KREISLÄUFE
Was sie zusammenballt und verkittet, ist eine geheimnisvolle
Gleichheit, die unseren Geist befremdet, mit der er sich jedoch abfinden
muß.
Konrad Lorenz nannte in einer seiner Schriften das innere Wirkungsgefüge eines Organismus einen "Kausalfilz". Eine treffende Bezeichnung. Betrachtet man ein Stück Filz unter der Lupe, dann blickt man auf ein unüberschaubares Geflecht von regellos kreuz und quer laufenden Fäden. Blickt man in das Innere der Organismen und versucht man, die kausalen Zusammenhänge zu durchschauen, dann steht man vor einem nicht minder unübersichtlichen Geflecht. Es scheint aussichtslos, in diesem Gewirr Regelmäßigkeiten zu entdecken.
Die Betriebe und Staatsgebilde sind vom Menschen geschaffen. Hier beschäftigt man sich mit jeder kausalen Verflechtung, versucht jede Wechselwirkung im voraus zu erkennen oder zumindest im nachhinein zu erfassen. Aber auch hier ist das Gewirr von Beziehungen so verwoben, daß selbst die beste Planung auf Überraschungen stößt. Auch bei diesem Kausalfilz erschien es bisher aussichtslos, ein allgemeingültiges Schema zur Entwirrung der einzelnen Fäden zu finden.
Ich will im folgenden zeigen, daß es einen gemeinsamen Gesichtspunkt gibt, dieses Gewirr zu entflechten. Es ist kein Universalschlüssel, doch zeigt er den Weg, Ordnung in diese Verworrenheit zu bringen. Es sind Kreisprozesse, die im Evolutionsgeschehen ständig wiederkehren: Verknüpfungen von Ursachen und Wirkungen, die regelmäßig aufeinanderfolgen. Schon bei den niedersten Vielzellern lassen sie sich deutlich nachweisen. Sie kennzeichnen den gesamten Entwicklungsfluß bis zu den heutigen Mammutbetrieben und Staatsgiganten.
Den ersten Vorgang dieser Kreisprozesse haben wir bereits besprochen: die "Funktionserweiterung" (Abb. 18 a).
(Originalbuchseite 156)
Abbildung 18: Hauptformen der Funktionsveränderung
a) Funktionserweiterung. W ist ein Wirkungsträger innerhalb eines Energons (etwa in einem Tierkörper oder in einem Betrieb). Kraft seiner Struktur erbringt er eine im Rahmen dieses arbeitsteiligen Ganzen benötigte Wirkung: die Funktion f. Im Verlauf der individuellen oder evolutionären Entwicklung des Energons nimmt der Wirkungsträger dann weitere Funktionen hinzu (zuerst g, dann auch noch h und i). Meist sind dazu gewisse strukturelle Änderungen oder zusätzliche Funktionsrezepte nötig. Es kann so zur Überbürdung eines Wirkungsträgers (etwa eines Organs im Tierkörper oder eines Angestellten im Betrieb) kommen.
b) Funktionsteilung. Ein Wirkungsträger (W) ist mit Funktionen überbürdet (a-d). Die einzelnen Funktionserfüllungen behindern einander gegenseitig. Ein neuer Wirkungsträger (X) übernimmt eine dieser Funktionen (b). Im Laufe der weiteren Entwicklung geht auch noch die Funktion c auf einen dritten Wirkungsträger (Y) über. Zu dieser Entwicklung kommt es häufig, wenn Energone anwachsen und aus immer zahlreicheren Einheiten bestehen. Dies führt zu erhöhter Arbeitsteilung, zu stärkerer "Differenzierung". Sowohl bei den Organismen als auch bei den menschlichen Erwerbsstrukturen gehen dann immer mehr Funktionen auf spezialisierte Einzelträger über.
c) Funktionswechsel. Diese Funktionsveränderung beginnt mit einer Funktionserweiterung gemäß Typ a. Ein Wirkungsträger nimmt eine zusätzliche Funktion hinzu (g). In der weiteren individuellen oder evolutionären Entwicklung wird dann die ursprüngliche Funktion f überflüssig und rückgebildet. Der Wirkungsträger übt so schließlich eine andere als die ursprüngliche Funktion aus. Auf diese Weise haben in der tierischen und pflanzlichen Evolution manche Organe andere Aufgaben übernommen, und auch in der Wirtschaft sind nicht selten Einheiten zu anderer, neuer Funktion gelangt. Es kommt so zur Entstehung neuer Wirkungsträger aus schon bestehenden.
Beispiele für alle drei Formen der Funktionsveränderung siehe Text.
(Originalbuchseite 157)
Jede Betrachtung der Energone muß immer davon ausgehen, daß diese Gebilde samt und sonders aus Wirkungen bestehen. Solche können nur von materiellen Strukturen ausgeübt werden, wobei auch die Energie selbst - gemäß den Erkenntnissen der modernen Physik - als ein konkretes Etwas, als "Material" im weitesten Sinn aufzufassen ist. Im einfachen Fall erbringt ein Wirkungsträger nur eine Wirkung, doch kommt es vor, daß er gratis und franko noch zusätzliche zu bieten hat. In der Mehrzahl der Fälle sind jedoch Änderungen nötig, wenn sich die Zahl der Leistungen steigern soll. Die Struktur muß sich ändern - wie etwa beim flachen Hausdach, wenn es zum Werkzeug der Wassergewinnung werden soll. Oder ein zusätzliches Verhaltensrezept muß eine neue Steuerung bewirken - wie im Falle unserer Hände, die so viele Tätigkeiten auszuführen vermögen. Von der Bilanz her ist entscheidend, daß solche Funktionserweiterungen zu verbesserten Erträgnissen führen müssen. Sonst sind sie bedeutungslos oder sogar hinderlich, werden nicht beibehalten und weiterentwickelt. Die steuernden Faktoren der natürlichen Auslese merzen sie dann wieder aus.
