(Originalbuchseite 104)
VII
 
DAS RÄTSEL DER ZWECKMÄSSIGKEIT

 

In der Natur geschieht nichts ohne Zweck.
Aristoteles (384-322 v. Chr.)
 
Die Hauptfeststellung meiner Darlegung, daß nämlich der Mensch von nieder organisierten Lebensformen abstammt, wird für viele, ich bedauere es, sehr gegen ihren Geschmack sein.
Charles Darwin (1859)
 
1

Wenn man durch Fabriken geführt wird, sieht man, daß alles auf Zweckmäßigkeit abgestellt ist. Jede Maschine, jeder Mann hat hier im Rahmen des Gesamten seinen Platz, seine Aufgabe. Jeder Vorgang, jeder Teil ist auf die Produktion ausgerichtet. In der Zentrale sitzen die Direktoren und werden dafür bezahlt, daß sie diese Zweckmäßigkeit überwachen und noch ständig erhöhen: Hier mag ein Engpaß auftreten, dort fehlt es an einem geeigneten Mann oder am richtigen Werkzeug, jene Abteilung ist nicht voll ausgelastet ... der menschliche Geist, so scheint es, arbeitet hier ständig an der Schaffung von Zweckmäßigkeit.

Es ist die allgemeine Ansicht, daß der Mensch Zweckmäßigkeit erschafft. Wir bewundern die Zweckmäßigkeit der großen Erfindungen.

Studieren wir den Aufbau tierischer oder pflanzlicher Körper, ergeht es uns ähnlich. Je besser wir mit dem inneren Getriebe dieser lebenden Strukturen vertraut werden, um so mehr stoßen wir dort auf Zweckmäßigkeit. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, übt jedes Organ eine Funktion aus, erfüllt also eine Aufgabe. In ihrer Größe und Wirksamkeit sind sie aufeinander abgestimmt. Es ist schwer, in diesen Organisationen Fehler zu entdecken. Offensichtlich dient hier alles einem gemeinsamen Zweck ... Was ist dieser Zweck?

Schon der Urmensch muß, kaum daß er Ursachen und Wirkungen in seiner Phantasie zu verknüpfen begann, auf das Phänomen dieser erstaunlichen Zweckmäßigkeit gestoßen sein. Lag er auf dem Rücken und starrte er in die blaue Luft, dann entstand nichts Zweckmäßiges. Brauchte er einen Pfeil, dann mußte er sich diesen schnitzen. Das kostete Mühe. Wollte er einen sicheren Unterschlupf, dann mußte er einen solchen ausfindig machen oder er mußte ihn sich bauen. Das

(Originalbuchseite 105)

kostete Planung und Arbeit. Jedes Tier und jede Pflanze zeigten ihm nun aber eine Fülle von Zweckmäßigkeit, ebenso sein eigener Körper. Selbst wenn er darüber nicht bewußt nachsann, so legten sie ihm doch auf das deutlichste eine Anstrengung und Planung - eine Täterschaft - nahe.

Wo war die Ursache dieser Wirkungen? Diese Frage ergab sich von Anfang an aus der Grundfunktion menschlichen Denkens - aus dem Verknüpfen von Ursachen und Wirkungen in der Phantasie. Auch der Urmensch konnte ihr kaum ausweichen. Wohin er blickte: diese Frage griff gleichsam mit Händen nach ihm.

Mehr noch. Die so höchst zweckmäßige Organismenwelt - einschließlich des eigenen Körpers - legte nicht nur eine Täterschaft nahe, sondern darüber hinaus ein gezieltes Interesse. Primitiv gesprochen: Wer so viel Mühe investiert, mußte wohl damit auch einen Zweck verfolgt haben. Was also war dieser Zweck?

Es ist höchst naheliegend, daß der Urmensch dieser unbekannten Ursache einen besonderen Namen gab und daß er sie sich als ein übermächtig starkes unsichtbares Wesen vorstellte. Ebenso naheliegend ist, daß er diese Natur und sich selbst im Zentrum dieses höheren Interesses sah.

Keine der zahlreichen Glaubensvorstellungen, zu denen der Mensch im Laufe der Geschichte gelangt ist, läßt sich gegenbeweisen - das gilt auch für die primitivsten. Es soll hier also durchaus nicht behauptet werden, daß sie etwa alle Phantasiegebilde, also "Hirngespinste" sind. Es liegt jedoch der Schluß nahe, daß sehr viele unter ihnen doch diesen Ursprung haben. Und hatte sich dann erst eine solche Vorstellung gebildet und pflanzte sie sich traditionell fort, dann ließ sie sich nur noch schwer beseitigen ... eben weil sie nicht gegenbeweisbar war. Im Laufe der kulturellen Entwicklung knüpfte dann der Mensch - auch das ist naheliegend - an diese höchsten Vorstellungen alles, was ihm edel und heilig schien. Um so schwieriger waren diese Gebäude dann noch zu erschüttern.

