SCHLÜSSEL UND SCHLOSS
Mancher wirtschaftlich orientierte Leser, der sich für die heutige Konjunktur und für die Entwicklung der Weltlage interessiert, wird es wahrscheinlich für einen recht sinnlosen Umweg halten, durch Betrachtung irgendwelcher Pflanzen oder Tiere zu ernsthaften Schlußfolgerungen auf seinem Interessengebiet zu gelangen. Bis heute hat man in der Wirtschaft die erste Entwicklungshälfte der Probleme, mit denen man sich dort beschäftigt, völlig außer acht gelassen.
Welcher Entwicklungsweg im einzelnen zur Zelle geführt hat, wissen wir nicht - und werden es wahrscheinlich auch niemals wissen. Bei den Vielzellern läßt sich aus fossilen Resten manches über ihren weitverzweigten Entwicklungsgang erschließen; die Einzeller haben dagegen nur sehr wenig Spuren hinterlassen. Den Anfang der ganzen Lebensentwicklung wird man wahrscheinlich in absehbarer Zeit ziemlich genau rekonstruieren und experimentell nachvollziehen können: die künstliche Herstellung von selbstvermehrungsfähigen Molekulargefügen ist den Biochemikern bereits gelungen.1 Aber die Entwicklungsfolge, die von diesen ersten Anfängen bis zu der bereits ungeheuer komplizierten Organisationsstruktur "Zelle" geführt hat, dürfte dem menschlichen Spürsinn wohl für alle Zeit entzogen bleiben.
Von der Energontheorie her läßt sich trotzdem eine konkrete Aussage über jedes Zwischenstadium in dieser Entwicklung machen. Jedes Zwischenstadium eines Energons muß so beschaffen gewesen sein, daß es eine aktive Energiebi-
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lanz erzielte. Sonst riß - zwangsläufig - an diesem Punkt die Entwicklungskette ab. Wie gezeigt werden soll, läßt sich aus dieser Prämisse recht viel über die dafür notwendige Struktur - und damit auch über die Struktur jedes dieser uns wahrscheinlich unbekannt bleibenden Zwischenglieder - aussagen.
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Das Verhältnis jedes Energons zu seiner Energiequelle gleicht dem eines Schlüssels zu seinem Schloß. So wie ein Schlüssel derart beschaffen sein muß, daß er ein bestimmtes Schloß aufzusperren vermag, so muß auch jedes Energon so beschaffen sein, daß es zur Erschließung einer bestimmten Energiequelle befähigt ist. Das ist die Voraussetzung für alles weitere.
Nicht ganz passend an diesem Vergleich ist, daß jeder Schlüssel ein Werkzeug ist, das erst gehandhabt werden muß. Kein Schlüssel öffnet in eigener Initiative ein Schloß. Alle Energone sind dagegen selbständig aktive Körper. Sie sind somit - um bei unserem Bild zu bleiben - Schlüssel, die von sich aus Schlösser aufsperren.
Bleiben wir trotzdem bei diesem Vergleich. Der "Bart" eines Schlüssels - die wichtigste Einheit an ihm - wird nicht eigentlich vom Hersteller bestimmt. Dieser fertigt zwar den Schlüssel an, doch welche Form der Bart haben muß, das bestimmt das Schloß. Je nach dessen Mechanismus muß der Bart so oder anders aussehen. Nur dann sperrt er das Schloß auf. Das ist eine bedeutsame kausale Verknüpfung, die in der Energontheorie eine wichtige Rolle spielt. Das Schloß stellt den Schlüssel nicht her - und doch bestimmt es dessen Form. Der Hersteller liefert zwar alle zur Herstellung nötige Arbeit - doch wie das Ergebnis seiner Arbeit aussehen muß, bestimmt nicht er. Gelingt es ihm, die vom Mechanismus des Schlosses vorgezeichnete Form zu treffen, dann sperrt der Schlüssel, und nur dann. Anderseits kann es auch vorkommen, daß ein Schlüssel ein Schloß öffnet, für das er gar nicht hergestellt wurde.
Genauso verhält es sich bei den Energonen. Jene ihrer Wirkungsträger, die das Aufschließen einer Energiequelle besorgen, müssen in Form und Anordnung deren Besonderheiten entsprechen. Die Energiequelle stellt sie nicht her, diktiert aber doch, wie sie beschaffen sein müssen. Wie und auf welche Weise sie zustande kommen, ist somit sekundär; wichtig ist bloß, daß sie die richtigen Eigenschaften haben. Fragen wir somit nach dem "Ursprung" dieser Eigenschaften, dann dürfen wir diesen nicht beim Hersteller suchen. Diese notwendigen Eigenschaften haben ihren Ursprung in der Beschaffenheit der Energiequelle.
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Das geheimnisvolle Etwas "Energie", dem alle Energone nachstellen, tritt als freie (bewegliche) oder gebundene (ruhende) Energie in Erscheinung.2 Nur erstere ist für die Energone interessant, nur sie kann Arbeit leisten. Dabei ist das "Gefälle" wichtig - ebenso wie bei einem Wasserfall. Je höher der Punkt, von dem aus er herabstürzt, desto reicher an Energie sind die einzelnen Teilchen - um so mehr Arbeit können sie leisten. Ostwald nannte diese Potenz "Intensität".
a) Auf einem Waagebalken liegt der 10 Gramm schwere Körper M1. Seine potentielleEnergie im Schwerefeld der Erde ergibt sich aus seiner Masse (Gewicht) und seinem Abstand zum Erdmittelpunkt (Gravitationszentrum). Körper M2 ist um die Strecke x weiter vom Erdmittelpunkt entfernt: seine potentielle Energie ist somit nicht nur größer auf Grund seiner größeren Masse (Gewicht), sondern auch auf Grund seines weiteren Abstandes vom Gravitationszentrum.
b) Körper M2(von
der Hand freigegeben) "fällt": seine potentielle Energie verwandelt
sich in kinetische Energie. Durch seinen Aufprall wird der Waagebalken
herabgedrückt und M1
wird in die Höhe geschleudert. Dabei entfernt sich M1
weiter vom Gravitationszentrum (y) als M2 vor
seinem Fall gewesen war (x). M1wird
so "auf ein höheres Energieniveau gehoben".
