DIE AUSWIRKUNGEN
Jedes Medium hat die Macht, seine eigenen Postulate
dem Ahnungslosen aufzuzwingen.1
Die menschliche Intelligenz war der Ausgangspunkt für die nun folgende kometenhafte Entwicklung. Was wissen wir über die Struktur, welche diese Leistung erbringt? Worauf beruht diese besondere menschliche Fähigkeit und Eigenschaft?
Es gibt dafür eigentlich nur funktionelle Hinweise.
Morphologisch unterscheiden sich die Ganglienzellen und Gliazellen des menschlichen Gehirns nicht wesentlich von jenen des Affen. Die Großhirnrinde, in der sich die Assoziationszentren unseres bewußten Denkens befinden, ist beim Menschen wesentlich größer, doch in der Innenarchitektur konnten bis heute keine grundsätzlichen Unterschiede festgestellt werden. Dem rein Quantitativen scheint - so wenig schmeichelhaft das für uns auch sein mag - eine erhebliche Bedeutung zuzukommen. So wie Computer, wenn die Zahl ihrer Einheiten um das Hundert- oder Tausendfache vergrößert wird, zu ganz neuen Fähigkeiten gelangen, so scheint auch unsere höhere Intelligenz mit der größeren Zahl von Gehirnzellen in Zusammenhang zu stehen.2 Natürlich ist es möglich, daß man hier noch zu ganz anderen Entdeckungen kommt.
Wo dagegen funktionell der Unterschied liegt, zeigen Experimente mit Schim-
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pansen recht deutlich.3 Befestigt man an der Decke ihres Käfigs eine Banane und gibt man ihnen zusammenfügbare Stockteile sowie einige Kisten, dann türmen sie diese schließlich aufeinander, fügen die Stockteile zusammen, klettern auf den Kistenturm und angeln sich die Banane. Das gelingt erst nach vielen Versuchen und oft überhaupt nicht, liegt aber im Bereich ihrer Möglichkeit. Befinden sich dagegen die Stockteile und Kisten nicht gleichzeitig in ihrem Gesichtsfeld (sondern verstreut in Nebenkäfigen), dann können sie die Aufgabe nicht lösen. Diese Darstellung ist stark vereinfacht, zeigt aber - meines Erachtens -, worauf es offenbar ankommt. Das Gehirn des Affen (wie auch anderer intelligenter Tiere) vermag Ursachen und Wirkungen in der Vorstellung zu überschauen - jedoch nur dann, wenn. die beteiligten Elemente räumlich und zeitlich dicht beisammen liegen. Nimmt das Tier sie an verschiedenen Orten oder zu verschiedenen Zeitpunkten wahr, ist sein Gehirn zur entsprechend notwendigen kombinatorischen Leistung nicht fähig.
Der Mensch dagegen kann im Bereich seiner "Phantasie" - also irgendwo im Gehirn selbst - Eindrücke und Erfahrungen verknüpfen, die er an ganz verschiedenen räumlichen und zeitlichen Punkten empfangen hat. Das bedeutet einen eminenten Fortschritt. Auf der Bildfläche unserer Vorstellung können wir faktisch jeden Bewußtseinsinhalt mit jedem anderen in Beziehung setzen. Wir können dort, ohne auch nur einen Finger zu krümmen, neue Verhaltensrezepte entwerfen - "Pläne" für Handlungsfolgen oder für die Bildung uns dienlicher Strukturen. Wir können diese Pläne sogar - immer noch "in der Phantasie" - auf ihre Brauchbarkeit untersuchen. Wir können sie verwerfen, ergänzen, abändern. Wir können "theoretisch" erkunden, wie ein Wirkungsträger für diesen oder jenen Zweck aussehen müßte. Nach diesem suchen wir dann oder fertigen ihn künstlich nach unserer Vorstellung an.4
Vielleicht stellt sich eines Tages heraus, daß wir diese unschätzbare Fähigkeit nur einer graduellen oder gar quantitativen Weiterentwicklung des tierischen Denkapparates verdanken. Die sich daraus ergebenden Folgeerscheinungen waren jedenfalls ungeheuer. Das gesamte Wirkungsnetz der menschlichen Machtentfaltung läßt sich aus der einen Prämisse dieser funktionellen Neuerung ableiten.
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Erste Auswirkung: Künstliche Organe sind nicht an den Körper gekettet. Sie brauchen nicht ständig mit herumgetragen zu werden. Der Mensch legt ein Kleid an. wird es ihm zu warm, kann er es wieder ausziehen. Er nimmt ein Messer zur Hand - braucht er es nicht mehr, legt er es wieder weg. Er steigt in ein Auto ein - und verläßt es wieder, wenn es ihn an das gewünschte Ziel gebracht hat.
