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III

DIE FUNKTIONSERWEITERUNG


Das menschliche Wissen ist ungefähr so entstanden, wie die Inseln in einem Ozean entstehen, dessen Boden sich langsam hebt und dessen Wasser sich langsam verlaufen.
Wilhelm Ostwald (1912)


Getrost: die Weisheit wird im Tod unsterblich. Die Dummheit nicht: die ist nur erblich.

Karl Heinrich Waggerl (1950)
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Jedes Energon besteht samt und sonders aus Wirkungen. Im Fluß der Evolution veränderten sich die Umweltbedingungen ständig. Die Energiequellen veränderten sich, die Stoffquellen veränderten sich, neue störende Umweltbedingungen traten in Erscheinung. Die Energone konnten sich nur behaupten, wenn auch sie sich änderten - wenn sie neue Wirkungen produzierten. Wie konnte das geschehen?

Es gibt hier zwei Möglichkeiten: Entweder das Energon bringt einen neuen Wirkungsträger hervor. Oder bereits bestehende Wirkungsträger übernehmen zusätzliche Funktionen.

In jedem Betrieb sind beide Vorgänge bekannt. Der erste ist gegeben, wenn ein neues Gebäude errichtet, eine neue Maschine angeschafft, ein neuer Mitarbeiter angestellt oder eine neue Abteilung gegründet wird. Da in der arbeitsteiligen Wirtschaft solche Einheiten meist schon fertig vorhanden sind, zum Kauf bereitliegen oder sich selbst zur Miete anbieten, ist diese Form, zu neuen Wirkungsträgern zu gelangen, eher einfach. Sie erfordert bloß das nötige Wissen um deren Existenz und das nötige Kapital - also entsprechende Energieüberschüsse -, um sie an das eigene Wirkungsgefüge zu binden.

Der zweite Vorgang liegt dann vor, wenn der Chef einen Angestellten zu sich ruft und zu ihm sagt: "Hören Sie zu, ich habe da eine neue Aufgabe für Sie." Oder wenn er sagt: "Passen Sie auf, Ihre Abteilung übernimmt jetzt noch folgendes..." In diesem Fall wird dann keine neue Einheit in das Wirkungsgefüge des Energons eingefügt, sondern eine schon bestehende wird dazu gebracht, noch eine zusätzliche Funktion auszuüben.

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Bei den Berufskörpern und Staatsgebilden gibt es die gleiche Alternative. Beispiel für den ersten Vorgang: ein neues Werkzeug wird angeschafft oder ein neues Ministerium gegründet. Beispiel für den zweiten: mit einem schon bestehenden Werkzeug wird ein neuer Arbeitsgang verrichtet, oder ein schon bestehendes Konsulat erhält eine zusätzliche Funktion.

Bei den Pflanzen und Tieren, deren Wirkungsträger fast durchwegs aus einer Keimzelle hervorwachsen, liegen die Dinge etwas anders. Solange die Evolution an dieses Herstellungsprinzip gefesselt war, konnten nicht ohne weiteres neue Wirkungsträger beschafft werden. Nur Veränderungen im Erbrezept konnten solche Strukturen schaffen - und dieser Weg war oft dadurch verbarrikadiert, daß alle Entwicklungsstufen den Konkurrenzwert erhöhen mußten - oder ihn zumindest nicht vermindern durften. Sonst fand eine solche Entwicklung gleich wieder ihr Ende.

Weit eher ließen sich hier neue Wirkungen durch Abänderung einer schon vorhandenen Einheit erreichen.

Diesen Prozeß nenne ich Funktionserweiterung. Die Aufgaben ("Pflichten") eines Wirkungsträgers werden noch um eine weitere vermehrt - sein Wirkungsfeld wird "erweitert". Bisher wurde dieser Vorgang, der in der Evolution von entscheidender Bedeutung war, nur wenig beachtet. Die Phänomene der Funktionsteilung, des Funktionswechsels und der Funktionszusammenlegung wurden sowohl in der Biologie als auch in der Wirtschaft in ihrer Bedeutung erkannt und eingehend behandelt. Die Funktionserweiterung, die der Ausgangspunkt für diese Phänomene ist, wurde dagegen übersehen oder in ihrer Bedeutung nicht gewürdigt.

Dieser Vorgang gibt einen tiefen Einblick in die Entstehung von Zweckmäßigkeit in der Natur.
 


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Als erstes gibt es die Möglichkeit, daß ein Wirkungsträger kraft seiner Beschaffenheit gleichsam franko und gratis für das Energon gleich noch weitere nützliche Leistungen erbringt. So schützt bei den Insekten der harte Panzer nicht nur gegen Feinde, sondern auch gegen eine Verdunstung der Körperflüssigkeit. Bei den Pflanzenblättern werden durch die Spaltöffnungen und durch die Kanäle des Interzellularsystems nicht nur die benötigten gasförmigen Stoffe an die Zellen herangebracht, sondern durch ebendiese Kanäle und Öffnungen entweichen auch die gasförmigen Abfallstoffe. Oder: Viele Enzyme bewirken in den Zellen nicht nur den Aufbau von Verbindungen - sondern leisten auch beim entgegengesetzten Vorgang, dem Abbau, wertvolle Dienste.