Die hier zu besprechenden Kreisprozesse beginnen damit, daß ein Wirkungsträger durch Abänderungen zusätzliche, das Energon fördernde Leistungen erbringt. Wie auf diese Weise immer weitere Wirkungen zu einer ursprünglichen hinzukommen können, zeigte das Beispiel des Blutkreislaufes. Ganz ebenso kann in einem Betrieb oder im Staatswesen eine Einheit - etwa ein Mensch oder eine Abteilung - immer weitere Aufgaben übernehmen. Die Folgen sind dann freilich hier wie dort die gleichen. Allmählich wird der Wirkungsträger überlastet, überfordert. Eine Pflicht stört die andere. Da er allzu viele Aufgaben erfüllt, wird er keiner mehr völlig gerecht. Beim Blutkreislauf ist dieser Punkt noch nicht erreicht: Seine Hauptfunktion, für die Energie- und Stoffverteilung einen Kreislauf zu schaffen, ist so einfach, daß dieser für eine ganze Menge zusätzlicher Verwendungen mit eingespannt werden kann. Bei unserem Zentralnervensystem - das will ich noch zeigen - hat sich eine solche Überlastung bereits eingestellt. Einen analogen Vorgang zeigt uns der Angestellte, der zu seinem Chef kommt und sagt: "Es tut mir leid, ich schaffe es nicht mehr! Es liegt nicht an meinem guten Willen, aber es sind der Aufgaben einfach zu viele und zu verschiedene!"
Die Lösung ist bekannt, sie heißt "Funktionsteilung" (Abb. 18 b). An die Stelle des überbürdeten Organs treten zwei oder drei andere, deren jedes nun ein enger begrenztes Aufgabengebiet hat. Voraussetzung - bei den Organismen wie auch bei jeder menschlichen Erwerbsstruktur - ist allerdings wieder, daß auch diese Veränderung sich bilanzaktiv auswirkt. Nur dann ist die Funktionsteilung gerechtfertigt; nur dann hat sie Bestand. Der Chef sagt also: "Herr Meyer, ab heute machen Sie nur noch dies und das. Darauf können Sie sich nun ganz konzentrieren. Die restlichen Aufgaben werde ich jemand anderem übertragen."
Dieser Vorgang wird besonders bei Anwachsen der Energone oder bei erhöhter Spezialisierung auf eine bestimmte Erwerbsform aktuell.
(Originalbuchseite 158)
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In der Evolution der Tiere und Pflanzen spielten Funktionsteilungen eine entscheidende Rolle. Fast in jeder Struktur und in jedem Verhalten hinterließ dieser Vorgang seine Spuren. Die tierischen und pflanzlichen Körper - so wie wir sie im einzelnen sehen - sind gleichsam nur ein augenblicklicher Querschnitt durch einen sich sehr langsam vollziehenden Prozeß. Nicht Geburt, Reifung und Tod sind das Wesentliche, sondern Vorgänge, die über Hunderte oder Tausende von Generationen hinweg verlaufen. Beim einzelnen Organismus sehen wir bloß die augenblickliche Abstimmung zwischen den einzelnen Teilen. Was wir jedoch nicht sehen, ist die diesen Abstimmungen zugrunde liegende Dynamik.
So kann zum Beispiel die schützende Außenhaut bei kleineren Wassertieren ohne weiteres die Funktion der Atmung und der Exkretion mit übernehmen. Übersiedeln jedoch solche Lebewesen an Land - wie das in der Erdgeschichte der Fall war -, dann ist das nicht mehr möglich. Es ergibt sich ein Funktionskonflikt. Die Zellen können nicht den Körper vor Verdurstung und Austrocknung schützen und gleichzeitig ihre Atmungs-- und Exkretionstätigkeit beibehalten. Es konnten deshalb nur solche Tiere das Land besiedeln - ein für uns bedeutsamer Vorgang, denn von einem dieser Pioniere stammen wir in unserer langen Vorfahrenreihe ab -, bei denen diese Funktionen sich getrennt hatten. Besondere, an einzelnen Punkten ausmündende Einheiten mußten die Atmung übernehmen, andere die Sekretion. Nur so war es möglich, daß im übrigen die Außenhaut verhornte und Schutz vor der wasserentziehenden Kraft der Luft bot.
Ein noch anschaulicheres Beispiel für den Prozeß der Funktionsteilung liefert unser Darm - die zentrale Struktur jedes tierischen Energons. Bei einfachen Vielzellern - etwa bei Korallenpolypen und Medusen - hat er nur eine Öffnung. Durch diese muß die Beute aufgenommen und die unbrauchbaren Reste wieder ausgestoßen werden. Die Darmzellen müssen dort drei Funktionen leisten: verdauende Enzyme abscheiden, Nahrung aufnehmen und diese speichern. Schon bei Würmern übernahm dann eine zweite Öffnung die Abscheidung - wodurch ein fortlaufender Erwerbsvorgang möglich wurde. Entsprechende Muskelbewegungen trieben jetzt die aufgenommene Nahrung in immer gleicher Richtung durch den Darm. Das war die Voraussetzung für weitere Funktionsteilungen.
Die Zellen am Vorderende bildeten Wirkungsträger zur groben Verkleinerung der Nahrung: Kiefer und Zähne. Andere Zellen spezialisierten sich auf die Herstellung der Enzyme. Indern sie in den Darm mündende Säckchen bildeten, konnten sie von der oft spitzen Nahrung nicht mehr direkt verletzt werden. Ein Darmabschnitt spezialisierte sich auf die Aufnahme größerer Nahrungsmengen: der Magen. Besonders wenn die Nahrungsquelle selten erschließbar ist, wird es wichtig, sie ausgiebig zu nützen. Die Drüsenabscheidung setzt schon hinter den
(Originalbuchseite 159)
Zähnen ein (Speicheldrüsen), im Magen wird dann die Beute rationell zerkleinert. Im anschließenden Dünndarm wird das Gewonnene resorbiert und an das Blut weitergegeben. Auch die Funktion der Speicherung wurde schließlich von einem besonderen Organ wahrgenommen: von der Leber. Dazu kamen noch manche künstlich hinzugewonnene Einheiten: etwa die "Kausteine" bei den Vögeln und Krokodilen, die im Magen bei der Zerkleinerung der Nahrung mithelfen. Oder die Verdauungshelfer - wie bei den Insekten oder Wiederkäuern.