Jedes Tier muß alle seine Organe - sieht man von den wenigen künstlichen Organen ab, die auch Tiere bereits selbst schaffen (Nest, Fangvorrichtung etc.) - ständig mit sich herumtragen. Das bedeutet vor allem, daß die Tiere kaum Organe hervorbringen konnten, die sie nicht wirklich laufend brauchten. Die Last war einfach zu beschwerlich - und jedes Organ muß im Verband der übrigen seinen Platz haben, muß ernährt, gepflegt, erneuert werden und anderes mehr. Kamen solche Bildungen zustande, dann wogen die Vorteile die Nachteile nicht auf. Individuen mit solchen Bildungen konnten sich nicht durchsetzen - also kam es zu keiner Weiterentwicklung, sie verschwanden wieder. Wir sind gewohnt, in den Tieren Wunderwerke, vollkommene Strukturen zu sehen - doch wenn wir den Menschen mit seinen ablegbaren Organen zum Vergleich nehmen, wird offenbar, wie ungeheuer eingeschränkt die Evolution bis zu diesem Entwicklungspunkt blieb.
Die Tiere konnten sich - mit wenigen Ausnahmen - immer nur auf eine bestimmte Lebensweise spezialisieren. Mit den dafür geschaffenen Organen waren sie dann auf Gedeih und Verderb verhaftet. Nur in den seltensten Fällen sehen wir die Fähigkeit entwickelt, sich überflüssiger Wirkungsträger zu entledigen. So werfen etwa die Termitenmännchen nach ihrem Hochzeitsflug die Flügel ab.5 Solche Einheiten gehen dann aber endgültig verloren und können dem Wirkungskörper nicht wieder angefügt werden.
Der Mensch legt seine künstlichen Organe ab - Kleider, eine Hacke, einen Speer ... ein Auto. Benötigt er sie wieder, dann bedient er sich ihrer erneut.
Manche künstlichen Organe fixieren wir an einem Ort: dann belasten sie uns überhaupt nicht. Etwa: eine Maschine, eine Bibliothek, eine Mühle, ein Elektronenmikroskop. Benötigen wir ihre Dienste, dann bewegen wir uns zu ihnen hin, betätigen sie, benützen sie. Der einzelne Berufskörper oder die Erwerbsorganisation kann so auch große unbewegliche Einheiten umfassen, zu denen sich die bewegliche, lenkende Struktur - der "Mensch" - nach Bedarf hinbewegt, um sie zu aktivieren.
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Zweite Auswirkung: Mit den neuen Vorteilen verbanden sich von Anbeginn dieser Entwicklung auch neue Nachteile, neue Probleme. Jede nicht mit dem Körper verwachsene Einheit kann verloren - vor allem auch gestohlen werden.
Wer seine Brille verlegt hat oder wem sein Fahrrad gestohlen worden ist, der kann sich dieser Einheiten nicht mehr bedienen. Jedes künstliche Organ dient dem Menschen nur so lange, als es in dessen Verfügbarkeit, in dessen Wirkungsgewalt verbleibt.6 Wir brauchen diese Wirkungsträger nicht ständig mit uns zu tragen - doch wenn sie von uns getrennt sind, müssen zusätzliche Einrichtungen dafür sorgen, daß sie uns erhalten bleiben.
Eine funktionelle Hilfseinrichtung zur Verringerung der Gefahr des "Vergessens", "Verlegens" und "Verlierens" nennen wir "in Ordnung halten". Indem wir allen beweglichen künstlichen Organen einen ganz bestimmten "Ruheplatz" zuweisen (in Laden, Ordnern, Kästen, Gebäuden), erleichtern wir unserem Gehirn die Kontrolle. Bei am Ort fixierten Einheiten - etwa bei einem Brunnen oder einem Zaun - ist dieses Problem weniger akut. Da ihr Standort ein für allemal derselbe bleibt, besteht hier weniger Gefahr, daß wir ihn vergessen.
Weit schwerwiegender ist bei allen zusätzlichen Wirkungsträgern - ob sie nun ortsfixiert oder beweglich sind - die zweite Problematik, wie sich nämlich verhindern läßt, daß sie geraubt werden, also ihre Verfügungsgewalt von anderen Menschen an sich gerissen wird. Das ist deshalb so kritisch, weil fast jedes künstliche Organ auch anderen Menschen Dienste leisten kann.
Hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Auch jedes Tier und jede Pflanze sind in dauernder Gefahr, daß ihnen Körperteile entrissen werden. Diese aber dienen dem Räuber dann stets nur zur Nahrung - können jedoch von diesem kaum je im Sinne ihrer Funktion verwendet werden. Wenn eine Eidechse einer Libelle die Flügel abbeißt, dann kann sie mit diesen Flügeln nicht fliegen.
Nicht verwachsene Organe können dagegen auch von anderen Individuen im Sinne ihrer Funktion verwendet werden. Das zeigt sich schon bei den Wohnbauten, Nestern und Fangvorrichtungen, die sich Tiere anfertigen. Sie können von anderen übernommen werden. Bei den kunstvollen Geräten und Anlagen, die der Mensch im Lauf der Zeit geschaffen hat, trat dieses Problem immer mehr in den Vordergrund. Jede zusätzliche Einheit mußte wirksam geschützt werden.
