DAS GERÜST DER KONKURRENZFÄHIGKEIT
Ein Hemd waschen: in vier Tagen DM 1,80, in zwei
Tagen DM 2,70, in einem Tag DM 3,60.
Der Leser stelle in seiner Phantasie folgende vier Bilder nebeneinander: Erstens einen kleinen Meereswurm, der tief in den Boden eingewühlt lebt. Er frißt Sand, verdaut die darin enthaltenen organischen Teilchen, den Rest scheidet er am anderen Ende aus. Zweitens einen orientalischen Goldschmied in einer winkeligen Nebengasse. Er hämmert in seinem winzigen Laden an der Werkbank; in einem kleinen Schaufenster prangen die Werke seiner Kunst. Passanten gehen draußen vorbei. Drittens eine Buche im Hochwald. Ihr schlanker Stamm ist kahl; hoch oben verflicht sich ihre Baumkrone in jene der benachbarten Bäume. Viertens ein weltweites Handelsunternehmen. Irgendwo in einer Hauptstadt sitzt die lenkende Zentrale, Waren umkreisen nach allen Richtungen den Globus, Telegramme werden abgesandt, Energieanweisungen gehen von einem Ort zum anderen.
So verschieden diese Bilder auch sind, jeder dieser Körper steht und fällt mit der gleichen Eigenschaft - Konkurrenzfähigkeit. Hat er diese nicht, dann verschwindet er früher oder später von der Bildfläche.
Über die eminente Bedeutung dieser besonderen Qualität besteht weder in der Wirtschaft noch in der Biologie der geringste Zweifel. In der Biologie deckt sie sich weitgehend mit dem "Selektionswert". Die Konkurrenzfähigkeit nach allgemein gültigen Kriterien praktisch zu messen wurde jedoch weder in der Biologie noch in der Wirtschaft ernsthaft versucht. Schon die Betriebe sind so verschieden, daß es völlig aussichtslos erscheint, für sie alle eine gemeinsame Meßskala zu finden. In diese Problematik auch noch sämtliche Berufsformen sowie alle Tiere und Pflanzen mit einbeziehen hieße das Unmögliche herausfordern.
(Originalbuchseite 91)
Im folgenden soll jedoch gezeigt werden, daß die Konkurrenzfähigkeit - die "Konkurrenzkraft" sämtlicher Energone auf grundsätzlich gleichen Wechselwirkungen beruht: auf einem unsichtbaren Wertgerüst, das prinzipiell meßbar ist - und zwar überall nach gleichen Kriterien.
Werfen wir zunächst einen Blick auf den "Lebenslauf" der Energone.
2
So verschieden die Energone auch im einzelnen aussehen mögen, bei allen lassen sich in ihrem Lebenslauf zwei Abschnitte unterscheiden: eine Aufbauperiode und eine Erwerbsperiode (Abb. 12 a).
Die Aufbauperiode ist dadurch gekennzeichnet, daß in ihr dem Energon die nötige Energie und Organisation von anderswoher geliefert, "zur Verfügung gestellt" werden muß. Bei den Organismen sind die "Spender" stets die Eltern - also artgleiche oder zumindest, im Falle von Mutationen, sehr ähnliche Energone. Bei den menschlichen Erwerbskörpern stammt dagegen die nötige Energie und Organisation oft - ja in den meisten Fällen - von Energonen ganz anderer Art. Wesentlich aber ist: Immer werden Energone (wenn man von den allerersten in der Evolution absieht) aus den Überschüssen anderer Energone gebildet. Der 1651 von Harvey ausgesprochene Satz, daß jedes Lebewesen einem Ei entstamme (Virchow änderte ihn dahingehend ab, daß jede Zelle einer anderen entstamme),1 hat somit - verallgemeinert - auch für die Energone seine Gültigkeit: Jedes Energon wird immer von anderen Energonen aufgebaut.
Zu diesem Aufbau sind außer Energie auch noch entsprechende Stoffe und vor allem ein "Aufbaurezept" erforderlich. Aber sowohl die Stoffe als auch dieses Rezept kosten jenem, der es spendet, Energie. Auch diese notwendigen Einheiten stellen somit Energiewerte dar - sie brauchen also nicht gesondert behandelt zu werden. Sie sind Teil des insgesamt erforderlichen Energieeinsatzes ("Investition").
Die Erwerbsperiode setzt ein, wenn das Energon fähig wird, selbständig zu einer aktiven Energiebilanz zu gelangen. Das ist meist kein genau anzugebender Punkt. Oft übt das sich bildende Energon in der Aufbauperiode bereits eine Erwerbstätigkeit aus und steuert so selbst zu seiner eigenen Finanzierung bei. Beispiel dafür sind Parasiten und Tiere mit "Generationswechsel": der Engerling übt einen anderen Erwerb aus als später der Käfer. Im Berufsleben ist es nicht anders.