Ich behaupte: Die rätselhafte Zweckmäßigkeit war der Ausgangspunkt vieler solcher Vorgänge. Weiter behaupte ich: Die Grundfunktion der menschlichen Intelligenz - weit auseinanderliegende Ursachen und Wirkungen zu verknüpfen und zu erforschen - bedingte notwendigerweise solche Entwicklungen. Sie bedingte notwendigerweise, daß der Mensch an übersinnliche Wesen glaubte - und im besonderen: daß er zu der Ansicht verleitet wurde, er selbst mitsamt den Tieren und Pflanzen stünde im Zentrum göttlichen Interesses.1

(Originalbuchseite 106)

2

Der erste, dessen Gehirn eine andere Erklärung für die Zweckmäßigkeit in der Natur fand, war der griechische Philosoph Empedokles. Ihm erschien diese Zweckmäßigkeit nicht weiter verwunderlich. Sie erklärte sich ihm einfach daraus, daß nur das Zweckmäßige bestehen und sich fortpflanzen konnte. Was unzweckmäßig war, mußte zugrunde gehen. Deshalb blieb - notwendigerweise - am Ende eben nur das Zweckmäßige übrig.

Empedokles hatte eine recht abenteuerliche Vorstellung von der Entstehung der Tiere und Pflanzen. Für ihn waren zwei divergierende Prinzipien der Ausgangspunkt. Aus den Wechselwirkungen beider hätten sich, wie er sagte, die verschiedenartigsten Bildungen ergeben. Die Organe der Tiere und Pflanzen wären gesondert entstanden - Arme allein, Beine allein, Köpfe allein. Die Natur kombinierte das dann spielerisch: einmal so, dann wieder anders. Unzählige Mißbildungen entstanden und gingen zwangsläufig wieder zugrunde. Gelegentlich aber kam es auch zu Zweckmäßigem. Das überlebte dann und konnte sich fortpflanzen - eben weil es zweckmäßig war. Auf diese Weise kamen - nach seiner Ansicht -, die Tiere und Pflanzen zustande.

Es dauerte über zweitausend Jahre, ehe dieser Gedanke wieder aufgegriffen wurde - von Charles Darwin. Dessen Beurteilung der Organismen und ihrer Entstehung war jedoch weniger phantastisch.

Darwin ging von zwei ganz unbestreitbaren Prämissen aus. Erstens ist es Tatsache, daß bei den so verschiedenartigen Tier- und Pflanzenarten die jeweiligen Nachkommen nicht immer genau mit den Eltern übereinstimmen. Sie "variieren". Und oft sind solche Veränderungen erblich. Zweitens: Es werden fast bei allen Arten weit mehr Nachkommen hervorgebracht, als tatsächlich bis zur Geschlechtsreife gelangen können. Die Nahrung ist beschränkt, außerdem gibt es Feinde und Konkurrenten. Demgemäß kann sich immer nur das Bestgeeignete erhalten und fortpflanzen. Das andere geht schon früher zugrunde. Also pflanzt sich - notwendigerweise - nur das Zweckmäßigste fort. Eine "natürliche Auslese" findet statt.

Das ist ein unheimlicher Gedanke. Kein Zweifel: Zweckmäßiges kann so ganz von selbst entstehen. Einfach dadurch, daß alles Unzweckmäßige verschwindet.

Die auf Darwin folgenden Forschergenerationen haben genauer ermittelt, worauf die erblichen Veränderungen beruhen. Beim Teilungsvorgang der Erbrezepte unterlaufen "Fehler" - man nannte sie "Mutationen". Auch äußere Einflüsse, etwa kosmische Strahlen, können derartige Veränderungen bewirken. Es handelt sich dabei um völlig ungerichtetes Geschehen ... Die Wurzel und Ursache des Zweckmäßigen ist somit - mehr oder minder - der "Zufall".

Man entdeckte verschiedene "Mechanismen", durch die das Zustandekommen des Zweckmäßigen gefördert und beschleunigt werden kann. Der wichtigste ist

(Originalbuchseite 107)

die Zweigeschlechtlichkeit. Indem verschiedene Keimzellen - und damit verschiedene Erbrezepte - verschmelzen, werden die hier und dort aufgetretenen Erbänderungen kombiniert. Die Wahrscheinlichkeit, daß es so zu einer Steigerung der Zweckmäßigkeit kommt, wird dadurch wesentlich erhöht. Dazu kommt - darauf wies bereits Darwin hin -, daß im Kampf um die Weibchen die stärksten Männchen siegen. Auch das führt dazu, daß stärkere, zweckmäßigere Typen sich bevorzugt durchsetzen.2

Sowohl Darwin als auch Lamarck - der den Evolutionsgedanken als erster aussprach - glaubten außerdem an die Vererbung erworbener Eigenschaften. Ein solcher Vorgang würde in der Tat das Zustandekommen von Zweckmäßigem weit besser erklären. Das Zweckmäßige wäre dann nicht mehr auf die Kombination reiner Zufälle angewiesen. Wenn Lebewesen individuelle Anpassungen an die Umwelt - und zu solchen sind die meisten fähig - an die Nachkommenschaft vererben könnten, dann käme Zweckmäßiges weit schneller zustande. Bis zum heutigen Tag konnte jedoch - trotz vieler Versuche - keine solche Rückwirkung erworbener Eigenschaften auf das Erbgut nachgewiesen werden.