Eine ebensolche Energieumwandlung liegt dem Lebensprozeß
zugrunde. Sämtliche Lebewesen vermögen mit Hilfe vereinnahmter
Energie kleinere Energiemengen auf ein höheres Energieniveau "zu heben".
Der Vorgang wirkt der Entropie nicht entgegen. Insgesamt geht (durch
Wärmeentwicklung) freie Energie verloren - wird "zerstört". Trotzdem
steigert das Lebewesen sein individuelles Energiepotential - das dann dazu
eingesetzt wird, die diesen Umwandlungsprozeß bewirkende Struktur
zu vergrößern und zu vermehren.
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Das Meer enthält beispielsweise genug Wärmeenergie, um sämtliche Maschinen der Welt zu betreiben. Diese kann aber nicht genützt werden, denn es ist ruhende Energie. Könnten wir das Meer unmittelbar an den eisigen Weltenraum heranbringen, dann wäre sofort ein Gefälle, eine "Intensität" da, und die Ausnützung dieser Energiequelle könnte in Angriff genommen werden.
Aber auch nicht jede freie Energie nützt jedem Energon. Schlägt etwa ein Blitz in ein Kaninchen ein, dann wird diesem zwar eine enorme Menge von freier Energie zugeführt, doch geht es daran zugrunde. Ostwald nannte Energieformen, die ein energieerwerbendes System verarbeiten kann, dessen "Rohenergie". Die dann netto eingenommene Menge nannte er "Nutzenergie". Das Verhältnis zwischen Roh- und Nutzenergie nannte er "Güteverhältnis". Auf dieses kommt es im Konkurrenzkampf an. Es bestimmt den Wirkungsgrad des betreffenden Energons.
Bei jeder Umwandlung von einer Energieform in eine andere entsteht ein gewisser Prozentsatz an Wärme, die für das Energon - wenn es nicht gerade Wärme braucht - einen Verlust darstellt. Diese Energie verflüchtigt sich in die Umgebung, ihr Gefälle gleicht sich aus. Sämtliche Organismen (Pflanzen wie Tiere) sind nun so beschaffen, daß sie mit Hilfe größerer Mengen von Rohenergie kleinere Quanten von Nutzenergie auf ein höheres Energieniveau heben - also deren Intensität steigern (Abb. 6). Das erweckt den Eindruck, als wirkten die Organismen dem allgemeinen Gefälleausgleich in der Natur entgegen. Das tun sie jedoch nicht. Insgesamt geht auch bei diesen Vorgängen immer freie Energie verloren, die "Entropie" nimmt zu.3
Wo gab es nun auf unserem Planeten passende Energiequellen für Energone?
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Einige Gruppen von "Bakterien" zeigen heute noch, wie sich aus anorganischen Verbindungen Energie gewinnen läßt. Schwefelbakterien oxydieren Schwefelwasserstoff, Nitritbakterien Ammoniak, Eisenbakterien spalten Ferro- und Ferriverbindungen. So wie wir durch Anzünden von Kohle Wärme - also Energie - gewinnen, so sind diese Bakterien derart beschaffen, daß sie einen chemischen Ablauf in Bewegung setzen, wenn sie mit der richtigen Substanz in Berührung kommen. Dabei wird Energie frei - und mit dieser betreiben sie ihren winzigen "Betrieb". Geht das Geschäft gut - je Mol abgebauten Schwefelwasserstoffes gewinnt ein Schwefelbakterium ungefähr 75 Kalorien -, dann vergrößern und vermehren sie sich durch Erwerb und Einbau entsprechender Stoffe.
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Da jedoch diese Energiequellen insgesamt eher spärlich sind, kam es hier zu keiner weiteren Entfaltung. Als Spezialisten florieren diese besonders kleinen Energone bis auf den heutigen Tag, doch eine evolutionäre Höherentwicklung fand bei ihnen nicht statt.4
Eine ungeheuer ergiebige Quelle an freier Energie sind dagegen die in ständigem Strom von der Sonne zur Erde herüberflutenden Lichtstrahlen (Photonen). Auf ihre Ausbeutung sind alle jene Energone ausgerichtet, die wir unter der Bezeichnung "Pflanzen" (genauer "autotrophe Pflanzen") zusammenfassen.5
Der eigentliche Schlüsselbart, der das Schloß Sonnenlicht aufschließt, ist bei allen Pflanzen gleich oder zumindest sehr ähnlich. Es sind Pigmentmoleküle, die bei manchen niederen Pflanzen noch im ganzen Zellkörper verteilt sind; bei den höheren sind sie in bandförmigen, plattenartigen oder kugeligen Körpern - den "Plastiden" - zusammengefaßt.
Diese Wirkungsträger reagieren derart auf das einfallende Sonnenlicht, daß in ihrem Gefüge einzelne Elektronen auf eine höhere Umlaufbahn überspringen - so wie in Abbildung 6 das Gewicht M1 auf ein höheres Energieniveau gehoben wird. Sie werden auf diese Weise energiereicher - und diese Energie wird dann über eine Stufenfolge von Reaktionen (über die sogenannte Redox-Kette) in chemische Energie verwandelt. Sie wird gleichsam in kleine Käfige eingesperrt.
Ein solcher "Käfig" ist in erster Linie das Adenosindiphosphatmolekül, kurz ADP genannt. Es gleicht einer Batterie, die aufgeladen wird. Durch Hinzunahme eines Phosphorsäuremoleküls wird es in Adenosintriphosphat (ATP) verwandelt, die Bindungsenergie stellt dann die erhöhte "Ladung" dar. Wird in der Pflanzenzelle für den laufenden Betrieb Energie benötigt, dann gibt diese Batterie ihr Quantum an freier Energie schnell und bei geringem Wärmeverlust wieder ab. Ein solches Auf- und Entladen - also ein Rückverwandeln in ADP - kann sich im Laufe eines Tages hunderte- und tausendemal wiederholen.
