ROSS UND REITER
Erst heute sucht man systematisch die allgemeinen
Faktoren zu entdecken, die eine langfristige Expansion in der Wirtschaft
hervorrufen.
Das Bild, das die Energontheorie von den Organismen als Querschnitte durch einen Entwicklungsstrom entwirft, ist für unser Denken unanschaulich. Anschaulich für uns ist der Hund, der uns schwanzwedelnd begrüßt und den wir streicheln. Anschaulich sind die Blumen, zu denen die Insekten heranschwirren. Anschaulich ist die Nachbarin, die gerade mit der Einkaufstasche das Haus verläßt. Unanschaulich ist dagegen das Wirkungsgeflecht der Energone, die sich über die uns gewohnten Körper hinweg ausdehnen und in denen der Mensch, auch der Körper der Nachbarsfrau, nur noch ein Teil ist.
Es wird nicht leicht sein, die als so selbstverständlich erachtete Begriffsgrundlage der heutigen Biologie zu erschüttern. Ich möchte jedoch folgendes zu bedenken geben: Über die Bedeutung des Selektionswertes besteht keinerlei Meinungsverschiedenheit - letzten Endes war es immer die natürliche Auslese, die darüber entschied, was bestehen und fortbestehen konnte und was nicht. Nun sind aber die "Körper", an denen diese Auslese angriff, nicht unbedingt mit den genetisch gewachsenen Körpern identisch. Bei vielen Arten sind sie es noch, bei anderen sind sie es schon nicht mehr, beim heutigen Menschen sind sie es nie. Das aber bedeutet, daß nicht der genetisch gewachsene Körper die eigentliche Realität ist, sondern der Wirkungskörper - auch wenn sich dieser unseren Sinnen nicht augenfällig darbietet.
Goethe sagte: Die Sinne täuschen nicht, aber das Urteil trügt. Das ist wahr - und auch falsch. Was die Sinne uns zeigen, sind echte Aspekte der Wirklichkeit. Also liegt es an unserem Urteil, diese Meldungen richtig zu interpretieren. Anderseits aber liefern sie unserem Gehirn ein recht einseitiges Bild. Was sie uns zeigen,
(Originalbuchseite 175)
präsentieren sie in überzeugender Deutlichkeit; was sie uns verheimlichen, geht in diesem Feuerwerk von Darbietungen unter.
Trotz aller kritischen Fähigkeit hat unser Urteil somit einen harten Stand, wenn es sich gegen diese "Sinneswelt" wendet. An ihm liegt es, sich nicht täuschen zu lassen, hier hat Goethe recht. Doch daß uns die Sinne täuschen, stimmt sicher ebenfalls.
In der Wirtschaft wird die Betrachtungsweise der Energontheorie vielleicht noch am ehesten Verständnis finden. Hier blickt man seit eh und je nicht auf zusammengewachsene Körper - sondern auf Betriebe. Der zentrale Begriff, der alle Erwerbsanstrengungen umschließt, heißt hier "Unternehmen". Dieses so wesentliche Etwas läßt sich aber nicht wirklich mit Händen greifen, nicht riechen, nicht sehen. Es setzt sich nicht nur aus den eigentlichen Betriebsmitteln zusammen - Lokal, Werkzeuge, Ware -, sondern außerdem auch noch aus Dienstleistungen, Geschäftsverbindungen, einem guten "Ruf", Standort, Konzession, aus Kredit, Erfahrungen, Wirtschaftsmoral der Mitarbeiter und so weiter.
Auch das sind konkrete Einheiten, die Erfolge oder Nichterfolge bestimmen - genauso wie jene, die sich anfassen lassen. Man nennt sie "immaterielle Güter" - was wieder insofern nicht stimmt, als sie letztlich doch durchaus materieller Natur sind. Es sind Wirkungsträger. Im Gesamtgefüge des Erwerbsvorganges sind es funktionserbringende Bestandteile. Genau das aber ist die Art, wie die Energontheorie die tierischen und pflanzlichen Wirkungsgefüge betrachtet.
Auch fördernde Kräfte können zu künstlichen Organen werden - wenn das Energon sie zweitweise in seine Dienste zu zwingen vermag.
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Es gibt Umweltkräfte, die das Energon gleichsam auf den Rücken nehmen - wie ein Roß den Reiter. Sie fördern es, verbessern seine Energiebilanz. Manchmal erfolgt diese Hilfeleistung von selbst, ohne jedes Dazutun. Aber das ist die Ausnahme. Meist muß das Energon selbst nachhelfen, um in den Genuß dieser günstigen Wirkungen zu gelangen. Es muß "das Roß besteigen", ihm "einen Sattel anlegen". Konkret: es muß Verhaltensrezepte und Strukturen hervorbringen, durch die es die fremden Kräfte in sein Wirkungsgefüge hineinzwingt.