Die meisten Biologen glauben heute daher, daß zufällige und ungerichtete Mutationen genügt haben, um die Höherentwicklung der Organismen zu bewirken. Dabei ist jedoch auch eingefleischten Selektionisten vor der Frage bange: Reichte denn die Zeit - knappe drei Milliarden Jahre - zu diesem sich aus zufälligem Geschehen ergebenden Vorgang? Es ist durchaus möglich - ja zu erwarten -, daß es innerhalb der Zellstrukturen noch einen weiteren selektionsfördernden Mechanismus gibt, den wir bloß noch nicht entdeckt haben.

Nietzsche schrieb: "Jene eisernen Hände der Notwendigkeit, welche die Würfelbecher des Zufalls schütteln, spielen ihr Spiel unendliche Zeit: da müssen Würfe vorkommen, die der Zweckmäßigkeit und Vernünftigkeit jedes Grades vollkommen ähnlich sehen."3 Wir wissen jedoch heute, daß die Evolution vor nicht viel länger als eben drei Milliarden Jahren ihren Anfang nahm. Das ist zwar eine lange, aber durchaus keine unendlich lange Zeitspanne.

Die Vertreter des "Vitalismus" glauben an eine "Lebenskraft", die die Evolution zum Zweckmäßigen hinlenkte. Der Biologe Driesch nannte sie - in Anlehnung an einen Begriff des Aristoteles - "Entelechie". Kann nun aber wirklich

(Originalbuchseite 108)

eine solche außersinnliche, außerkausale Kraft die Zweckmäßigkeit der Organismen bewirkt haben?

Um zu dieser Frage Stellung zu nehmen, kehren wir zum Energonbegriff zurück. Die Wirksamkeit der "natürlichen Auslese" wird von niemandem - auch nicht von den Vitalisten - bestritten. Betrachten wir diesen Vorgang etwas genauer.

 
3

Abbildung 13 zeigt eine Modellsituation. Im Zeitpunkt T1 stehen drei Energontypen A, B und C der Energiequelle Q gegenüber und erschließen diese. Es wird angenommen, daß es drei gleich große Populationen sind - etwa je tausend oder zehntausend Individuen. Die drei Typen ("Arten") sind einander in allen Eigenschaften völlig gleich und nur in der Ausbildung eines Wirkungsträgers verschieden (x, y, z). Der Unterschied - etwa in der Ausbildung eines Erwerbsorganes - kann durch Mutationen entstanden sein. Energon B war der ursprüngliche Typ, durch Erbveränderungen entstanden die beiden Varianten A und C. Bei A war die Mutation zweckmäßigkeitsvermindernd: die neue Einheit x ist weniger wirkungskräftig als y. Bei C war sie dagegen zweckmäßigkeitssteigernd: z arbeitet besser als y: billiger, präziser oder schneller. Was in diesem Fall geschehen muß, ist nicht schwer zu erraten.

Im Zeitpunkt T2 - um soundso viele Generationen später - ist der Typ A von der Bildfläche verschwunden, er ist aus dem "Rennen" ausgeschieden. Auf Grund der weniger wirkungskräftigen Einheit sperrte dieser Schlüssel nicht mehr so gut. Somit wurde diese Energonart von den beiden anderen Typen zurückgedrängt. Nun mag eine Notzeit kommen, und in dieser gelangt auch B nicht mehr zu einer aktiven Bilanz. Die noch vorhandenen Individuen verausgaben ihre Reserven - schließlich gehen sie zugrunde. Auch dieser Typ - diese "Art" - stirbt aus.

Somit gibt es im Zeitpunkt T3 nur noch den Typ C. Treten wir erst jetzt als Beobachter in Erscheinung, dann stellen wir fest, daß die Art C auf Grund ihres Wirkungsträgers z vorzüglich den Eigentümlichkeiten der Energiequelle Q angepaßt ist. Der Wirkungsträger z hat hohe Zweckmäßigkeit. Unser Gehirn fragt sofort: Wo liegt der Urheber dieser Zweckmäßigkeit, wer hat sie geschaffen? Wer hat hier geplant - sich angestrengt?

Niemand hat hier geplant, niemand hat sich angestrengt. Die Erbänderungen erfolgten richtungslos, zufällig. Die beste blieb ganz von selbst übrig.

Zwei getrennte Abläufe überschneiden sich hier. Der erste ist die Fortpflanzung der Energone A, B und C, in deren Verlauf es zu erblichen Veränderungen

(Originalbuchseite 109)

kommt. Der zweite ist die laufende Wechselwirkung zwischen diesen Energonen und der Energiequelle. Die besser passenden Schlüssel können besser aufsperren, sie kommen zu einer besseren Bilanz. Die schlechter passenden - "weniger geeigneten" - scheiden aus. Die Besonderheit des Schlosses steuert so, welcher Schlüssel übrigbleibt. Es ist somit letztlich die Energiequelle, die die Art der Struktur diktiert.