Innerhalb der Plastiden laufen noch zwei weitere Vorgänge ab: Wieder mit Hilfe der Lichtenergie wird eine andere Molekülart (NADP6) mit Wasserstoff beladen, und anschließend werden dann - in der "Dunkelreaktion" - Kohlehy-
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a) Die zur Photosynthese befähigten Einheiten (Energone) schweben frei im Wasser (x) oder überdecken den Grund (y). In beiden Fällen sind zusätzliche Wirkungsträger wichtig: bei x solche, um das Energon in den belichteten Zonen schwebend zu erhalten, bei y Wirkungsträger zur Verankerung am Boden.
b) Der frei schwebende Typ x wird durch ein Fortbewegungsorgan (etwa eine Geißel) befähigt, sich aktiv zu erwerbsgünstigen Wasserzonen hinzubewegen. Der Typ y entwickelt Stiele, welche die zur Photosynthese befähigten Einheiten vom Grund abheben: sie haben so mehr Chance, nicht von Sand und Schlamm überdeckt zu werden.
c) An Land sind die Pflanzen nicht von Wasser umgeben und müssen dieses aus dem Boden gewinnen: als zusätzliche Wirkungsträger werden hier Saugwurzeln nötig. Im Konkurrenzkampf heben diese Pflanzen die zur Photosynthese befähigten Einheiten möglichst hoch empor: die tragenden Stämme müssen entsprechend dicker und fester werden.
Auf Stufe b genügen Einrichtungen (etwa Kanäle) zur Ernährung der Stiele, auf Stufe c wird dagegen ein doppeltes Röhrensystem nötig: eines, das Wasser (samt Salzen) zu den Erwerbseinheiten (Blättern) emporfördert, ein zweites, das Energie- und Stoffträger (die "Assimilate") zu den Zweigen, Stämmen und Wurzeln bringt.
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dratmoleküle auf gebaut - zuerst Zucker, dann Stärke, Zellulose und sonstige benötigte Stoffe.
Wesentlich bei diesen Vorgängen ist, daß auch in den so gebildeten Molekülen die jeweils zum Aufbau benötigte Energie (abzüglich eines Wärmeverlustes) gefangen bleibt. Auch jedes Körpermolekül ist somit ein Energie"käfig". Benötigt die Pflanze die darin gefesselte Energie, dann braucht sie das Molekül bloß abzubauen, zu "zertrümmern" - also den Käfig zu öffnen.
Den gesamten Vorgang dieser Energiegewinnung nennt man Photosynthese. Das Aufbauen körpereigener Struktur nennt man "Assimilation"; den entgegengesetzten Vorgang, das Öffnen der Käfige, nennt man "-Dissimilation". Hier besteht nun folgender wichtiger Zusammenhang: Zur Assimilation benötigt die Pflanze Kohlendioxyd und Wasser, gleichzeitig gibt sie Sauerstoff ab. Bei der Dissimilation dagegen entzieht sie der Umgebung Sauerstoff und gibt Kohlendioxyd ab. Da jedoch insgesamt die Assimilation stark überwiegt, sind die Pflanzen insgesamt Konsumenten von Kohlendioxyd und Produzenten von Sauerstoff.
Damit schaffen die Pflanzen in doppelter Hinsicht die Voraussetzung dafür, daß sie gefressen werden - von den "Tieren".
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Schon unter den Einzellern gibt es zahlreiche Arten, die nicht mehr Sonnenenergie erwerben, sondern zu einer räuberischen Erwerbsart übergegangen sind. Sie fallen andere Organismen an, entreißen diesen Körpermoleküle - also Energiekäfige -, zertrümmern diese und gewinnen so die darin enthaltene Energie. Sie tun also genau das gleiche wie die Pflanzen, wenn diese dissimilieren. Der Unterschied ist bloß der, daß diese Räuber Energiespeicher aufschließen, die sie nicht selbst aufgebaut haben.
Damit sind wir bei jener anderen großen Gruppe von Energonen, die wir "Tiere" nennen - und aus deren Kreis wir selbst hervorgegangen sind. Die Energiequelle, die von diesen Energonen aufgeschlossen wird, ist die organische Struktur anderer Organismen. An diese müssen sie herankommen und ihnen Teile entreißen. Das ist eine grundsätzlich andere Aufgabe als das Einfangen von Sonnenenergie. Während die Sonnenstrahlen ganz von selbst und gratis zu den Pflanzen kommen, müssen die Tiere ihre Beute aufspüren, verfolgen und überwältigen. Hier muß der Schlüssel, um sein "Schloß" zu öffnen, auch anders aussehen.
Für diesen Energontyp sind neben Pflanzen auch sämtliche Tierkollegen eine mögliche Erwerbsquelle. Denn auch in jedem tierischen Körpermolekül ist die zu dessen Aufbau eingesetzte Energie gefesselt. Praktisch bedeutet das, daß es für
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die tierische Erwerbsart ungleich mehr und verschiedenartige Erwerbsquellen gibt. Während die photosynthetisierenden Pflanzen alle auf das gleiche Sonnenlicht ausgerichtet sind und sich bei ihnen nur im Stofferwerb - besonders jenem des Wassers - wesentliche Unterschiede ergeben, ist für die Tiere jede Beute ein etwas anderes Schloß und erfordert zu seiner Aufschließung einen entsprechend andersgearteten Schlüsselbart.
Auch bei jeder Tierart erklärt somit nicht der Herstellungsvorgang die für sie nötige Grundstruktur, sondern dafür ist in erster Linie die Beschaffenheit ihrer Beute verantwortlich. Je nachdem wie diese aussieht, sich benimmt, bewegt, allenfalls verteidigt, muß das tierische Energon entsprechend gestaltet sein, um an den fremden Energiebesitz zu gelangen.
Für den chemischen Abbau der geraubten Moleküle brauchen auch die Tiere Sauerstoff. Da die Pflanzen diesen freundlicherweise ausatmen, liefern diese nicht nur sich selbst als mögliche Beute, sondern auch noch das zu ihrer Verbrennung (Oxydation) Notwendige.
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Da Sonnenlicht in so überreicher Menge vorhanden ist, sind bei den Pflanzen Fortbewegungsorgane meist nicht nötig.7 Demgemäß finden wir die meisten Arten - besonders an Land - unbeweglich am Ort festsitzend. Auch Sinnesorgane sind für sie nur beschränkt nötig. Die meisten können die Richtung des Lichtes und die Richtung der Schwerkraft wahrnehmen - und bei den Landpflanzen nehmen die Wurzelspitzen Feuchtigkeit wahr -, aber die hierfür entwickelten Wirkungsträger sind verhältnismäßig einfach und mit den komplexen Sinnesorganen der höheren Tiere nicht zu vergleichen. Da Strukturen, die die Bilanz nicht fördern, ein Ballast sind, ist nicht weiter verwunderlich, wenn diese Energone nur über Organe verfügen, die sie wirklich brauchen.