Das Schild-Speer-Verhältnis gegenüber den Störungen und Feinden ist stets bilanznegativ. Eine ungünstige Wirkung muß abgeschirmt werden, das verursacht Ausgaben. Beim Roß-Reiter-Verhältnis sind zwar auch Ausgaben erforderlich - ihnen stehen aber entsprechend größere Energiegewinne gegenüber (Abb. 22).
Spinnen benützen die Energie des Windes, um weite Luftreisen auszuführen. Auf einem erhöhten Platz produzieren sie einen längeren Spinnfaden: das ist das
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Segel, welches sie vorwärtstreibt Der Reibungswiderstand des Fadens zwingt den Wind, diesen mit sich zu reißen, und daran hängt die Spinne als Passagier. Man hat solche Spinnen vom Flugzeug aus mit Netzen bis in 3000 Meter Höhe erbeutet. Sie wenden also über sehr weite Strecken getragen.
Bei vielen Pflanzen sind die Samen mit Flugeinrichtungen versehen. Auch das ist eine Investition, die zur Dienstbarmachung von Fremdenergie führt. Fallen die Samen direkt neben die Pflanze, dann schafft sich diese selbst Konkurrenz. Anderseits ist sie aber nicht in der Lage, die Samen mit eigener Kraft von sich zu entfernen. Auch hier wird der Wind eingespannt.
Eine Windmühle ist ein wesentlich komplizierteres Gebilde, arbeitet aber nach demselben Prinzip. Durch eine entsprechende Vorrichtung wird die Windkraft mit in den Dienst eines Energons (des Müllers) gezwungen. Entscheidend ist - und das wurde bisher nicht beachtet und nicht auseinandergehalten -, daß in jedem solchen Fall die Energie direkt fürdas Energon wirkt, ohne von diesem vereinnahmt zu werden. Von der Spinne wird die Windenergie nicht gefressen und verdaut, sondern wirkt direkt für die Spinne. Bei den Pflanzen wird die Windenergie nicht von den Plastiden vereinnahmt und dann in einen Flugvorgang investiert - sie wirkt direkt auf die Samen. Beim Müller ist es nicht anders. Die Windenergie wird nicht über das Geld, das er einnimmt, gewonnen. Sie wirkt direkt für seinen Berufskörper - indem sie das künstliche Organ Mühle betreibt.
Das ist ein ungemein wichtiges Prinzip, dessen Bedeutung man sich in seiner Tragweite klarmachen muß. Jedes Roß-Reiter-Verhältnis hat mit dem eigentlichen Erwerbsvorgang nicht das geringste zu tun. Es fördert ihn, ist aber von ihm getrennt. Es beruht immer darauf, daß eine in der Umwelt vorhandene
Ein Energon (E) benötigt eine Funktion (f); k ist eine in der Umwelt vorhandene, völlig unabhängig von E wirkende Kraft. Durch den zusätzlichen Wirkungsträger x (Struktur, Verhaltensrezept) vermag das Energon diese Kraft in seinen Dienst zu zwingen: sie erbringt nun ganz oder teilweise die Funktion f. Beispiele: Ausnützung von Wind- oder Wasserkraft, von Wärme, der Tätigkeit anderer Organismen oder eines gegebenen und benötigten Widerstandes, eines Wirtschaftstrends usw. Eigener Energieaufwand oder eigene Struktur wird so erspart.
(Originalbuchseite 177)
freie Energie dazu gebracht wird, einen Wirkungsträger des Energons direkt zu betreiben.
Diese Möglichkeit zur Machtsteigerung hat beim Menschen ungeheure Bedeutung erlangt. Sie spielte auch schon bei den pflanzlichen und tierischen Energonen eine nicht geringe Rolle.
Der Botaniker Troll sah ebenfalls diesen Unterschied. Die Wasserbeförderung bei den Landpflanzen, so schrieb er, geschehe nicht "mit Hilfe eines eigenen im Stoffwechsel erzeugten Energiepotentials: die Pflanze begibt sich vielmehr mit ihren Organen in ein Potentialgefälle, das sie in der Umgebung vorfindet und als solches für sich arbeiten läßt".1 Hinzugefügt muß hier werden, daß nur eine besondere Formbildung der Pflanze zu diesem Einspannen von Umweltkräften führt. Die Oberfläche der Blätter in Verbindung mit dem zu den Wurzeln hinabführenden Röhrensystem bewirkt, daß durch die stattfindende Verdunstung Wasser hochgesaugt wird. Dazu kommt noch aktiver Wurzeldruck. Aber die Hauptarbeit beim Hochschaffen des Wassers übernimmt die durch die Sonnenwärme verursachte Verdunstung.