Innerhalb der Insektenstaaten fand eine ähnliche Differenzierung statt, allerdings auf höherer Integrationsstufe. Nicht zwischen Zellen oder Organen kam es hier zu einer Funktionsteilung, sondern zwischen Organismen. Auch die Staaten der Ameisen, Bienen und Termiten sind Energone: hier hat sich allerdings nur eine sehr beschränkte Funktionsteilung entwickelt. Besondere Einheiten leisten den Schutz: die "Soldaten". Die "Königin" übernimmt für alle das Fortpflanzungsgeschäft - eine beträchtliche Entlastung für alle übrigen. Zur Speicherung der Nahrung für Notzeiten bilden die Hummeln aus Wachs besonders geformte Honigtöpfe. Bei der amerikanischen Ameisenart Myrmecocystus melliger übernahmen einige aus dem Volk die gleiche Funktion. Alle übrigen füttern sie mit dem eingebrachten Honigtau, so daß ihr Hinterleib riesengroß anschwillt. Sie können nicht mehr laufen. Als lebende "Honigtöpfe"" hängen sie an der Decke der "Honigkammer". Hungernde Nestgenossen kommen zu ihnen und erhalten Nahrung aus ihrem Mund. Auch hier wird durch Funktionsteilung die Schlagkraft des Volkes - des Energons - gesteigert.
Die Übernahme der Rezeptbildung durch das Zentralnervensystem steigerte beim Menschen die Möglichkeit zur Funktionsteilung außerordentlich. Jede Gemeinschaftsbildung stützt sich auf diesen Vorgang. Muß der einzelne für alles sorgen, dann ist er überlastet. Dann stört eine Tätigkeit die andere. Innerhalb der organisierten Gemeinschaft kann sich dagegen der eine auf dies, der andere auf jenes spezialisieren.
Es war Adam Smith, der in der Wirtschaft die besonderen Möglichkeiten einer gezielten Funktionsteilung erkannte. Taylor revolutionierte dann die moderne Fertigungstechnik durch sein "Funktionsmeistersystem" und schuf die Grundlagen für die heute so außerordentlich weit gediehene Technik wissenschaftlicher Betriebsführung. Von besonderer Bedeutung erwies sich hier die Aufgabentrennung bei den leitenden Personen. Werkstatt und Verwaltung müssen getrennt werden. ("Managers off the production floor!") Ebenso ist es nicht gut, wenn etwa die Personalbeschaffung mit zur Kompetenz der Finanzabteilung gehört - denn letztere ist an Sparen gewohnt, das kann aber die Verpflichtung guter Kräfte beeinträchtigen. Behält der Betriebsleiter Forschung und Entwicklung unter der eigenen Kompetenz, dann ist das schlecht, weil er in seinem Gebiet meist festgefahren ist und andere mögliche Bedarfslücken nicht erkennt.
Das ist der zweite Ablauf innerhalb der evolutionären Kreisprozesse. Erst
(Originalbuchseite 160)
führen Funktionserweiterungen zu einer Überbürdung. Dann führt diese zur Funktionsteilung.1 Im weiteren Verlauf kann es auch bei den neu entstehenden Wirkungsträgern zu Funktionserweiterungen kommen - zu weiteren Überbürdungen und weiteren Funktionsteilungen. Die Kreisprozesse, die somit stets bei Wirkungsträgern mit einer Funktion beginnen und schließlich wieder zu Wirkungsträgern mit einer Funktion zurückführen, setzen sich so fort.
Sie können jedoch auch anders verlaufen und ihren Weg über einen Funktionswechsel nehmen.
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Auch dieser Prozeß nimmt von der Funktionserweiterung seinen Ausgang. Ein Wirkungsträger übernimmt zu einer ursprünglichen Funktion eine zweite, sekundäre. Diese wird jedoch allmählich immer wichtiger - und schließlich geht die ursprüngliche verloren (Abb. 18 c).
Goethe entdeckte diesen Vorgang bei den Pflanzen. Am 17. Mai 1788 schrieb er an Herder: "Vorwärts und rückwärts ist die Pflanze nur Blatt." Er sprach von einer "Metamorphose" der Blätter. Das diesem Buch vorangestellte Zitat ist einem Gedicht entnommen, das Goethe über diesen Gegenstand verfaßt hat.2
Spätere Forschungen haben Goethes Entdeckungen voll bestätigt. So sind etwa bei der Erbse die Ranken umgebildete Blätter. Ebenso sind bei der Berberitze die Dornen durch Funktionswechsel aus Blättern hervorgegangen. Das gleiche gilt für die Gefäße der Kannengewächse, in welchen diese Insekten fangen. Und das gleiche gilt auch für sämtliche Staubgefäße und Stempel bei den Blütenpflanzen (Abb. 19).
Durch Funktionswechsel konnten die Organismen verhältnismäßig leicht zu neuen Bildungen gelangen. Geringfügige Erbänderungen genügten hierfür bereits. Jede Zwischenstufe hat so positiven Auslesewert, erhöht also die Konkurrenzfähigkeit. Zu einer ursprünglichen Funktion tritt eine neue hinzu. Diese erweist sich dann - eventuell in veränderter Umwelt - als immer wichtiger, und durch die steuernde Wirkung der auslesenden Faktoren wird die neue Funktionserfüllung weiter entfaltet. Die ursprüngliche verliert ihre Bedeutung. In diesem Falle braucht die überflüssig werdende Einheit gar nicht mehr rückgebildet zu werden. Sie hat sich in eine andere, erwerbsfördernde verwandelt.
Die Pflanzen konnten so durch Abänderung einiger Blätter zu neuen wichtigen
(Originalbuchseite 161)
Wirkungsträgern gelangen. Bei den Insektenbeinen ist es ähnlich. Manche wurden zu Putzwerkzeugen, andere zu Freßorganen; bei verschiedenen Insektenarten wurde sogar ein Saugstachel daraus. Beim Stachelschwein wurden aus einigen Stacheln Organe der Lauterzeugung. Sie sind zu einer hohlen Röhre erweitert und sehen wie Orgelpfeifen aus. Durch Aneinanderschlagen ergeben sie einen weithin hörbaren Ton. Bei den Haien wurden aus einigen ihrer dornenartigen Placoidschuppen die Zähne. An der Maulkante entwickeln sie sich entsprechend länger, bilden längere Fortsätze. Man kann diese Entwicklung heute noch bei jedem Hai sehen. Als dann Nachkommen der Urhaie das Meer verließen und zum Landleben übergingen, wurden die Körperschuppen überflüssig, die in Zähne verwandelten Schuppen blieben dagegen erhalten und entwickelten sich im Sinne ihrer neuen Funktion weiter. Die Zähne sämtlicher höherer Wirbeltiere - einschließlich unserer eigenen - haben in den Placoidschuppen urzeitlicher Haie ihren entwicklungsgeschichtlichen Ursprung.
