ENERGIEQUELLE BEDARF
Für den Automobilhändler oder Bauunternehmer
in einer Kleinstadt, der hinter einem Kunden oder einem Großauftrag
her ist, geht es dagegen um alles oder nichts. (Bezeichnenderweise sprechen
die Beteiligten selbst von Halsabschneiderei.)
Oskar Hertwig bezeichnete den Menschen als den "schwierigsten Gegenstand naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise". Ich glaube, man hat bis heute noch kaum damit begonnen, den Menschen wirklich naturwissenschaftlich zu betrachten.
Nehmen wir an, wir könnten einem Tier oder einer Pflanze die notwendige Intelligenz einimpfen, um die Entwicklung des Menschen kritisch zu betrachten. Diese Lebewesen wären dann in einer ähnlichen Situation, wie wir es vielleicht sein werden, falls wir eines Tages auf einem anderen Himmelsgestirn mit noch weiter fortgeschrittenen Energonen in Berührung kommen. Pflanze und Tier würden sicher mit größtem Interesse das menschliche Getriebe verfolgen. Das Lebewesen Mensch, aus ihrer Mitte hervorgegangen ... siehe da, was es alles erreicht hat!
Unsere Erwerbsformen würden die beiden sicherlich besonders interessieren. Sie würden sich im menschlichen Getriebe diesbezüglich nicht leicht zurechtfinden. Immerhin gäbe es für sie Anhaltspunkte, um an eigene Erfahrungen anzuknüpfen
Nehmen wir an, die beiden beobachten einen Landwirt: Dieser erbeutet Pflanzen - das ist nichts Neues. Aber die Art, wie er dabei vorgeht, ist ungewöhnlich. Statt nach eßbaren zu suchen, reißt er uneßbare aus. Statt Körner zu essen, steckt er solche in den Boden. Hier würde sich den beiden Beobachtern das Phantasiewesen Mensch auf das deutlichste zu erkennen geben. Es verknüpft in seinem Gehirn das, was es jetzt tut, mit einer Wirkung, die sich erst in vielen Monaten einstellen wird.
(Originalbuchseite 78)
Dem tierischen Beobachter wäre hier die Primitivität der eigenen Erwerbsart deutlich vor Augen geführt. Allen tierischen Energonen ist die Kenntnis, wie die jeweilige Beute aussieht, ganz oder weitgehend angeboren. Bestimmte Sinneseindrücke lösen entsprechende Angriffshandlungen aus. Ist das Tier ein Pflanzenfresser, dann bewegt es sich zur Beute hin und beginnt an ihr zu knabbern; ist es ein Räuber, dann verfolgt es die Beute, reißt Stücke von ihr ab, versucht sie zu überwältigen. Ist ein Tier gesättigt, dann erlischt seine "Freßgestimmtheit". Der Anblick der Beute löst dann kein Futtersuchverhalten mehr aus. Wird es später wieder hungrig, setzt die Reaktion wieder ein.
Auch das Tier hat somit gewisse Vorstellungen. in seiner "Phantasie". Diese sind ihm aber angeboren. Und der Sinneseindruck, den das Tier sucht, und seine Reaktion - sofern es freßgestimmt ist - sind unmittelbar verbunden. Daß man dagegen durch Tätigkeiten, die dem Freßvorgang entgegengesetzt sind - wie die diversen Tätigkeiten des Landwirts -, die Ausbeute noch steigern kann, ist entschieden neu!
Immerhin: in manchen Ameisenstaaten werden Pilzbeete angelegt und regelrecht gepflegt und gedüngt. Das ist aber ein angeborenes Verhalten. Individuell vermag kein Tier ein solches Verhaltensrezept zu entwickeln.
Alle Tiere und Pflanzen leben gleichsam eingebettet in das natürliche Gleichgewicht tausendfacher Wechselbeziehungen. Der Mensch dagegen verändert dieses Gleichgewicht willentlich. Was ihm schadet, beseitigt er. Was ihm nützt, fördert er. Auch indem er Tiere nicht aufißt, sondern hegt, gelangt er zu mehr und leichter zugänglicher Nahrung.
Gleichzeitig gelangt dieser Mensch - wieder in seiner Phantasie - zu der Vorstellung, daß alle übrigen Lebewesen praktisch für ihn da sind. Er gefällt sich in der Überzeugung, daß diese von höherer Stelle eingesetzt sind, um ihm das Benötigte zu liefern. Zu den Haustieren entwickelt er eine patriarchalische Zuneigung - und verspeist sie.
2
Die für den Menschen eigentliche, typische Erwerbsform ist jedoch eine andere. Sie würde den beiden Beobachtern noch weit mehr Kopfzerbrechen bereiten.