(Originalbuchseite 92)
Mancher Student verdient sich das Geld für sein Studium durch Nachhilfestunden, Babysitten oder als Kellner. Ebenso kommt es bei Betrieben vor, daß sie, noch ehe sie fertiggestellt sind, bereits mit einer teilweisen Erwerbstätigkeit beginnen. Trotzdem ist im großen und ganzen - sowohl bei den Organismen als auch bei den menschlichen Erwerbskörpern - der Übergangspunkt als Durchschnitts-
Abbildung 12: Der für alle Energone typische Existenzverlauf
a) In der Aufbauperiode (x) muß die Bildung des Energonindividuums durch andere Energonindividuen erfolgen: eine Energieinvestition ist somit nötig. In Punkt S wird das gebildete Energon dann zur selbständigen Erwerbstätigkeit fähig: die Erwerbsperiode (y) setztein. Das Energon gelangt nun zu einer durchschnittlichen Steigerung seines Potentials: also zu Überschüssen.
b) Die drei relevanten Phasen, aus denen sich die Erwerbsperiode der Energone zusammensetzt. E = Erwerbsphase, R = Ruhephase, S = Stilliegephase. In den Erwerbsphasen finden die eigentlichen Erwerbsakte statt - ebenso die Abwehrtätigkeit gegen störende oder feindliche Umwelteinflüsse. In den Ruhephasen findet keine Erwerbsanstrengung statt, die Abwehrfähigkeit ist reduziert. Es entstehen "laufende Kosten", die zu einem Absinken des Potentials führen. Stilliegephasen kommen bei Energonen vor, deren Erwerbsmöglichkeit regelmäßig für längere Zeitspannen aussetzt. Der "laufende Betrieb" wird dann auf ein Minimum reduziert, das jedoch eine Reaktivierung - bei Eintreten günstiger Erwerbsbedingungen - erlaubt.
(Originalbuchseite 93)
wert zu ermitteln. Das Energon beginnt von diesem Punkt an praktisch zu existieren. Die "Zuschüsse" hören auf.2
In der nun folgenden Erwerbsperiode lassen sich drei Typen von Phasen unterscheiden, von denen ich behaupte, daß sie für die Ermittlung der Konkurrenzfähigkeit ausschlaggebend sind. Erstens: die Erwerbsphasen, zweitens: die Nichterwerbsphasen oder Ruhephasen, drittens: die allfälligen Stilliegephasen (Abb. 12 b). Was die ersten beiden betrifft, so gibt es sie bei jedem Energon. Sie folgen alternierend aufeinander. Stilliegephasen gibt es dagegen nur bei manchen Energonen. Sie treten dann gelegentlich an die Stelle der Ruhephasen.
Am wichtigsten für jedes Energon - und für die Beurteilung seiner Konkurrenzfähigkeit - sind die Erwerbsphasen. In ihnen finden die eigentlichen Erwerbsakte statt, in ihrem Verlauf muß die gesamte, für alle Ausgaben notwendige Energie eingebracht wenden. Diese Phasen können von sehr unterschiedlicher Länge sein.
Das gleiche gilt für die Ruhephasen. In diesen kommt es - in der Regel - zu keinen Energieeinnahmen, dagegen verursachen sie "laufende Erhaltungskosten". In diesen Phasen muß die Erwerbsfähigkeit des Energons aufrechterhalten bleiben.
Für manche Energone schließlich sind zusätzlich Stilliegephasen vorteilhaft. Ist die Energiequelle so geartet, daß sie periodenweise über längere Zeitabschnitte hinweg nicht "fließt" beziehungsweise nicht erschließbar ist, dann erhöht das Energon seine Konkurrenzfähigkeit, wenn es seinen Betrieb auf ein Minimum zu reduzieren vermag. Das zeigen etwa die Laubbäume, wenn sie im Herbst die Blätter abwerfen. Andere Organismen bilden "Dauerstadien", um ungünstige Perioden zu überstehen, manche Tiere fallen in einen "Winterschlaf". Bei den Saisonbetrieben ist es nicht anders. Das Wintersporthotel entläßt im Frühjahr sein Personal und schließt. Die Zuckerindustrie produziert nur in der Zeit nach der Rübenernte.
Ich behaupte, daß die Aufbauperiode (in ihrer Gesamtheit) sowie jede der drei angeführten Phasen der Erwerbsperiode (im jeweiligen Durchschnitt) meßbare Daten liefern, die Wesentliches über die Konkurrenzkraft jedes beliebigen Energons aussagen. Handelt es sich um ähnliche Energone (mit gleicher Erwerbsquelle und im gleichen Lebensraum), dann zeigen diese Werte deutlich, welches Energon dem anderen im Konkurrenzkampf überlegen ist. Darüber hinaus aber sind diese Werte auch noch allgemein vergleichbar. Wohl ist nicht immer jeder für jedes Energon relevant, doch zur meßbaren Bestimmung der Konkurrenzkraft muß - so behaupte ich - stets jeder von ihnen geprüft werden.
Da die Erwerbsphasen die wichtigsten sind, wenden wir uns ihnen als erstes zu.
(Originalbuchseite 94)
Es wird nicht bestritten, daß die einzelnen Erwerbsakte - das eigentliche Aufschließen des jeweiligen Schlosses - bei den Pflanzen, Tieren, Berufskörpern und Erwerbsorganisationen ganz außerordentlich verschieden sind und auch sehr verschieden lange dauern. Bei der Mannigfaltigkeit der Erwerbsformen ist das nicht anders zu erwarten.