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Die Nesselkapseln der Korallenpolypen zeigen eine solche Doppelfunktion besonders deutlich (Abb. 10). Es ist anzunehmen, daß diese hochspezialisierten Wirkungsträger sich primär als Werkzeuge des Beutefanges entwickelten. Gleichzeitig waren sie jedoch von Anbeginn - ohne irgendwelche zusätzlichen Einrichtungen - auch höchst wirkungsvolle Abwehrwaffen. Denn berührt etwa ein Raubfeind den auslösenden Stift, dann wird er ebenfalls von dem giftigen Pfeil getroffen. Wir sind es heute so gewohnt, alle "Waffen" in eine gemeinsame Kategorie zusammenzuordnen, daß eine solche Doppelfunktion uns als etwas Selbstverständliches erscheint. Vom Energon her aber handelt es sich um Leistungen in zwei völlig verschiedenen Wirkungsfeldern.

Bei den höheren Tieren haben die meisten Sinnes- und Fortbewegungsorgane eine ebensolche Doppelfunktion. Es sind einerseits Wirkungsträger des Erwerbes, ebenso aber auch solche des Schutzes. Beim Wal hat die dicke Speckschicht nicht nur die Funktion, dieses selbstheizende ("warmblütige") Tier gegen Wärmeentzug abzuschirmen, sie bewirkt gleichzeitig auch einen starken Auftrieb und entlastet so die Abwehrkosten gegenüber der Schwerkraft. Die Schwimmhäute vieler Wasservögel leisten diesen auch Dienste, wenn sie auf dem weichen Uferschlamm herumspazieren. Die Vogelfedern sind Hilfsmittel der fliegenden Fortbewegung, jedoch zur Kälteabwehr nicht minder wichtig. Vom Speer des Urmenschen werden wir wohl nie wissen, ob dieser ursprünglich als Jagdwerkzeug oder als Abwehrwaffe entwickelt wurde - jedenfalls bewährte er sich hier wie dort gleich gut. Die Erfinder der Atombombe versichern uns, daß sie an Abwehrwirkung gegen Tyrannen dachten: Als Angriffsmittel für Aggressoren ist sie aber nicht minder geeignet.1

Es konnten also in der Evolution neue bilanzfördernde Wirkungen gleichsam im Schlepp anderer zustande kommen. m diese wirklich nutzbar zu machen, war jedoch meist die Ausbildung zusätzlicher Verhaltensrezepte nötig.

Dies zeigen etwa die Beine der Kröte. Durch entsprechende Verhaltensrezepte gesteuert, leisten sie diesem Energon sechs verschiedene Dienste. Erstens bewegt sich die Kröte mit ihrer Hilfe über Land fort. Zweitens kann sie - zum Beutefang und zur Flucht - Sprünge ausführen. Drittens, durch wieder andere Bewegungskoordination, treiben sie ihren Körper auch durch das Wasser. Begegnet dort (in der Laichzeit) ein Männchen dem anderen, dann führt es gegen dieses Wegstoßbewegungen aus. Begegnet ihm dagegen ein Weibchen, dann wird dieses mit den Vorderbeinen umklammert: darauf stößt das Weibchen seine Eier aus. Jetzt bildet das Krötenmännchen mit den Hinterbeinen einen Korb, fängt die Eier darin auf und besamt sie.

Die Rezepte für diese sechs Bewegungskoordinationen waren sicher nicht auf

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einmal da, sondern wurden im Laufe der Zeit entwickelt. Der Wirkungsträger war jedoch schon da. Durch Funktionserweiterung steigerte sich die Zahl der von ihm geleisteten bilanzfördernden Wirkungen.

Die Spinnen verwenden ihre Fäden nicht nur zum Beutefang, sondern seilen sich an diesen auch ab, verwenden sie als Tragfäden für Luftreisen, kleiden damit ihre Winterlager aus, umhüllen ihre Eipakete, spinnen darin ihre Beute ein, stehen durch einen Faden mit ihrem Netz in Verbindung, so daß dieser ihnen bei Erschütterung meldet, daß sich ein Beutetier verfangen hat. Jede dieser Leistungen wird auf Grund angeborener Verhaltensrezepte erbracht, durch die der Wirkungsträger Spinnfaden für eine Reihe von weiteren Verwendungen nutzbar wird.

Instruktiv sind drei Verwendungen des Spechtschnabels. In erster Linie ermöglicht er die Erbeutung von im Holz versteckten Kerbtierlarven. Eine zweite Verwendung besteht darin, sich mit ebendiesem Schnabel eine Wohnhöhle zurechtzuzimmern. Ein künstliches Schutzorgan wird so geschaffen. Drittens wurde das Klopfen des Spechtes - im Lauf der Evolution - zu einem Signal, um sein Revier abzugrenzen. Rivalen werden auf diese Weise gewarnt, in die Nähe zu kommen. Dieses Klopfen wird regelmäßiger und rhythmischer ausgeführt als beim Bau der Wohnhöhle, wodurch sich sein Funktionswert als Signal erhöht. Auch hier führte die Ausbildung weiterer zusätzlicher Koordinationsrezepte zu zusätzlichen funktionellen Wirkungen.