Da ist etwa ein Schuster, der ihnen bereitwillig erklärt, was er tut. Indem er Leder in Stücke zerschneidet, mit Nadel und Zwirn zusammennäht, leimt und sonstiges daran tut, entsteht das künstliche Organ Schuh. Es kann zum Schutz des Fußes angelegt werden. Später sehen die beiden den Schuster beim Essen. Wie kam er zu dieser Nahrung - zu diesen organischen Molekülen? Der Schuster zeigt auf die Schuhe. Durch Zerschneiden von Leder und entsprechendes Zusam-
(Originalbuchseite 79)
menfügen gelangte er an organische Substanz. - Das muß den beiden unbegreifbar sein.
Hier geht die Leistung der menschlichen Phantasie noch um ein Stück weiter. Hier sieht ein Energon voraus, zu welchem Ergebnis eine Tätigkeit über eine recht komplizierte Kausalkette führen kann. Zwischen Ursache und Wirkung liegt in diesem Fall nicht nur ein langes Intervall - wie bei Ackerbau und Viehzucht. Hier ist zwischen Ursache und Wirkung noch eine unübersichtliche Verknüpfung dazwischengeschaltet.
Die Biologen Wolfe und Cowles haben bei Schimpansen festgestellt, daß man sie dahin bringen kann, ähnliche Zusammenhänge zu verstehen.1 Durch Arbeitsleistung an einer Hebelvorrichtung konnten diese Affen Münzen erwerben und mit diesen dann aus einem Automaten Leckerbissen beziehen. Sie lernten dies - und lernten auch den Wert verschiedenartiger Münzen zu begreifen. Mit der einen Sorte konnten sie Futter erwerben, mit der zweiten die Käfigtür öffnen, die dritte brachte den Pfleger dazu, mit ihnen zu spielen. Auch hier war eine verzwickte Verknüpfung in die kausalen Zusammenhänge eingeschaltet - allerdings lagen die zu kombinierenden Elemente räumlich und zeitlich dicht beisammen.
Immerhin: das Affengehirn vermag bereits derartige Leistungen zu erbringen - vorausgesetzt, daß das Tier entsprechend unterwiesen wird. Das nötige Verhaltensrezept muß also von anderswoher beigesteuert werden. Selbst aufbauen kann der Affe ein solches nicht.
3
Was ist nun bei der menschlichen Erwerbsform durch Tausch das zu öffnende Schloß? Und wie sieht hier der Schlüsselbart aus, durch den die jeweilige Energiequelle aufschließbar wird?
Bei der Pflanze sind die Sonnenstrahlen das Schloß und die Plastiden der Schlüsselbart. Bei den Tieren sind Pflanzen oder andere Tiere das Schloß und der bewegliche, von Sinnesorganen geleitete Darm der Schlüsselbart. Hilfseinrichtungen des Erwerbs sind bei den Pflanzen die Wurzeln, die Saftkanäle, die Spaltöffnungen. Bei den Tieren sind Hilfseinrichtungen des Erwerbs die Fortbewegungsorgane, das besonders gestaltete Vorderende des Darms, die Verdauungsdrüsen, entsprechende Verhaltensrezepte und anderes mehr.
Beim menschlichen Tausch ist das jeweils zu öffnende Schloß eine höchst un-
(Originalbuchseite 80)
sichtbare und obskure Angelegenheit innerhalb des Zentralnervensystems anderer Menschen. Der Erwerbende kann diese Erwerbsquelle nicht unmittelbar sehen, riechen oder ertasten. Wir nennen sie "menschliche Bedürfnisse": es sind verborgene Impulse, die "Nachfragebereitschaft" erzeugen. Gesellen sich zu diesen noch verfügbare Überschüsse, dann konstituieren sie eine Erwerbsquelle: den "Bedarf".2
Das Gefühl des "Hungers" wird von einem angeborenen Instinktmechanismus erzeugt - es schafft Bedarf. Der Angsttrieb ist ein ebenfalls angeborener Mechanismus - er schafft ein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, zum Beispiel nach einer Behausung. Die Einwirkung von Kälte führt zu einem Bedarf an Kleidern. Sehr stark ist der menschliche Sexualtrieb - er führt zum Bedarf an einem Geschlechtspartner. Da dessen Erwerb meist auf Umwegen betrieben werden muß, schafft dieser Trieb auch noch manchen sekundären Bedarf - etwa nach gefälligen Kleidern, einem Auto, Schmuck, Kosmetika und ähnlichem.
Zu diesen Grundbedürfnissen kamen beim Menschen noch weitere hinzu. Einerseits liegt das am menschlichen Erfolg und an den damit verbundenen Überschüssen, anderseits liegt es daran, daß der Mensch nicht mehr gezwungen ist, diese Überschüsse in arteigene Vermehrung umzusetzen.