Bei einer Stechmücke umfaßt der einzelne Erwerbsakt zunächst das Ausfindigmachen der Beute, dann das Anfliegen und Niedersetzen, das Durchstoßen der Haut mit dem Saugbohrer, das Vollsaugen des sehr erweiterungsfähigen Magens, das Zurückziehen des Bohrers, das Abfliegen, Sich-in-Sicherheit-Bringen und schließlich das Verdauen der gewonnenen Beute. Bei den Pflanzen umfaßt das "Einkernen" von Sonnenenergie in ein Kohlehydratmolekül die Hell- und Dunkelreaktion: dauert also in der Regel einen Tag und eine Nacht. Das Einfangen eines Photons in eine ADP-Batterie spielt sich ungleich schneller ab, es erfordert bloß den hundertmillionsten Teil einer Sekunde. Bei den menschlichen Berufskörpern kann wieder der einzelne Erwerbsakt unter Umständen sehr lange dauern. Bei einem Händler alter Gemälde liegt oft zwischen Kauf und Verkauf eine Umschlagzeit von mehr als einem Jahr. Bei der Ostindischen Handelskompanie dauerte jede Ostindienfahrt ihrer Segler zwei bis vier Jahre. Michelangelo brauchte für seine Fresken in der Sixtina über acht Jahre - allerdings erhielt er von seinem Auftraggeber, dem Papst, laufend Zahlungen. So kann ein sehr langer Erwerbsakt auch wieder in entsprechend kürzere Teilakte zerfallen.
Ein weiterer Unterschied: manche Energone sind auf einen bestimmten Erwerbsvorgang spezialisiert, andere führen sehr verschiedene aus. Die eben genannte Stechmücke ist ein Spezialist, bei der jeder Erwerbsakt dem anderen gleicht. Ebenso ist es bei einem Verkäufer von heißen Würstchen oder beim Einproduktunternehmen der Coca-Cola-Erzeugung. Dagegen hat jeder Diener höchst verschiedene Aufgaben. Warenhäuser verkaufen sehr verschiedene Produkte. Unter den Tieren gelangt das Wildschwein auf sehr verschiedene Art an seine Nahrung - es ist ein Allesfresser. Ebenso sind auch die amerikanischen "Konglomeratunternehmen" auf eine Fülle voneinander sehr verschiedener Erwerbsformen ausgerichtet.3
(Originalbuchseite 95)
Noch ein Unterschied: Bei manchen Energonen folgt ein Erwerbsakt säuberlich dem vorhergehenden; bei anderen laufen Hunderte, ja Tausende gleichzeitig ab. Die meisten Tiere gehören zur ersten Gruppe, alle Pflanzen und auch die meisten Produktionsbetriebe zur zweiten.
Schließlich ist auch das Erwerbsergebnis nicht immer streng an den Erwerbsakt gekoppelt. Das zeigen etwa Angestellte, die für einen Pauschallohn arbeiten. Bei den Tieren zeigen es die Parasiten: sind sie endlich an ihr Ziel, den Körper des Wirtes, gelangt, dann fließt ihnen in einem gleichmäßigen Strom Nahrung - also Energie und Stoffe - zu. Bei einem Spulwurm oder Leberegel kann von einzelnen Erwerbsakten kaum mehr die Rede sein.
Trotz dieser und weiterer beträchtlicher Unterschiede lassen sich aber doch in jedem Fall Durchschnittswerte ermitteln. Und auf diese kommt es an. Ob die einzelnen Erwerbsakte schnell oder langsam aufeinanderfolgen, ob sie verschiedenartig oder gleich, trennbar oder ineinander verwoben sind: immer steht einem bestimmten durchschnittlichen Energiegewinn eine bestimmte durchschnittliche Erwerbsanstrengung gegenüber. Diese läßt sich in drei meßbaren Werten erfassen.
Erstens - das ist beinahe selbstverständlich - müssen die Erwerbsakte möglichst energiesparend erbracht werden, also möglichst billig sein. Zweitens soll ein möglichst hoher Prozentsatz der Erwerbsanstrengungen erfolgreich verlaufen - also einen Gewinn erbringen. In diesem Sinn sollen die Erwerbsakte möglichst präzise sein. Drittens soll jeder Erwerbsakt möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen - er soll möglichst schnell erfolgen.
Diese drei Faktoren: Kosten, Präzision und Schnelligkeit, sind sowohl in der Wirtschaft als auch in der Biologie bestens bekannt. Hier jedoch werden sie etwas genauer gefaßt - ebenso auch ihre Korrelationen.
Der erste Konkurrenzfaktor - gültig für ein Bakterium ebenso wie für General Motors - sind die Durchschnittskosten der Erwerbsakte. Kann ein Energon bei geringeren eigenen Kosten zum selben Erwerbsergebnis kommen wie ein sonst gleiches, konkurrierendes, dann ist es diesem zweifellos überlegen. Das bedarf kaum einer Beweisführung. Kommen schlechte Erwerbszeiten, dann kann dieses Energon gerade noch aktiv arbeiten - der Konkurrent dagegen arbeitet bereits passiv, und dauert die Notzeit lange genug, scheidet er aus.
Das fällt mit unter das in der Wirtschaft wohlvertraute "ökonomische Prinzip". Wir sprechen jedoch in diesem Zusammenhang nicht von Kosten insgesamt, sondern bloß von den Durchschnittskosten der Erwerbsakte.