Selbst wenn Energon A von einer übernatürlichen Kraft hervorgebracht wurde, C dagegen durch Zufall, ändert das am Ergebnis nichts. Auch dann ist im Zeitpunkt T3 nur noch der Typ C auf der Bildfläche. Der Hersteller kann also nicht darüber bestimmen, was zweckmäßig ist. Zweckmäßigkeit ist - sofern die Naturgesetze unveränderlich sind - ein ganz relativer Passungszustand. Im gegebenen Beispiel wird sie ausschließlich durch die Eigenschaften des zu öffnenden Schlosses Q - also durch die Energiequelle - bestimmt. Diese nimmt keinerlei

 
 
Abbildung 13: Die positive Auslese durch die Erwerbsquelle

Im Zeitpunkt T1 konkurrieren drei Energone (A, B, C) um die Erschließung der gleichen Erwerbsquelle (Q). Die Wirkungsträger zur Erschließung (die "Schlüsselbärte") sind x, y, z: y ist wirksamer als x, z wirksamer als y. Im Zeitpunkt T2 (es mag zahlreiche Generationen später sein oder sich noch immer um die gleichen Energonindividuen handeln) ist A aus dem Rennen ausgeschieden, B kann sich noch halten, C dominiert. Im Zeitpunkt T3 kann schließlich nur ein Energonindividuum (C) übrigbleiben (wenn es zu beliebiger Vergrößerung fähig ist), oder drei Energonindividuen von C teilen sich die Erwerbsquelle (T3’). Die Erwerbsquelle steuert so - ohne es zu "wollen" -, welcher Energontyp bestehen kann. Die Auslese setzt hier an einem positiven Merkmal an: an der höheren Fähigkeit, die Erwerbsquelle zu erschließen.

(Originalbuchseite 110)

direkten Einfluß auf die Fortpflanzungs- und Bildungsvorgänge - und steuert doch den Weg der Energonentwicklung.

Noch deutlicher wird dieser - durchaus ungewollte - Steuerungsvorgang bei der negativen Auslese (Abb. 14). Sie nimmt gewissermaßen die Schwächen der Energone aufs Korn.

 
 
Abbildung 14: Die negative Auslese durch störende oder feindliche Umwelteinflüsse

Im Zeitpunkt T1 konkurrieren die Energone A, B und C um die Erwerbsquelle Q und sind, was deren Erschließung anlangt, einander ebenbürtig. Dagegen verfügt A über keinen schützenden Wirkungsträger gegenüber der Umweltstörung oder -bedrohung S. Energon B besitzt einen solchen (x), doch ist er weniger wirksam als jener von C (y). Im Zeitpunkt T2 (es mag zahlreiche Generationen später sein oder sich noch immer um die gleichen Energonindividuen handeln) ist A durch den Einfluß von S eliminiert worden, B hält sich noch, C dominiert. Im Zeitpunkt T3 kann schließlich ein Energonindividuum C übrigbleiben (wenn es zu beliebigem Wachstum fähig ist), oder drei Individuen von C teilen sich nun die Erwerbsquelle (T3’). Störende oder feindliche Umweltfaktoren steuern so - ohne es zu "wollen" -, welcher Energontyp bestehen kann. Die Auslese setzt hier an einem negativen Merkmal an: an der mangelnden Fähigkeit, sich zu schützen.

(Originalbuchseite 111)

So sind etwa in Schneegebieten schwarz gefärbte Hasen für Raubvögel besonders leicht zu erkennen - werden deshalb am schnellsten ausgerottet (A). Sie sind allzusehr im Nachteil. Grau gefärbte (B) halten sich länger, werden aber von den weißen immer mehr zurückgedrängt. Sie sind ebenfalls in ihren Erwerbsakten behindert, können weniger gut Reserven sammeln. Kommt eine Notzeit, dann kann auch dieser Typ gänzlich von der Bildfläche verschwinden. Wir sehen dann, wenn wir im Zeitpunkt T3 als Beobachter in Erscheinung treten, in dem betreffenden Gebiet lauter weiße Hasen. Unser Gehirn - sofern es den Zusammenhang mit den Raubvögeln begreift - erklärt dann: Diese Hasen haben ein gutes Tarnkleid, ihre Färbung ist höchst zweckmäßig.

Auch hier ist jedoch nicht ein bewußt planender Hersteller für diese gute Passung verantwortlich - sondern die Raubvögel. Diese haben nicht den geringsten Einfluß auf die Fortpflanzungs- und Bildungsvorgänge der Hasen - und steuern doch ihre evolutionäre Entwicklung.

Der Zusammenhang ist hier noch kurioser. Denn im Interesse der Raubvögel läge es an sich, wenn es möglichst viele schwarze Hasen gäbe. Sie bewirken aber das gerade Gegenteil! Sie steuern somit die Ausbildung eines gegen ihre Interessen gerichteten Merkmales. Diesen Zusammenhang muß man sich in seiner ganzen Tragweite klarmachen.

Es wurde bis heute nicht erkannt, daß hier eine kausale (ursächliche) Verknüpfung vorliegt, die aufs Haar einer anderen gleicht, mit der man sich schon seit längerem in der Technik - und seit kürzerer Zeit im noch jungen Wissenschaftszweig der Kybernetik - beschäftigt.