Tiere "freuen" sich ebenfalls ihres Lebens, rollen zum puren Vergnügen auf dem Boden herum. Viel mehr "Luxus" können sie sich aber mit ihren Überschüssen nicht leisten. Geht es einem Tier gut - dann pflanzt es sich fort.
Beim Menschen ist es ebenfalls noch so - darüber hinaus aber wurde er zu einem Spezialisten im Schaffen von "Annehmlichkeiten". Gerade die Annehmlichkeit wurde bei fast allen Menschen zum Ziel und Zentrum des Lebens. Jede körperliche, geistige und sonstige Regung, die auch nur im entferntesten positive Empfindungen auslöst, wurde mit Beharrlichkeit erkundet. Für die Befriedigung all dieser zusätzlichen Bedürfnisse sind nun aber meist entsprechende Überschüsse die Voraussetzung. So wurde das Streben nach Annehmlichkeit, Glück und Genuß zu einem besonders starken Impuls für das Erwerbsstreben.
Essen, Kleidung, Wohnung, Ehe schaffen einen ziemlich festliegenden, ziemlich klar vorgezeichneten Bedarf. Alles, was darüber hinausgeht, aller "Kultur"- oder "Luxusbedarf", ist dagegen labil und beeinflußbar. Erziehung, Prägung und Mode spielen hier eine entscheidende Rolle. Sind erst die Grundbedürfnisse befriedigt, dann eröffnet sich eine Vielheit von Möglichkeiten, gewonnene Überschüsse annehmlichkeitssteigernd zu verwenden.
Das ist der höchst vage Bedarf, auf den mehr als die Hälfte aller vom Menschen gebildeten Erwerbsstrukturen ausgerichtet sind - eine Unzahl von Schlös-
(Originalbuchseite 81)
sern, die im Tauschweg aufgeschlossen werden können. Auf diese Ausbeutung hat sich der Mensch besonders spezialisiert. Gäbe es nur die Grundbedürfnisse, dann würde sich bloß Landwirten, Fleischern, Gemüsehändlern, Bäckern, Molkereien sowie Schneidern, Schustern, Baumeistern und ähnlichen Gewerben eine Erwerbsbasis bieten. Was jedoch die menschliche Entfaltung besonders auszeichnet, das sind die unzähligen anderen Bedürfnisse, die überhaupt erst bei uns - und zwar auf Grund unserer Intelligenz und Phantasie - in Erscheinung traten.
Der pflanzliche und der tierische Beobachter würden wahrscheinlich gar nicht so sehr über die menschliche Machtsteigerung staunen - als darüber, wozu diese verwendet wird. Nicht eigentlich im Erwerbsimpuls, sondern in der Verwendung des "Gewinns" unterscheidet sich der Mensch von allem, was in der Evolution vor ihm entstanden ist. Der Mensch hat den Spieß umgedreht. Was bei den Tieren ein notwendiger Mechanismus ist, durch den sie gelenkt werden, haben wir zum Gegenstand intensiver Erforschung und Ausbeutung gemacht.
Auf die Erschließung dieses zusätzlichen Bedarfes sind mehr als die Hälfte aller menschlichen Erwerbsstrukturen ausgerichtet. Das sind die Schlösser, die sie aufzusperren bemüht sind. Diese "Beute" tritt nicht weniger vielgestaltig auf als jene, der die tierischen Energone nachstellen.
4
Wie muß der Schlüsselbart beschaffen sein, um diese Vielheit von Energiequellen aufzuschließen?
Beim Schuster ist der Schlüsselbart der von ihm hergestellte Schuh. Das zu öffnende Schloß - die Energiequelle - ist der Bedarf an ebendiesem Objekt. Diesen befriedigt er, indem er dieses Objekt erzeugt, und für den Erwerb des Objekts ist der Tauschpartner bereit, einen Teil seines Energiepotentials abzugeben. Konkret: er gibt dafür Geld, einen Anweisungsschein auf beliebige menschliche Leistung.
Bei allen sonstigen Verkaufsprodukten ist es ganz ebenso: sie sind das eigentliche Erwerbsorgan bei dieser vom Menschen entwickelten Erwerbsform. Die Erwerbsquelle nennen wir ganz allgemein "Markt".3 Was bei den Pflanzen die Plastiden sind, beim Tier der Darm, das ist beim Menschen, der durch einen Tauschakt erwirbt, das von ihm erzeugte oder sonstwie beschaffte Verkaufsobjekt.