Als die Fische zum Landleben übergingen, wandelten sich ihre Flossen all-
a) Rosenstrauch. Stempel und Staubgefäße der Blüten sind (wie bei den meisten Blütenpflanzen) umgebildete Blätter. Die Fähigkeit zur Photosynthese bildete sich zurück, und andere Funktionen diktierten ihre notwendige Gestalt.
b) Haifischzähne. Es sind Placoidschuppen (p), die sich am Maulrand stärker ausbilden und dort zu Funktionsträgern des Nahrungserwerbes werden. Als Nachkommen der Urhaie an Land übersiedelten, wurden die Körperschuppen rückgebildet, die "Zähne" weiter differenziert. Auch die Zähne des Menschen haben ihren entwicklungsgeschichtlichen Ursprung in den Placoidschuppen der Haie. (Auch bei den heute noch lebenden Haifischarten kann man sehen, wie die Zähne aus den Placoidschuppen hervorgehen.)
c) Schwerter und sonstige "Altertümer" werden häufig zur Dekoration von Wohnungen verwendet - ja werden zu diesem Zweck nachgebildet. An die Stelle der ursprünglichen Funktion tritt eine völlig andere: sie werden zu Wirkungsträgern des Imponierens und der Vermittlung von ästhetischem Genuß (in diesem Fall zu Bestandteilen von Luxuskörpern).
(Originalbuchseite 162)
mählich in Zehen und Finger. Übergänge dieser Art zeigen uns heute noch verschiedene Fischarten, etwa die Schlammspringer. Von der Lunge glaubte man längere Zeit, sie sei aus der Schwimmblase hervorgegangen. Doch hier ist der Zusammenhang - wie genauere Forschungen ergaben - verzwickter. Es ist gerade umgekehrt. Bei einigen im Süßwasser unter ungünstigen Bedingungen der Sauerstoffversorgung lebenden Fischen kam es - durch eine Einstülpung am Dach des Vorderdarmes - zur Bildung einer Lunge. Von diesen aber stammen nicht nur die Landwirbeltiere, sondern auch die Knochenfische ab. Die Lunge war somit das Primäre. Aus ihr erst entstand durch Funktionswechsel der den Auftrieb regelnde Wirkungsträger "Schwimmblase".
Die überflüssig gewordenen Kiemen wurden nur sehr langsam zurückgebildet. Wie schwer es dem Erbrezept fällt, sich von solchem Ballast zu befreien, zeigt sich darin, daß der menschliche Embryo auch heute noch in einer frühen Phase seiner Entwicklung (Anfang der vierten Woche) Kiemenspalten ausbildet. Aus dem Spritzloch der Haie wurde das Mittelohr. Aus dem oberen Teil der vordersten Kiemenbögen wurden die als Steigbügel bezeichneten Gehörknöchelchen.
Dieser letztgenannte Entwicklungsvorgang gilt in der Zoologie als Paradebeispiel für Funktionswechsel. In fast jedem Lehrbuch wird er angeführt. Aber gerade dieses Beispiel ist nicht treffend. Denn in diesem Falle fand zunächst eine allmähliche Rückbildung dieser Knochen statt. Millionen Jahre lang waren sie funktionslos. Erst dann wurden diese rudimentären Einheiten im Rahmen einer neuen Funktion wieder nutzbar und weiter ausgestaltet. Hier fand nicht wirklich ein Übergang von einer Funktion auf eine andere statt. Ein Rudiment - ein nutzloser Abfall - wurde hier in den Bildungsprozeß eines neuen Wirkungsträgers einbezogen.
Bei den vom Menschen geschaffenen Energonen trat die Bedeutung des Funktionswechsels stark zurück. Wir sind bei unseren Neubildungen nicht mehr darauf angewiesen, daß jede Übergangsstufe positiven Selektionswert hat. Verbesserungen sind bei uns nicht auf graduelle Übergänge angewiesen.
Immerhin gibt es den Vorgang auch hier noch. Manche Knöpfe an unseren Kleidern dienen nicht mehr als Verschluß, sondern nur noch als Schmuck. Diese Wirkungsträger haben somit einen radikalen Funktionswechsel erfahren. Das im Auto so wichtige Differential wurde nicht für dieses erfunden, sondern viel früher für Webmaschinen. Her wechselte also eine Einheit nicht nur ihre Bedeutung, sondern auch das Energon. Das ist eine Art des Funktionswechsels, die wieder nur beim Menschen - da unsere künstlichen Organe von verschiedenen Energonen verwendet werden können - möglich ist.
jeder Funktionswechsel führt zu einem neuen Wirkungsträger - und auch bei diesem können sich dann die Kreisprozesse fortsetzen: Funktionserweiterung, Überbürdung, Funktionsteilung, Funktionswechsel . . .
Oder der Kreisprozeß führt zu einer Funktionsbündelung (Abb. 20 c).
(Originalbuchseite 163)
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Dieser letztgenannte Vorgang läßt sich bei den künstlichen Organen des Menschen besser verfolgen als bei den natürlichen der Tiere und Pflanzen.
Die Entfaltung sämtlicher technischen Einrichtungen - ganz besonders aller Maschinen - hat sich auf diese Art vollzogen. Will ein Konstrukteur eine schon bestehende Vorrichtung (Wirkungsträger) durch Anfügung von Hilfseinheiten verbessern, dann denkt er zuallererst an die schon existierenden, von anderen Menschen erfundenen. Selbst wenn er diese nicht so, wie sie sind, übernehmen kann, übernimmt er immerhin ihr Prinzip. Dieses kopiert er und paßt es den gegebenen Erfordernissen an.
Hier zeigt sich die eminente Bedeutung der menschlichen Sprache und Schrift. Jede Pflanze und jedes Tier muß gleichsam - in der evolutionären Entwicklung - jede neue Erfindung selbst machen. Gelangt das Energon Mistkäfer zu einer Verbesserung, dann kann unter gar keinen Umständen das Energon Pappel davon profitieren. Bis zum Menschen konnte jeder der unzähligen Äste in der Lebensentfaltung nur durch eigene Fortschritte vorankommen. Bei den vom Menschen gebildeten Energonen wurde es dagegen möglich, daß ein Energon durch die Verbesserungen eines anderen profitiert.
Einem schon bestehenden Wirkungsträger werden andere zugeordnet, die ihm gleichsam Vasallendienste leisten. Durch diese Zuordnung kommt es zu einer Bündelung von Funktionen, zur Entstehung von Wirkungsträgern höherer Integrationsstufe. So wie jedes Energon aus untergeordneten Einheiten besteht, so bestehen nun auch diese aus untergeordneten Einheiten.