Zweiter Faktor: die Erwerbspräzision. Sie äußert sich darin, wie viele Erwerbsakte im Durchschnitt erfolgreich verlaufen. Oder noch allgemeiner: Welcher Prozentsatz der Erwerbsanstrengung zu einem durchschnittlichen Erwerbsergebnis führt ("Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung"). Wenn wir wieder die Stechmücke betrachten, dann führt längst nicht jeder ihrer Erwerbsversuche zu einem Erwerbserfolg. Das Beutetier zuckt mit der Haut, wackelt mit den Ohren, ver-
(Originalbuchseite 96)
scheucht das Insekt. Ein neuer Versuch muß unternommen werden. Bei einem Vertreter für Staubsauger ist es ähnlich. Das Sprüchlein, das er an jeder Tür aufsagt, führt nur gelegentlich zu einem Erwerbsergebnis. In diesem Fall ist die Erwerbspräzision sogar sehr gering. Bei Betrieben hängt sie erstens ab von der Zahl der Produkte, die in der Herstellung danebengehen (Ausschuß), zweitens vom Prozentsatz jener, die im Versand beschädigt werden (Versandrisiko), drittens von der Anzahl der nicht verkauften Stücke (Verkaufsrisiko).4
Zum Begriff "Erwerbspräzision" ist der Begriff "Erwerbsrisiko" komplementär. Beträgt etwa der Grad der Zielerreichung 40 Prozent, dann beträgt das Erwerbsrisiko 60 Prozent.
In der Energontheorie ist der in der Wirtschaft gebräuchliche Risikobegriff zu allgemein: es muß zwischen Erwerbsrisiko einerseits sowie Feind- und Störungsrisiko anderseits unterschieden werden. Der Grund: Es handelt sich hier um verschiedene Wirkungen. Das Erwerbsrisiko ergibt sich einzig und allein aus dem Schlüssel-Schloß-Verhältnis. Je präziser der Schlüssel sperrt, um so weniger Sperrversuche mißlingen, um so geringer ist somit das Erwerbsrisiko. Das Feind- und Störungsrisiko (auf das ich später zurückkomme) ergibt sich dagegen aus ganz anderen Beziehungen. Wird zum Beispiel die Stechmücke vom Beutetier verscheucht, dann fällt der Kostenverlust unter Erwerbsrisiko. Wird sie dagegen bei dieser Gelegenheit von einem Räuber, etwa einem Vogel, aufgeschnappt, dann fällt das unter Feind- und Störrisiko. In der modernen Wirtschaft ist den einzelnen Berufskörpern und Betrieben der individuelle Schutz weitgehend vom Staat abgenommen - deshalb tritt der Unterschied in diesem Evolutionsbereich nicht mehr so deutlich in Erscheinung. Suchen wir jedoch nach einem allgemeingültigen Wertungssystem, dann müssen funktionelle Unterschiede auch dort, wo sie nicht mehr scharf in Erscheinung treten, beachtet werden.
Der dritte Konkurrenzwert ist nach dem oben gegebenen Maßstab - die Erwerbsschnelligkeit. Wer seine Erwerbsakte bei gleichem Ergebnis doppelt so schnell ausführt wie sein Konkurrent, ist diesem gegenüber im Vorteil - allerdings nicht immer.5
In der Wirtschaft sagt man "Zeit ist Geld". Damit ist jedoch etwas anderes gemeint - und zwar die Einsparung "fixer" Kosten. Der Kaufmann kalkuliert: Der stehende Betrieb kostet mich soundsoviel, wird dieser Aufwand nicht voll ausgenützt, dann entgeht dem investierten Kapital eine andere Verdienstmöglichkeit. Kapitalzins geht so mit unproduktiver Zeit verloren. Dieser - ebenfalls
wichtige - Zusammenhang ist hier nicht gemeint. Hier wird vielmehr angenommen, daß ein Energon bei gleichen Kosten schneller als ein anderes zum analogen Erwerbsergebnis gelangt.6
Auch dann, so behaupte ich, ist das schnellere Energon
meist im Vorteil - sowohl bei den Organismen als auch bei den vom Menschen
gebildeten Erwerbsstrukturen.
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Zwölf Grundfragen zur Ermittlung der Konkurrenzfähigkeit eines Energons
Bei den vom Menschen gebildeten Berufskörpern und Erwerbsorganisationen sind die Werte 1, 3 bis 7, 9 und allenfalls 10 von dominierender Bedeutung. Bei den Pflanzen und Tieren können jedoch auch andere dieser Werte ausschlaggebend für die Konkurrenzfähigkeit sein. Hier sind die zwölf Fragen auf das Energon als Ganzes bezogen. Genauere Werte für die Konkurrenzfähigkeit ergeben sich, wenn die funktionell verwandten Wirkungsträger nach diesen Kriterien untersucht werden (Kapitel 8-18).