Aufpassen, Verteidigen, Verstecken, Einschließen sind Gegenmaßnahmen gegen diese zweite Gefahr. Sie bedeuten jedoch - für die Energiebilanz - eine erhebliche Belastung. Der einzig wirklich wirksame und für das Individuum rationelle Schutz besteht in der Schaffung einer Interessengemeinschaft mit Arbeitsteilung. Einige Energone spezialisieren sich darin auf die Schutzfunktion -
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Polizei, Soldaten, Richter - und werden von den übrigen erhalten. Diese können dann ungestört ihrer individuellen Erwerbstätigkeit nachgehen. Ihre künstlichen Organe bleiben dann, auch wenn sie getrennt sind, an sie gebunden - in ihrer Verfügungsgewalt. Eine besondere Form der Bindung wird so geschaffen: das durch eine Gemeinschaft geschützte "Eigentumsrecht".
Man hat viel darüber nachgedacht, wie und warum es zur Bildung der menschlichen Verbände und Staatswesen kam. Von der Evolution her betrachtet, mußte es notwendigerweise dazu kommen - ebenso wie es etwa bei größeren Tieren zur Bildung besonderer Atmungs- oder Kreislauforgane kommen mußte. Die vom Menschen an mögliche weitere Energonentfaltung stützte sich auf die Bildung von künstlichen Organen: diese waren mit der Hypothek belastet, daß sie vor Raub geschützt werden müssen. Solchen Schutz kann aber - wirkungsvoll und rationell - nur die Hilfseinrichtung "arbeitsteilige Gemeinschaft" bieten.
Eine Tendenz zur Bildung von kleinen Gruppen ist uns Menschen von unseren rudelbildenden Vorfahren her angeboren. Zur Bildung großer Gemeinschaften kam es jedoch in zwangsläufiger Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen. Die künstlichen Organe zogen sie als notwendige Folgeerscheinung nach sich. Menschen, die zur Bildung von organisierten Gemeinschaften gelangten, waren eo ipso im Vorteil. Darum setzte sich diese Tendenz durch. Die von Darwin als steuernder Faktor erkannte "natürliche Auslese" setzte auch hier den Hobel an. Wenn wir heute allerorts riesige Menschengemeinschaften sehen, dann liegt die eigentliche Ursache nicht darin, daß dieser oder jener sie erfunden hat - denn es wurde auch anderes erfunden, das sich nicht durchsetzte -, sondern darin, daß diese Einrichtung von eminentem Vorteil war und jenen Energonen, die über sie verfügten, Überlegenheit verlieh.
Die kulturelle, künstlerische, "seelische" Entwicklung des Menschen, in der man die Hauptsache zu sehen pflegt, ist von der Evolution her eine Begleiterscheinung - freilich für uns persönlich eine sehr wichtige. Was im Auge behalten werden muß, ist die harte Tatsache, daß es keinerlei Aktivität und darum auch keine Kultur ohne Energieüberschüsse gibt. Dagegen gibt es kein mir bekanntes Argument. Energieüberschüsse sind stets für alles andere die Voraussetzung. Zu solchen aber gelangten die Energone im zweiten Evolutionsteil nur mit Hilfe ihrer künstlichen Organe. Und diese zogen - als eine von zahlreichen Folgeerscheinungen - auch die Gemeinschaftsbildung nach sich.
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Dritte Auswirkung: Die künstlichen Organe sind auswechselbar. Das bedeutet, daß ein Mensch sich alternierend auf diese oder jene Tätigkeit spezialisieren kann.
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Nehme ich eine Schaufel zur Hand, dann bin ich auf Graben spezialisiert. Nehme ich einen Bleistift zur Hand, dann bin ich auf Schreiben spezialisiert. Setze ich mich in ein Ruderboot, dann bin ich auf Fortbewegung auf dem Wasser spezialisiert. Lorenz nannte den Menschen einen "Spezialisten im Nichtspezialisiertsein". Das ist nur beschränkt richtig, da unser Gehirn hochspezialisiert ist. Nach meiner Meinung ist es richtiger, zu sagen: Der Mensch ist ein "Spezialist in vielseitiger Spezialisation". Damit werden wir der Besonderheit der Keimzelle "Mensch" besser gerecht. Nie hat sich vorher etwas ähnlich Chamäleonhaftes entwickelt. Indem wir einmal diesen und dann wieder jenen vom Körper getrennten Wirkungsträger einsetzen, verwandeln wir uns einmal in dieses und dann wieder in jenes hochspezialisierte Wesen.
Unsere Hände waren dazu Voraussetzung. Ob uns dies gefällt oder nicht: daß wir sie haben, verdanken wir der kletternden Lebensweise unserer Vorfahren. Andere Tiere konnten zu keiner vergleichbaren Entfaltung gelangen. So ist etwa das Gehirn der Delphine besonders leistungsfähig - trotzdem könnte aus Delphinen auch in einer Million Jahre nichts dem Menschen Vergleichbares werden. Einfach deshalb, weil sie kein Organ haben, das sich zur Herstellung von künstlichen Wirkungsträgern und zu deren Verknüpfung mit ihrem Körper eignet. Mit ihren Flossen könnten sie nie einen Faustkeil herstellen, eine Hacke ergreifen oder Klavier spielen. Uns ist dies möglich - nicht nur deshalb, weil unser Gehirn so leistungsfähig ist.