(Originalbuchseite 82)
Hier könnte dem tierischen Beobachter eine Parallele auffallen. Zahlreiche Insektenlarven genießen im Inneren von Ameisenbauten ein recht unbeschwertes Leben. Sie werden von den Ameisen gepflegt, gefüttert, herumgetragen - denn sie scheiden aus Drüsen eine wohlschmeckende Flüssigkeit ab. Die Ameisen eilen zu ihnen wie der Trinklustige ins Gasthaus. Dieses Wechselverhältnis hat sich auf Grund angeborener Rezepte entwickelt - funktionell entspricht es durchaus dem menschlichen Tausch. Diese Ameisengäste ("Symphilen") produzieren etwas, wofür bei anderen Energonen Bedarf herrscht, und erhalten dafür eine entsprechende Entschädigung: Nahrung und Schutz. Von der Energiebilanz her entspricht das voll und ganz dem Tauschvorgang beim Menschen.
Am Beispiel des Korallenpolypen könnte sich der tierische Beobachter die Erwerbsform "über einen Umweg" noch besser klarmachen. In der Haut der Fangarme dieser Tiere befinden sich besondere Zelleinheiten, nicht minder kompliziert und wirkungsvoll als die Plastiden der Pflanzen. Es sind kugelige Gebilde mit einem Stift (Abb. 10). Wird dieser berührt - etwa von einem Klein-
Nesselzelle (a) mit darin enthaltener Nesselkapsel aus dem Ektoderm des Fangarmes eines Korallenpolypen. K = Zellkern, C = Cnidocil, D = Deckel, S = Stilette, N = Nesselschlauch. Bei Berührung des Cnidocils entlädt sich die Kapsel: die Stilette stoßen vor (b) und durchbohren die Haut kleiner Beutetiere. Durch Auseinanderklappen der Stilette (c) wird die Wunde noch erweitert. Der Nesselschlauch wird ausgestülpt (d, e), und die lähmende Nesselflüssigkeit gelangt in den Körper der Beute. Wenn ein räuberischer Organismus dem Korallenpolypen zu nahe kommt und den Cnidocil berührt, erfolgt die Entladung ebenfalls. Die Nesselzelle ist somit ein Wirkungsträger des Beutefanges wie auch der Feindabwehr - eine Doppelfunktion. Sie kann allerdings ihren Dienst nur einmal verrichten.
(Originalbuchseite 83)
lebewesen, dann setzt sich ein Mechanismus in Bewegung. Ein Pfeil schießt vor, reißt eine Wunde, erweitert diese, ein Schlauch dringt in die Wunde ein, und eine lähmende Flüssigkeit ergießt sich in den getroffenen Organismus. Dieser wird auf diese Weise wehrlos gemacht und kann verspeist werden.
Das scheint mit den Tauschakten der Menschen wenig zu tun zu haben - eher mit den Erwerbsformen der Banditen -, hat aber doch mit diesen etwas gemeinsam. Jede dieser Kapseln - sie werden "Nesselkapseln" genannt - kann nur einmal schießen. Dann ist sie verbraucht. Andere Zellen der Außenhaut stellen weitere schußbereite Kapseln her.
Das Gemeinsame liegt darin, daß im Zuge der Erwerbshandlung diese Einheit verlorengeht. Das Gesamtpotential wird also entsprechend vermindert. Genauso ist es aber auch mit den Tauschprodukten des Menschen. Im Erwerbsvorgang verlieren wir sie. Wir erzeugen oder beschaffen sie unter eigenem Energieaufwand - und gelangen durch ihre Abgabe in den Besitz von mehr Energie, als uns ihre Bereitstellung kostete. Ob es sich um Kragenknöpfe, Maschinen oder Christbaumkerzen handelt - überall ist es so. Ein besonderes Etwas wird hergestellt oder beschafft - und geht dann im Verlauf des Erwerbsvorganges verloren.
Nach der Energontheorie sind Raub und Tausch nichts voneinander grundsätzlich Verschiedenes. Der Beraubte schreit zwar um Hilfe und setzt sich mit allen Kräften zur Wehr, während beim Tauschvorgang beide Teile ein freundliches Lächeln aufsetzen und jeder mit dem Vorgang zufrieden ist. In der Bilanz des Erwerbenden kommt dies jedoch überhaupt nicht zum Ausdruck (Abb. 11). In beiden Fällen kommt es zunächst zu einem Absinken seines Potentials an freier Energie - durch Suche und Verfolgung der Beute oder durch die Erstellung des Erwerbsorgans. Im Anschluß daran geht dann mehr Energie ein, als verausgabt wurde.
In beiden Fällen gelingt es einem Energon, einem anderen Teile seines Energiepotentials zu entziehen. In beiden Fällen kostet das Anstrengung. Ob diese dazu verwendet wird, den Energieträger zu überwältigen, oder dazu, etwas herzustellen, was diesen dazu bewegt, freiwillig einen Teil seines Potentials preiszugeben, ist sekundär. In der Bilanz scheint es nicht auf.