(Originalbuchseite 98)
Erster Grund: Oft ist die Ergiebigkeit der Erwerbsquelle begrenzt. Wer diese dann schneller erkennt, aufsucht und ausschöpft, ist dem Konkurrenten überlegen. Ist nur eine Fliege zum Auffressen da, dann ist jener Vogel im Vorteil, der als erster zur Stelle ist. Er gewinnt 100 Prozent, der nächstfolgende 0 Prozent. Auch wenn mehrere Körner zum Aufpicken da sind, erwirbt der schneller Pikkende - wenn mit gleicher Präzision gepickt wird - entsprechend mehr. In der Wirtschaft ist es nicht anders. Wer bei begrenztem Bedarf diesen schneller erkennt und befriedigt, ist dem Konkurrenten um eine Nasenlänge voraus. Der Engländer sagt: Early bird catches the fly. Der Deutsche sagt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer sich besser ins Machtgeschehen einzugliedern vermag und deshalb schneller an sein Ziel kommt, ist im Vorteil.
Zweitens: Wer schneller ist, kann sich so auch eher in einem Erwerbsgebiet "etablieren". Ob es eine Pflanze ist, ein Tier, ein leistungserbringender Mensch (Berufskörper) oder eine Erwerbsorganisation: wer den Rahm abschöpft, ist im Vorteil. Er gewinnt Reserven, kann sich vergrößern, gewinnt Erfahrung, gewinnt "Verbindungen". Wer einmal etabliert ist, ist schwer wieder zu verdrängen - ganz gleich, ob es sich dabei um einen Organismus oder um eine Wirtschaftsstruktur handelt.
Drittens: Schnellerer Erwerb bedeutet auch die Möglichkeit zu schnellerem Wachstum. In vielen Fällen ist aber überlegene Größe ein entscheidender Vorteil. Ein großer Löwe kann einen Büffel überwältigen, ein kleiner nicht. Größere, kapitalstärkere Betriebe können sich (neben anderen Vorteilen) spezialisierte Einheiten leisten, die sie nicht selten kleineren Konkurrenten gegenüber in Vorsprung bringen.
Dazu kommen noch Vorteile, die nur bei manchen Erwerbsarten zum Tragen kommen. So bedeutet bei den Tieren schnellerer Erwerb entsprechend geringeres Feindrisiko. Gerade bei den Erwerbsakten sind viele Tiere in erhöhter Gefahr, von einem Raubtier überrascht zu werden. Je kürzer also die Perioden eigener Erwerbskonzentration sind, um so geringer wird dieses Risiko. In der Wirtschaft wiederum ist es für den Bedarf charakteristisch, daß er möglichst schnell "befriedigt sein will". Will jemand ein Segelboot kaufen und bieten ihm zwei Firmen durchaus gleichwertige Produkte an - jedoch die eine mit nur halb so langer Lieferfrist - dann wird er sich (meist) für den schneller Liefernden entscheiden.
4
Sehr wesentlich sind auch die "Korrelationen" zwischen den drei genannten Werten im Sinne von "Wechselwirkung" und "Interdependenz".
Daß zwischen Erwerbskosten und Erwerbspräzision eine Wechselwirkung be-
(Originalbuchseite 99)
steht, ist wohl jedem Geschäftsmann bekannt. Soll etwa die Erwerbspräzision gesteigert werden - durch bessere Maschinen, vermehrte Kontrollen, sorgfältigere Verpackung, bessere Markteinschätzung -, dann erhöhen sich insgesamt die Erwerbskosten. Wird anderseits versucht, diese zu senken, dann verringert dies meist die Präzision.
Welchem der beiden Kriterien im Einzelfall die größere Bedeutung zukommt, entscheidet in der Regel die Erwerbsart. Sind Ziegelsteine das Erwerbsorgan, dann ist Präzision weniger wichtig, als wenn es sich um elektrische Meßgeräte handelt. Kann nur mit einer Person ein bestimmtes Geschäft getätigt werden, dann ist deren richtige "Bearbeitung" entscheidender, als wenn bei einem Leistungsanbieter die Leute Schlange stehen. Bei den Organismen hat man sich bisher für diesen Zusammenhang kaum interessiert, doch ist er bei ihnen ebenfalls von Bedeutung. Ist die Beute schwer zu erjagen, jedoch lukrativ, dann fallen die Erwerbskosten weniger ins Gewicht als die Erwerbspräzision. Die seltene Chance muß dann genützt werden. Beim Regenwurm, der das Erdreich durch seinen Darm wandern läßt und das darin enthaltene Brauchbare verdaut, ist dagegen eine allfällige Senkung der Erwerbskosten wichtiger als die Erhöhung der Präzision der einzelnen "Erwerbsakte".
Soll ein Computer die Werte Erwerbskosten und Erwerbspräzision zur Ermittlung der Konkurrenzfähigkeit verarbeiten, dann müssen ihm somit noch weitere Daten geboten werden - zum Beispiel die Höhe der zur Entwicklung und Herstellung eines Produktes notwendigen Investition, das Energievolumen der Erwerbsquelle und ihre Beständigkeit. Auch das sind jedoch zahlenmäßig erfaßbare oder zumindest abschätzbare Werte.7
Ähnliche Korrelationen gibt es sowohl zwischen Erwerbszeit und Erwerbskosten als auch zwischen Erwerbszeit und Erwerbspräzision. Schnellere Erwerbsakte vermindern fast immer deren Präzision und heben auch häufig die Kosten an. Muß ein und dieselbe Arbeit in der halben Zeit geleistet werden, dann wird - zwangsläufig - weniger sorgfältig gearbeitet. Maschinen - aber ebenso auch die Organe tierischer Körper - zeigen dann einen schnelleren Verschleiß. Bei Überanstrengung steigen die Betriebskosten rapid an.