Die Auswechselbarkeit der künstlichen Organe führte in weiterer Konsequenz dazu, daß mehrere Menschen abwechselnd das gleiche Organ verwenden können. Und: daß es von einem Energon auf ein anderes vererbbar ist.
Man halte sich vor Augen, was letzteres innerhalb des Evolutionsprozesses bedeutet. Bis zum Entwicklungspunkt "Mensch" starben mit jeder Pflanze und jedem Tier auch alle Körperteile, aus denen sich diese Energone aufbauten (von Fortpflanzungsvorgängen sehe ich hier ab). Stirbt ein Rosenbusch, dann sterben auch alle seine Blätter. Stirbt eine Giraffe, dann sterben auch ihre vier Beine, ihr Herz und ihre Augen. Nichts davon kommt den Nachkommen zugute - es sei denn (was auch manchmal vorkommt), daß diese die Eltern auffressen.7 Bei den menschlichen Berufskörpern änderte sich dies. Stirbt ein Schuster, dann kann sein Sohn - oder ein anderer entsprechend geschulter Mensch - "den Betrieb übernehmen". Die künstlichen Wirkungsträger bewahren ihre Funktionsfähigkeit über den Tod ihres Besitzers hinaus. Ein anderer Mensch, ein anderes steuerndes Zentrum schlüpft in die Struktur aller dieser künstlich geschaffenen Einheiten, reak-
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tiviert sie. Oder "der Betrieb wird liquidiert": Werkzeuge und Einrichtungen werden "veräußert". Auch dann leben die einzelnen Teile in anderen Berufs- oder Luxuskörpern fort.
Gewisse Vorstufen gibt es immerhin auch hier schon bei den Tieren. Das Gehäuse der Schnecke dient nach deren Tod in ganz analoger Funktion dem Einsiedlerkrebs. Dieser stirbt - und ein anderer zieht in dieses Gehäuse ein. Bei tierischen Wohnbauten ist es ähnlich.
Vierte Auswirkung: Die künstlichen Organe sind nicht so stark durch ihre Vorgeschichte belastet. Bei den tierischen und pflanzlichen Körpern konnten sich neue Wirkungsträger immer nur in kleinen Schritten und meist nur aus schon bestehenden Einheiten entwickeln. Jedes Organ ist hier - wie Hesse und Doflein es ausdrückten - "doppelt bedingt": nicht nur durch die Art der "Verrichtung", sondern auch "durch seine Geschichte". Die Werkzeuge und Maschinen des Menschen zeigen zwar oft ähnliche Belastungen. Auch hier entwickelt sich oft ein Werkzeug aus einem anderen und kann dann die Spuren des ursprünglichen Verwendungszweckes nur allmählich überwinden. Im Prinzip aber ist jedes künstliche Organ eine totale Neubildung - oder kann es zumindest sein. Bei den Tieren und Pflanzen ist es das fast nie. Betrachten wir hier die Organe genauer, dann können wir meist aus Struktur und Funktionsweise den geschichtlichen Werdegang des betreffenden Energons ablesen. Vom Konstruktionsstandpunkt aus betrachtet, sind die Organismen nur selten vollkommen.
Fünfte Auswirkung: Künstliche Organe können praktisch aus jedem Material geformt werden; solche, die aus Zellen gebildet sind, können das nicht. Pflanzen und Tieren war es zum Beispiel nicht möglich, Metalle zu verwenden. Denn um diese zu formen, muß man sie auf Temperaturen erhitzen, die die lebende Zelle nicht erträgt. Außerhalb des Körpers können dagegen Wirkungsträger geschaffen werden (Öfen), die solchen Temperaturen standhalten.
Sechste Auswirkung: Die künstlichen Organe müssen nicht unbedingt mit körpereigener Energie betrieben werden, sondern es ist prinzipiell möglich, daß Fremdenergie sie direkt betreibt.8
Wenn ein Mensch sein Boot mit Hilfe eines Segels vom Wind treiben läßt, dann nimmt er die Windenergie nicht in Form von Nahrung in seinen Körper auf, setzt sie dort um und überträgt sie dann auf das Boot (wie es etwa beim Rudern der Fall ist), sondern der Wind treibt das künstliche Organ Boot direkt. Spannt der
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Bauer einen Ochsen vor seinen Pflug, dann nimmt er dessen Kraft nicht erst in sich auf, sondern der Ochse zieht das künstliche Organ Pflug direkt. Schmelzen wir Metall in einem Ofen oder braten wir Fleisch über einem Herd, dann geht die Energie des Feuers nicht in unseren Körper ein, sondern verrichtet direkt Dienste für uns. Lassen wir unser Auto durch die im Benzin enthaltene Energie treiben, dann brauchen wir das Benzin nicht zu trinken, sondern die Energie treibt das künstliche Organ Auto direkt. Auch für diese Vorgänge gibt es im Pflanzen- und Tierreich viele Vorstufen, aber erst der Mensch konnte - mit Hilfe künstlicher Organe - Fremdenergien in wirklich großem Umfang in den Dienst seiner Erwerbsstrukturen einspannen.