Bei der tierischen und pflanzlichen Entwicklung war eine solche Anlagerung schon bestehender Wirkungsträger meist nicht möglich. Eine Mutation im Erbrezept konnte kaum bewirken, daß eine schon bestehende Einheit von einem Körperteil in einen anderen hinüberwanderte und sich dort einem Wirkungsträger als Hilfseinheit zuordnete. Auf einem anderen Weg kam es jedoch auch hier zu einem analogen Vorgang.
Der Baustein aller Vielzeller, die Zelle, ist zu sehr vielen Funktionen und Differenzierungen fähig. Das ist ein Erbteil ihrer selbständigen Vergangenheit als Einzeller. Im Vielzeller werden jeweils nur diese oder jene Fähigkeiten einzelner Zellen aktiviert, und viele Zellen bleiben undifferenziert: gleichsam als eine Reserve für allenfalls notwendige Erneuerungen. Durch Mutationen konnte es geschehen, daß an solche einem Wirkungsträger benachbarte Zellen das Kommando erging, sich zu einer Hilfseinheit zu differenzieren. Wenn hier also auch eine Anlagerung schon bestehender Einheiten meist nicht möglich war - so war es auf diesem ganz anderen Wege doch möglich, zu einer solchen Anlagerung zu gelangen. In sukzessiver Entwicklung konnten so auch hier immer komplexere Organe höherer Integrationsstufe entstehen.
(Originalbuchseite 164)
Dieser - für den ersten Evolutionsteil - ungemein wichtige Vorgang fällt letzten Endes wieder unter das Prinzip der Funktionserweiterung. Nicht der Wirkungsträger selbst erweitert in diesem Fall die Zahl seiner Fähigkeiten, sondern undifferenzierte Reserveeinheiten werden zur Funktionserweiterung aktiviert und lagern sich ihm als Hilfseinheiten an.
Selbst diese Entwicklungsform hat in der menschlichen Evolution eine Parallele. Ebenso entwicklungsfähig wie die undifferenzierte Zelle ist der undifferenzierte Mensch. Wird in einer Abteilung eine Hilfseinheit benötigt, dann können auch ungeschulte Kräfte eingestellt und auf die zu erbringende Tätigkeit eingeschult werden. Zahlreiche Betriebe verfahren so. Beim Menschen vollzieht sich dieser Vorgang bewußt und zielstrebig - kann somit schnell zu Ergebnissen führen. Die Vielzeller waren dagegen auf passende Änderungen im Erbrezept angewiesen.
Eine andere Möglichkeit, zur Anlagerung von Hilfseinheiten - also zu einer Funktionsbündelung - zu gelangen, ist das Verwandeln von Umwelteinheiten in Wirkungsträger. Damit kommen wir zu einem der zentralen Probleme in der Evolution. Wie kann überhaupt aus etwas völlig Funktionslosem etwas Funktionelles werden?
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Ich nenne diesen Vorgang in Ermangelung einer besseren Bezeichnung Funktionsgeburt (Abb. 20 d). Eine solche kann sich auf sehr verschiedene Art vollziehen.
Wie schon besprochen, kann ein Wirkungsträger eo ipso zu mehreren Funktionen fähig sein (Doppelfunktion). Ebenso stellt auch jede Funktionserweiterung eine Funktionsgeburt dar. In beiden Fällen gelangt jedoch nicht etwas wirklich Funktionsloses zur Funktionsfähigkeit, sondern eine bereits funktionelle Einheit vermag weitere Leistungen zu erbringen.
Völlig funktionslos sind dagegen Abfallstoffe. Sie sind Behinderungen, ja Schädigungen im Körper und müssen abgeschieden werden. Nicht selten ist es Organismen gelungen, solche Exkremente in dienstbare Hilfseinheiten zu verwandeln. Manche einzellige Algen behalten ihre gasförmigen Stoffwechselprodukte im Körper - sie werden so zu einem Schwebeorgan. Der Auftrieb dieser Gaseinschlüsse gleicht das Gewicht der Zelle im Wasser aus. Andere Algen bilden analoge Wirkungsträger, indem sie Fetttropfen produzieren. Das Verfahren, Abfallstoffe für diesen Zweck einzusetzen, dürfte entschieden billiger sein.
Der Hund verwendet den ausgeschiedenen Urin dazu, sein Revier zu markieren. Der Urin wird so zu einem nicht unwichtigen Wirkungsträger. In vielen Bäh-
(Originalbuchseite 165)
trieben ist man dahin gelangt, Abfälle, allenfalls durch zusätzliche Bearbeitung, ebenfalls zu verwerten. In manchen Fällen wurde sogar später das Hauptprodukt daraus.
Eine weitere Entwicklungsstufe liegt vor, wenn das, was von der Beute übrigbleibt und nie in den Körper des räuberischen Energons gelangt ist, zu einem Wirkungsträger gemacht wird. Das tut beispielsweise der "Blattlauslöwe" (eine räuberische Fliegenlarve), der sich mit den Häuten der von ihm ausgesaugten Blattläuse bedeckt. Er verwandelt sie in Wirkungsträger der Tarnung. Von hier bedeutet es nur noch einen kleinen Schritt zur Verwandlung von Umwelteinheiten in künstliche Organe - wie es die Amöbe Difflugia bewerkstelligt, wenn sie aus Sandkörnern einen sie schützenden Panzer aufbaut.
Sowohl bei den Algen als auch beim Blattlauslöwen und bei dieser Amöbe sind angeborene Rezepte Voraussetzung für die Dienstbarmachung der jeweiligen funktionslosen Einheiten. Ob diese funktionslosen Einheiten das Endergebnis der Atmung (Luftblasen), eines Raubvorganges (Häute toter Blattläuse) oder beliebiger Vorgänge in der Umwelt (Sandkörner) sind, ist vom Prinzip her irrelevant. Auch hier zeigt sich der lückenlose Übergang von den "natürlichen" zu den "künstlichen" Wirkungsträgern. In jedem Fall aber handelt es sich um eine Funktionsgeburt.
Solange solche zusätzliche Einheiten nur auf dem Wege einer Abänderung im Erbrezept gewonnen werden konnten, waren dieser Entwicklung Grenzen gesetzt. Als dagegen - beim Menschen - das Zentralnervensystem zur Fähigkeit gelangte, auf Grund individueller Erfahrung und direkter Informationsweitergabe zur Bildung und Verwendung künstlicher Organe zu gelangen, war ein völlig neuer Entwicklungsweg eröffnet.