Die in den Betrieben so wichtige "optimale Kapazität" der Betriebsmittel fällt
(Originalbuchseite 100)
weitgehend unter die Korrelationen dieser ersten drei Konkurrenzwerte. Bei erhöhter Präzision wird die optimale Nutzungszone der Betriebsmittel "eng", so daß sich schon bei geringen Abweichungen stark anwachsende Stückkosten ergeben. Einfacher ausgedrückt: Wo Wirkungsträger von hoher Präzision nicht wirklich benötigt werden, sind sie ein Nachteil.
Viele Erwerbsverfahren machen auch eine gewisse Mindestquantität an Bedarf - oder Beute - zur Voraussetzung. So ist es technisch nicht möglich, einen Hochofen in Betrieb zu nehmen, wenn nicht ein Mindestmaß an Ausbringung erreicht wird. Ebenso vermag auch ein Motor, der auf 100 PS konstruiert ist, nicht eine Dauerleistung von nur zehn PS hervorzubringen - ohne vorzeitig zu verschleißen. Und ebenso ist auch ein Haifisch nicht in der Lage, sich von Sprotten zu ernähren - selbst wenn er dem Verhungern nahe ist.
Im einzelnen bestehen somit bei den verschiedenen Erwerbsarten - besonders hinsichtlich der Korrelationen - erhebliche Unterschiede. Maßgebend jedoch ist, daß die Bewertungskriterien Kosten, Präzision und Schnelligkeit auf die Erwerbsakte jedes Energons anwendbar und für jedes relevant sind. Diese drei bilden gleichsam ein Netz, in dem sich der Wert jedes Erwerbsvorganges einfangen läßt - ein Wert, der jede Konkurrenzfähigkeit entscheidend beeinflußt.
5
Auch in den Phasen ohne Erwerbstätigkeit - in den "Ruhephasen" - gelten die gleichen Kriterien. Vom Energon her betrachtet stellen auch sie eine Leistung und Wirkung dar - insofern, als das Energon sie überstehen muß.
Daß geringere Durchschnittskosten in Nichterwerbsphasen ein wichtiger Konkurrenzvorteil sind, bedarf wohl kaum eines Beweises. Ist in diesen die laufende Energieausgabe geringer als bei einem sonst gleichwertigen Konkurrenten, dann bedeutet das einen Pluspunkt.
Hier handelt es sich nicht um einen gleichbleibenden Wert, sondern um eine absinkende Kurve. Das liegt - unter anderem - daran, daß die Verflüssigung verschiedener Reserven mehr oder weniger kostspielig sein kann. Solange von einem Guthaben auf dem Girokonto gezahlt wird, gibt es noch keinen Verlust. Müssen jedoch Wertpapiere oder Grundbesitz veräußert oder gar - in arger Not - Betriebsteile abgestoßen werden, dann werden die damit verbundenen Verluste erheblich. Bei den Organismen ist es - trotz der völlig anderen Umstände - recht ähnlich. Die direkte Bezahlung mit ATP ist am billigsten. Der Abbau von Zucker und Fett ist schon kostspieliger, verursacht größere Energieverluste. Muß schließlich die eigene Struktur angegriffen werden, dann sind die Einbußen erheblich.
Wie sieht es in den Ruhephasen mit den beiden weiteren Kriterien aus?
(Originalbuchseite 101)
Der Faktor Präzision spielt hier - zumindest bei manchen Energonen - ebenfalls eine Rolle: er äußert sich im Prozentsatz des Zugrundegehens aus inneren Ursachen.8 Bei den Organismen mögen Krankheiten die Ursache sein, bei den Betrieben besteht die Möglichkeit, daß Kräfte abwandern oder von der Konkurrenz wegengagiert werden. Sind die Phasen ohne Erwerbsmöglichkeit zu lange, stehen die Leute untätig herum, dann sinkt die Moral. Bei den Organismen sind die Zusammenhänge andere - führen aber zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch die "Ruhepräzision" ist jedoch kein konstanter Wert, sondern eine Kurve, die in der Art einer Parabel absinkt. Werden die aktivitätslosen Phasen länger, dann steigt auch das Risiko, daß das Energon aus inneren Ursachen zugrunde geht.
Der dritte Faktor Dauer zeigt ein interessantes Problem auf. Natürlich ist es ein Konkurrenzvorteil, wenn die Ruheperioden im Durchschnitt möglichst kurz sind - wie aber ist das zu erreichen?
Wenn bei einem Betrieb die Notwendigkeit zu Ruhephasen sich bloß daraus ergibt, daß die menschlichen Wirkungsträger (Werksangehörigen) schlafen und ausspannen müssen, dann lautet die Lösung: Mehrschichtarbeit. Bei den Pflanzen und Tieren mag dieses Prinzip vielleicht auch schon Verwirklichung gefunden haben - indem Zellen, Gewebe oder Organe einander in einer Funktion abwechseln. Die zweite Möglichkeit ist die, daß die Erwerbsquelle zeitweise zu "fließen aufhört" oder auf Grund von Umweltbedingungen unerschließbar wird. Welche Möglichkeit besteht dann, die Ruhephasen zu verkürzen?