Das Bild der Energone, deren Zentrum der Mensch ist, entfernt sich so immer mehr von der geläufigen Vorstellung. Diese Lebenskörper höherer Ordnung - welche die eigentliche Realität sind - bestehen aus Teilen, die nicht nur nicht miteinander verwachsen sind, sondern die auch noch vielfach ganz unabhängig aus verschiedenen Energiequellen betrieben werden.
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Siebente Auswirkung: Die künstlichen Organe muß der, dem sie dienen sollen, nicht unbedingt selbst herstellen. Innerhalb einer Gemeinschaft können sich einzelne auf die Herstellung dieses oder jenes nicht verwachsenen Wirkungsträgers spezialisieren. Das war die Grundlage für Handwerk, Gewerbe und Industrie und im weiteren für die Einrichtung "Markt", für den Universalvermittler "Geld"' und für den "Handel". Auch das sind nicht willkürliche Schöpfungen der menschlichen Erfindungskraft, sondern notwendige Folgeerscheinungen in der durch die künstlichen Organe ausgelösten Entwicklung.
Durch Spezialisierung werden die künstlichen Organe auch besser und billiger. Sie können so zu einem Preis und in einer Qualität erzeugt werden, die sonst für den Gebraucher nicht erreichbar ist. Durch Industrialisierung und Massenherstellung steigerten sich diese Vorteile noch wesentlich.
Auch dieser Entfaltungsprozeß hatte organisierte Gemeinschaften zur Voraussetzung. Nur in solchen bot sich dem einzelnen die Möglichkeit, sich ganz auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Somit gelangte eine Gemeinschaft, in welcher dieser Spezialisierungsprozeß stattfand, zu besseren künstlichen Organen. Das verbesserte beim einzelnen - wie auch bei der Gemeinschaft - die Bilanz und damit die Überlegenheit über weniger organisierte Menschengruppen. Kraft seiner Intelligenz erkannte der Mensch dies und förderte diese Entwicklung. Auch in dieser Hinsicht zogen also die künstlichen Organe die Bildung und innere Organisation von größeren Gemeinschaften funktionell nach sich.
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Achte Auswirkung: Künstliche Organe müssen nicht unbedingt von einem Energon allein finanziert werden. Es können auch mehrere ihre Energieüberschüsse zur Finanzierung zusammenlegen und das geschaffene Organ dann gemeinsam (etwa eine Brücke) oder abwechselnd (etwa einen Traktor) benützen. Auch das ist ein Faktor, der die Gemeinschaftsbildung begünstigte. Innerhalb eines Staatskörpers können bei verhältnismäßig geringer Aufwendung aller Bürger Gemeinschaftsorgane geschaffen werden, die das Machtpotential jedes einzelnen steigern.
Die wichtigsten Gemeinschaftsorgane waren zunächst jene zur Sicherstellung von Leben und Eigentum, also Organe zur Aufrechterhaltung der Sicherheit innerhalb des Staatsgebietes und nach außen hin. Diese großen Wirkungsträger nennen wir einerseits Landesverteidigung, anderseits Legislative und Exekutive. Weitere wichtige Gemeinschaftsorgane sind Kanalisation, Wasserleitung, Straßen, Energieversorgung, Bahnen, Post, Telephon, Bildungsstätten, Feuerwehr und anderes mehr.
Diese organisierten Strukturen sind teilweise so gewaltig, daß man sie - nach dem gewohnten Denken - nur schwer als konkret zu jedem einzelnen gehörig ansehen kann. Verfolgt man jedoch den Entwicklungsweg der vom Menschen gebildeten Energone und ihrer Wirkungsträger, dann sind sie es ohne Zweifel. In einem Staat ist die gesamte Struktur der Landesverteidigung, ebenso wie die Post, die Staatsbibliothek oder eine beliebige Straße für jeden Erwerbskörper - vorn Hausierer bis zum Produktionsbetrieb, von der Ehefrau bis zur Versicherungsanstalt - ein Wirkungsträger. Hier dürfen wir das im Recht längst übliche Denken zu Hilfe nehmen. Jedem Erwerbskörper obliegt die Miterhaltung dieser Gemeinschaftsorgane über den Weg der Steuern und Abgaben - und jeder hat das Recht auf die Vorzüge ihrer Wirkung.
Die Wirkungsstruktur der Erwerbskörper, welche die Keimzelle "Mensch" aufbaut, wird immer verzweigter: sie wird immer schwieriger zu überschauen. Behält man jedoch die künstlichen Organe und ihre Auswirkungen auf die Energonstruktur im Auge, dann verfügt man über den Schlüssel zum Verständnis der meisten dieser Verflechtungen.
Neunte Auswirkung: Die künstlichen Organe können auch "gemietet" werden. Der Mensch muß sie nicht zur Gänze erwerben, sondern kann sie - bei geringeren Kosten - nur für die Zeit des benötigten Gebrauchs in seinen Besitz bringen. Das bedeutet eine weitere Energieeinsparung. Zu besonderer Bedeutung kam dieser Vorgang als Mittel zum Erwerb von menschlicher Leistung.