Dagegen wurden bei den Tieren Fortbewegungs- und Sinnesorgane zu einem wichtigen Werkzeug der räuberischen Tätigkeit. Die Schwämme und die Korallenpolypen, die pflanzenhaft am Ort festsitzen, bilden eine Ausnahme. Sie ernähren sich von vorbeitreibenden Kleinlebewesen: ihnen spült die Meeresbewegung die Beute gleichsam von selbst ins Maul. Sie brauchen bloß durch zusätzliche Wimpernbewegung noch etwas nachzuhelfen. Die meisten Tiere sind jedoch mit Flossen, Beinen, Flügeln und sonstigen Fortbewegungswerkzeugen ausgerüstet - ebenso mit hochentwickelten Sinnesorganen: Augen, Nase, Ohren. und so weiter.
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Das wiederum sind nicht Spiele einer launischen Phantasie, sondern Gebote der nackten Notwendigkeit. Ohne solche Einrichtungen könnten diese Schlüssel nicht an ihr Schloß gelangen - hätten sich also nie weiterentwickeln können.
Auch die innere Organisation ist bei den Tieren notwendigerweise straffer. Zielführende Fortbewegung setzt die Koordination zahlreicher Teilbewegungen (etwa Muskelbewegungen) voraus - ebenso die Abstimmung mit Sinneseindrücken.
In ungeheurer Vielheit wurden Beutefangorgane entwickelt: Mäuler und Tatzen, Saugstacheln, nadelscharfe Zähne, Kauplatten und vieles andere. Zu jeder solchen Struktur gehören auch entsprechende Verhaltensrezepte, denn nur dann können diese Wirkungsträger dem Erwerbsziel dienen. Die Zentralstruktur des Erwerbes ist jedoch der Darm.8 Bei den Amöben wird die Beute noch umflossen und direkt in das Protoplasma aufgenommen, alle Vielzeller besitzen dagegen besondere, auf den Vorgang der "Verdauung" spezialisierte Wirkungsträger.
In unserer menschlichen Vorstellungswelt sind Magen und Darm eher untergeordnete Organe, während wir in unserem "Ich", das eine Funktion unseres Gehirns ist, das Zentrum unser selbst erblicken. Das Primat dieses "Ichs" ist wohl kaum je angezweifelt worden, schon der bloße Gedanke, dies zu tun, erscheint monströs. Nur in Witzblättern sehen wir Freßlinge dargestellt, bei denen die Völlerei zur zentralen Funktion wurde. Gegenüber diesen Vorstellungen und Wertungen ist es nicht eben leicht, die Betrachtungsweise der Energontheorie zu vertreten. Verfolgt man jedoch nüchtern den Weg der Evolution, dann ist das gesamte Zentralnervensystem durchaus keine ursprüngliche und zentrale Erscheinung. Es ist eine Spezialanpassung an die tierische Erwerbsform, ein Wirkungsträger, der dort zwangsläufig Kontrollmacht über den Körper gewann. Beim Menschen geht diese Macht schließlich so weit, daß unser "Ich" - etwa im Falle eines Selbstmörders - nicht nur sich selbst, sondern auch alle übrigen Wirkungsträger vernichtet. Von der Evolution her betrachtet bedeutet das die erstaunliche Machtübernahme einer an sich sekundären Hilfseinheit.
Der Verdauungstrakt zeigt deutlich eine immer weitergehende Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die eroberte organische Nahrung wird, bei den Zähnen beginnend, Stück für Stück bearbeitet, aufgeschlossen. Wie auf einem Fließband wandert sie weiter. Durch Drüsenabscheidungen werden die Zellwände bearbeitet, im Magen werden ätzende Säuren auf sie losgelassen, im Dünndarm wird sie schließlich resorbiert. Biologisch betrachtet - und besonders von der Energontheorie her -, ist jeder tierische Organismus ein sich fortbewegender Darm. Sinnesorgane steuern ihn, Beine, Flossen, Flügel bewegen ihn zur Beute hin, und die
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a) Die zur Einverleibung fremder Organismen oder Organismenteile fähigen Einheiten (Energone) schweben frei im Wasser (Beispiel: Einzeller) oder bilden eine auf dem Boden festsitzende Erwerbsstruktur (Beispiel: vielzelliger Polyp). Die Beute wird entweder direkt in den Zellkörper aufgenommen (Einzeller) oder in einem Hohlraum von darauf spezialisierten Zellen "verdaut".
b) Ein durchgängiger "Darm" hat sich entwickelt, in dem die Zertrümmerung der erbeuteten organischen Moleküle Schritt für Schritt erfolgt. Primitive Sinnes- und Fortbewegungsorgane ermöglichen es dem Darm, sich fortzubewegen und nach Beute zu suchen.
c) Die Fähigkeit der Fortbewegung steigert sich durch zusätzliche Wirkungsträger (Flossen, Beine, Flügel), die Sinnesorgane werden leistungsfähiger. Die vordere Darmöffnung spezialisiert sich auf das Losreißen von Beuteteilen (Maul, Zähne).
d) Die Leistungskraft und Reichweite der körperlichen Wirkungsträger wird durch zusätzliche, aus Umweltbestandteilen geformte künstliche Organe gesteigert (etwa durch Pfeil und Bogen). Auch die "Verdauung" der geraubten "Nahrung" wird durch außerkörperliche Einheiten verbessert (Herd, Feuer, Topf).
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entsprechend ausgebildete Vorderöffnung, das Maul, muß dann zupacken und verschlingen (Abb. 8).
Zwischen Pflanzen und Tieren besteht ein markanter Unterschied. Für das Einfangen von Sonnenstrahlen sind möglichst große Flächen nötig - nach außen gerichtete Flächen. Die "Blätter"' wurden hier zum eigentlichen Erwerbsorgan; sie enthalten die Plastiden. Bei den Landpflanzen werden diese Wirkungsträger - im Konkurrenzkampf um das Licht - noch auf besonderen Stielen und Stämmen möglichst hoch emporgehoben (Abb. 7). Das Tier dagegen benötigt große innere Flächen zur Bearbeitung des Geraubten, zur "Verdauung". Hier sind es Zotten und Falten in Magen und Darm, die die innere Oberfläche vergrößern - außerdem die Darmlänge selbst.