Hier heißt die Lösung: Zwischenverdienst. Dafür gibt es sowohl bei den menschlichen Erwerbskörpern als auch bei den Organismen genügend Beispiele. Irgendeine andere Erwerbsart wird eingeschoben. Selbst wenn diese nur die laufenden Kosten oder sogar nur einen Teil derselben deckt, ist das bereits eine Entlastung - ein Vorteil.
Die gleichen Argumente gelten für die Phasen völliger Stillegung, die für Saisonbetriebe und Organismen, die langen Perioden erzwungener Erwerbslosigkeit gegenüberstehen, von Wichtigkeit sind. In diesem Fall wird der Betrieb auf das unbedingt Notwendige reduziert. Soweit es geht, werden Wirkungsträger abgebaut oder stillgelegt. Das kann so weit gehen, daß nur noch ein Keim zum Wiederaufbau verbleibt - bei den Tieren und Pflanzen ist das dann bereits Fortpflanzung.
Auch hier gibt es Durchschnittswerte, auch hier gelten die Kriterien: Kosten, Präzision und Dauer. Wenn diese Kriterien von jenen der erwerbslosen Perioden
(Originalbuchseite 102)
getrennt behandelt werden, dann deshalb, weil in diesem Fall die Grundsituation eine andere ist, etwa beim Risiko gegenüber Feindeinwirkungen und Naturgewalten. Ein völlig stillgelegtes Energon ist höchst passiv und somit fremden Einwirkungen mehr ausgeliefert. An ein im Winterschlaf befindliches Tier kann ein Feind weit eher unbemerkt herankommen. In unbewohnte Gebäude kann viel leichter eingebrochen werden.
6
Auch in der Aufbauperiode bewähren sich - auf den ersten Blick - die drei Kriterien Kosten, Präzision und Dauer auf das beste. Natürlich - so sagt die Erfahrung - ist es ein Konkurrenzvorteil, wenn der Aufbau eines Energons (bei gleicher Qualität) weniger kostet. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn es beim Aufbau mit weniger Wahrscheinlichkeit zu Fehlleistungen - "Mißgeburten" - kommt. Natürlich ist es, sehr oft zumindest, ein Vorteil, wenn dieser Aufbau - bei gleichen Kosten- schneller erfolgen kann.
Denkt man aber genauer nach, dann stellt sich die Frage: Für wen ist das ein Vorteil? Für das Individuum?
Wenn ein Betrieb mit Mitteln aufgebaut wird, die er dann laufend abtragen - also an irgend jemanden zurückzahlen - muß, dann ist die Sache einfach und klar. Dann sind geringe Aufbaukosten (einschließlich der nötigen "Anlaufkosten") bestimmt ein Konkurrenzvorteil. Das Energon ist dann weniger lang belastet; in seiner Bilanz scheint das deutlich auf. Bei Tier und Pflanze erhält jedoch das Individuum die Aufbaukosten sozusagen von den Eltern als Geschenk. Ein Unterschied in der Höhe der Aufbaukosten geht somit in seine individuelle Bilanz gar nicht ein. Für den Konkurrenzwert des Individuums ist es somit irrelevant, wieviel es praktisch gekostet hat.9
Hier ist nur die Energonart betroffen. Billigere Aufbaukosten bedeuten, daß aus den gleichen Überschüssen entsprechend mehr Individuen erzeugt werden können. Daraus ergibt sich eine höhere Chance, daß eines von ihnen günstige Lebensbedingungen vorfindet und überlebt. Für den betreffenden Energontyp sind also billigere Kosten durchaus ein Vorteil - für das Individuum dagegen nicht.
(Originalbuchseite 103)
Den gleichen Zusammenhang gibt es - und hier kommen wir auf ein interessantes Gebiet - auch in der Wirtschaft. Wie entsteht dort ein neues Energon? Nehmen wir an, einige finanzkräftige Leute setzen sich zusammen und planen den Aufbau eines neuen Betriebes. Sie machen entsprechende Ausschreibungen und erhalten verschiedene Offerten. Nehmen wir weiters an, es gäbe zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, das geplante Verkaufsprodukt zu erzeugen. Für jedes Verfahren sind andere Maschinen, andere Anlagen nötig. Die Gesamtleistung ist in beiden Fällen völlig gleich - auch alles sonst ist gleichwertig, nur kostet die eine Anlage doppelt soviel. Sicherlich entscheiden sich dann die Finanziers für das billigere Verfahren - für das im Aufbau billigere Energon. So setzt sich denn auch hier der billigere Typ durch. Der andere verschwindet von der Bildfläche, weil niemand ihn mehr finanziert. Auch in der Wirtschaft sind somit geringere Aufbaukosten ein entscheidender Konkurrenzvorteil für die Energonart.
Bei den Werten Aufbaupräzision und Aufbauzeit verhält es sich ähnlich. Bei manchen Energontypen beeinflussen sie die Konkurrenzfähigkeit des Individuums - bei anderen dagegen nicht. Für die Art sind sie dagegen immer relevant.