Miete ich etwa die Dienste eines Botengängers, dann wird dieser für die betreffende Zeit mein Wirkungsträger, mein künstliches Organ. Miete ich die Dienste eines Rechtsanwaltes, eines Friseurs oder einer Dampfschiffgesellschaft, dann ist es ebenso. Lasse ich mich versichern, dann wird die betreffende Versicherungsgesellschaft für die Gültigkeitsdauer der Polizze mein Wirkungsträger. Gehen wir
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in ein Theater, dann mieten wir - in diesem Fall zu unserem "Luxus" - anteilig die Dienste des Theaters und des Ensembles.
Heute sind die großen Gemeinschaften so organisiert, daß jedem Menschen geradezu unzählig viele potentielle Wirkungsträger zur Verfügung stehen. Hat er genug Energieüberschüsse, um ihre Dienste zu mieten, dann werden sie - für eine entsprechende Zeit - ihm dienende Organe.
Das bedeutet eine bereits kaum mehr zu überschauende Vielheit von Wechselwirkungen und Verflechtungen. Zentrum ist immer noch ein organisch gebildeter Kern: die Keimzelle Mensch. Rings um diese lagert sich eine immer größere Anzahl von organisierten Einheiten, die kurzfristig angegliedert werden und dann Wirkungen für den betreffenden Erwerbskörper erbringen. Ja solche Dienste können bereits ausgeführt worden sein, ehe das Zentrum Mensch noch auf den Gedanken gekommen ist, sie in Anspruch zu nehmen. Das gilt für sämtliche Produkte, die nicht auf Bestellung, sondern auf Lager produziert werden. Kaufe ich ein Grammophon, dann erwerbe ich durch den Kaufpreis anteilig ein Leistungsergebnis der betreffenden Fabrik. Dieses ist aber bereits erbracht worden, wenn ich den Mietpreis für diese Leistung - den Preis für das Grammophon bezahle.
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Zehnte Auswirkung: Auch Pflege, Reparatur und Erneuerung der künstlichen Organe kann anderen, die sich darauf spezialisieren, übertragen werden. Hier allerdings steht dem Vorteil auch ein Nachteil gegenüber. Pflanzen und Tiere sind sehr autark. Sie pflegen und reparieren die einzelnen Wirkungsträger im "eigenen Betrieb", können manche bei Verletzung oder Verlust sogar neu herstellen. Bei den künstlichen Organen des Menschen kann es dagegen schwierig werden, eine Reparatur ausgeführt zu erhalten. Das fällt aber nur geringfügig ins Gewicht gegenüber dem Vorteil, daß im Prinzip jeder Wirkungsträger gesondert pflegbar und fast ausnahmslos ersetzbar wird.
Elfte Auswirkung: Wird ein künstliches Organ nicht mehr gebraucht, kann es ohne weiteres "liquidiert" werden. Man wirft es weg - oder kann es sogar "verkaufen". Bei Tieren und Pflanzen sieht die Sache anders aus. Nicht selten kam es zu Veränderungen der Umweltbedingungen, oder ein Energon wechselte auf eine andere Erwerbsform über: dann wurden Organe überflüssig und zur Bürde. Nur Veränderungen im Erbrezept konnten sie beseitigen, das mochte jedoch hundert oder tausend Generationen lang dauern. Bis dahin brachte jedes neu entstehende Energon der betreffenden "Art" immer wieder diese überflüssig gewordenen Einheiten hervor und mußte sie auch noch laufend ernähren. Die
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Möglichkeit, solche funktionslose Teile im Handumdrehen abstoßen zu können - oder sie sogar noch (bei Verkauf) in einen Energiewert zu verwandeln - war ebenfalls ein wichtiger Fortschritt.
Zwölfte Auswirkung: Von geradezu ungeheurer Bedeutung war es, daß durch die künstlichen Organe plötzlich die Energone nicht mehr artgleiche Nachkommen hervorbringen mußten. Jede Tanne kann immer nur Tannen produzieren, ein Löwe immer nur weitere Löwen. Aus den Erträgnissen der vom Menschen gebildeten Berufskörper und Betriebe brauchen aber durchaus nicht immer nur artgleiche Energone gebildet zu werden. Aus dem Ertrag einer Schusterwerkstatt kann sehr wohl auch ein Tabakgeschäft oder ein Nachtlokal finanziert werden. Im Menschen überwand die Evolution das gewaltige Handikap der erzwungenermaßen artgleichen oder (bei Mutationen) artähnlichen Vermehrung. Sind die Lebensbedingungen für Maikäfer schlecht, für Veilchen dagegen günstig, dann kann trotzdem der Maikäfer nur Maikäferjunge, nicht aber Veilchen hervorbringen. Der bloße Gedanke an eine solche Eventualität erscheint uns grotesk - aber nur deshalb, weil wir daran gewöhnt sind, die artgebundene Vermehrungsweise als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Vom Energonaspekt her betrachtet war dies eine starre Eingeleisigkeit, zunächst praktisch nicht zu umgehen - aber eben doch eine Bürde.