Die Lianen und der Efeu zeigen eine andere Art der Energieeinsparung. Wollten diese Pflanzen selbst einen Stamm ausbilden, der sie soundso hoch über den Boden erhebt, dann würde sie das soundso viel kosten. Einen beträchtlichen Teil dieses Aufwandes ersparen sie sich durch Ausbildung von Ranken, mit denen sie an anderen Pflanzen hochklettern. Sie nützen auf diese Weise die Energieausgabe eines anderen Energons aus und erhöhen so ihr eigenes Potential.
Die Mistel erspart sich sogar das Hochklettern. Ihre Früchte sind klebrig, bleiben am Schnabel von Vögeln haften und werden von diesen an Ästen abgestreift. Dort schlägt dann der Keim einen Senkkern in das fremde Holz und gelangt so an dessen Saftleitungen. Voraussetzung für diese doppelte Nutzbarmachung von Fremdenergie war die Ausbildung entsprechender Rezepte und Strukturen. Durch die Früchte und ihre Klebrigkeit wird der Vogel dazu gebracht, den Keim an seinen Bestimmungsort zu bringen. Dort wird dann durch den Senkkern die Saftleitung der anderen Pflanze - also fremde Investition - für die eigenen Erwerbszwecke nutzbar gemacht.
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Manche "Rösser" werden gleichzeitig von mehreren Reitern ausgenützt - zum Beispiel die Schwämme.
Ihr Erwerbsvorgang verläuft so, daß durch Wimpernschlag ein durch ihr inne-
(Originalbuchseite 178)
res Hohlraumsystem führender Wasserstrom bewirkt wird. Die darin enthaltenen Kleinlebewesen werden dann von Kragengeißelzellen erbeutet.
Die Aufrechterhaltung des Wasserstromes kostet Energie: diese spannen zahlreiche andere Energone vor ihren Erwerbswagen. Schlangensterne postieren sich vor die Ansaugöffnungen und fangen den Schwämmen das herangestrudelte Plankton direkt "vor dem Maul weg". Andere siedeln sich in den Gängen selbst an. A. S. Pearse, ein englischer Naturforscher, hatte die Geduld, sämtliche in einem großen Schwamm lebenden "Einmieter" zu zählen. Es waren 17.128. Sie alle profitierten von dem ständigen Wasserstrom, außerdem von der Schutzwirkung innerhalb des Röhrensystems. Auch hier muß bedacht werden: diese gewonnenen Vorzüge haben mit dem eigentlichen Erwerbsakt nichts zu tun. Allen diesen Organismen werden bloß eigene Ausgaben, sei es zum Heranstrudeln der Nahrung, sei es zur Bildung einer Schutzvorrichtung, erspart. Der Energiegewinn nimmt auch hier nicht den umständlichen Weg über den eigenen Magen, über die eigene Verdauung.
a) Die Liane klettert am Baumstamm hoch, bringt so ihre Blätter höher zum Licht und erspart sich die Ausbildung eines eigenen tragenden Stammes.
b) Der Maiwurm Meloe klettert auf Blüten, wartet dort auf Bienen, klammert sich an deren Pelz fest und läßt sich in den Bienenbau eintragen. Er gelangt so unbemerkt bis an die Brut, von der er sich dann ernährt.
c) Der Mensch pflanzt dornige Pflanzen als Hecke an: zur Umzäunung seines Wirkungsraumes (Schutz gegen Eindringlinge, Vorrichtung zum Verhindern des Entweichens von Haustieren).
In allen drei Fällen liegt der Nutzbarmachung ein Verhaltensrezept zugrunde: bei a und b ein angeborenes, bei c ein erworbenes. Bei a und c wird ein Widerstand benötigt, bei b eine Bewegung.
(Originalbuchseite 179)
An Land ist neben Schutz auch Wärmegewinn ein wesentliches Problem. Tausende verschiedene Arten von Kleintieren leben in Höhlen und Nestern anderer Tiere. Sie gelangen so - durch Ausbildung entsprechender Verhaltensrezepte - zu Wirkungen, die sie selbst nichts kosten.
Milben haften sich an Mistkäfern fest und werden so von einem Kuhfladen zum nächsten getragen. Da ein solcher nur einige Tage weich und für sie aufschließbar bleibt, ist das für sie wichtig. Die Larven des Maiwurmes klettern zu Blüten hoch; setzen sich dort Bienen nieder, dann klammern sie sich an diesen fest. So gelangen sie ohne besondere Anstrengung und unbemerkt in den sonst streng bewachten Bienenbau - direkt zu den Eiern, die sie dann samt dem für die Larven bestimmten Nahrungsvorrat auffressen.
Vom Geier wird behauptet, daß er Landschildkröten hoch in die Lüfte trägt und dann fallen läßt - so daß ihr Panzer am Boden zerschmettert wird. Dann erst kann er sie fressen. Sollte das stimmen, dann würde hier die Schwerkraft eingespannt. In der Pußta fliegen Brachschwalben zwischen den Beinen der dort weidenden Rinder hin und her. Die Rinder scheuchen für sie die Insekten auf, nach welchen die Vögel dann schnappen. Besondere Verhaltensrezepte sind hier sozusagen das "Saumzeug", durch das Fremdenergie in den eigenen Dienst gespannt wird.