 
4

Es geht dabei um das Grundprinzip aller Steuerungsvorgänge - um genau jenes Phänomen, von dem Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, ausging.4

Steuern wir etwa ein mit konstanter Geschwindigkeit fahrendes Motorboot, dann benötigen wir für die Betätigung des Steuerrades Energie. Von dieser fließt jedoch nicht der allergeringste Teil in den von uns gesteuerten Vorgang über. Auch wenn wir das Steuerrad noch sosehr hin und her drehen, die Fahrt wird darum nicht schneller. Wir beeinflussen bloß die Richtung. Die Fortbewegung wird ausschließlich durch den Motor bewirkt. Zwei kausale Verkettungen kreuzen sich hier. Der Motor dreht den Propeller - das ergibt die Fahrt. Wir drehen das Steuerrad - das ergibt die Richtung. Die zum Steuern verwendete Energie ist

(Originalbuchseite 112)

hier ungleich geringer als jene, die der Motor produziert. Trotzdem - ohne selbst in sie einzutreten - beeinflußt sie deren Richtung.

Der Biologe und Kybernetiker Bernhard Hassenstein nannte diese kausale Verknüpfung "Steuerkausalität".5 Sie kennzeichnet praktisch alle Steuerungsvorgänge, nicht nur jene der Technik, sondern auch die in den Körpern der Organismen. Immer läuft es darauf hinaus, daß durch einen energetischen Vorgang ein anderer beeinflußt, gelenkt wird.

Von großer praktischer Bedeutung ist dabei, daß so mit geringem Energieaufwand ungleich stärkere Energieentfaltungen beherrscht werden können. Außerdem kann so durch eine Energieform eine ganz andere beeinflußt werden. Jede Schaltung über einen Regelwiderstand zeigt beide Phänomene. Drehe ich diesen, dann kann ich elektrischen Strom drosseln oder auch verstärken. Die Drehbewegung ist mechanische Energie - und damit steuere ich elektrische Energie.

Die Essenz: Eine Energieform lenkt so die Entfaltung einer anderen - ohne daß die steuernde Energie in die gesteuerte übertritt.

Ich behaupte nun: Das ist genau der Vorgang, der sämtliche Vorgänge der "natürlichen Auslese" kennzeichnet. Das Beispiel mit den Raubvögeln und den weißen Hasen zeigt das besonders anschaulich. Von der Energie der Raubvögel geht nicht das geringste in die Hasenentwicklung über. Trotzdem steuert sie diese.

Ob eine solche Steuerung willentlich oder nicht willentlich erfolgt, ist für den Vorgang selbst unerheblich. Bei den menschlichen Formen der Steuerung handelt es sich um gewolltes Geschehen, bei der natürlichen Auslese handelt es sich um ungewollte Vorgänge. Hier wie dort aber wird durch einen energetischen Vorgang ein anderer - ohne daß jener in diesen eintritt - beeinflußt.

Auch die evolutionäre Anpassung der Energone an ihre Energiequellen - also die positive Auslese - findet im Prinzip der Steuerungskausalität ihre Erklärung. Hier ist der Zusammenhang schwieriger - weil ja tatsächlich von der steuernden Instanz (der Energiequelle) in die gesteuerte (das Energon) Energie überfließt. Man muß jedoch bedenken, daß auch hier zwischen dem einen energetischen Geschehen und dem anderen - also zwischen der Nahrungsaufnahme und den Veränderungen im Erbrezept - kein direkter Zusammenhang besteht. Die Energiequelle hat weder Fähigkeit noch Veranlassung, auf die Erbvorgänge in den Tieren oder Pflanzen Einfluß zu nehmen - und steuert doch ihre Entwicklung.

Ist die Energiequelle etwa eine Gazellenart und sind die sie aufschließenden Energone Löwen und andere Raubtiere, dann hätten diese Gazellen bestimmt alles Interesse daran, daß ihre Verfolger immer blinder und lahmer würden. Sie bewirken jedoch genau das Gegenteil - daß sich nämlich nur die besten und schnellsten Typen unter ihnen durchsetzen.

(Originalbuchseite 113)

Wir gelangen so zu einer kausalen Erklärung der rätselhaften Zweckmäßigkeit in der Natur. Sie erklärt sich aus ungewollten und ungeplanten Wirkungszusammenhängen, die nach dem Prinzip der Steuerkausalität ablaufen.