5
Andere Tauschakte gehen so vor sich, daß der Erwerbende nicht ein von ihm hergestelltes Produkt, sondern eine Leistung anbietet. Auch dazu wird der tierische Beobachter Parallelen finden.
In den tropischen Meeren sind wurmförmige Fische darauf spezialisiert, größere Kollegen von ihren Parasiten zu reinigen. Man nennt sie "Putzerfische" -
(Originalbuchseite 84)
sie sind der menschlichen Entlausungsanstalt oder dem Berufskörper Friseur nicht ganz unähnlich. Will ein großer Fisch geputzt werden, dann schwimmt er zu einem Korallenstock, in dem solche Putzerfische leben, stellt sich darüber und spreizt die Kiemen. Diese angeborene Bewegung ist ein Signal. Die Putzerfische verlassen daraufhin - ebenfalls ein angeborenes Verhalten - ihre Schlupfwinkel, schwimmen zu dem Fisch hin und beginnen ihn zu säubern. Sie leisten einen Dienst und erhalten dafür gewissermaßen eine Bezahlung. Sie fressen die Parasiten und brauchen solcher Nahrung nicht lange nachzustellen. Sie wird ihnen bei diesem Tauschgeschäft direkt vors Haus serviert.
Der Entlauser entlaust, der Friseur frisiert, der Putzerfisch säubert. Der menschlichen Berufsausübung liegen Verhaltensrezepte zugrunde, die auf Intelligenzleistungen beruhen; beim Putzerfisch sind sie angeboren. Von der Bilanz her ist jedoch dieser Unterschied nebensächlich, kommt nicht zum Ausdruck.
Genauer präzisiert stellt sich der Erwerb über Dienstleistungen so dar: Wird nicht ein Produkt, sondern eine Tätigkeit angeboten, dann wird der Anbieter zum Wirkungsträger des Nachfragers. Er erbringt für diesen eine benötigte Wirkung. Damit wird er für diesen zu einem gemieteten künstlichen Organ.
Das ist nicht wirklich überraschend, wurde aber bisher noch nie so definiert. Mieten wir die Dienste eines Friseurs, eines Arztes oder einer Versicherungsgesellschaft, dann werden diese Berufskörper für die Zeit der Miete Bestandteile unseres eigenen Wirkungskörpers (Berufskörpers oder Luxuskörpers).
Durch die bei A beginnende Erwerbsanstrengung (Suchen, VerfoIgen und Überwältigen der Beute beziehungsweise Herstellen eines Tauschobjektes und Suchen nach einem Interessenten) sinkt das Energiepotential des Energons ab. In Punkt B ist das Erwerbsziel erreicht: der Raub oder Tausch ist sichergestellt. Das Erwerbsergebnis fließt nun in das Energon ein. Es muß (im Durchschnitt) zu einem Energiepotential führen, das höher liegt als der Ausgangswert A. Nur dann kann das Energonindividuum bestehen und die Energonentwicklung (Lebensentwicklung) weitertragen.
(Originalbuchseite 85)
6
Die Erwerbsform durch Tausch zog mancherlei Folgen nach sich: zunächst die Entwicklung des Geldes. Erst durch diesen Wirkungsträger konnte jede angebotene Leistung gegen eine beliebige andere eingetauscht werden. Vor allem aber wurden auch die Erträgnisse teilbar.
Wie sollte etwa ein Schwertschmied zu einem Huhn kommen? Sein Schwert war mehr wert - der investierte Energieaufwand war weit größer als der des Bauern zur Aufzucht eines Huhnes. Außerdem wollte der Bauer vielleicht gar kein Schwert. Der Universalvermittler Geld löst alle diese Probleme. Eine dritte Person benötigt ein Schwert. Sie zahlt mit Geld. Das kann dann in kleine Einheiten zerlegt werden - und für einige davon erwirbt der Schwertschmied das Huhn.
Weitere Hilfseinrichtungen folgten - notwendigerweise. Der Anbieter und der Nachfrager müssen sich treffen: Wie sollen sie einander finden? Die "Märkte" waren die dafür notwendige Einrichtung. Als weitere Folge entwickelte sich dann ein eigener Berufstyp: der Vermittler. Wir sprechen von "Händlern", "Vertretern", "Kommissären", "Maklern", "Agenten". Bei diesem Erwerbsvorgang können sowohl Produkte wie auch Dienste vermittelt werden. Das hier aufzuschließende Schloß ist gleichsam ein doppeltes. Einerseits muß ein Angebot, anderseits eine Nachfrage gefunden werden - die beiden müssen zur Deckung kommen. Kauft der Händler dem Hersteller sein Produkt fix ab, dann kann man in ihm einen Anbieter sehen, der bloß das Angebotene nicht selbst erzeugt. Nimmt er das Produkt in Kommission, dann ist die Mittlertätigkeit perfekt. Sogar dazu gibt es schon Vorstufen im Tierreich.