Ebenso ist es bei den Meeresschildkröten. Sie kriechen an sandigen Küsten an Land, graben dort mit ihren Hinterbeinen ein Loch und legen darin ihre Eier ab. Das Loch verschließen sie, machen es unkenntlich. Die Hitze der Sonne brütet dann die Eier aus. Im malaiischen Inselgebiet errichten die Großfußhühner aus Pflanzenteilen Haufen, die nach vier oder fünf Wochen, vom Regen durchtränkt, in Fäulnis übergehen. Nun scharren sie ein Loch und legen ihre Eier in das Innere, wo die Temperatur auf 41 bis 45 Grad ansteigt. In allen diesen Fällen sind Tiere zu Verhaltensrezepten gelangt, durch die sie fremde Energieströme in das eigene Wirkungsgefüge leiten. In jedem dieser Fälle erspart sich das Energon eigene Energieausgabe.
In einem japanischen Tierschutzgebiet fütterte man Makaken mit Getreidekörnern, die man ihnen auf das Meeresufer hinstreute. Einer dieser Affen machte die Entdeckung - das Wort "entdecken" ist hier am Platz -, daß sich die Körner weit leichter vom Sand trennen ließen, wenn er sie samt dem Sand zusammenraffte und ins Wasser warf. Der Sand sank auf den Grund, die Körner trieben oben. Das Tier merkte sich die Methode, und andere machten es ihm nach. Im Laufe von zwölf Jahren wurde sie von achtzehn Rudelangehörigen übernommen.2
Hier stehen wir bereits an der Schwelle zum menschlichen Fortschritt. Auf
(Originalbuchseite 180)
Grund von gemachter Erfahrung wurde hier ein neues Verhaltensrezept gebildet und an andere weitergegeben. Durch dieses Rezept werden Naturkräfte dazu gebraucht, den "Weizen von der Spreu" zu sondern.
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Eine für Tiere schwer aufschließbare Energie ist die im Holz gespeicherte. Über den Weg des Feuers gelangte der Mensch an ihre Nutzung. Irgendwann einmal entdeckte einer, wie sich dieser Prozeß entfachen ließ - und die Methode wurde dann traditionell weitergegeben.
Die im Rohöl enthaltene Energie zwingen wir, unser künstliches Organ Auto zu treiben. Der dafür nötige zusätzliche Wirkungsträger war der Explosionsmotor. Bei unserer Verwertung der Wasserkraft ist es die Turbine. Weder das Benzin noch der Wasserfall nehmen ihren Weg durch unseren Mund in unseren Magen - sondern diese Kräfte betreiben direkt für uns künstliche Organe. Durch den Wirkungsträger Atomreaktor gelangen wir bereits an die in den Atomen gefesselten Energiemengen.
Wilhelm Ostwald sah in sämtlichen Maschinen "Energietransformatoren". Die Überlegenheit des Menschen erkläre sich "durch die Menge der von ihm organisierten, das heißt unter seine Herrschaft gebrachten Energie".3
Das ist ein sehr verwandter Standpunkt. In diesem Sinne hat die Maschine schon im Spinnfaden der luftreisenden Spinne ihren ersten Vorgänger. Auch dort wird bereits Fremdenergie in das eigene Wirkungsgefüge eingeschleust. Durch die Vermittlungstätigkeit des Fadens wird Windenergie den eigenen Interessen dienstbar gemacht. Auch das ist bereits eine nutzbringende Energietransformation.
Die gesamte menschliche Machtsteigerung beruht letztlich auf diesem Vorgang. Unser Magen kann nur sehr beschränkt Nahrung verarbeiten, dies setzt den Leistungen unserer Muskeln eine absolute Grenze. Unserem Zentralnervensystem gelingt es jedoch nicht nur, unseren genetischen Körper durch künstliche Organe zu erweitern - es schafft auch Transformatoren, die Fremdenergien dazu zwingen, solche künstlichen Organe direkt zu betreiben. Nur so konnte der Mensch die Macht der von ihm gebildeten Erwerbskörper immer mehr steigern.
Allein das Thema "Einbeziehung von Fremdenergie" ist so umfangreich, daß es in einem eigenen Buch abgehandelt sein sollte. Hier kann nur ein grober Überblick gegeben werden.
(Originalbuchseite 181)
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Eine besonders interessante Methode der Nutzbarmachung von Fremdenergie besteht darin, auf die angeborenen Verhaltensrezepte anderer Organismen einzuwirken.