Die vom Menschen gebildeten Energone sind von dieser Artgebundenheit befreit, sie sind hinsichtlich ihrer Vermehrung nicht mehr an die Art "festgenagelt". Ist etwa die Konjunktur für Kinos ungünstig, dann ist der Eigentümer durchaus nicht gezwungen, weitere Lichtspieltheater zu eröffnen. Das Kapital - oder genauer: dessen beweglicher Anteil - wandert dann meist in andere Erwerbsbereiche, wo es bessere Verdienstchancen gibt. Auf Grund der nicht verwachsenen Wirkungsträger - und nur auf Grund dieser - gelangten also die Energone dahin, daß die Individuen einer Art auch Individuen einer ganz anderen hervorbringen konnten.9
Es kam so auch zu einer weit größeren Individualität in der Ausbildung der Energone. Während ein Hirschkäfer dem anderen fast genau gleicht oder eine Tanne fast genau der anderen, zeigen bereits Berufskörper der gleichen "Art" weit größere strukturelle Unterschiede. Der Artbegriff - von den Biologen am Herstellungsvorgang fixiert - verliert nun seine Schärfe. Die gleiche Erwerbsart
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erzwingt nach wie vor eine weitgehend ähnliche Grundstruktur, aber die Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Umweltbedingungen wurde ungemein größer. Noch im Mittelalter gab es nicht wenige Berufsstrukturen, die sich über viele Generationen hinweg konstant verhielten. Durch die Fortschritte der Technik und der Kommunikationsmittel werden jedoch die Energone zunehmend Einzelerscheinungen, die wohl immer noch - wie gezeigt werden wird - nach dem gleichen Prinzip, nach dem gleichen inneren Wertgerüst aufgebaut sein müssen, aber in den Einzelheiten ihrer Struktur fast ebenso variabel sind wie die Umwelten, in denen sie sich entfalten.
Dreizehnte Auswirkung: Schließlich eröffneten die künstlichen Organe der Keimzelle Mensch auch die Pforten zu Kultur, Kunst und Lebensannehmlichkeit - zu unserem eigentlichen "Menschsein". Um es kraß auszudrücken: Ein Tier konnte kaum eine seiner Annehmlichkeit dienende Gartenschaukel oder ein Silberbesteck für seine Nahrungsaufnahme hervorbringen. Auf Grund des Konkurrenzkampfes konnten Tiere kaum zu Organen gelangen, die bloß ihrer "Annehmlichkeit" und "Freude", nicht aber der Erwerbsanstrengung oder der Fortpflanzung dienten. Entstanden solche, dann waren sie im Erwerbskampf eine Belastung. Sie warfen ihre Energone entsprechend zurück, eliminierten sie.
Bei den aus nicht verwachsenen Wirkungsträgern aufgebauten Energonen wurde das plötzlich anders. Der erfolgreiche Geschäftsmann kann sehr wohl Überschüsse auch für seine Annehmlichkeiten verwenden, und die dazu dienenden Wirkungsträger (Sommervilla, Motorboot, Abendkleid) müssen deswegen durchaus nicht seinen Berufskörper behindern.
Gerade das Streben nach Annehmlichkeit und Freude - im weitesten Sinne - wurde für den Menschen zum größten Ansporn bei seinen Erwerbsanstrengungen. Ist ein Seifenfabrikant gezwungen, was er verdient, immer nur wieder in die Seifenfabrikation hineinzustecken, dann ist sein Leistungsimpuls sicher geringer, als wenn er die Erträgnisse auch zu einer Fahrt nach Mallorca oder zum Ankauf eines roten Sportkabrioletts verwenden kann.
Die künstlichen Organe eröffneten der Keimzelle Mensch nicht nur eminente Möglichkeiten zur Schaffung erfolgreicher Erwerbskörper, sondern aktivierten in ihr auch ganz entscheidende Impulse. Wenn die Welt so wurde, wie sie heute ist, dann liegt das sehr an diesem einen, so bedeutsamen funktionellen Fortschritt.10
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In der Physik vollzog sich in den letzten fünfzig Jahren ein bedeutsamer Wandel. Die Welt, für Newton noch durchaus anschaulich, entzog sich immer mehr der menschlichen Vorstellung und dem menschlichen Begreifen. Die Vorgänge in den Atomen kann unser Gehirn nicht mehr bildhaft reproduzieren. Wir können sie nur noch dem Geiste nach (über Formeln und Zahlen), jedoch nicht mehr den Sinnen nach verstehen.