In Afrika betätigen sich einige Vogelarten - die Honiganzeiger - als echte Vermittler. Sie stellen fest, wo Bienenstöcke sind, suchen dann nach einem Honigdachs und fliegen vor diesem mit auffälligen Bewegungen hin und her. Das ist angeborenes Verhalten - ebenso die Fähigkeit des Honigdachses, dieses Signal in seiner Bedeutung zu verstehen. Er folgt dem Vogel und wird von diesem zum Bienenstock hingeführt. Den räumt er dann aus. Der Vogel erhält in diesem "Vermittlungsgeschäft" eine Provision in Form von Naturalien. Der Honigdachs ist am Honig interessiert, das Wachs der Waben läßt er übrig. Dieses vermag der Vogel aufzuschließen. Ohne den Dachs könnte er nicht an diese Nahrung gelangen. So aber legt der Dachs sie für ihn frei.
Für die menschliche Erwerbsform "Tausch" waren Gemeinschaftsbildung und entsprechender Schutz wichtige Voraussetzungen. Zu fördernden Hilfseinrichtungen wurden: Verkehrsmittel, Telephon, Telegraph, Zahlungsverkehr, Sicherstellung des Geldwertes. Auch diese Einrichtungen ließen sich nur als Gemeinschaftsorgane finanzieren und sicherstellen.
(Originalbuchseite 86)
7
Beide Beobachter, Tier und Pflanze, würde wahrscheinlich interessieren, wieviel sich auf diese Weise verdienen läßt. Auch hier würden sie Parallelen zu ihren Erwerbsformen entdecken.
Was im Tierreich für den Räuber die reichlich vorhandene Beute, das ist für den über Tausch Erwerbenden starker Bedarf. Wimmelt es in einem Gebiet voll Beutetieren, dann fällt den auf ihre Verfolgung spezialisierten Raubtieren der Erwerb nicht schwer. Sie brauchen nicht lange zu suchen. Der gleichen Einnahme steht dann eine verhältnismäßig geringe Ausgabe gegenüber. Ebenso braucht bei starkem Bedarf der Anbietende nicht lange hausieren zu gehen. Was er anzubieten hat, wird ihm aus der Hand gerissen. Auch seine Energieausgabe ist somit geringer. Bei gleicher Einnahme hat er eine bessere Bilanz.
Eine Möglichkeit zur Bilanzverbesserung besteht beim menschlichen Tausch darin, die einem Bedarf zugrunde liegenden Bedürfnisse zu beeinflussen. Beim Grundbedarf sind hier zwar enge Grenzen gesetzt, denn dieser ist ziemlich stabil ("unelastisch"). Beim Luxusbedarf dagegen ergibt sich ein weites Feld von Möglichkeiten. Hier ist der Mensch längst nicht so sicher, für welche der vielen ihm angebotenen Annehmlichkeiten er sich entscheiden soll. Hier liegt das eigentliche Wirkungsgebiet der Beeinflussung: die Werbung.
Was wird da beeinflußt? Jedenfalls der Träger von Überschüssen: seine Bedürfnisgestaltung, seine "Bedarfsstruktur". Also letztlich jenes unsichtbare Etwas, das irgendwo in seinem Zentralnervensystem agiert. Hier kam es - wie jeder weiß - zur Entwicklung raffinierter Mittel, den andern derart zu beeinflussen, daß er gerade das für wünschenswert hält, was ihm angeboten werden soll.
Selbst bei diesem Vorgang könnte der tierische Beobachter feststellen, daß er nicht völlig neu ist. Auch bei mancher räuberischen Erwerbstätigkeit werden die in anderen Energonen verborgenen Verhaltensrezepte beeinflußt und aktiviert. Unter den Fischen führt das der Angler vor Augen. Er liegt im Schlamm versteckt, am Ende eines stark verlängerten Flossenstrahles verfügt er über eine weiche Hautbildung, die er vor dem Maul hin und her bewegt. Die kleinen Fische halten das für ein Beutetier, schießen herzu - und enden im Magen des Anglers. Bei diesem ist also der Erwerbsakt dadurch erleichtert, daß die Verhaltensrezepte seiner Beute manipuliert werden. Statt daß er dieser nachstellen muß, kommt sie selbst vor sein Maul. Durch Werbung erreicht der Produzent ebenfalls, daß er nicht seinen Käufern nachlaufen muß, sondern daß diese sich "von selbst" um seine Produkte bemühen. Vom funktionellen Prinzip her beurteilt, gibt es kaum einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Vorgängen.