Der Kuckuck legt seine Eier anderen Vögeln ins Nest und erspart sich so das Brutgeschäft. Voraussetzung dafür ist, daß der junge Kuckuck bei den fremden Eltern noch stärker deren Brutpflegeverhalten auslöst als die eigenen Jungen. Auf Grund seines besonders großen und auffälligen Sperrachens füttern sie ihn bevorzugt. Er verdrängt dann die anderen und wirft sie aus dem Nest. Trompetenfische schwimmen dicht an den Körper von Papageienfischen angeschmiegt und gelangen so unbemerkt in die Nähe ihrer Beute: kleiner Fische. Die auffällig gefärbten und harmlosen Papageienfische werden so als Tarnschild benützt. Hier wie beim Kuckuck wird eigene Energieausgabe durch Anpassung an anderen Tieren angeborene Verhaltensrezepte erspart.
Bakterien, Würmer, Krebse, vor allem aber Insekten und Milben lösen durch Absonderung besonderer Substanzen bei Pflanzen Wachstumsvorgänge aus, die ihre eigene Bilanz fördern. Man nennt das die Bildung von "Gallen". Bei den Gallwespen und Gallmücken werden die Eier in das Innere von jungen Blättern abgelegt, wo die von den Larven abgeschiedenen Wuchsstoffe bewirken, daß das Blattgewebe für sie ein schützendes Heim bildet. Sogar passende Nahrung wird von den Pflanzenzellen bereitgestellt. Die Perfektion dieser Manipulation von Wachstumsrezepten geht so weit, daß manche Pflanzengallen Deckel ausbilden, die dann den Tieren den Weg ins Freie öffnen. Man nannte diese Vorgänge - aus teleologischer Sicht - "fremddienliche Zweckmäßigkeit". Von der Energontheorie her kann diese Bezeichnung ohne weiteres beibehalten bleiben. Durch Abscheidung besonderer Substanzen gelingt es hier Energonen, auf den Erbrezepten eines anderen Energons wie auf einem Klavier zu spielen. Diese werden zu Bildungen angeregt, die der Pflanze selbst nicht dienen, also in der Tat "fremddienlich" sind. Energone sind hier dahin gelangt, fremde Organismen durch Einwirken auf ihr genetisches Rezept für sich arbeiten zu lassen.
Das extremste Beispiel für diesen Vorgang sind die Viren (Abb. 24, 25). Sie bestehen aus nichts anderem als aus einem Erbrezept und einer Umhüllung. Gelangen sie in das Innere von pflanzlichen oder tierischen Zellen - vielfach durch die fremddienliche Übertragung durch beißende oder saugende Insekten -, dann setzt folgender Prozeß ein: das Virusrezept - ein DNS-Faden - verdrängt gleichsam das der Zelle eigene Erbrezept aus dessen Kompetenz, und die infizierten Zellen beginnen nun an Stelle von arteigener Struktur Viren zu erzeugen. Den "Fließbändern" des Zellbetriebes wird gleichsam ein anderes Steuerungsrezept unterschoben. Die Stoffe zum Aufbau neuer Viren (Nucleotide) liefert die Zelle, ebenso die nötige Energie. Nicht nur produziert sie nunmehr weitere ebensolche
(Originalbuchseite 182)
Rezeptfäden, sie umhüllt sie auch. Im Verlauf dieses fremddienlichen Vorganges geht sie selbst zugrunde. Das Virus wird so vervielfältigt.
Nach dem bisherigen Begriff "Lebewesen" wußte man nicht recht, wie man die Viren einreihen sollte. Einerseits bestehen sie aus organischen Molekülen - anderseits zeigen sie überhaupt keinen inneren Stoffwechsel und können auskristallisieren wie anorganische Substanz.
(Originalbuchseite 183)
(Originalbuchseite 184)
Von der Energontheorie her ist es ein klarer Fall. Die Viren sind Energone, die nur noch durch Erwerb von Fremdenergie existieren. Sie sind parasitäre Erbrezepte, die sich selbständig gemacht haben. Der gesamte Apparat zum eigenen Energieerwerb fiel hier weg. Was übrigblieb, ist ein durch Umhüllung geschütztes Rezept, das bei Eindringen in andere Zellen deren innere Organisation auf die Produktion von Viren umstellt. W. Weidel sprach von "vagabundierenden Genen", "Parasiten in Molekülgestalt". Die Existenz dieser Strukturen beruht darauf, daß sie lebende Zellen zu einer bestimmten Tätigkeit veranlassen können. Diese Tätigkeit besteht in der Vervielfältigung ihrer selbst.