Auch der jahrhundertelange Streit in der Biologie zwischen Mechanisten und Vitalisten - der zur Folge hatte, daß heute die meisten Biologen das Wort "Zweckmäßigkeit" tunlichst vermeiden - wird dadurch entscheidend berührt. Wenn nämlich der Hersteller, ob er nun Zufall oder Gott heißt, gar nicht auf das Bestehen dessen, was er hervorbringt, einwirken kann, verliert dieser Zwist seine eigentliche Grundlage. Eine übersinnliche Kraft könnte wohl die Entstehung des Zweckmäßigen außerordentlich beschleunigen, doch darauf, wie das Zweckmäßige aussehen muß, um zweckmäßig zu sein, hat sie - konstant bleibende Naturgesetze vorausgesetzt - nicht den geringsten Einfluß.6

Für unsere Betrachtung ist die Erfassung der Zweckmäßigkeit deshalb wichtig, weil Zweckmäßigkeit und Konkurrenzfähigkeit auf das innigste verwandt sind. Es gibt vom Energon her betrachtet keine Steigerung der Konkurrenzfähigkeit, die nicht gleichzeitig auch als eine Steigerung seiner Zweckmäßigkeit angesehen werden muß.

 

5

Der Mensch vermag auf Grund seiner Intelligenz selbst Zweckmäßiges zu erschaffen - das bilden wir uns zumindest ein. Der enorme Fortschritt, den wir im Verlauf einiger tausend Jahre gemacht haben, scheint auch deutlich dafür zu sprechen. Sind aber wirklich wir es, die darüber bestimmen, was an unseren Werken zweckmäßig ist und was nicht?

Bleiben wir zunächst bei den reinen Erwerbsanstrengungen, also bei den vom Menschen gebildeten Energonen. Wie ist das bei dem Erwerbsorgan "Verkaufsprodukt"? Entscheidet hier wirklich der Hersteller (oder Erfinder) über dessen Zweckmäßigkeit? Entscheidet er über dessen Konkurrenzkraft?

Er entscheidet nicht darüber. Diese Entscheidung fällt vielmehr der jeweilige Bedarf. Was den Wünschen des Käufers entspricht, was also gekauft wird, ist zweckmäßig - ist konkurrenzfähig. Der Käufer - der Nachfrager - ist bei dieser Erwerbsform die Energiequelle. Auch hier steuert somit die Energiequelle das Aussehen des zu ihrer Erschließung benötigten Schlüssels. Sie steuert, welches

(Originalbuchseite 114)

Produkt sich durchsetzt. Sie - die Energiequelle, der Nachfrager - steuert den Erwerbsakt der anbietenden Firmen.7

Wird nicht ein Produkt, sondern eine Leistung zum Tausch angeboten, ist es nicht anders. Auch in diesem Fall entscheidet die Nachfrage - der Bedarf - darüber, welche Leistungen ein Energon erbringen muß, um zu einem Erwerbserfolg zu kommen. Auch hier ist es die Energiequelle, die darüber entscheidet, welches Verhaltensrezept - also welche Leistungserbringung - das zweckmäßigste ist, also den höchsten Konkurrenzwert hat. Auch hier steuert sie das Zustandekommen des Zweckmäßigen.

Die Steuerungsvorgänge sind in jedem Fall ungewollt. Trinke ich Coca-Cola oder Gordon Gin, dann geschieht das nicht, weil ich den Eigentümer oder die Aktionäre dieser Firma fördern will, sondern weil diese Getränke mir schmecken. Ganz allgemein: der Nachfrager ist - in der Regel - nicht daran interessiert, auf die Firmen Einfluß zu nehmen, deren Produkte er kauft. Er will seine Bedürfnisse möglichst gut befriedigen, das ist alles. Und doch steuert er so ihre Entwicklung!

Die Intelligenzleistung eines Produzenten - oder eines "Erfinders" - besteht bloß darin, daß er der natürlichen Auslese zuvorkommt, ihr sozusagen die Arbeit abnimmt. Hier tritt wieder die menschliche Phantasie als wichtiger Faktor in Erscheinung. Der Anbieter versetzt sich - in seiner Vorstellung - in die Rolle des Marktes, des Bedarfs, der Nachfragenden, der Käufer. Er sammelt Informationen darüber, wie diese Erwerbsquelle sich verhält, wie sie reagiert, was sie wünscht - und versucht im voraus zu erkennen, wie ein Produkt oder eine Leistung deshalb aussehen muß, um verkaufbar zu sein. Was er bei diesen Erwägungen als unzweckmäßig erkennt, stellt er dann in der Regel gar nicht her, bietet er erst gar nicht an.

Bringt ein Produzent zwei verschiedene Typen des gleichen Produktes auf den Markt, dann läßt er die natürliche Auslese noch frei entscheiden. Er läßt den Markt - die Energiequelle - wählen, welches Produkt am besten einschlägt. Auf dieses verlegt er sich dann. Her ist die steuernde Wirkung der Erwerbsquelle noch deutlich.

Wo immer jedoch der Mensch die Möglichkeit dazu hat, beschleunigt er - besonders mit Hilfe von Marktforschung - den normalen Auslesevorgang. Die Evolution ist nun nicht mehr auf kleine, zufällige Änderungen angewiesen - die vielleicht erst in hundert oder tausend Jahren dazu führen, daß die Zweckmäßig-

(Originalbuchseite 115)

keit eines Energons oder eines Wirkungsträgers sich allmählich steigert. Der Mensch verändert Dutzende von Merkmalen gleichzeitig. Oft schafft er völlig Neues. So gelangt er zu Strukturen, die über den bisherigen Auslesevorgang überhaupt nicht erreichbar gewesen wären.