Zur Gasaufnahme sind ebenfalls große Oberflächen nötig. Bei den Pflanzen wird die Oberfläche der Blätter ausgenützt und durch ein weitverzweigtes "Interzellularsystem", das in den "Spaltöffnungen" an der Blattoberfläche mündet, noch vergrößert. An diesen Flächen findet auch die Verdunstung statt, die den Saftstrom von den Wurzeln hochsaugt. Bei den Tieren - besonders den größeren Vielzellern - genügt dagegen nur in seltenen Fällen die Körperoberfläche, um den nötigen Gasaustausch zu vermitteln. Bei den Tausendfüßlern und Insekten entwickelte sich ein den ganzen Körper durchziehendes Röhrensystem, die "Tracheen", das in feinsten Ästchen bis tief in einzelne Organe eindringt. Bei den Fischen und Landwirbeltieren erfolgt die Gasübernahme durch Kiemen oder Lungen, und das Blut übernimmt hier den Weitertransport zu den einzelnen Bedarfsstellen.
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Als die pflanzlichen und tierischen Energone vom Wasser her das trockene Land besiedelten - die Pflanzen zuerst, die Tiere der Beute nachfolgend -, mußten sie mit vielen neuen Schwierigkeiten fertig werden. Sie mußten sich entsprechend "anpassen".
Dabei wurde die eigentliche Schlüssel-Schloß-Passung durch diesen Übergang kaum berührt. Der jeweilige Schlüsselbart - bei den Pflanzen die Plastiden, bei den Tieren der von den Sinnesorganen gesteuerte und zur Fortbewegung fähige Darmschlauch - brauchte sich nicht zu verändern. Wesentliche Unterschiede ergaben sich jedoch hinsichtlich der Stoffgewinnung und der inneren Stützung des Körpers.
An Land wurde die Wasserbeschaffung zum Problem, die Beschaffung gasförmiger Stoffe dagegen vereinfachte sich. Im Meer und in Süßwasserseen ist nur verhältnismäßig wenig Sauerstoff in gelöster Form vorhanden. Weit größere
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Oberflächen sind darum im Wasser nötig, um die erforderlichen Mengen zu gewinnen. Der Vergleich zwischen dem Menschen und dem so wesentlich kleineren Tintenfisch zeigt dies deutlich. Bei diesem beträgt die Oberfläche der Kiemen 1700 bis 1800 Quadratmeter, beim Menschen jene der Lungen bloß 90 bis 100 Quadratmeter. Hier ergab sich somit an Land die Möglichkeit zu wesentlichen Einsparungen.
Der Mangel an Wasser wurde dagegen zu einem limitierenden Faktor. In den weiten Wüstengebieten fehlt es nicht an Sonnenstrahlen und Kohlendioxyd, doch ohne Wasser ist den pflanzlichen Energonen ihr Erwerbsvorgang nicht möglich. Kein Wunder, wenn mancher Botaniker nicht im Energieerwerb, sondern im Stofferwerb das eigentlich Wesentliche erblickt. Auch auf besten Böden können Pflanzen nur etwa den hundertsten Teil der zu ihnen gelangenden Sonnenenergie für sich nutzbar machen. Die pflanzlichen Energone schwimmen gleichsam in Energie. Ihre Fähigkeit, dies auszunützen, ist grundsätzlich nur durch den Stofferwerb und das eigene Umsetzungsvermögen beschränkt sowie durch die Konkurrenzkraft anderer Pflanzen.
Durch ihre Beweglichkeit haben es die Tiere etwas leichter. Sie müssen nicht unbedingt an einem bestimmten Punkt Wasser finden. Für sie genügt es, wenn irgendwo in ihrem Aktionskreis eine passende Wasserquelle vorhanden ist.
Dagegen sind Tiere und Pflanzen gleichermaßen von der Gefahr der Austrocknung betroffen. In heißen Trockengebieten können deshalb nur solche Energone gedeihen, deren Außenhaut die Verdunstung möglichst unterbindet. Beispiele: Eidechsen und Kakteen.
Da die Luft 775mal leichter ist als Wasser und entsprechend wenig Widerstand bietet, wurde die Fortbewegung an Land einfacher. Anderseits aber fiel hier die tragende Kraft des im Wasser wirksamen Auftriebes weg - was den an Land gewonnenen Vorteil zum Teil wieder aufhob. Mit Schlängel- und Flossenbewegungen war es hier nicht getan.9 Der Körper muß hier von besonderen Wirkungsträgern vom Boden abgehoben werden. Auch wurden als Gegenwirkung zur Schwerkraft stärkere Skelette nötig. Während sich im Wasser der über 100 Tonnen schwere Grönlandwal mühelos fortbewegt, ist unter den heute lebenden Landtieren der höchstens 6 Tonnen schwere Elefant die äußerste Grenze. Da das Gewicht eines Körpers mit dem Kubus der linearen Ausdehnung anwächst, die Tragfähigkeit einer Stütze jedoch nur mit dem Querschnitt, also mit dem Quadrat, sind an Land durch die Erdschwerkraft dem Größenwachstum absolute Grenzen gesetzt. Das ist der Grund, warum der Elefant nicht mit so dünnen Beinen auskommt wie der Weberknecht und warum eine junge Eiche längst keinen so dicken Stamm braucht wie eine alte.
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a) Ein Wirkungsträger zur Koordination der Sinnes- und Fortbewegungsorgane wird nötig: etwa ein Nervensystem mit Gehirn (G). Sensorische (afferente) Leitungen befördern Information von äußeren und inneren Sinnesorganen (S) zum Gehirn; motorische (efferente) Leitungen übermitteln Befehle vom Gehirn an Fortbewegungsorgane (B, F) und innere Organe (I).
b) Bei größeren tierischen Energonen wird ein Wirkungsträger zur Verteilung der geraubten Energie- und Stoffmengen an die einzelnen Körperabschnitte nötig. Am besten eignet sich ein Kreislaufsystem mit entsprechender Pumpe (H). Am hinteren Darmende wird das Erwerbsergebnis aufgenommen (K) und allseits verteilt.
c) Zur Aufschließung der an die einzelnen Körperteile gelangenden "Nahrung" ist Sauerstoff nötig; dieser kann nicht ebenfalls vom Darm in genügender Menge aufgenommen werden. Ein eigener Wirkungsträger zur Gasaufnahme und -verteilung wird darum nötig: etwa Tracheen (T). Dieses Röhrensystem kann auch die ausgeatmeten Gase (CO2) abführen. Seine Wirkungskraft kann durch einen Blasebalg - etwa eine Lunge (L) - gesteigert werden.
d) Andere als gasförmige Stoffwechselschlacken können durch das Röhrensystem der Gasbeförderung nicht abgeschieden werden - und auch nicht (ohne weiteres) durch das Kreislaufsystem. Ein weiterer Wirkungsträger für diese Funktion wird nötig - etwa Nephridien (N). Die Sammlung der Abfälle kann in einer Blase (B) erfolgen.