Das ist eine wichtige Feststellung, die uns später noch eingehender beschäftigen wird. Es gibt mehr als ein Bewertungsniveau für die Konkurrenzfähigkeit. Die Werte für Individuum und Art stimmen nicht überein.10
Wir bleiben zunächst beim Individuum. Mit der Konkurrenzfähigkeit
verbindet sich ein anderer, sehr umstrittener Begriff - die Zweckmäßigkeit.
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Anmerkungen:
1 W. Harvey:
"Omne vivum ex ovo." R. Virchow: "Omne cellula ex cellula." W. Preyer:
"Omne vivum ex vivo."
2 In der
Botanik nennt man diesen Punkt "Kompensationspunkt". Das Erwerbssystem
wird dann aktiv.
3 Diesen
Unternehmen gliedern sich Betriebe der verschiedensten Branchen an. Zuerst
sind das meist solche, von denen das ursprüngliche Produktionsprogramm
abhängt (Belieferungs-, Finanzierungs-, Transportbetriebe), im weiteren
Verlauf können das aber auch völlig branchenfremde sein. Durch
solche "Streuung" ("Diversifikation") wird die Krisenfestigkeit des Konglomerats
erhöht. In den USA steht diese Entwicklung auch mit dem Antitrustgesetz
in Verbindung, das sich gegen Monopolbildungen in einzelnen Branchen richtet.
Es beschränkt das Größenwachstum von Unternehmen und kann
so umgangen werden.
4 Im Gewerbe
spielt die "Nachhaltigkeit" des Erwerbes, die Wiederholbarkeit von Erwerbsakten
eine wichtige Rolle. Auch das fällt unter den hier umrissenen Begriff
"Präzision". Betrügt ein Gewerbetreibender seine Kundschaft,
dann spricht sich das herum - und seine weiteren Erwerbsanstrengungen verlaufen
weniger erfolgreich. Seine Erwerbspräzision wird dann geringer.
5 Wenn ein
Tenor die Partie des Siegfried doppelt so schnell singt wie ein anderer,
ist das kein Konkurrenzvorteil.
6 In der
Wirtschaft lautet das "Maximalprinzip": Bei gleichen Kosten höherer
Ertrag. Von der Energontheorie her ist dagegen zu unterscheiden, ob der
höhere Ertrag auf höherer Präzision oder höherer Erwerbsschnelligkeit
beruht.
7 Bei den
Pflanzen und Tieren treten die einzelnen Typen (Artangehörigen) über
viele Generationen hinweg und in großer Individuenzahl in Erscheinung.
Hier sind im Prinzip (bis heute gibt es noch kaum so ausgerichtete
Messungen) recht genaue statistische Werte ermittelbar. Bei den vom Menschen
gebildeten Energonen kam es dagegen zu einem Anwachsen der individuellen
Verschiedenheit. Auch die relevanten Umweltbedingungen werden hier immer
mehr unübersichtlich; verändern sich immer schneller ("lntransparenz").
Die Energontheorie behauptet nicht, daß jeder ihrer Werte
praktisch meßbar ist. Sie versucht bloß zu zeigen, welche Werte
die "Lebensfähigkeit" sämtlicher Energone bestimmen, wie
das für alle maßgebende innere Wertgerüst aussieht.
8 Die Tiere
zeigen sehr unterschiedliche Fähigkeit, erwerbslose Perioden zu überstehen
(also zu "hungern"). Bei einem Flußaal wurde festgestellt, daß
er 657 Tage am Leben blieb, wobei sein Gewicht von 65 Gramm auf 21,5 Gramm
sank. Kleine Warmblüter bieten das andere Extrem. Der Maulwurf
kann höchstens zwei Tage lang ohne Nahrung aushalten, das Goldhähnchen
und die Spitzmäuse sterben schon nach einer "Fastenzeit" von einem
Tag. (R. Hesse und F. Doflein, "Tierbau - Tierleben", Jena 1943,
Bd. 2, S. 330 f.)
9 Die Tiere
und Pflanzen sind vom Erbrezept her gezwungen, ihre Überschüsse
zu weiterer Nachkommenerzeugung zu verwenden. Das ist eine Hypothek, die
sie belastet - aber eben nur dann, wenn sie zu Überschüssen gelangen.
Vom Individuum her sind deshalb die Aufbaukosten, die die Eltern beisteuern,
ein eindeutiges Geschenk ... und müssen nicht auch (über die
Fortpflanzungsverpflichtung) "zurückgezahlt" werden.
10 Dem
Volkswirtschaftler mag sich hier assoziieren, daß nicht alle Kosten
und Erträge sich beim Individuum unmittelbar zu Buche schlagen müssen,
sondern auf höherer Integrationsstufe in Erscheinung treten können
("social costs" - "social benefits"). Zu diesen Bewertungsunterschieden
kommen wir jedoch erst später. Hier sollte zunächst bloß
auf jene bei Individuum und "Art" hingewiesen sein. Auch dazu gibt es in
der Wirtschaft Parallelen. Beiträge, die an Berufsvertretungen (Gilde,
Gewerkschaft) gezahlt werden, bringen nicht jedem Berufs-Individuum Vorteil
- jedoch der Berufsart.