenwirken aller dieser Einheiten gelangt das Bakterium zu der von ihm gewonnenen Fremdenergie. Fällt das Herz der Ziege aus, erlischt die Leistung dieses vielzelligen Partners.

Man denke nun schließlich noch an die symbiotischen Algen, die im Körper des Wurms Convoluta die Niere ersetzen (S. 37). Da sie im Gewebe der übrigen Zellen fest eingebettet liegen, wird hier das kollegiale Verhältnis zu den anderen Organen dieses Körpers noch deutlicher. Damit sind wir aber schließlich an dem Punkt, daß zwischen jedem Organ - jedem Wirkungsträger - eines vielzelligen Körpers und diesem Körper selbst eine Tauschbeziehung besteht. Im Rahmen dieses Buches führe ich diese Gedankenlinie nicht weiter; nur im Nachwort komme ich darauf nochmals kurz zurück. Was hier nachgewiesen werden soll, ist bloß, daß auch zwischen einem Energon, das in einem anderen eingebettet liegt, und diesem selbst ein Tauschverhältnis möglich ist. Vom größeren Körper her gesehen, wird dann der kleinere Partner mehr und mehr zu seinem Teil, zu seinem Organ. Umgekehrt aber wird der große Körper so auch mehr und mehr zu einem Organ des kleineren - also zu einem Organ dieses seines eigenen Bestandteiles. Die Auswirkungen in der Praxis sind jedermann vertraut: das Ganze wird von seinen Teilen ebenso abhängig wie der Teil vorn Ganzen.

Hier gelangt unser Vorstellungsvermögen wieder an eine schwer überwindbare Hürde. Wir können uns nur schwer einen größeren Körper als Organ eines kleineren, der sein eigener Teil ist, vorstellen.

Trotzdem gilt ganz allgemein: Wie auch immer die Größen- und Lageverhältnisse von Energonen sind: sie können miteinander in Beziehung treten - derart, daß jedes zum Wirkungsträger des anderen wird.

(Originalbuchseite 198)

 
5

Im großen Frontabschnitt der die Energone behindernden Umwelteinflüsse haben wir zwei Teilabschnitte unterschieden: die Raubfeinde und die Störungen. Die begriffliche Trennung beruht darauf, daß die Räuber immer Energone sind, für die das von ihnen bedrohte Energon die Energiequelle darstellt. Zwischen ihnen und dem bedrohten Energon besteht also ein Schlüssel-Schloß-Verhältnis. Die Störungen können dagegen sowohl Energone als auch anorganische Kräfte sein. Sie behindern und schädigen das betroffene Energon, verschlechtern also seine Bilanz, ohne jedoch selbst freie Energie von diesem zu gewinnen.4

In dem nicht minder großen Frontabschnitt der fördernden Umweltfaktoren ist es berechtigt, eine ebensolche Unterteilung vorzunehmen. Auch hier gibt es anorganische Kräfte und Energone, die zu dienstbaren Rössern gemacht werden können, ohne daß ein Gegenseitigkeitsverhältnis besteht. Den "Störungen" kann man sie als "Förderungen" schlechthin gegenüberstellen. In der zweiten Gruppe wird das Pferd nicht nur dienstbar gemacht - es wird "gefüttert". Diese Gruppe umfaßt stets nur Energone. Für ihre Leistungen werden sie durch Gegenleistungen bezahlt. Man könnte sie den "Räubern" unter der Bezeichnung "Helfer" gegenüberstellen, doch ist dieses Wort stark mit menschlichen Assoziationen belastet. Besser ist deshalb die in der Biologie geläufige Bezeichnung "Symbionten".

Vom Konkurrenzwert her betrachtet können jedoch alle Aufwendungen, die der Dienstbarmachung von Fremdenergie dienen, in eine gemeinsame Rubrik zusammengefaßt werden - ebenso wie wir auch auf dem Frontabschnitt "Störungen und Raubfeinde" den Aufwand aller Abwehrmaßnahmen zusammengefaßt haben. Auch hier liegt eine enge funktionelle Verwandtschaft vor. Ob ein Energieaufwand dazu dient, ein Pferd gewaltsam zu einem Wirkungsträger zu machen oder dieses Pferd durch eine Gegenleistung dienstbar zu machen, ist von der Bilanz her irrelevant. Dieser Unterschied scheint dort gar nicht auf.