Da sich die Struktur des Erbrezeptes - das sich bis herauf zum Menschen nicht geändert hat - nirgends einfacher und klarer studieren läßt, hat man in der Genetik diese Objekte zum besonderen Studienobjekt gemacht. Für das so wichtige Prinzip des Erwerbs von Fremdenergie sind sie ein höchst anschauliches Beispiel. Während beim Kuckuck und bei den gallenerzeugenden Tieren wohl die Erbrezepte anderer Energone manipuliert werden, dies aber bloß den eigenen Erwerbsvorgang unterstützt, ist bei den Viren - die bestimmt durch sekundäre Rückbildung zu dem wurden, was sie sind - das gesamte auf den eigenen Erwerb ausgerichtete Gefüge weggefallen, und übrig blieb ein Rezept, das seine Vervielfältigung bewirkt.4
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Ich komme jetzt zu einer Überlegung, die recht schwierig ist. Es geht um das Prinzip der Reizbarkeit und der Reaktion. Der sowohl bei Pflanzen als auch bei Tieren ausgebildete Mechanismus arbeitet in derRegel so, daß im Organismus ein Potentialgefälle bereitliegt, um einen Vorgang auszulösen. So wie ein Gewehr
(Originalbuchseite 185)
abgeschossen wird, indem man den Hahn zieht, so läuft beim Eintreffen eines bestimmten Reizes eine bestimmte Reaktion ab. Troll formulierte das sehr klar: "Die Reaktion beruht demnach auf einem Energiepotential, das bereitliegt und nur am Ausgleich verhindert ist. Bei Reizung werden diese Hemmungen aufgehoben." Daraufhin muß dann eine "Wiedererrichtung des Potentialgefälles stattfinden", damit es zu weiteren derartigen Reaktionen kommen kann. Troll bezeichnete diese Wechselwirkung als "Anstoßkausalität".
Die Verwandtschaft mit der in Teil 1, Kapitel VII dargelegten Steuerkausalität liegt auf der Hand. Auch hier geht die Energie des Reizes nicht in den von ihr ausgelösten Vorgang ein - ebensowenig wie die Kraftanstrengung des Abziehens des Hahnes beim Gewehr die Kugel beschleunigt. Hassenstein wies auch auf diesen Zusammenhang hin: "Der Begriff ‘Steuerkausalität’ läßt sich auch in Analogie zu dem bekannten Begriff der Auslösungskausalität verstehen."
Erinnern wir uns hier an den Raubvogel, der die Ausbildung der weißen Farbe bei den Kaninchen steuert. Dieser Vorgang erstreckt sich über viele Generationen - und führt schließlich zur Bildung einer Schutzeinheit gegen diesen Feind. Das heißt also: der störende Faktor bewirkt selbst die gegen ihn erfolgende - evolutionäre - Reaktion.
Bei der Anstoßkausalität (oder "Auslösungskausalität") vollzieht sich der gleiche Vorgang beim Individuum. Wird bei einem Tier oder einer Pflanze durch einen Reiz eine Abwehrreaktion ausgelöst, dann wird ebenfalls der Störfaktor zum Auslöser der gegen ihn gerichteten, schon bereitliegenden Reaktion.
Im Abschnitt Fremdenergie ist dieser Vorgang insofern interessant, als auch hier fremde Energie für das Energon tätig ist. Hier haben sich zur Reaktion auf Umwelteinflüsse Strukturen gebildet, die so beschaffen sind, daß der zu beantwortende Einfluß selbst die Abwehrhandlung bewirkt. Bildlich gesprochen ist das etwa so, wie wenn ein mich angreifender Gegner selbst den Schuß auslöst, der ihn dann trifft.
Genau dieser Vorgang kennzeichnet einerseits die Bildung von Abwehrstrukturen in der natürlichen Auslese, anderseits die Auslösung individueller Reaktionen. In jedem Falle macht der Evolutionsfluß die Störungen selbst zum Bewirker der sie abwehrenden Prozesse.
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Beim Menschen steigerte sich die Fähigkeit, fremde Aktivität in das eigene Wirkungsgeflecht zu zwingen, ins Virtuose. Betrachten wir zuerst unsere Manipulation der genetischen Rezepte von Tieren und Pflanzen.
Was wir unter dem friedlichen Wort "Zucht" verstehen, ist nicht mehr und
(Originalbuchseite 186)
nicht weniger als eine gezielte Abänderung von Erbrezepten zu unserem Vorteil. Während das Virus und die gallenerzeugenden Tiere stets nur individuell ihre selbstdienliche Wirkung ausüben, sind wir in diesem Punkt noch ein Stück weiter gegangen. Der Züchter - darauf wies bereits Darwin hin - ersetzt die natürliche Auslese durch "künstliche Zuchtwahl". Praktisch heißt das, wir wählen bewußt jene erblichen Varianten aus, die unserem Bedarf am besten entsprechen. So entstanden die Haustiere, so entstanden die Nutzpflanzen, von denen wir uns ernähren. Im natürlichen Lebenskampf wären sie nicht konkurrenzfähig. Die Obstbäume produzieren viel größere und süßere Früchte, als sie sich normal leisten könnten. Die Rinder und Schweine setzen viel mehr Fleisch und Fett an als normal. Uns paßt das so, weil wir sie ja aufessen wollen. Nur indem wir sie gegen die natürliche Auslese abschirmen und verteidigen, können sie bestehen.