Durch Funktionserweiterung oder Funktionspartnerschaft (vgl. S. 142 ff. und Abb. 20a) können diese funktionellen Einheiten auch teilweise miteinander verschmelzen: sich gegenseitig die Arbeit erleichtern. So kann etwa - wie bei den Säugetieren - der Blutkreislauf auch die Verteilung der aufgenommenen Gase und die Ableitung der Stoffwechselschlacken zu den abscheidenden Wirkungsträgern (Tracheen, Nephridien) mit übernehmen.
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An Land kamen außerdem viel extremere Werte von Hitze und Kälte hinzu; Schnee, Eis, Sturm, Regen und anderes mehr. Das energieerwerbende Blatt der Pflanze und der energieerwerbende bewegliche Darm, den wir "Tier" nennen, konnten in vielen Gegenden nur Fuß fassen, wenn sie diese oder jene zusätzlichen Wirkungsträger hervorbrachten. Ohne solche wurde ihre Bilanz zwangsläufig passiv.
Die Gestalt der Tiere und Pflanzen erklärt sich somit nicht aus ihrer Herstellungsart, nicht aus dem Weg ihres Zustandekommens. Sie wird vielmehr weitgehend durch die Beschaffenheit der Energie- und Stoffquellen diktiert. Diese haben mit dem Herstellungsvorgang nicht das geringste zu tun - und sind doch für wesentliche Strukturelemente verantwortlich. Auf diese merkwürdige Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen kommen wir in Kapitel VII ausführlicher zurück.
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Auch das Phänomen, daß ein Schlüssel in ein Schloß paßt, für das er gar nicht geschaffen wurde, gibt es bei den Energonen.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Coloradokäfer, der bis 1850 bloß als Kostgänger wildwachsender Nachtschattengewächse auf nordamerikanischen Hochebenen bekannt war. Dann kam dieser Käfer mit dem künstlich gepflanzten Kartoffelkraut in Berührung - und seither ist er zu einem gefürchteten Schädling geworden. Hier traf also ein Energon auf eine andere, viel reichere Energiequelle; hier traf ein Schlüssel unvermutet auf ein neues Schloß, welches er auf das vorzüglichste aufsperrte. Ähnliche Vorgänge dürften sich in der Evolution nicht selten zugetragen haben.10
Jede neu entstehende Tier- oder Pflanzenart gleicht einem Schlüssel, der nach einem Schloß sucht. Kommt es durch Veränderungen im Erbrezept zu solchen Neubildungen, dann treten diese mit allen auf die gleiche Energiequelle ausgerichteten Energonen in Konkurrenz. Dabei kann es vorkommen, daß sie dieser Erwerbsquelle gegenüber höhere Eignung haben - oder eine bisher noch überhaupt nicht ausgebeutete Energiequelle zu erschließen vermögen. Im ersten Fall
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drängen sie die Konkurrenz beiseite, im zweiten haben sie den Vorteil von Monopolisten. Die neue Art breitet sich aus.
Ist die Energiequelle beständig, dann kommen - innerhalb der neuen Art - die besser geeigneten Typen in Vorsprung. Im Laufe von unzähligen Generationen entsteht so - durch "natürliche Auslese" - ein immer besser dieser Quelle angepaßter, immer mehr auf ihre Erschließung spezialisierter Schlüssel. Ist die Quelle nicht beständig, dann sind Typen, die nicht extrem spezialisiert sind, besser daran. Der Wirkungsgrad ihrer Tätigkeit ist dann zwar geringer, aber sie bleiben universell genug, um bei Versiegen der einen Energiequelle auch noch andere aufschließen zu können.
Da sämtliche höheren Pflanzen um das gleiche Sonnenlicht buhlen, ist ihre strukturelle Verschiedenheit nicht allzu groß. Für die Tiere ist dagegen jede neu entstehende Tier- oder Pflanzenart eine völlig neue Energiequelle. Demgemäß sind bei ihnen die Schlüssel-Schloß-Beziehungen außerordentlich verzahnt.
Einzellige Kieselpanzeralgen werden von Kleinkrebsen verspeist. Den Kleinkrebsen stellt der Süßwasserstint nach, diesem wieder der Hecht, dem Hecht der Seeadler, auf dessen Körper wieder Schmarotzer leben. Jedes dieser Tiere ist ein Schlüssel, der ein Schloß aufsperrt - und gleichzeitig selbst ein Schloß für andere Schlüssel. Auch die Schmarotzer haben Verfolger. Und auf jedes tote Lebewesen stürzen sich die Fäulnisbakterien - die selbst wieder für andere Energone eine Erwerbsquelle darstellen. So geht es weiter ...
Besonders die Schmarotzer zeigen, wie weit Spezialisierungen gehen können. So schmarotzt auf Zehnfußkrebsen die Assel Ergyne Rissoi. Auf dieser schmarotzen Wurzelkrebse. Und auf einem Wurzelkrebs fand man als Schmarotzer - die Assel Danalia. In diesem Fall wurde in drei verschiedenen Größenstufen jeder Spezialschlüssel wieder zur Erwerbsquelle für einen entsprechend kleineren.
Für sämtliche schmarotzenden Energone ist die Fortpflanzung das große Problem. Die von ihnen ausgebeuteten Energiequellen sind in der Regel sehr ergiebig. Besonders Schmarotzer, die im Darm von anderen Tieren leben, sind dort allseits von vorverdauter Nahrung umgeben und brauchen diese nur aufzunehmen. Ein besonderer Mund und Darm wird hier überflüssig; die Aufnahme kann unmittelbar durch die Außenhaut erfolgen. Aber wie soll das Energon sich fortpflanzen? Bringt es im Körper seines "Wirtes"' Junge hervor, dann gehen diese zwangsläufig mit dem Tod des Wirtes ebenfalls zugrunde. Nur wenn diese Schlüssel über Verhaltens- und Aufbaurezepte verfügen, die sie über diese Klippe hinwegheben, können sie als Art bestehenbleiben.