Ein Beispiel für extreme Funktionserweiterung durch Ausbildung zusätzlicher Rezepte liefert die menschliche Hand. Schon dem Affen ist eine Reihe von Handbewegungen angeboren (Festklammern an Asten, Läusesuchen, Kratzen usw.), und dazu erwirbt er noch weitere durch Lernen. Bei uns steigert sich das - auf Grund unserer höheren Lernfähigkeit und Intelligenz - ins geradezu Grenzenlose. Ein Großteil der menschlichen Fähigkeiten verbindet sich mit entsprechenden Koordinationsrezepten zur Bewegung unserer Hände. Ob wir kochen, schreiben, Werkzeuge verwenden, schwimmen, Klavier spielen, Auto fahren oder uns einen Schuhriemen binden: für jede organisierte Handbewegung müssen wir erst die entsprechende Koordination bilden, müssen diese "lernen". Nur mit dem Universalwerkzeug Hand, das zu immer neuen Wirkungen gebracht werden kann, hat sich der Mensch die Welt erobert.

Auf der nächsthöheren Integrationsstufe, in Betrieben, ist der Mensch selbst ein nicht minder universeller Wirkungsträger. Tausend und hunderttausend verschiedene "Posten" nehmen Menschen in Erwerbsorganisationen ein. Die Verhaltensrezepte für das jeweils "postengemäße" Verhalten befinden sich entweder in der betreffenden Person selbst oder in einer anderen, die ihr Weisungen erteilt, oder schließlich in geschriebenen Anordnungen. Die Grundeinheit - genauso wie bei der Hand - ist hier immer die gleiche. Es ist der menschliche Körper. Dieser kann entweder direkt oder indirekt mit jeder erdenklichen Zahl von Verhaltens-

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Vorschriften versehen werden - wodurch diese Universaleinheit durch Funktionserweiterung unzählige verschiedene Funktionen innerhalb von Erwerbsorganisationen einnehmen kann.

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Bei den meisten Funktionserweiterungen genügt nicht die Bildung zusätzlicher Rezepte, sondern es sind auch strukturelle Änderungen am Wirkungsträger notwendig. Im einfachsten Fall genügen Unterschiede in der Dimensionierung.

Dies zeigen Burgen und Kriegsschiffe. Bei Häusern genügt eine entsprechende Wanddicke, um Kälte, Diebe und Geräusche fernzuhalten, sowie das darüber liegende Mauerwerk und Dach zu tragen. Bei Schiffen ergibt sich aus der Größe und dem Baumaterial die notwendige Wandstärke des Rumpfes. Sollen diese Wirkungsträger jedoch gegen Einwirkungen von Geschossen gewappnet sein, dann müssen sie entsprechend stärker dimensioniert werden.

Bei den Landpflanzen ist die primäre Funktion der Wurzeln der Erwerb von Wasser (und den darin enthaltenen Nährsalzen). Bei den höher wachsenden Arten übernahmen diese Wirkungsträger - in Funktionserweiterung - die zusätzliche Funktion der Verankerung und Stützung. Demgemäß sind sie dann entsprechend stärker ausgebildet.

Auch der Speckpanzer des Wals entstand durch eine quantitative Veränderung. Bei den Landwirbeltieren, von denen er abstammt, war das Speichern von Fett unter der Haut bereits verbreitet. Schon durch diese Einrichtung werden zwei Fliegen mit einem Schlag getroffen: die notwendigen Reservestoffe üben so gleichzeitig auch eine isolierende Wirkung aus. Im Wasser wurde der Speckpanzer dann noch vergrößert - woraus sich, als dritte Funktion, ein beträchtlicher Körperauftrieb ergab.

Bereits Einzeller gelangten durch quantitative Veränderungen zu einem für sie nötigen Schwebevermögen. Bei den Radiolarien wird das Stützskelett ins freie Wasser hinaus verlängert. Die Oberfläche und die damit verbundene Reibung werden so vergrößert. Auch hier - ebenso wie beim Speckpanzer - besteht die zusätzliche Funktion in einer Gegenwirkung gegen die Schwerkraft.

In den meisten Fällen sind jedoch Strukturveränderungen am Wirkungsträger nötig. Wenn in Ägypten das flache Hausdach zum Gewinnen des Regenwassers dienen soll, dann muß es ringsum erhöht und durch ein Rohr mit der Zisterne verbunden sein. Das sonst nur schützende Dach wird so - in Funktionserweiterung - auch zu einem Erwerbsorgan. In vielen Autos wird das zum Kühlen des Motors verwendete Wasser in zweiter Funktion zur Heizung des Wageninneren verwendet. Zusätzliche Vorrichtungen sind auch hier nötig - aber das Wichtig-

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ste, gewärmtes Wasser, wird durch einen schon bestehenden Wirkungsträger geliefert.