Noch mehr ist bei diesen Vorgängen gleich. Die Motive müssen verschleiert werden. Der Angler hat nur Erfolg, wenn der Beutefisch wirklich an seinen Vorteil "glaubt". Bei dem, der auf einen Reklametrick hereinfällt, ist es nicht anders.
(Originalbuchseite 87)
Den pflanzlichen Beobachter würden wahrscheinlich die größeren Betriebe besonders interessieren. Hier endlich wäre für ihn etwas entdeckt, was an die eigene Erwerbsart erinnert. Auch diese Erwerbskörper eilen nicht hastig durch die Gegend, wie es die tierischen Kollegen tun, sondern sie sitzen breit und gemächlich am Ort fest. Allerdings doch mit einem wesentlichen Unterschied: Manche ihrer Wirkungsträger machen sich selbständig unterwegs. Direktoren, Verkäufer, Marktforscher unternehmen heute Reisen um die ganze Welt. Hier wäre es an der Pflanze, ihre Bewunderung auszusprechen. Wie beschränkt ist doch der Aktionskreis ihrer Wurzeln! Und welche Mühe hat sie, ihre Samen und Geschlechtsprodukte zu verbreiten! Derart bewegliche Einheiten kämen ihr sehr gelegen.
Hier hat der Mensch Erwerbskörper gebildet, die gleichsam tierische und pflanzliche Merkmale miteinander verbinden. Die Hauptlast des Körpers sitzt unbeweglich am Ort: das ist ein ungeheurer Vorteil. Diese Last muß nicht der jeweiligen Beute folgen. Nur noch einzelne Organe - besonders die Erwerbsorgane: die Verkaufsprodukte - folgen ihr. Durch die Verkehrs- und Handelsorganisationen kreisen diese schließlich um die ganze Welt. Nur der Bart des Schlüssels bewegt sich in diesem Fall, sucht nach Schlössern. Und durch weitere organisatorische Einrichtungen - Geld, Zahlungsverkehr - strömt der Erlös den gleichen Weg wieder zurück ... in den festsitzenden Körper des Unternehmens.
Eine weitere Parallele zur Situation bei den Tieren und Pflanzen: Auch bei den Berufskörpern und Betrieben gibt es sowohl Spezialisten als auch Universalisten, sind Vor- und Nachteile hier wie dort die gleichen. Der Spezialist kann besser und rentabler arbeiten, er schIägt die weniger spezialisierte Konkurrenz aus dem Felde. Doch wehe, wenn seine Erwerbsquelle - sein "Absatzmarkt" - nicht stabil ist. Dann ist er schlechter daran. Dann ist der Universalist, der weniger rentabel arbeitet, sich aber leichter umstellen kann, im Vorteil. Während der Spezialist zugrunde geht, wechselt der Universalist auf andere Erwerbsgeleise über.
Die im Organismenreich so typischen kettenartigen Verknüpfungen gibt es auch in der menschlichen "Wirtschaft". So wie in endlosem Kreislauf ein Tier vom anderen lebt und selbst wieder Beute des nächsten ist, so leben auch viele menschliche Berufe von anderen und können selbst wieder Erwerbsquelle für soundso viele sein. Wird eine Erwerbsform durch Umwelteinflüsse betroffen, dann stört das - hier wie dort - das Gleichgewicht. Hier wie dort gibt es Konjunkturen und Krisen. In den einzelnen Wirtschaftsräumen - ebenso wie in den Lebensräumen der Natur ("Ökosystemen") - herrschen ständig sich verändernde, hundertfach ineinander verflochtene, schwer zu überblickende Wechselwirkungen und Abhängigkeiten: ein stets fluktuierendes Gleichgewicht.
Durch die menschliche Einrichtung "Staat"' kann sich hier allerdings eine Änderung ergeben. Solange dieser nichts tut, als die äußere und innere Ordnung sicher-
(Originalbuchseite 88)
zustellen, besteht zwischen den menschlichen Wirtschaften und den Lebensgemeinschaften der Natur kein wesentlicher Unterschied. In diesem Fall wird den Berufskörpern und Betrieben zwar ein Teil ihrer individuellen Verteidigung abgenommen (wofür sie über den Weg der Steuern zahlen), während die Tiere und Pflanzen - wenn sie nicht ebenfalls Staaten bilden - ihre Schutzwirkungen individuell erbringen müssen. Aber das eigentliche Kräfteverhältnis wird in diesem Fall nicht wirklich berührt. Die stärkeren, fähigeren Energone setzen sich hier wie dort durch, und in ihrem Kielwasser folgen andere, die direkt oder indirekt von diesem Erfolg mit profitieren.