Es kam hier zur Ausbildung von sehr komplizierten Entwicklungswegen. Es gibt Parasiten, die im Laufe ihres Lebensweges nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihre Gestalt mehrmals verändern.
Verhältnismäßig einfach ist der Vorgang noch bei dem Wurm Acanthocephalus anguillae, der im Darm unserer Weißfische parasitiert. Seine Eier gehen mit dem
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Kot des Fisches ab, fallen auf den Grund und müssen nun darauf warten, daß ein bestimmter Flohkrebs - Gammarus pulex - sie verspeist. Damit ist die erste Hürde genommen. Im Magen des Krebses schlüpfen aus den Eiern Larven, welche die Darmwand durchbohren und dann in der Leibeshöhle des Krebses schmarotzen. Das ist aber sozusagen nur ein Zwischenverdienst. Alsbald kapseln sich die Würmer ab - und jetzt muß ein günstiges Schicksal ein zweites Mal nachhelfen. Der Flohkrebs dient den Weißfischen als Nahrung, er muß also von einem Weißfisch gefressen werden. Ist das der Fall, dann wird im Magen des Fisches der Krebs verdaut - und die Kapsel bleibt zurück. jetzt treten Haken in Aktion, mit denen der Parasit sich an der Darmwand festklammert - und damit ist endlich der Schlüssel an seinem Schloß. Der Wurm wächst jetzt heran ... und produziert Eier.
In diesem Fall ist nur eine erwerbsfähige Zwischengestalt eingeschoben. Es gibt aber auch Fälle, bei denen der Parasit dreimal oder noch öfter seine Gestalt ändert. Jede dieser Daseinsformen stellt eine besondere Anpassung an eine Zwischenstation in diesen komplizierten Entwicklungswegen dar. Beim Saugwurm Baccinger baccinger gelangen die Nachkommen erst auf dem Umweg über eine Muschel und einen Krebs in den Fischdarm, der ihre eigentliche Erwerbsquelle ist. In manchen Fällen werden auch weite Wanderungen quer durch den Körper der Wirte ausgeführt. Beim Leberegel der Katze gelangen die Larven vom Darm aus durch den Gallengang in die Leber, beim Leberegel des Rindes durchbohren sie die Darmwand, wandern durch die Leibeshöhle und erreichen auf diesem Weg ihr Ziel. - Auch hier gibt es verschiedene "Methoden", auch hier ist nur das Endergebnis von Wichtigkeit.
Gelingt dem Parasiten seine komplizierte Wanderung zu dem zu erschließenden Schloß, dann ist sein Reingewinn enorm - dann kann er auch eine enorme Zahl von Nachkommen produzieren.11 Das gleicht die hohe Verlustquote wieder aus. So ist es möglich, daß auch solche Energonarten sich erhalten und weiterentwikkeln konnten.
Weniger klar zu überschauen ist die kettenartige Verknüpfung von Schlüssel-Schloß-Beziehungen bei Nichtspezialisten. Der Hering ernährt sich von mehreren Dutzend verschiedenen Tierarten, und über ein Dutzend verschiedener Räuber stellen ihm selbst nach. Somit ist dieses Energon der Schnittpunkt sehr unterschiedlicher "Nahrungsketten", die einerseits in ihn "einmünden", anderseits von ihm aus in sehr verschiedene "Richtungen" weiterführen.
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Die Erwerbsart bei Pflanzen und Tieren ist zwar grundsätzlich verschieden, trotzdem ist eine genaue Abgrenzung oft schwierig. Es gibt praktisch alle erdenklichen Übergänge.
Unter den Einzellern gibt es eine Reihe von Arten, die über Plastiden verfügen, sich daneben aber auch räuberisch betätigen können. In diesen Zwischenformen zeigt sich noch heute deutlich der gemeinsame Ursprung von "Pflanzen" und "Tieren". Hier, bei den Einzellern, verschwimmen noch die Grenzen. Hier teilten sich die beiden großen Entwicklungswege.
Unter den vielzelligen Tieren gibt es keine Art, die wieder zu Plastiden gelangt wäre. Die Räuber unter den Energonen blieben gleichsam ihrer Berufsehre treu. Sie blieben beim Raub. Anders die vielzelligen Pflanzen.
Unter diesen gibt es genügend Arten, die teilweise oder ganz Parasiten wurden - also andere Organismen zur Erwerbsquelle haben. Ein "Halbparasit" ist die Mistel. Sie raubt den Bäumen, auf deren Ästen sie sich ansiedelt, bloß Wasser und Nährsalze, erspart sich also eine eigene Wassergewinnung aus dem Boden. Ein "Vollparasit" ist dagegen die Hopfenseide (Cuscuta). Mit fangarmartigen Wirkungsträgern umschlingt sie Hanf und Hopfen, dringt in deren Gewebe ein, zapft deren Siebröhren an. Hier wird nicht nur das Wasser samt den Nährsalzen geraubt, hier werden dem Wirt Assimilate - also "Energiekäfige" - entzogen. Die Blätter sind völlig rückgebildet und funktionslos. Der Herkunft nach ist Cuscuta zweifellos unter die Pflanzen einzureihen, ihrer Erwerbsart nach ist sie jedoch ein Tier.
Bei Pilzen ist es ähnlich. Sie sind darauf spezialisiert, die Reste von abgestorbenen Organismen (Moderstoffe) aufzuschließen. Auch sie sind der Herkunft nach Pflanzen, in der Erwerbsart sind sie jedoch in das andere Lager hinübergewechselt.