Beim Dinostarter (mancher Autos) übernimmt die Lichtmaschine auch noch die Funktion des Anlassers. In fast allen Bereichen der menschlichen Technik sind solche Funktionserweiterungen gang und gäbe und werden, wo immer sie zu Einsparungen führen, angestrebt. So ist etwa in vielen Passagierflugzeugen die Toilettentür so konstruiert, daß man durch Schließen des Innenriegels gleichzeitig das Licht andreht. Auch hier übernimmt der Riegel eine zusätzliche Funktion.

Die Pflanzen und Tiere waren noch weit mehr auf solche Leistungssteigerung durch Abänderung schon bestehender Einheiten angewiesen. Das in den Bäumen hochsteigende Wasser transportiert auch die von den Zellen benötigten Bodensalze. Die Wurzeln verrichten dafür zusätzliche Leistungen: sie sondern minerallösende Substanzen ab und erhöhen durch Osmoregulation die Konzentration der gelösten Stoffe. Scheiden Wurzeln Substanzen ab, die das Wachstum konkurrie-


Abbildung 16: Beispiele für Funktionserweiterungen

a) Bei der Kartoffelpflanze übernehmen die mit Wurzeln versehenen Rhizome, ursprünglich Wirkungsträger der Stoffgewinnung, noch zusätzlich die Funktion der Speicherung von Reservestoffen.

b) Beim Röhrenwurm wurden die Kiemen (Wirkungsträger der Gasgewinnung) in zusätzlicher Funktion zu Erwerbsorganen. Sie sind größer ausgebildet und werden wie ein Fächerkranz ausgebreitet. Kleinlebewesen und im Wasser herabrieselnde organische Teilchen werden so wie in einem Netz gefangen und dann der Mundöffnung zugeleitet.

c) Bei der Dirne werden die Geschlechtsorgane (Vagina, Brüste plus alle sonstigen Körperteile, die sexuelle Auslösewirkung haben: Gesäß, Beine, Gesicht, Haare usw.) in zusätzlicher Funktion zu Erwerbsorganen. (Wer diese Betrachtungsweise sowie den Vergleich der Dirne mit ein Rübe und Röhrenwurm absurd findet, dem wird empfohlen, die in diesem Kapitel angeführten weiteren Beispiele für Funktionserweiterungen kritisch zu prüfen. Her, wie in vielen anderen Belangen, führt die Energontheorie zu Beurteilungen, die sich wesentlich von den uns gewohnten unterscheiden.)

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render Pflanzen unterbinden (Allelopathie), oder werden in diesen Reservestoffe gespeichert (wie etwa bei der Zuckerrübe), dann sind auch dies Funktionserweiterungen, die entsprechende Strukturänderungen zur Voraussetzung haben.

Vom Angler sprachen wir bereits. Bei diesem Fisch ist ein Rückenflossenstrahl verlängert und trägt eine wurmartige Bildung, die er über seinem Maul bewegt. Andere Fische halten das für ein Beutetier - und werden so direkt vor das Maul des Anglers geführt. Die Hervorbringung eines solchen Täuschungsorganes über schrittweise Erbänderungen wäre wohl kaum möglich gewesen. Erreichbar war diese Bildung jedoch durch Abänderung einer schon vorhandenen Einheit - des Flossenstrahls. Allerdings - und das darf man nie übersehen - mußte sich auch noch ein entsprechendes Verhaltensrezept ausbilden: nämlich das, den "Köder" über dem Maul hin und her zu führen.

Bei den ebenfalls auf dem Meeresgrund lebenden Röhrenwürmern sehen wir blütenartige Bildungen über einem aufragenden Stiel (Abb. 16). Es handelt sich dabei um fächerartig ausgebreitete Kiemen, die nicht nur der Beschaffung von Sauerstoff und der Abscheidung von Kohlendioxyd dienen (Doppelfunktion), sondern - in Funktionserweiterung - auch noch zu Fangorganen wurden. Herabsinkende Nahrungsstoffe werden von diesem Federnkranz aufgefangen und durch Wimpernbewegung zur Mundöffnung hingeleitet. Das Flimmerepithel mußte hier nicht neu hinzutreten: es ist bei den meisten Kiemenbildungen vorhanden, bewirkt dort durch Wasserbewegung besseren Gasaustausch. Die Fähigkeit, die Kiemen vorzustrecken und schnell wieder zurückzuziehen, ist auch bei Würmern, die ihre Kiemen nicht als Fangorgane benützen, bereits entwickelt. Somit war nur eine entsprechend größere Ausbildung und eine besondere Stellung des Kiemenkranzes erforderlich, um ein Atmungsorgan zusätzlich zu einem Fangorgan zu machen. Auch alle Muscheln zeigen diese Funktionserweiterung. Bei diesen trägen Tieren könnten die Atmungsorgane sonst weit kleiner ausgebildet sein. Ihre Kiemen wurden jedoch zu einem Reusenapparat, und ein zusätzliches Ansaugrohr ermöglicht ihnen, Wasser in diesen zu pumpen, selbst wenn sie zur Gänze im Schlamm eingegraben liegen. Ebenso wurde bei den Manteltieren - wie auch beim Walhai - das Atmungsorgan in zusätzlicher Funktion. zum Fangapparat für Plankton.