In der Phantasie entwirft der Mensch Vorstellungen, wie ein für eine bestimmte Aufgabe geeigneter Wirkungsträger beschaffen sein müßte. Nach einem solchen sucht er dann - ist er erfolgreich, dann handelt es sich um Organfindung. Oder: er fertigt einen so beschaffenen Wirkungsträger an - in diesem Fall handelt es sich um Organbildung.
Der Urmensch erkannte, wie ein Stein geformt sein müsse, um ihm als Meißel zu dienen - er schuf sich den Faustkeil. Die heutigen Industriegiganten halten Ausschau nach Produkten oder spezialisierten Menschen, die sie in ihr Wirkungsgefüge einbauen können: nach Organisationen oder Betrieben, die sie derart beeinflussen und verändern können, daß diese ihre eigenen Ziele fördern. Eine anscheinend weltenweite Kluft: hier der Faustkeil, dort die Veränderung bestehender Produkte oder Organisationen. Im Prinzip aber ist es der gleiche Vorgang. Hier wie dort geht es um die Fähigkeit zur Organfindung, zur Organvorstellung und zur Organbildung aus fremder Struktur.
Letztlich ist diese Fähigkeit auch schon den niedersten Organismen eigen - ja sie ist eine Grundfunktion des Lebensprozesses überhaupt.
(Originalbuchseite 166)
Denn jede Pflanze und jedes Tier nimmt anorganische Stoffe auf - und assimiliert sie. Das heißt: verwandelt sie in körpereigene Struktur. Dadurch aber wird Körperfremdes in Wirkungsträger verwandelt. Der hierarchische Aufbau des "Zweckmäßigen" (im Sinne von den Energieerwerb Steigerndem) setzt sich in der hierarchischen Innenstruktur der Energone bis zu den kleinsten Bestandteilen fort. Jedes anorganische Molekül und Atom, das in das Wirkungsgefüge eines Energons eingebaut wird, verwandelt sich so in etwas Funktionelles - in einen Wirkungsträger. Der gesamte Evolutionsprozeß wurzelt letztlich in einer Umwandlung von "Anorganischem" in "Organisches".
Durch Anlagerung an schon bestehende Wirkungsträger und durch Aktivierung funktionsfähiger Einheiten (etwa undifferenzierter Zellen) oder durch Ein-
a) Funktionspartnerschaft. W und X sind Wirkungsträger im gleichen Energon und mit verschiedenen Funktionen (f, g). Durch teilweise Vereinigung ihrer Strukturen kommt es zu Einsparungen. Beispiel: Niere und Keimdrüsen benützen zum Ausscheiden ihrer Produkte einen gemeinsamen Ausführungsgang. Oder: in einem Betrieb ersetzen zwei Abteilungen ihre Schreibkräfte durch eine gemeinsame Schreibkraft.
b) Funktionszusammenlegung. Mehrere Wirkungsträger eines Energons (V-Z) üben die gleiche Funktion aus (f), zwei von ihnen zusätzliche (g, h, i). Diese Doppelspurigkeit wird beseitigt, indem ein Wirkungsträger die Funktion f für alle übernimmt. Es kann einer der bereits vorhandenen sein (W) oder auch ein neugebildeter. Beispiel: Errichtung einer zentralen Reparaturabteilung in einem Betrieb.
(Originalbuchseite 167)
gliederung funktionslosen "Materials" kann also ein Wirkungsträger höherer Integrationsstufe entstehen. Auch ein auf diese Weise gebildetes "Komplexorgan" kann dann im weiteren Evolutionsverlauf zusätzliche Funktionen übernehmen, zu Überbürdung gelangen, neue Funktionsteilung oder neuen Funktionswechsel erleben oder an einer weiteren Funktionsbündelung teilnehmen.
Auf jedem dieser angeführten Wege gelangen die betreffenden Energone zu neuen Wirkungsträgern. Diese machen Pflege, Reparatur und allfällige Erneuerung nötig - manche auch Energiezufuhr und Abfallsabfuhr. Insgesamt kann es so im Gefüge eines Energons zu mancher Doppelgleisigkeit kommen - zu Energieausgaben, die vermeidbar sind und deren Senkung den Konkurrenzwert erhöht.
c) Funktionsbündelung. Die Funktionskraft des Wirkungsträgers X wird durch Anlagerung der Funktionsträger W und Y gesteigert. Es kommt zur gemeinsamen, verbesserten Funktion g2. Treten weitere Wirkungsträger hinzu, dann kann ein Organ höherer Integrationsstufe entstehen, dessen Funktion (g3) sich aus zahlreichen untergeordneten Funktionen aufbaut. Auf diese Weise dürften die meisten Komplexorgane der Tiere und Pflanzen entstanden sein, ebenso, beim Menschen, die meisten Maschinen.
d) Funktionsgeburt. E ist ein Energon, U eine für ihn funktionslose Einheit der Umwelt. Das Energon nimmt diese Einheit in seinen Wirkungskörper auf (E2) und verwandelt sie in einen Wirkungsträger. Aus etwas Funktionslosem wird etwas Funktionelles. Beispiel: Tiere und Pflanzen nehmen Stoffe auf, errichten aus ihnen funktionelle Strukturen - verwandeln sie so in Wirkungsträger. Oder: Abfallprodukte werden nutzbar gemacht - und so in Wirkungsträger verwandelt. Wichtigstes Beispiel: die gesamte Herstellung von "künstlichen Organen" und deren Eingliederung in menschliche Berufskörper und Erwerbsorganisationen.
(Originalbuchseite 168)
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Die erste Möglichkeit, zu einer Rationalisierung zu kommen, nenne ich Funktionspartnerschaft (Abb. 20 a).
Sie besteht darin, daß zwei Wirkungsträger ihre Struktur teilweise vereinigen, wodurch es zu Einsparungen kommt. So haben bei manchen Tieren (auch bei uns Menschen) Nieren und Keimdrüsen einen gemeinsamen Ausführungsgang - während das bei anderen Arten nicht der Fall ist. In Betrieben kann es vorkommen, daß zwei Abteilungen über gleiche Wirkungsträger verfügen (etwa je eine Schreibkraft), die hier wie dort nicht voll ausgelastet sind. Durch Funktionspartnerschaft können hier Einsparungen erzielt werden. Die Funktion wird vereinigt - die beiden Abteilungen teilen sich von nun ab den Wirkungsträger.