Bis zum Menschen herauf hatte die Evolution stets die unerbittliche Klippe zu überwinden, daß jedes Zwischenglied einer Entwicklungsreihe zweckmäßig sein mußte. Es durfte keinesfalls den Konkurrenzwert des Energons senken - sonst wurde es sehr schnell wieder ausgemerzt, und die betreffende Entwicklungslinie endete an diesem Punkt. Somit konnten also immer nur Bildungen erreicht werden, bei denen jede Zwischenstufe zumindest nicht bilanzverschlechternd war. Der Mensch dagegen - da er aus körperfremden Einheiten Neues zusammenbaut - braucht auf Zwischenstadien nicht Rücksicht zu nehmen. Er kann sie überspringen. In unserer Phantasie entwerfen wir - nach bestem Vermögen - ein zweckmäßiges Endprodukt. Das bieten wir dann an.

Somit kann auch der Mensch nicht diktieren, was in seinen Erwerbsvorgängen zweckmäßig ist. Dies wird in erster Linie durch den Bedarf - durch die aufzuschließende Energiequelle - bestimmt. Störende oder feindliche Umwelteinflüsse üben hier ebenfalls einen steuernden Einfluß aus. Auch sie - beispielsweise staatliche Verordnungen - nehmen Einfluß darauf, was sich durchsetzen kann und was nicht.

 

6

Eine Besonderheit des Menschen besteht allerdings darin, daß er den Bedarf - besonders durch Werbung - selbst zu beeinflussen vermag. Das bedeutet dann: der Schlüssel richtet sich nicht mehr nach dem Schloß, sondern das Schloß wird so verändert, daß ein bereits bestehender Schlüssel es aufsperrt. Von der Evolution her ist das ein höchst ungewöhnlicher und neuer Vorgang.

In diesem Fall wird die steuernde Wirkung des Marktes unterbunden. Der Nachfrager wird dahingehend beeinflußt, daß er ein angebotenes Produkt oder eine angebotene Leistung als wünschenswert empfindet. An diesem Punkt gelangt der Mensch tatsächlich dahin, selbst Zweckmäßigkeit zu schaffen. Denn in diesem Fall - und nur in diesem - schafft er das gesamte Passungsverhältnis: formt einerseits den Schlüssel, anderseits auch das Schloß. Ganz besonders trifft das zu, wenn ein neuer, bisher noch gar nicht existierender Bedarf willkürlich geschaffen wird - etwa durch die Mode.

In ganz analoger Weise beeinflußt der Mensch auch die negative Auslese, etwa die schädigende Wirkung feindlicher Umwelteinflüsse. Dieser Vorgang ist gegeben, wenn beispielsweise ein Fluß zeitweise über die Ufer tritt und Felder und

(Originalbuchseite 116)

Bauernhöfe zerstört. Der erste Anpassungsvorgang: einige der "Landwirte" errichten Schutzmauern und werden dann bei weiteren Überschwemmungen nicht mehr betroffen. Der von Mauern umgebene Energontyp setzt sich dann in dieser Gegend durch. Das entspricht analogen Schutzanpassungen pflanzlicher und tierischer Energonarten. Der störende Faktor (Fluß) steuert auch hier die Beschaffenheit der zu seiner Abwehr notwendigen Struktur - bestimmt somit, was an diesem Ort zweckmäßig ist.

Dagegen erschafft der Mensch Zweckmäßigkeit, wenn die Landwirte sich zusammentun und den Fluß regulieren oder umleiten. Dann steuern sie den Faktor, der ansonsten die Ausbildung ihrer Energone steuert. Denken wir nochmals an das Beispiel der in Schneegebieten lebenden Hasen, die von Raubvögeln dezimiert werden - was dazu führt, daß nur die weißen übrigbleiben. Die Landwirtschaften werden durch den Fluß dezimiert - was zunächst dazu führt, daß sich solche Typen, die durch Mauern geschützt sind, durchsetzen. Der zur Regulierung oder Umleitung des Flusses analoge Vorgang wäre gegeben, wenn die Hasen auf irgendeine Weise bewirken könnten, daß nur noch schnabellose oder an Hasen uninteressierte Raubvögel entstünden. Dann hätten auch sie Zweckmäßigkeit erschaffen: ein Passungsverhältnis zwischen dem einflußnehmenden Faktor und einer eigenen Eigenschaft.

Dieses Beispiel - das vielleicht weit hergeholt erscheint - soll zeigen, welches Novum dieser Vorgang in der Evolution darstellt. Sowohl der positiven als auch der negativen Auslese nimmt der Mensch das Steuer aus der Hand. Indem er den Käufer beeinflußt, manipuliert, erschafft er neue Erwerbsquellen. Indern er störende Umweltfaktoren "entschärft", erspart er es sich, entsprechende Schutzeinrichtungen bilden zu müssen.

Gesondert zu betrachten sind die Zweckmäßigkeiten im menschlichen "Luxussektor".