Zu einem der wirksamsten Fortbewegungsorgane im Tierreich wurde der Atmungsapparat bei den schon genannten Tintenfischen. Durch eine düsenartige Umbildung, den "Trichter", wird das angesaugte Atemwasser ruckartig ausgestoßen: diese Tiere bewegen sich nach dem Rückstoßprinzip. Das gleiche gilt für die Kammuscheln, die sich als einzige schwimmend fortbewegen können. Sie erzeugen einen Rückstoß durch plötzliches Schließen ihrer Schalen und können so bis zu 1,5 Meter hohe und bis zu 3 Meter weite "Sprünge" vollführen. Bei Pecten maximus beträgt das Gewicht des Schließmuskels 30 Prozent vom Gesamtgewicht des Weichkörpers. Während bei allen übrigen Muscheln dieser Muskel nur zum

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Schließen des Panzers dient, ist er hier - im Zuge einer Funktionserweiterung - weit stärker dimensioniert.

Auch die ursprüngliche Funktion der Wirbeltierzunge, die aufgenommene Nahrung im Mund zu bewegen und den Schluckakt zu unterstützen, erlebte mannigfache Erweiterungen. Bei den Ameisen- und Termitenfressern (Grün- und Grauspecht, Ameisenigel, Schuppentier) ist sie um ein Vielfaches verlängert und durch besondere Drüsen klebrig. Hier wird sie zum Fangorgan, das wurmartig in Spalten eindringt. Bei den Kolibris sieht die Zunge wie ein langer Pinsel aus: damit vermag der Vogel Insekten aus dem Grund von Blütenkelchen hervorzuholen. Beim Chamäleon wird die Zunge zum blitzartig vorschnellbaren Fangapparat. Bei den Wiederkäuern wurde sie zum Greiforgan, das Grasbüschel umfaßt und gegen die Zahnklinge des Unterkiefers drückt. Bei Hund und Katze wurde sie zusätzlich zu einem Organ der Körperreinigung und der Wasseraufnahme. Beim Menschen wurde sie zum Werkzeug der Sprache.

Ich kann mich bei dieser Darlegung nicht auf einige Beispiele beschränken, weil sonst der Eindruck entsteht, daß hier Kuriositäten und Ausnahmen als wichtiges Entwicklungsprinzip vorgestellt werden. Beginnt man erst die Organismen und


Abbildung 17: Funktionserweiterungen ganzer Körperteile und des Gesamtkörpers

a) Bei der nordamerikanischen Spinne Cyclocosmia trancata ist der Hinterleib tropfenartig geformt und wird zum Verschluß der Wohnhöhle verwendet. Er übernimmt hier die zusätzliche Funktion einer Haustür.

b) Beim Liliputaner wird die abnorme Kleinwüchsigkeit zur Voraussetzung für Schaustellung gegen Geld. Die Energiequelle ist hier das Bedürfnis von Menschen, Neues und Abnormes wahrzunehmen (Neugiertrieb); der Gesamtkörper wird so in zusätzlicher Funktion zum Erwerbsorgan.

c) Die gefällig und eindrucksvoll gestaltete Fabrik erhöht deren Repräsentationskraft und steigert außerdem bei den Werksangehörigen die Bereitschaft, dort zu arbeiten. Der Gesamtkörper des Betriebes gewinnt hier zusätzlich eine kreditsteigernde und bandverstärkende Funktion.

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die menschlichen Erwerbsstrukturen auf das Prinzip der Funktionserweiterung zu untersuchen, dann stößt man fast überall auf diesen für die Evolution so entscheidenden Vorgang.