Die Schlußfolgerungen der Energontheorie führen in der Biologie und in einigen Geisteswissenschaften - was man dort kaum willkommen heißen wird - zu einem ähnlichen Übergang. Manches, das sich in unserem bisherigen Denksystem höchst einfach und übersichtlich darstellte, verschwimmt zu einer geradezu unüberschaubaren Fülle von Verflechtungen. Anderseits aber führt diese neue Betrachtungsweise zu einer beträchtlichen Vereinfachung des Denkens. Es wird möglich, sämtliche Strukturen, welche die Lebensentwicklung weitertragen, in ein und dasselbe Begriffsystem einzuordnen. Es wird möglich, in den mannigfachen Sparten der Biologie, der Wirtschafts- und Staatswissenschaften zu einer einheitlichen Verständigungsmöglichkeit zu gelangen. Ja es sollte möglich werden, Erkenntnisse in einem Gebiet zur Erklärung von Phänomenen in anderen, bisher völlig abgetrennten heranzuziehen.
Bei sämtlichen Energonen ist die zentrale Tätigkeit
- mit der ihre Existenz steht und fällt - der Erwerb von Energie.
Diesen nehmen wir nun genauer aufs Korn.
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Anmerkungen:
1 Die von
McLuhan verwendete Bezeichnung "Medium", die auch von seinen Übersetzern
beibehalten wird, deckt sich begrifflich mit der Bezeichnung "künstliches
Organ". Als Medien bezeichnet McLuhan sämtliche künstlichen "Ausweitungen"
des Menschen, die Gesamtheit der von uns geschaffenen Hilfsmittel.
2 Siehe
B. Rensch, "Die Abhängigkeit der Struktur und der Leistungen tierischer
Gehirne von ihrer Größe", in "Die Naturwissenschaften", Bd.
45, 1958, S. 145 ff.
3 Vgl. W.
Köhler, "Intelligenzprüfungen an Menschenaffen", Berlin 1921.
4 Schon
Plato nannte den Menschen "ein Tier, das Utopien entwirft". Spinoza sagte,
der Geist "sei keine Kraft, die mit Vorstellungen hantiert", sondern bestehe
"selbst im Vorstellungsverlauf und in der Verkettung von Vorstellungen".
(Ethik II, S. 48.) Interessant ist die Frage, inwiefern auch den dem Bewußtsein
nicht zugänglichen Gehirnzentren ein ähnlicher Projektionsschirm
zur Verfügung steht. Viele Leistungen der sogenannten "Intuition"
dürften in der "unterbewußten" Tätigkeit dieser Gehirnteile
ihre Erklärung finden. (Vgl. dazu Konrad Lorenz: "lnnate Bases of
Learning".)
5 Der parasitäre
Krebs Sacculina wirft sogar den Großteil seines Körpers
samt Beinen und Augen ab, wenn er seinen "Wirt", eine Krabbe, gefunden
hat und nun wie eine Pflanze Wurzeln in diesen hineinsendet.
6 In der
Betriebswirtschaft spielen ähnliche Grundvorstellungen eine Rolle.
So definiert W. Bouffier das Kapital als "die in Geldwert ausgedrückte
Verfügungsgewalt
über
Vermögensgüter" ("Einführung in die Betriebswirtschaftlehre",
Wien 1946, S. 23).
7 Das ist
etwa bei den Larven der Gallmücke Miastor der Fall. R. Hesse
beschreibt dies so: "Sie fressen die Mutter aus, ernähren sich also
von deren Körperbestandteilen, bis nur noch der Schlauch der Körperkutikula
übrig ist, der schließlich zerreißt und die Jungen freigibt."
Dies ist eine der so mannigfachen Formen der "Brutpflege", der "Ernährung
des Keimes". ("Tierbau - Tierleben", Jena 1943, Bd. 2, S. 411.)
8 Besonders
auf diesen Punkt hat Wilhelm Ostwald hingewiesen ("Die energetischen Grundlagen
der Kulturwissenschaft", S. 81 ff.). In Teil 2 / Kap. IV und V komme ich
ausführlicher auf diese Problematik zurück.
9 A. Naef
schrieb: "Natura non facit saltus! Jedes Formelement ist an vorherige gebunden
und bestimmt nachfolgende, sofern es nicht an einem blinden Zweigende des
Lebensbaumes steht. Es gibt morphologisch nichts schlechthin neu Auftretendes!"
("Handwörterbuch der Naturwissenschaften", Jena 1932, Bd. 7, S. 4.)
Gerade dies änderte sich am Entwicklungspunkt Mensch. Von hier ab
wurde jeder "Saltus" (Sprung) möglich. Durch den Wirkungsträger
Zentralnervensystem und dessen Leistung "menschliche Intelligenz" konnte
von nun ab schlechthin alles neu auftreten.
10 Der
hier so oft verwendete Vergleich zwischen Mensch und Keimzelle hat nur
funktionelle
Gültigkeit.
Die Keimzellen schaffen durch laufende Teilungen den vielzelligen Körper:
somit sind letztlich sie dann mit diesem identisch. Bei den menschlichen
Ausweitungen bleibt dagegen die "Keimzelle" individuell erhalten - geht
also nicht selbst in die Struktur ein, die sie schafft. Sie bleibt Individuum
- auch wenn dessen Individualität im Rahmen der so gebildeten Körper
eingeschränkt wird. Von der Funktion her aber ist der Vergleich vertretbar:
Sowohl die Keimzelle wie auch der Mensch bilden Lebensstrukturen höherer
Integrationsstufe.