Hier haben wir durch gezielte Auslese die Bildung von Erbrezepten bewirkt, die unsere jeweilige Ausbeute vergrößern und verbessern und so unser Energiepotential steigern. Wir steuern so das Zustandekommen von Organismen, die in unserem Sinne tätig sind.
Dem eigenen Artgenossen gegenüber zeigte der Mensch eine ähnliche Tendenz. Wer auf die eine oder andere Art Gewalt über Grund und Boden gewann, hatte lange Zeit Macht über alle, die in dieser Gegend lebten. Denn Nahrung gibt letztlich nur der Boden. "Leibeigenschaft" und "Hörigkeit" sind geläufige Bezeichnungen für die Methode, andere Menschen zum Betreiben fremddienlicher Berufskörper zu zwingen. Unmittelbare Gewalt ist eine weitere. Wir sprechen in diesem Fall von "Sklaverei" und "Unterjochung". Den analogen Vorgang gibt es bei den Raubameisen. Sie brechen in andere Ameisenstaaten ein, rauben deren Puppen, und die schlüpfenden Jungameisen werden dann zu Dienern der eigenen Gemeinschaft. Die Amazonenameisen der Gattung Polyergus sind nicht mehr fähig, selbständig zu fressen. Sie müssen von den geraubten Arbeiterinnen gefüttert werden. Daß im Fall der Ameisen der Vorgang auf der Bildung angeborener, im Fall des Menschen auf erworbenen Verhaltensrezepten beruht, konstituiert keinen grundsätzlichen Unterschied. Hier wie dort handelt es sich um das gleiche funktionelle Prinzip, fremde Energone oder Artgenossen gewaltsam in eigene Wirkungsträger zu verwandeln.
Auch der Anfang der industriellen Entwicklung war durch diese Tendenz gekennzeichnet. Der Unternehmer hatte in bestimmten Gebieten ein Monopol zur Vergabe von Arbeitsstellen und nützte das aus. Er erzwang die Bildung ihm dienstbarer Berufskörper. Darauf fußte die von Marx geübte Kritik, und die Lawine der sich daraus ergebenden Entwicklung des Kommunismus.
(Originalbuchseite 187)
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Am bedeutsamsten für die Menschheitsentwicklung war das Ausnützen von Ergebnissen fremder Arbeitsleistung, die in der Vergangenheit erfolgte.
Auch hier sehen wir die ersten Anfänge schon beim Tier vorgezeichnet. Der Einsiedlerkrebs eignet sich einen zusätzlichen Wirkungsträger an: ein leeres Schneckenhaus. Die Schnecke ist längst tot. Das Schneckenhaus - das ihm nun dient - ist also das Ergebnis vergangener Arbeit.
Tiere, die Höhlen oder Bauten verwenden, welche andere vor ihnen erzeugt haben, geben weitere Beispiele. Die Bienenbauten dienen mehreren Generationen. Auch die heute in dem erwähnten japanischen Tierpark lebenden Makaken profitieren von der Leistung eines nicht mehr lebenden Artgenossen. Das von ihm entdeckte Rezept, Getreidekörner vom Sand zu trennen, hat sich auf dem Wege der Nachahmung auf sie fortgepflanzt. Im großen und ganzen gibt es hier aber nur wenige Vorstufen.
Erst beim Menschen wurde es anders. Viele künstliche Organe leisten weit über den Tod ihres Herstellers hinaus anderen Menschen Dienste. Das gilt für Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände, aber noch weit mehr für Häuser, Straßen und öffentliche Einrichtungen. Wird ein neuer Betrieb gegründet, dann spielt es in der Bilanz eine ganz gehörige Rolle, ob zu dem vorgesehenen Platz bereits Straßen hinführen, ob ein Wasseranschluß vorhanden ist, ob es Kanalisation, Elektrizität und sonstige Gemeinschaftseinrichtungen gibt. Ist dies der Fall, dann nützt das sich bildende Energon vergangene Arbeit für sich aus. Es bezieht dann bereits erfolgte Fremdleistungen in sein Wirkungsgeflecht ein.
Noch bedeutsamer ist dieser Vorgang beim Aufbau all jener Rezepte, die zur Herstellung künstlicher Organe und zu deren zweckvoller Verwendung notwendig sind. Hier stützt sich der Mensch fast ständig auf das, was wir das "geistige Gut" der Menschheit nennen. Die dafür nötige Eigeninvestition nennen wir Wissen - oder Bildung.