Noch einschneidender ist dieser Vorgang bei der Funktionszusammenlegung (Abb. 20 b). Sie stellt eine radikale Beseitigung von Mehrgeleisigkeit dar. Tritt innerhalb eines Energons an zahlreichen Stellen die gleiche Funktion auf, dann erhöht sich die Konkurrenzkraft, wenn an die Stelle dieser Einzelfunktionen ein darauf spezialisierter gemeinsamer Wirkungsträger tritt.
Bei Betrieben ist dieser Vorgang häufig. Erreichen sie eine bestimmte Größe oder gelangen sie zu einer bestimmten Anzahl von Einheiten, dann kommt es zu radikalen Umschichtungen. So wird etwa ein gemeinsamer Fuhrpark gebildet, eine Bauabteilung, eine Rechtsabteilung, eine Forschungsabteilung, zentralisierte Lager- und Reparaturstellen, ein Prüffeld, eine Abteilung für Energieversorgung, eine Abteilung für Terminverfolgung und anderes mehr.
Im Produktionsprozeß führt die Zusammenordnung gleichartiger Arbeitsgänge zur "Werkstättenfertigung". Einzelne Produktionsabläufe (I, II, III usw.) werden in Teilabschnitte zerlegt (a. b, c, d). Ist etwa der Arbeitsgang c im Produktionsablauf I dem Arbeitsgang a im Produktionsablauf III verwandt, dann werden die beiden in einer gemeinsamen "Werkstätte" abgewickelt. Praktisch heißt das, daß etwa alle Dreharbeiten in einer Dreherei ausgeführt werden, alle Gießarbeiten in einer Gießerei und so fort.
Es ist aufschlußreich, daß es in der Evolution der Tiere und Pflanzen nur sehr beschränkt zu solchen Funktionszusammenlegungen kam. Jede sekundäre Umordnung bedeutet rigorose Eingriffe und Umschichtungen in der inneren Organisation: solche können aber nur selten durch hier und dort auftretende Änderungen im Erbrezept zustande kommen. Hätte eine übersinnliche, zur Ordnung hinleitende Kraft die Evolution der Organismen gesteuert, dann hätte es sehr wohl auch zu solchen Umschichtungen in den Gefügen kommen können. Sich selbst überlassen und dem vielfachen Einfluß verschiedenster Kräfte ausgesetzt, konnten jedoch die tierischen und pflanzlichen Organismen zu keinen drastischen Veränderungen gelangen, selbst wenn sich dadurch ihr Konkurrenzwert (Selektionswert) erheblich gesteigert hätte.
(Originalbuchseite 169)
Die Vielzeller sind sehr föderative Organisationen geblieben. Jede ihrer Zellen ist immer noch ein weitgehend selbständiger Betrieb. So stellt beispielsweise jede Zelle ihr eigenes ADP her und lädt es selbst zu ATP auf. Das bedeutet beim Menschen insgesamt eine Substanzbildung von nicht weniger als 70 Kilogramm am Tag.3 Dieser immer gleiche Vorgang wird in jeder einzelnen Zelle - also beim Menschen in Milliarden von "Betrieben" - ausgeführt; jeder hat dafür besondere Wirkungsträger: die Mitochondrien. Dem kaufmännisch Denkenden mögen sich über ein solches Maß an Vielgeleisigkeit die Haare sträuben.
Auch die Konzentrationsdifferenz. zur Umgebung hält jede Zelle für sich selbst konstant. Dazu hat jede einzelne die sogenannten "lonenpumpen". Bei den Blutkörperchen wurde gemessen, daß sie einem dreißigfachen Konzentrationsgefälle entgegenwirken müssen. Auch hier zeigt der Vielzeller eine geradezu gigantische Vielgeleisigkeit, die dem Körper insgesamt sehr erhebliche Ausgaben verursacht.
Zweifellos bietet den Vielzellern die Eigenständigkeit ihrer Bausteine viele wichtige Vorteile.4 Darüber darf man aber auch die Mangelerscheinungen und konstruktiven Begrenzungen, die sich aus diesem föderativen Aufbau ergeben, nicht übersehen. Erst auf der Entwicklungsstufe Mensch befreite sich die Evolution von dieser Beschränkung. Bei den vom Menschen gebildeten, nicht mehr verwachsenen, nicht mehr aus einer Keimzelle hervorgehenden Erwerbsstrukturen wurde jede nur erdenkliche Funktionszusammenlegung möglich.
Es ergab sich hier sogar die Möglichkeit, daß der gleiche Wirkungsträger für ganz verschiedene Energone tätig ist. Jeder Stundenbuchhalter, der in kleineren Betrieben heute hier und morgen dort die Bilanzen und Steuererklärungen aufstellt, führt dies vor Augen. Man muß diesen Vorgang vom einzelnen, solche Dienste in Anspruch nehmenden Energon her sehen.
Die betreffenden Betriebe brauchen diese Wirkung. Sie sind jedoch zu klein, um sich dafür eigene Wirkungsträger - also einen Buchhalter oder einen Steuersachverständigen - einzustellen. Das bedeutet, normalerweise, daß diese Energone eben schlecht und recht mit den gegebenen Einheiten ihr Auskommen finden müssen. Einer der Angestellten - wenn auch in dieser Arbeit nicht so perfekt - muß dann eben diese Funktion ausüben. Nun aber bietet sich die Möglichkeit, daß ein Spezialorgan gemietet wird. Praktisch handelt es sich hier um eine
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Funktionszusammenlegung zwischen ganz verschiedenen, ja sogar oft rivalisierenden Energonen.
Den gleichen Vorgang sehen wir bei der heutigen EWG. Jeder der europäischen Staaten unterhält eine eigene Regierung, ein eigenes Zoll- und Polizeiwesen, eine eigene Gerichtsbarkeit, eigene Forschungsstätten. Ließe sich hier eine Funktions-
(Originalbuchseite 171)
zusammenlegung (wie sie zum Teil bei der EWG erfolgt) erreichen, dann wären jedem der Staaten erhebliche Kosten erspart.