Anders wird die Sache, wenn der Staat lenkend in die Wirtschaft eingreift. Dann verwandelt sich dieser selbst in einen großen Erwerbskörper und beginnt - logischerweise - die eigenen Bestandteile als Wirkungsträger zu betrachten. Er findet plötzlich an diesem und jenem etwas auszusetzen ... dann nämlich, wenn sie nicht dem "allgemeinen Interesse" dienen. So wie der einzelne Unternehmerbetrieb es nicht völlig seinen Abteilungen überlassen kann, was diese tun oder nicht tun, so beginnt dann auch der Staat manche Interessen einzuschränken, andere zu fördern ... er versucht die Vielzahl der Tätigkeiten zu integrieren.
Das ist ein Vorgang, der im Tier- und Pflanzenreich keine wirkliche Parallele hat. Denn die Tierstaaten - jene der Insekten - sind stets Vereinigungen von artgleichen Individuen, die sich sekundär differenzieren. Durch Zusammentreten und Integration von verschiedenen Arten ist es hier nie zur Bildung wirklicher Energone gekommen.
Was man bisher nicht richtig gesehen hat, ist folgendes: Die vom Menschen gebildeten Staaten bestehen nicht eigentlich aus dem genetisch gebildeten, nackten Homo sapiens. Sie bestehen vielmehr aus Berufskörpern und Erwerbsorganisationen - Energonen -, die voneinander ebenso verschieden sind wie eine Heuschrecke von einer Seelilie, wie ein Wanderfalke von den in seinem Darm hausenden Parasiten. Besonders im "modernen Staat", der in zunehmendem Maße Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibt, vollzieht sich etwas, das dem tierischen und pflanzlichen Beobachter wahrscheinlich als das allererstaunlichste erscheinen müßte. Aus Tausenden oder Zehntausenden von verschiedenartigen Erwerbsstrukturen bildet sich hier ein größeres einheitliches Lebensgebilde.4
(Originalbuchseite 89)
In der heutigen Wirtschaftsbetrachtung stehen Richtungen
einander gegenüber, die entweder den Einzelbetrieb vom Staatsganzen
her bewerten (besonders die Zentralverwaltungswirtschaften des Ostens)
oder in ihren Betrachtungen vom EinzeIbetrieb her ausgehen (etwa in Deutschland
oder in den USA). Die sich ergebenden Divergenzen laufen auf die Frage
hinaus: Welche Interessen sind wichtiger? Welche haben den Vorrang? Die
Interessen des "Ganzen" oder der "Teile"? Bleiben wir zunächst bei
den Einzelinteressen.
Zurück zu Inhalt von "Energon"
Weiter zu
"Das Gerüst der Konkurrenzfähigkeit" in "Energon"
Anmerkungen:
1 J. B. Wolfe,
"Effectiveness of Token-Rewards in Chimpanzees", in "Comparative Psychological
Monographs", Bd. 12, 1936, S. 1-72; J. T. Cowles, "Food-Tokens as Incentives
for Learning by Chimpanzees", in "Comparative Psychological Monographs",
Bd. 14, 1937, S. 1-96.
2 In der
Wirtschaft definiert man als Bedürfnis "eine bewußte
Mangelempfindung mit Streben nach deren Beseitigung" und als Bedarf
"die
Gesamtheit der Bedürfnisse, die sich am Markt in Form von Nachfrage
wirksam niederschlagen".
3 Ich halte
mich hier an Sombart: "Unter dem Wort Markt verstehen wir im allgemeinsten
und abstraktesten Sinne den Inbegriff der Absatzmöglichkeiten und
Absatzgelegenheiten." ("Der moderne Kapitalismus", München 1921, S.
185.)
4 W. Eucken
war der Ansicht, daß die Wirtschaft im Gegensatz zu den physikalischen,
chemischen und biologischen Vorgängen keinen "invarianten Gesamtstil"
hätte: es fehle ihr "die offen zugrunde liegende Gleichförmigkeit
der Naturvorgänge", sie zeige "eine gewaltige Vielgestaltigkeit und
geschichtliche Vielförmigkeit". ("Die Grundlagen der Nationalökonomie",
S. 22.) Dagegen ist einzuwenden, daß das Wirkungsgeflecht der Pflanzen
und Tiere ebenso vielgestaltig und vielförmig ist und die Wechselwirkungen
in der Wirtschaft keine grundsätzlich anderen sind. Nur durch die
Staatsbildungen ergeben sich kompliziertere Verflechtungen. In den Lebensräumen
der Natur ist das "Laissez faire, laissez passer" gewahrt. Eine übergeordnete
eingreifende Einheit gibt es dort nicht.