Steckt ein Kellner den Bleistift hinter das Ohr, dann gewinnt die Ohrmuschel eine zusätzliche, völlig neue Funktion. Beim afrikanischen Elefanten finden wir heute die Ohrmuschel riesig vergrößert: das Tier verwendet sie wie Fächer zur Abkühlung. Das Männchen des chilenischen Nasenfrosches befördert die vom Weibchen abgelegten Eier durch den Mund in seine Schallblase, wo die Jungen ihre Entwicklung durchmachen; sie verlassen diese erst als fertige Frösche. Ein zur Lauterzeugung dienendes Organ wird hier durch Funktionserweiterung zu einem Wirkungsträger der Brutpflege. Von der australischen Kröte Chiroleptes, die in der Harnblase Wasservorräte speichert, erzählte ich bereits. Ein Exkretionsorgan wird hier zusätzlich zu einem Trinkwasserbehälter. Im 6000 Jahre alten BybIos an der libyschen Küste - einer der ältesten ausgegrabenen Siedlungen - fand man die Toten in großen Tonkrügen bestattet. In diesen Krügen wurde Wasser oder Getreide aufbewahrt - in zweiter Funktion wurden sie, indem man sie der Länge nach in zwei Teile schlug , zu Wirkungsträgern der Bestattung. Beim Zwergdrachenflosser sind die Kiemendeckel derart verlängert, daß sie wie ein Hüpferling aussehen: Beim Vorgang der Paarung streckt das Männchen diesen Wirkungsträger von sich, das Weibchen hält ihn für einen Hüpferling, schießt heran, schnappt danach - und wird begattet. Der Kiemendeckel wird hier zu einem Hilfsorgan der Fortpflanzung. Bei uns Menschen dienen den Prostituierten ihre Geschlechtsteile nicht nur im Sinne ihrer natürlichen Funktion, sondern werden zusätzlich noch zum Erwerbsorgan. Bei vielen Vögeln gewinnen die Federn durch Vergrößerung und prächtige Zeichnung die zusätzliche Funktion, für den Geschlechtspartner ein Erkennungsmerkmal zu sein und ihn zu beeindrucken. Ebenso werden durch modischen Schnitt und Verzierungen die menschlichen Kleider in zweiter Funktion zu einem Mittel des Imponierens. Die Spinnen der Gattung Cycloscosmia verschließen den Eingang ihrer Wohnhöhle mit ihrem übergroßen, pfropfenartig gestalteten Hinterleib. In diesem Fall gewinnt ein ganzer Körperteil die zusätzliche Funktion des Körperschutzes (Abb. 17). Ähnlich ist es bei der kubanischen Kröte Bufo empusa; sie verschließt ihre Wohnröhre mit dem abgeflachten hartschaligen Schädeldach. Bei der Spannerraupe, die einem dürren Ästchen zum Verwechseln ähnlich sieht, übernimmt die Gesamtgestalt die zusätzliche Funktion der Tarnung. Wird in einem Zirkus ein Zwerg zur Schau gestellt, dann wird dessen Gesamtgestalt zusätzlich zu seinem Erwerbsorgan - der menschliche Neugiertrieb schafft hier den Bedarf. Beim Mondlandeboot "Eagle" der amerikanischen Apollo-11-Rakete diente das vierbeinige Landungsgestell gleichzeitig als Startgestell. Beim weiblichen Körper wird besonders am Gesäß Fett abgelagert: es wird zusätzlich zu einem sekundären Geschlechtsmerkmal, auf das der Mann sexuell anspricht.

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Wirkungen sind für die Energone entscheidend, nicht Strukturen. Kann eine Struktur zusätzliche Wirkungen übernehmen, dann ist das meist einfacher und billiger, als neue zu bilden.

Wie einschneidend dieser Prozeß die Evolution beherrschte und vorantrieb, beweist unser Blutgefäßsystem. Seine ursprüngliche Funktion - das zeigt der Vergleich mit heute noch lebenden niederen Tieren deutlich - war der Nahrungstransport zu den einzelnen Zellen. Als die Vielzeller eine gewisse Größe erreichten, wurde ein solches Organ zur Verteilung des gewonnenen Erwerbes unbedingt notwendig. Zunächst waren es (wie heute noch bei den Saugwürmern) vielfach verästelte Kanäle, die den Körper durchzogen. Dann kam es zur Bildung einer geschlossenen Ringbahn, in der die Körperflüssigkeit durch eine besondere Pumpe (Herz) in Bewegung gehalten wird. Diese kreisende Flüssigkeit (Blut) führte nun nicht nur die Nahrungsstoffe zu den einzelnen Körperzellen, sondern übernahm auch die dort abgelagerten Stoffwechselschlacken. Zu deren Ausscheidung aus dem Körper bildeten sich zusätzliche Wirkungsträger (Nephridien, Nieren). Die kreisende Flüssigkeit übernahm nun von den Darmzellen das Raubergebnis, brachte es zu den einzelnen Körpergeweben - und brachte von dort die Abfälle zu den Exkretionsorganen, die diese dem Blut entzogen und aus dem Körper abschieden. Eine zusätzliche Funktionserweiterung war dann die Übernahme des Gastransportes. Daß dieser nicht unbedingt über das Blut erfolgen muß, zeigen uns die Insekten. Ihr Körper ist von einem zweiten reichverästelten Röhrensystem durchzogen, das Sauerstoff zu den Geweben bringt und das anfallende Kohlendioxyd wieder ableitet (die Tracheen). Die Wirbeltiere dagegen ersparten sich diese Bildung: hier übernimmt der Blutstrom auch diesen Transport. Bloß zur Aufnahme und Wiederabscheidung der Gase wurden zusätzliche Wirkungsträger hervorgebracht: im Wasser die Kiemen, an Land die Lungen. Außerdem spezialisierten sich besondere Zellen, die roten Blutkörperchen, auf Übernahme und Transport von Sauerstoff und Abtransport von Kohlendioxyd. So wurden weitere wichtige Funktionen vom Blutkreislauf übernommen. Darüber hinaus eignete sich der den ganzen Körper durchziehende Blutstrom auch als Verkehrsweg für die innere Polizei: die weißen Blutkörperchen. Ebenso für die Antikörper. Auch das ist eine vom Blutkreislauf in Funktionserweiterung übernommene Leistung. Er eignete sich außerdem zur Kommandoübertragung zwischen einzelnen Organen. Für solche Übermittlungen ist in erster Linie das Nervensystem zuständig, doch gibt es auch noch chemische Botendienste. Die Hormone werden von Drüsen ins Blut abgeschieden und bewirken an anderen Stellen im Körper gewünschte Reaktionen. Bei den Warmblütern kam schließlich noch die innere Zentralheizung dazu. Ein eigenes Röhrensystem für diesen Zweck hätten diese Tiere - bei der inzwischen erreichten überaus komplizierten Gestalt - durch