Im wirtschaftlichen Bereich ist eben das der Grundgedanke, den ServanSchreiber in seinem Buch "Die amerikanische Herausforderung" dargelegt hat: Jeder der europäischen Großbetriebe ist viel zu arm, um sich Forschungsausgaben
a) Der Wirkungsträger G leistet zunächst nur die Funktion a. Im Zeitintervall 1 nimmt er, in Funktionserweiterung, die Funktion b hinzu; in der Spanne 2 auch noch die Funktionen c und d. Es kommt so zu einer Überbürdung, und in der Zeitspanne 3 findet eine Funktionsteilung statt: H übernimmt die Funktion c, I die Funktionen a, b und d. In der Zeitspanne 4 kommt es zu einer weiteren Funktionsteilung. Der Wirkungsträger I hat schließlich wieder bloß eine Funktion. Bei ihm wie auch bei H kann es zu weiteren Kreisprozessen (analog G) kommen.
b) In der Zeitspanne 1 - 2 - 3 kommt es zu einem Funktionswechsel: die ursprüngliche Funktion a tritt an Bedeutung zurück, schließlich bleibt nur die zusätzliche Funktion b übrig. In der Zeitspanne 4 folgt eine Funktionszusammenlegung: der Wirkungsträger I übernimmt von H, I und K die Funktion b. In. der Zeitspanne 5 gibt er die zusätzliche Funktion c durch Funktionsteilung an den neuen Wirkungsträger L ab. Wieder gelangen wir zu zwei Wirkungsträgern (L und 1) mit nur einer Funktion, bei denen es zu weiteren Funktionserweiterungen und neuerlichen Kreisprozessen kommen kann.
c) Auf eine Funktionserweiterung folgt hier eine Funktionsbündelung. Die Funktionen a, b, c und d ergeben zusammen eine neue Funktion e. Durch Hinzunahme von (für sie) funktionslosen Umwelteinheiten (U) kommt es dann in den Zeitspannen 3 und 4 zur Bildung eines Komplexorganes (K) mit nur einer Funktion (f), das weitere Einheiten hinzunehmen kann (L) und seine Funktion steigert (f2). Auch hier kann es wieder zu Funktionserweiterungen und zu weiteren Kreisprozessen kommen.
(Originalbuchseite 172)
wie die amerikanischen Mammutbetriebe leisten zu können. Ließen sich diese Anstrengungen vereinigen, dann würde die europäische Wirtschaft besser konkurrenzfähig.
Die Funktionszusammenlegung ist letztlich der Vorgang, durch den bei den menschlichen Erwerbskörpern mehrere kleine Energone zu einer größeren Einheit - zu einem größeren Energon - verschmelzen können. Den Tieren und Pflanzen war dieser Vorgang - mit geringfügigen Ausnahmen (etwa bei den Insektenstaaten) - rein technisch nicht möglich.
Auch die Funktionszusammenlegung führt schließlich zu Wirkungsträgern mit einer Funktion. Auch in diesen können sich die Kreisprozesse fortsetzen.
7
Der Gedanke an Kreisprozesse ist öfter aufgetaucht. Nach dem Konzept der buddhistischen Religion führen die Handlungen eines Lebens zu Folgeerscheinungen im nächsten, und die Existenz des Individuums setzt sich so in ursächlicher Verflechtung (Karma) fort - bis es sich schließlich von diesen Wirkungen völlig befreit hat und ins Nirwana aufgeht.
Nietzsche beruhigte seinen revoltierenden Geist mit der Vorstellung der "ewigen Wiederkehr". Alles muß - notwendigerweise - letzten Endes wiederkommen. Ein gewagter - aber auch recht unwahrscheinlicher Gedanke.
Nicht wenige Poeten haben die ständige Folge von Geburt, Reifung und Tod zum Gegenstand einer verallgemeinernden Weltbetrachtung gemacht. Oswald Spengler übertrug eine ähnliche Vorstellung auf die Völker. Ihre Organisation bildet sich, wird erfolgreich, daraufhin versinken sie in Luxus, verweichlichen, werden von anderen ausradiert. Ein solcher "Untergang" bedrohe auch das "Abendland".5
Von der Energontheorie her betrachtet, wurden die wirklich bedeutsamen Kreisprozesse bisher übersehen. Nicht das Sichtbare, Körperliche ist die eigentliche Realität. Geburt, Reifung und Tod sind gleichsam nur Pulsschläge in der Lebensentwicklung; ein etwas langsamerer Pulsschlag ist das Werden und Vergehen der Völker.
Im Querschnitt bieten die Energone ein unüberschaubares Netz von Verflechtungen - einen "Kausalfilz". Aus der Sicht ihrer evolutionären Entwicklung veränderten und entfalteten sie sich dagegen in immer wiederkehrenden Kreisprozessen. Wie in ständigen Strudelbildungen fließt - tastet sich - der Entwicklungsstrom weiter (Abb. 21).
(Originalbuchseite 173)
Auf diese Weise bestimmen die steuernden Einwirkungen der Umweltfaktoren die Gestalt der Energone und ihrer so zahlreichen Wirkungsträger. An jeder ihrer Strukturen vollzieht sich - über den Weg der Steuerkausalität - die modellierende Tätigkeit der sich mannigfach überschneidenden Kraftfelder. Von der Bilanz her - vom Energon her - lassen diese Einwirkungen, auf Grund funktioneller Verwandtschaften, eine Einteilung zu. Von den Energiequellen und Stoffquellen sowie von den störenden und feindlichen Umweltkräften haben wir bereits gesprochen.
Es gibt aber noch weitere für die Energone bedeutsame
Umweltfaktoren.
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Anmerkungen:
1 Gutenberg
verwendet die Bezeichnungen Funktionsanhäufung und Funktionsstreuung.
("Grundlagen
der Betriebswirtschaftslehre", Berlin 1951, Bd. I, S. 174.
2 "Die Metamorphose
der Pflanzen", in "Gott und Welt", 1798.
3 Dem steht
natürlich ein ebenso großer täglicher Substanzabbau
gegenüber. Das Aufladen jedes ADP-Moleküls zu ATP bedeutet Substanzaufbau,
das Entladen Substanzabbau. Der Vergleich soll bloß anschaulich
den Umfang dieser Prozesse in unserem Körper zeigen.
4 Zu diesen
mag es auch gehören, daß manche chemische Synthese überhaupt
nur im "Kleinbetrieb" möglich ist. Nur in dieser Dimension gibt es
relativ riesige Oberflächen auf kleinstem Raum. Wie man in der chemischen
Industrie festgestellt hat, sind manche Vorgänge, die in der Kleinretorte
"Zelle" ablaufen, in "Großsynthese" gar nicht möglich.
5 "Der Untergang
des Abendlandes", München 1918.