Im Erwerbssektor ist Zweckmäßigkeit mit Konkurrenzfähigkeit identisch. Im Luxussektor gibt es dagegen geradezu unzählbar viele Zweckmäßigkeiten - denn hier ist für den einzelnen immer das zweckmäßig, was sein Wohlbefinden (Lust, Glück, Freude etc.) steigert. Das ist aber je nach Anlage, Erziehung und Situation verschieden, es kann sich beim selben Menschen von einer Minute auf die andere ändern. Hier äußern sich Trieb, Stimmung, Laune, Gewohnheit, Beeinflussung, Gesundheitszustand, krankhafte Veranlagung und vieles andere mehr. Für den Theaterliebhaber ist im Augenblick, da er einen Theaterbesuch wünscht, eben dieser für ihn zweckmäßig. Für den Lustmörder, der sich gerade in der entsprechenden Stimmung befindet, ist in seinem augenblicklichen subjektiven Empfinden zweckmäßig, wenn er auf ein dafür passendes Opfer stößt.

Auf diese Fülle von "Luxus-Zweckmäßigkeiten" gehe ich im Rahmen dieses Buches nicht ein. Oder nur eben insofern, als sie Bedürfnisse schaffen, die anderen Energonen eine Erwerbsgrundlage bieten.

(Originalbuchseite 117)

Damit schließt sich der Kreis. Die Luxuszweckmäßigkeiten der Menschen schaffen vielfältigen Bedarf : dieser ist die Erwerbsquelle für sehr viele menschliche Erwerbsstrukturen und steuert somit deren Erwerbszweckmäßigkeit.

Oder aber dieser Bedarf wird - über Werbung oder sonstige Beeinflussung - selbst wieder von den Erwerbskörpern her gesteuert. Dann diktiert nicht Luxuszweckmäßigkeit Erwerbszweckmäßigkeit, sondern - gerade umgekehrt - Erwerbszweckmäßigkeit diktiert Luxuszweckmäßigkeit.

Um einen genaueren Einblick in die Dynamik der Energonentwicklung zu gewinnen, betrachten wir im nächsten Abschnitt die steuernden Wirkungen der störenden und feindlichen Umweltbedingungen.
 
 

Zurück zu Inhalt von "Energon"

Weiter zu "Speer und Schild" in "Energon"

 

Anmerkungen:

1 Eine für die Entstehung mancher Gottesvorstellungen sicher zutreffende Formulierung gab der französische Philosoph Baron Holbach in seinem 1770 erschienenen Werk "Système de la Nature": "Greifen wir auf den Ursprung der Dinge zurück, so werden wir finden, daß Unwissenheit und Angst die Götter erschaffen hat, daß Laune, Fanatismus oder Betrug sie ausschmückte und entstellte, daß Schwäche sie verehrt und Leichtgläubigkeit sie erhält und daß Gewohnheit sie respektiert und die Herrscher sie unterstützen, um die Blindheit der Menschen in ihren eigenen Dienst zu stellen." (Zitiert nach W. Durant, "Die großen Denker", Zürich 1943, S. 225.)
2 Ein weiterer "Selektionsfaktor", dem in der Biologie Bedeutung beigemessen wird, ist "Isolation". Je kleiner eine "Population" (die Zahl von Artgenossen in einem Areal) ist, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß es bei den Mutationen und Fortpflanzungsvorgängen durch Zufallswirkung zu einer Verbesserung kommt. W. Ludwig begründet das mit dem Argument, daß die Wahrscheinlichkeit größer ist, "daß von 10 Spielern als daß von 100 Spielern jeder eine Sechs würfelt". In kleinen Populationen kann ein günstiger Zufall sich eher auswirken. "Die Selektionstheorie", in: G. Heberer, "Die Evolution der Organismen", Jena 1943.
3 F. Nietzsche, "Morgenröte", Chemnitz 1881.
4 Er veröffentlichte sein grundlegendes Werk 1948. "Cybernetics, Control and Communication in the Animal and the Machine", New York.
5 Bernhard Hassenstein, "Die bisherige Rolle der Kybernetik in der biologischen Forschung", in "Naturwissenschaftliche Rundschau", Stuttgart 1960.
6 Nach theologischer Ansicht könnte Gott selbstverständlich die Naturgesetze ändern - und das würde dann auch eine andere Zweckmäßigkeit nach sich ziehen. Der springende Punkt ist jedoch: daß offenbar kein solcher Einfluß stattfindet. Demgemäß aber ist die Zweckmäßigkeit gleichsam sich selbst überlassen - und ist nichts als ein ganz relativer Wert.
7 Auf die Möglichkeit der Beeinflussung kauffähiger Menschen komme ich gleich anschließend zu sprechen. Hier ist zunächst vom normalen, durch Werbung und sonstige Maßnahmen nicht beeinflußten Abhängigkeitsverhältnis die Rede. Dazu äußerte sich W. Eucken: "Bei Konkurrenz bestimmen die Konsumenten über Art und Umfang der Produktion, wobei die Unternehmer letztlich, wenn auch mit einem gewissen Spielraum, in ihrem Auftrag handeln." "Grundsätze der Wirtschaftspolitik-, Bern-Tübingen 1952, S. 115.