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Veränderungen im Erbgut nie erreichen können. Aber durch Funktionserweiterung war das möglich. Der Blutkreislauf war bereits da und konnte auch noch diese zusätzliche Aufgabe übernehmen. Bei Eindringen von Krankheitserregern wird die innere Heizung noch besonders angedreht, um die Feinde zu schädigen - das ist eine weitere Funktion: das Fieber. Stück für Stück erweiterte so der Wirkungsträger Blutgefäßsystem seine Kompetenzen. War er einmal gebildet, dann konnte er nebenbei noch Zusätzliches leisten. Dazu waren wohl Hilfseinrichtungen nötig - aber das Teuerste, Aufwendigste war bereits da.

Ein vergleichbarer Vorgang ist gegeben, wenn sich ein Betrieb - wie es in den unterentwickelten Ländern noch heute nicht selten der Fall ist - durch Anschaffung von Generatoren oder Schaffung entsprechender Zuleitungen elektrischen Strom verschafft. Die beiden benötigten Hauptfunktionen, die solchen Aufwand rechtfertigen, sind die Erzeugung von Licht und von Kraftstrom für die Maschinen. Ist aber erst einmal die Anlage da, dann können die Sekretärinnen auch auf einer Heizplatte Kaffee kochen, es können Lautsprecher die Werksangehörigen mit Musikberieselung erfreuen, Lichtbildervorträge können abgehalten werden. Weder für die Heizplatte noch für den Lautsprecher, noch für Werksvorträge wäre die Installierung von Elektrizität in Frage gekommen. Doch da diese für erwerbswichtige Zwecke erforderlich war, kann sie nun nebenbei - in Funktionserweiterung - auch noch allerlei anderes leisten.

Die bedeutsamste Funktionserweiterung in der Evolution erwähnte ich bereits: Beim Menschen übernahm das Zentralnervensystem - ursprünglich bloß für die Koordination der einzelnen Wirkungsträger zuständig - auch noch die Aufgabe einer außerkörperlichen Organbildung. Dieser Funktionserweiterung verdanken wir so ziemlich alles, was wir sind, wir verdanken ihr praktisch das Menschsein.

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Nicht wenige sind auch heute noch der Überzeugung, daß überirdische Kräfte uns so geschaffen hätten, wie wir sind, und daß die Formenfülle der belebten Natur ein so gewolltes Werk dieser Kräfte sei. In der Ausbildung der einzelnen Lebewesen und im Menschen selbst sehen sie den deutlichsten Ausdruck göttlicher Weisheit und Gestaltungskraft.

Nicht nur religiöse Menschen glauben das - im tiefsten Grunde glaubt das wohl jeder. Unser Gehirn, an das Verknüpfen von Ursachen und Wirkungen gewohnt, sieht in den Lebenserscheinungen so eminent komplexe Wirkungen, daß es sich diese ohne konkrete, darauf hinzielende Ursache einfach nicht vorstellen kann. Der Gedanke, daß eine Aufeinanderfolge höchst divergierender - also "zufälliger" - Vorgänge dies alles bewirkt haben sollte, erscheint allzu absurd.

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Wie schon dargelegt (l. Teil, Kap. VII), kann jedoch die überall in Erscheinung tretende Zweckmäßigkeit gar nicht das unmittelbare Werk überirdischer Kräfte sein. Solche mögen wohl die Voraussetzungen für den Gesamtprozeß geschaffen haben - sie könnten allenfalls das Zustandekommen der einzelnen Strukturen beschleunigt haben, doch darauf, wie diese geartet sein mußten, um zweckmäßig zu sein, konnten sie nicht Einfluß nehmen. Solange die auf unserem Planeten gegebenen Naturgesetze konstant sind (was nach all unseren Erfahrungen der Fall ist), sind es Umweltbedingungen, welche die evolutionäre Entwicklung der Lebewesen steuern.

Das Phänomen der Funktionserweiterung gibt weitere Hinweise in dieser Richtung - dafür nämlich, daß eine laufende Einflußnahme überirdischer Mächte nicht stattfand.2

Wären nämlich die Organismen das Ergebnis zielstrebiger Bildungskräfte und käme uns Menschen wirklich als "Endprodukt" und "Ziel" dieser Entwicklung eine so eminente Bedeutung zu (wie nicht wenige annehmen), dann müßte sich diese Zielstrebigkeit in der Evolution - so sollte man erwarten dürfen - zu erkennen geben. Sie tut es jedoch nicht. Sie bietet vielmehr das Bild eines sehr gewundenen und über die merkwürdigsten Umwege führenden Geschehens. Sie bietet das Bild eines durchaus kausal ablaufenden Prozesses, der sich - wie ein Gladiator im alten Rom - mit Dutzenden von Gegnern auseinanderzusetzen hatte. Fast alle Hauptmerkmale, denen wir unser Menschsein verdanken, kamen auf höchst kuriosen Umwegen zustande.