Wäre es möglich, unsere einzelnen täglichen Handlungen - bleiben wir beim Berufsleben - in jede ihnen zugrunde liegende Einzelleistung aufzulösen und diese bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen, dann kämen wir bei manchen bis in die graue Vorzeit. Jeder zielstrebigen Tätigkeit liegt die Koordination von Aktionen und Reaktionen zugrunde - Verhaltensrezepte, die irgendeinmal von Menschen erstmalig hervorgebracht und dann an andere weitergegeben wurden. Freilich bildet unsere Intelligenz selbst täglich neue Rezepte, aber zum Großteil bauen sie sich doch immer auf der Leistung und Vorarbeit anderer Menschen auf. Über Nachmachen, Sprache, Schrift und Schulen pflanzten sie sich fort, verzweigten sich in unabsehbarer Verflechtung.
Hier sind wir zum unanschaulichsten Punkt des Bildes gelangt, das die Energontheorie vom Menschen und von den von ihm gebildeten Erwerbskörpern ent-
(Originalbuchseite 188)
wirft. In ganz ungeheurem Ausmaß - dem Alltagsmenschen kaum bewußt - fügen wir in unsere Wirkungsgeflechte die Leistungen von Fremdenergie mit ein, die in längst vergangener Zeit erbracht wurden.
Betrachtet man die Entwicklung der Energone von ihren Anfängen an - soweit wir diese noch zurückverfolgen können -, dann blickt man auf eine Folge immer unanschaulicher werdender Gefüge. Zuerst waren die einzelnen Wirkungskörper mit dem sichtbaren, fühlbaren Körper - den man bis heute als "Lebewesen" schlechthin ansieht - noch weitgehend identisch. Jedoch allmählich wurden zusätzliche Einheiten in eigene Wirkungsträger verwandelt. Der wirkliche Körper, der sich mit der natürlichen Auslese auseinandersetzte, erweiterte sich. Bis zum Menschen hielt sich dieser Prozeß in engen Grenzen. Dann aber, durch die sich steigernde Leistungsfähigkeit eines unserer natürlichen Wirkungsträger - unseres Gehirns - und durch dessen bedeutsame Funktionserweiterung und Funktionsübernahme, sprengten die Energone gleichsam die bisherigen Ketten. Plötzlich vermochte der nicht mehr zusammengewachsene, nicht mehr zur Gänze greifbare und sichtbare Teil des Wirkungskörpers sich über alle Maßen auszudehnen.
Die vorn Menschen gebildeten Energone, die sich in gigantischer Erweiterung um ihn ausbreiten - nicht unähnlich den vielzelligen Körpern rings um die sie hervorbringenden Keimzellen -, bestehen aus einem ständig pulsierenden, ganz ungeheuer komplexen Wirkungsgeflecht. Hunderte und Tausende von zusätzlichen Einheiten werden in diesen Körper einbezogen - manche oft nur für Augenblicke. Und die meisten dieser zusätzlichen Einheiten werden längst nicht mehr durch Energie betrieben, welche die Zentralstruktur Mensch in ihrem Magen persönlich aufschließt. Hunderte und Tausende von fremden Energieströmen werden vielmehr dazu gebracht, diese zusätzlichen Wirkungsträger direkt zu betreiben.
Die Zusammenhänge sind aber noch komplizierter.Die
wichtigste Form, Fremdenergie in das Roß-Reiter-Verhältnis einzuspannen,
haben wir noch nicht besprochen.
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Anmerkungen:
1 W. Troll,
"Allgemeine Botanik", Stuttgart 1948, S. 352.
2 M. Kawai,
"Newly Acquired Pre-CulturaI Behavior of the Natural Troop of Japanese
Monkeys on Koshima Island" ("Primates 6", 1965), S. 1-30.
3 W. Ostwald,
"Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft", Leipzig 1909, S.
55, 73 f.
4 In der
Biologie wird "Stoffwechsel" (einschließlich "Energiewechsel") als
grundlegendes Kriterium der Lebewesen angesehen. Ein solcher ist bei fast
allen Organismen nachweisbar, es gibt jedoch Wirkungsträger, die auch
ohne solchen Wechsel ihre Funktion leisten (etwa die Stacheln des
Rosenstrauches, deren Funktionsfähigkeit nach Absterben sogar noch
besser wird). Bei den Viren ist überhaupt kein Stoff- oder Energiewechsel
vorhanden. L. v. Bertalanffy bezeichnet als Charakteristikum der Lebewesen,
daß sie sich in einem "Fließgleichgewicht" befinden, daß
sie "offene Systeme" sind. Das stimmt, unterscheidet sie aber nicht
von
den anorganischen Erscheinungen. Denn auch ein Waldsee, in den ein Bach
einmündet und aus dem ein anderer abfließt, ist ein "offenes
System", befindet sich ebenfalls "im Fließgleichgewicht". Stoffwechsel
und
Energiewechsel sind - von der Energontheorie her - bloß Hilfsmittel,
die unter Umständen auch überflüssig werden können.
Charakteristisch für die Lebensträger ist einzig und allein die
durchschnittlich aktive Bilanz an verwertbarer, für sie tätiger
Energie.