Trotz dieser und weiterer Verflechtungen bietet die Natur bis herauf zum Menschen ein sehr einheitliches Bild. Zwei Hauptwege des Energieerwerbes wurden beschritten. Auf jedem der beiden kam es zur Ausbildung einer Vielzahl sehr verschieden aussehender Erwerbsstrukturen, die den Strom der Lebensentwicklung in immer neue Gebiete vortrugen.12
Bemerkenswert ist, daß die tierische und pflanzliche Erwerbsart einander ge-
(Originalbuchseite 76)
genseitig zur Voraussetzung haben. Ohne Pflanzen hätten sich die Tiere nicht entwickeln können, ohne Tiere nicht die Pflanzen. Der Grund dafür ist einfach. Die Pflanzen sind auf das von den Tieren ausgeatmete Kohlendioxyd angewiesen, die Tiere wieder brauchen den von den Pflanzen ausgeatmeten Sauerstoff. Der kaum schwankende Kohlendioxyd- und Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre ist eines der erstaunlichsten und am wenigsten beachteten Phänomene. In der Gesamtheit halten sich die pflanzliche und tierische Gasproduktion genau die Waage. Wäre die pflanzliche Tätigkeit stärker, so würde der Sauerstoffgehalt ansteigen; wären die Tiere in der Übermacht, würden Luft und Meer zunehmend mit Kohlendioxyd angereichert. Nichts dergleichen geschieht. Selbst das Auftauchen des Menschen hat daran - wenn man von den Großstadträumen absieht - einstweilen nichts geändert.
In dieser ungeheuer verketteten und verfilzten Gemeinschaft von tierischen und pflanzlichen Energonen trat dann der Mensch in Erscheinung. Fast zwei Millionen Jahre lang war er nicht viel mehr als ein besonders intelligentes Tier. Aber allmählich kam es dann zu entscheidenden Veränderungen. So wie das Energon Zelle die Evolution zu viel höher organisierten und mächtigeren Erwerbskörpern emporgeführt hatte, so setzte nun zum zweitenmal ein ähnlicher, aber noch gewaltigerer Entwicklungsprozeß ein - auf dessen schwindelerregender Höhe wir heute selbst stehen.
Diese Entwicklung betrachten wir als nächstes.
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Anmerkungen:
1 Dem Team
des Nobelpreisträgers A. Kornberg gelang es 1968, autoreproduktive
Ribonucleinsäure herzustellen, die im Aufbau und in der Wirkung dem
Erbrezept eines Virus entspricht.
2 Ostwald
schrieb, man müsse unterscheiden zwischen dem "ruhenden Anteil, der
sich niemals mehr aus sich selbst in Bewegung, das heißt in Umwandlung
versetzen kann", und dem beweglichen, "der allein zu Geschehnissen in der
Welt Anlaß gibt". ("Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft",
Leipzig 1909, S. 31.)
3 Auf diesen
Zusammenhang bezieht sich die im Motto gegebene Äußerung von
W. Troll. ("Allgemeine Botanik", Stuttgart 1948, S. 350.)
4 Die kleinste
zur Selbstvermehrung fähige Lebenseinheit ist nach M. Staudinger die
Bakterienspore. Sie besteht, nach seiner Berechnung, aus zirka 15 Molekülen
zu 106 Atomen, 150 Molekülen zu 105 Atomen, 500 Molekülen zu
104 Atomen; die restlichen 30 Prozent setzen sich aus zirka 550.000 Molekülen
zu 101 bis 103 Atomen zusammen. (W. Wieser, "Gewebe des Lebens", Bremen
1959, S. 234.)
5 Wenn ich
im weiteren von "Pflanzen" schlechthin spreche, dann sind stets solche,
die "Photosynthese" betreiben, also Sonnenenergie umwandeln, gemeint. Die
oben genannten Bakteriengruppen werden gewöhnlich auch unter die "Pflanzen"
eingereiht, doch zur Vereinfachung - wie es auch dem Sprachgebrauch entspricht
- schließe ich sie im folgenden aus.
6 Die vollständige
Bezeichnung dieser chemischen Verbindung lautet: Nicotinamidadenindinucleotidphosphat.
7 Manche
niedere Algen (besonders Einzeller) verfügen über Geißeln
und vermögen sich zu Plätzen hinzubewegen, die ihnen günstige
Lichtverhältnisse bieten.
8 Bereits
Cuvier nannte den Darm das Hauptcharakteristikum der Tiere ("premier charactère
des animaux"). ("Le Règne Animal", Brüssel 1836, S. 11.)
9 Auch die
Schlangen schlängeln sich nicht bloß, sondern stemmen sich mit
nach hinten gerichteten Schuppen und vor allem mit ihren "Bauchschienen"
über den Boden hinweg.
10 Der
umgekehrte Fall, daß ein "vorzüglicher" Schlüssel an ein
falsches Schloß gerät, ist für die Beurteilung der Lebewesen
fast noch wichtiger. Die Katze ist eine ungemein leistungsfähige und
hochdifferenzierte Struktur: werfen wir sie ins Meer, dann ist sie hilflos
und geht zugrunde. Ein absolutes "besser" und "schlechter" gibt es somit
bei den Schlüsseln, die wir "Organismen" nennen, nicht. Nur gegenüber
einer bestimmten Energiequelle und Umwelt gibt es eine solche Wertung.
11 Beim
Bandwurm Tacnia solium wurde die Zahl der Eier auf jährlich
42 Millionen berechnet, beim Spulwurm Ascaris lumbricoides auf64
Millionen. Beim Fadenwurm Sphaerularia bombi, der in der Leibeshöhle
von Hummeln schmarotzt, haben Eiröhren und Uterus keinen Platz mehr
im Körper, wachsen aus ihm heraus, so daß der Wurm schließlich
nur noch wie ein winziger Anhang des Uterus aussieht. Das ist der im Tierreich
seltene Fall, daß ein Organ das hundertfache Volumen seines Organismus
erreicht.
12 Das
ist der Grund, warum ich auch von der Energontheorie her die geläufige
Unterteilung in Pflanzen und Tiere beibehalte. Hier liegen zwei große
klar unterschiedene Gruppen vor - ebenso wie im zweiten EvoIutionsteil
jene der Berufskörper und Erwerbsorganisationen. Auf diese Weise wird
freilich nach verschiedenen Kriterien eingeteilt: erst nach der Art des
Energieerwerbes, dann nach der Integrationsstufe. Formal richtiger wäre
die Einteilung: Einzeller, VieIzeller, Berufskörper, Erwerbsorganisationen.
Da jedoch jedes Einteilungssystem etwas künstlich in die Natur Hineingetragenes
ist, scheint mir übertriebene Konsequenz hier nicht am Platz.