Erstens: die Fähigkeit, unseren genetisch gewachsenen Körper zu erweitern, unser Machtpotential bis ins Unbegrenzte zu steigern. Wir verdanken sie dem Umstand, daß unser Wirkungsträger Zentralnervensystem zu seinen immer anwachsenden Kompetenzen erst die Bildung von Verhaltensrezepten und zweitens dann auch noch die Schaffung und Weitergabe von Aufbaurezepten für Wirkungsträger hinzunahm. Der Wirkungsträger Erbrezept wäre dazu nicht in der Lage gewesen.

Zweitens: unsere Hände, die Voraussetzung dafür, daß die durch unsere Intelligenz gegebenen Möglichkeiten von uns genützt werden können. Diese für uns so entscheidend wichtigen Wirkungsträger verdanken wir dem Umstand, daß wir von Energonen abstammen, die sich auf eine Lebensweise in Bäumen spezialisierten. Das führte bei ihnen zum entgegengesetzt wirkenden Daumen, zur Entwicklung der Greifhand. Funktion dieses Organs war es - klipp und klar -,

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sich an Ästen festzuhalten. Wenn wir heute damit einen Bleistift führen, Klavier spielen und im Strecksessel die Börsennachrichten lesen, dann sind das Funktionserweiterungen eines Kletterorgans.

Drittens: unsere Sprache. Auch ohne sie wären wir nicht, was wir sind. Der dazu nötige Blasebalg wurde primär zum Atmen entwickelt, also zur Gasaufnahme und -abgabe. In Funktionserweiterung übernahm diese Einheit beim Menschen auch die Lieferung des zum Sprechen unbedingt erforderlichen Luftstroms. Einen gesonderten Blasebalg zu diesem Zweck hätte unser Erbrezept kaum produzieren können. Weitere Hilfsdienste leisten die Zunge, die Lippen und die Zähne. Sie alle haben eine andere Grundfunktion, sie alle übernahmen diese neue Wirkung nur zusätzlich. Nur unser Kehlkopf entstand als besondere Hilfseinheit für akustische Signalgebung.

Viertens: unser begriffliches Denken. Auch das ergab sich auf Umwegen. Zur sprachlichen Verständigung mußten wir die diffuse Vielheit dessen, was wir erleben, konkreter zusammenfassen und mit Wortsymbolen versehen. Diese aber - darüber ist man sich schon seit einiger Zeit im klaren - sind die Grundlage für unsere Denktätigkeit. Hier kann man nicht mehr eigentlich von einer Funktionserweiterung des Sprechens reden - eher von einem Abfallprodukt. Denn in diesem Fall wurde für eine Funktion - das Sprechen - ein ganz bestimmter geistiger Vorgang nötig: die verbale Begriffsbildung. Und diese führte dann in unserem Zentralnervensystem zu einem besseren Manipulieren mit unseren Vorstellungen.

Darauf kann geantwortet werden: Gottes Wege sind unerforschlich. Und wem dieses Argument stichhaltig erscheint, dem kann man es nicht widerlegen. Ob man jedoch unser Dasein so oder anders beurteilt - es wird darum nicht weniger rätselhaft. Schon daß es Energie gibt und daß sich dieser Strom in so tausendfältigen Gestalten manifestieren kann, ist ebenso göttlich, als hätte der unerforschliche Urgrund alles Seins sich persönlich die Mühe genommen, jeden Heuschreck und jede Fäulnisbakterie persönlich zu formen. Dies aber ist offenbar nicht geschehen. Und nur das wird hier behauptet. Was dem gesamten Entwicklungsstrom zugrunde liegt, ist unserer Erkenntnis einstweilen verschlossen - vielleicht auch für immer. Keine der so vielen Ansichten oder Vermutungen über dieses Thema ist da schlechter als die anderen. Doch wie dieser Entwicklungsstrom dann in einzelnen Gestalten "auskristallisierte", darüber entschieden nicht überirdische Kräfte. Solange sich die Gesetze der Energie und die Einflüsse von Schwerkraft, Klima usw. nicht prinzipiell ändern - und dafür gibt es keinen Hinweis -, ist hier die Entwicklung vorgezeichnet. Das Zweckmäßige ergibt sich aus Wechselwirkungen. Diese gestalteten das Geschehen, dessen Teil wir sind.
 
 

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Anmerkungen:

1 Noch eine Doppelfunktion: Die Pußtahirten tragen ihre Mäntel aus Schaffellbei Hitze nach außen (als Regenschutz), bei Kälte nach innen (zur Erwärmung).
2 Bei dieser Darlegung geht es nicht um eine Argumentation für oder wider die Existenz "Gottes". Diesbezügliche Ansichten sind Glaubenssache: also weder beweisbar noch gegenbeweisbar. Worum es hier geht, ist ausschließlich die Frage, ob eine höhere Macht den Evolutionsverlauf unmittelbar beeinflußte und steuerte - also während der Evolution selbst, in den letzten 3 Milliarden Jahren, eingriff.