Auch bei sämtlichen Anstrengungen zur Gewinnung von Fremdenergie, sei es durch Hervorbringung zusätzlicher Einheiten (etwa Früchte bei den Pflanzen oder Verkaufsprodukte bei Berufskörpern) oder durch Dienstleistungen (Weiterbau des Schneckenhauses, Tätigkeit eines Dieners oder Arztes) sind wiederum, so behaupte ich, die Kriterien Kosten, Präzision und Schnelligkeit maßgebend. Und auch hier ist zur Ermittlung des Konkurrenzwertes jedes dieser Kriterien sowohl in der Aufbauperiode als auch in den Erwerbsphasen, in den Nichterwerbsphasen und in allfälligen Stilliegephasen getrennt zu betrachten. Die Argumente dafür sind im wesentlichen die gleichen, wie ich sie für die anderen

(Originalbuchseite 199)

Umweltfronten gegeben habe. Wir gelangen so zu weiteren zwölf prinzipiell meßbaren Werten, die zu berücksichtigen sind.

Die steuernden Wirkungen, welche die fördernden Umweltbedingungen und die Symbionten ausüben, vollziehen sich auch wieder auf dem Weg der Steuerkausalität. Gelangt ein Energon zu einer Bildung, welche die Dienstleistung von Fremdenergie nach sich zieht, dann gewinnt es einen Konkurrenzvorteil - und ist dieser von genügender Bedeutung, dann setzt sich diese Besonderheit durch. Der fördernde Faktor bestimmt auch hier wieder darüber, wie die zu seiner Erschließung führende raum-zeitliche Struktur beschaffen sein muß - er steuert somit ihre Ausbildung. Auch hier liegt im Prinzip ein Schlüssel-Schloß-Verhältnis vor. Der Unterschied ist bloß der, daß in diesem Fall das Energon nicht universell verwendbare freie Energie erwirbt, sondern eine Hilfsleistung, die im direkten Antrieb eines seiner Wirkungsträgers besteht.

Noch dies: Der gleiche Umweltfaktor kann sehr wohl einmal förderlich und ein andermal schädigend sein. Das einfachste Beispiel liefert hier die Schwerkraft. Steigt ein Tier einen Berg hinauf, dann wirkt diese Kraft als Störung - bewirkt mehr Ausgaben als Fortbewegung auf ebenem Boden. Geht das Tier bergab, dann wird die gleiche Kraft plötzlich zum willigen Roß. Jetzt erleichtert Fremdenergie die Fortbewegung - sie wird billiger als auf ebenem Boden. In diesem Fall halten sich Gewinn und Verlust die Waage, doch bei anderen Umweltkräften (etwa Wind oder Wasserkraft) haben viele Energone dem gleichen Faktor gegenüber sowohl schützende Anpassungen als auch solche, um sie in ihren Dienst zu zwingen. Der gleiche Faktor kann also sehr wohl am Frontabschnitt der behindernden Umweltfaktoren wie auch an jenem der fördernden in Erscheinung treten.

Damit sind vier begrifflich klar trennbare Gruppen von Umweltfaktoren dargelegt, welche die Ausbildung der Energone jede in ihrer Art beeinflussen und ihre evolutionäre Entwicklung steuern. Das Passungsverhältnis zu jeder dieser Gruppen - Energiequellen, Stoffquellen, Räuber und Störungen, fördernde Kräfte und Symbionten - beeinflußt den Konkurrenzwert.

Damit sind aber noch nicht alle "Teile", aus denen sich die Energone aufbauen, auf die Ursachen, die letztlich ihre Struktur bestimmen, zurückgeführt. Sehr viele Wirkungsträger stellen keine unmittelbaren Anpassungen an die Umwelt dar. Die Energone haben nicht nur äußere Fronten - sie haben auch innere Fronten.
 
 

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Anmerkungen:

1 J. K. Galbraith, "Die moderne Industriegesellschaft".
2 Die Entwicklung ist hier etwas "historisierend" dargestellt. In der Praxis hat sie sich ganz parallel in kleinen Schritten auf beiden Entwicklungsgeleisen vollzogen.
3 Joseph Schumpeter verglich die Funktion des GeIdes mit jener eines "Eintrittsbilletts". Friedrich Bendixen nannte es eine "Anweisung" auf einen dem eigenen Beitrag zum Sozialprodukt entsprechenden Anteil desselben. Auch hier wird also Geld als Äquivalent menschlicher Leistung aufgefaßt, in die es "einzutreten" erlaubt, an der es einen "Anteil" vermittelt. Karl Marx war ebenfalls dieser Ansicht. Der Wert des Geldes sei "durch die zu seiner Produktion erheischte Arbeitszeit" bestimmt und drücke sich "in dem Quantum jeder anderen Ware aus, worin gleich viel Arbeitszeit geronnen ist".
4 Zertrampelt ein Elefant eine Ameise, dann vernichtet er diese, doch gewinnt er nichts von der in ihren Molekülen gespeicherten Energie. Er bildet also - obwohl er sie vernichtet - bloß einen störenden Umwelteinfluß.