DIE WIRKUNGSTRÄGER
Unser Blick auf das Leben ist durch den absoluten
Schnitt verdunkelt, unmöglich gemacht, den wir immer wieder zwischen
dem Natürlichen und dem Künstlichen machen.
Wer der Energontheorie ablehnend gegenübersteht - und das ist ja wohl zunächst jedermann -, wird sich mit diesem und dem folgenden Kapitel besonders auseinandersetzen müssen. Hier versuche ich, den eigentlichen Fehler in unserem bisherigen Denken aufzuzeigen.
Man führe sich die große Verschiedenheit eines Organismus und einer vom Menschen gebildeten Erwerbsstruktur an einem praktischen Beispiel vor Augen. Vergleichen wir etwa den Körper einer Eidechse mit einem größeren Betrieb, etwa mit einer Maschinenfabrik. So ziemlich alles erscheint da unseren Sinnen grundverschieden.
Der Körper der Eidechsen besteht aus Geweben und Organen, die aus lebenden Zellen bestehen oder zumindest von solchen aufgebaut sind (etwa die Knochen). In der Fabrik sehen wir aus Stein und Beton gebildete Wände, aus Eisen gefertigte Maschinen, aus totem Holzbestehende Einrichtungen. Der Körper der Eidechse ist eine organisch verwachsene Ganzheit; in der Fabrik sind wohl die Maschinen festgeschraubt, und alles hat mehr oder minder seinen Platz - auch dieser Betrieb ist eine Art Ganzheit -, organisch verwachsen sind die Teile aber nicht. Die hier tätigen Menschen bewegen sich frei umher. Der größte Unterschied ergibt sich jedoch, wenn man nach der Herkunft der einzelnen "Teile"' fragt. Bei der Eidechse ist alles aus einer gemeinsamen Keimzelle hervorgegangen - nach den Kommandos der in den Chromosomen gelegenen Erbanlagen bildete sich durch Zellteilung und Zelldifferenzierung allmählich dieser Körper. Die Maschinenfabrik ist völlig anders entstanden. Der Unternehmer formte in seinem Gehirn einen Plan, der hier Wirklichkeit wurde. Er entschloß sich, ein Werk von ebendie-
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ser Größe zur Herstellung bestimmter, auf dem Absatzmarkt benötigter Maschinen aufzubauen. Diese Grundidee wurde von Fachleuten ausgearbeitet, Kapital wurde beschafft, die einzelnen Gebäude in Auftrag gegeben, Maschinen und Werkzeuge bestellt, geeignete Fachkräfte engagiert. Fast jeder Teil in diesem Betrieb hat andere Herkunft. Manche - etwa die Generatoren - waren fertig, ehe der Unternehmer überhaupt die Idee zu dieser Gründung hatte. Die übrigen wurden an verschiedenen Stellen erzeugt, eine große Zahl kam aus anderen Ländern. Manche der Werksangehörigen hatten vorher in anderen Betrieben gearbeitet. Alles wurde an diesen Ort gebracht und nach einem bestimmten Plan kombiniert. Die Entstehung der "Teile" vollzog sich hier somit völlig anders als bei der Eidechse.
In einer Eigenschaft allerdings sind die Teile der Eidechse und der Maschinenfabrik einander völlig gleich. Jeder Teil - hier wie dort - hat eine bestimmte Funktion, ist also aufgabenerfüllend. Teile, die keine Funktion haben, sind hier wie dort überflüssig, ja unter Umständen eine Belastung. Damit sind wir bereits auf einen gemeinsamen Faktor gestoßen. Ob es eine Eidechse ist oder ein Betrieb: funktionslose Teile sind ein Nachteil - sofern sie Abläufe behindern oder Kosten verursachen, also die Konkurrenzfähigkeit negativ beeinflussen. In der Bilanz kommt das notwendigerweise zum Ausdruck. Stehen zwei Energone - wie immer sie aussehen mögen - im Konkurrenzkampf und sind sie einander in allem gleich, ist jedoch das eine durch funktionslose Einheiten belastet, dann hat das andere einen Vorteil.
Dieses gemeinsame Kriterium der Konkurrenzfähigkeit bedarf genauerer Betrachtung. Wie spielt sich die Aufgabenerfüllung der "Teile" im einzelnen ab?
Hier wie dort gibt es Einheiten, die bloß eine einzige Funktion erfüllen, sowie andere, die mehrere ausüben. Die Augen der Eidechse dienen zu nichts anderem als zum Sehen, die Leber dagegen hat mehr als fünf verschiedene Funktionen. Ähnliche Unterschiede gibt es in der Fabrik. Die Generatoren leisten keinen anderen Dienst als den, Strom zu erzeugen. Dagegen hat der kaufmännische Direktor - der letztlich ja ebenfalls eine aufgabenerfüllende Einheit dieses Betriebes ist - eine ganze Reihe von Funktionen. Eine weitere Ähnlichkeit besteht darin, daß hier wie dort Einheiten Bestandteile größerer Einheiten sind. Im Verhältnis zueinander können die Teile anderen über- beziehungsweise untergeordnet sein. Bei der Eidechse ist die Iris ein Teil des Auges und dieses wiederum ein Teil des Kopfes. Bei dem Betrieb sind die Zähne eines Zahnrades funktionelle Einheiten dieses Rades, das Rad selbst ist eine funktionelle Einheit der betreffenden Maschine. Dabei ist die größere Einheit nicht unbedingt wichtiger als ihr Teil. Ohne Iris funktioniert das Auge der Eidechse nicht, ohne Zahnrad funktioniert die Maschine nicht. Worauf es also letztlich hier wie dort bei jeder der vielen Einheiten ankommt, sind ihre Wirkungen. Wie immer sie aussehen, sie sind Wirkungsträger. An ihrem jeweiligen Raum-Zeit-Punkt üben sie im Rahmen des Gesamt-
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gefüges notwendige Wirkungen aus. Daraus ergibt sich ihre Zweckmäßigkeit - ihre Notwendigkeit.
Das ist nicht nur bei Eidechse und Maschinenfabrik so, sondern gilt überhaupt für alle tierischen und pflanzlichen Organismen und für alle von Menschen geschaffenen Erwerbsstrukturen. Sie bestehen samt und sonders aus Wirkungsträgern. Je besser und billiger, das heißt je energiesparender die jeweilige Wirkung erbracht wird, desto günstiger für das Energon. Die Bilanz wird verbessert - und dadurch wieder die Konkurrenzfähigkeit.
Hier mag eingewendet werden, das sei eine Binsenwahrheit, das wisse sowieso jeder. Das ist insofern nicht richtig, als wir nun eine gemeinsame Eigenschaft ermittelt haben, die eine gemeinsame Bezeichnung dieser äußerlich so verschiedenen "Teile" rechtfertigt. Jedes Energon ist samt und sonders aus Wirkungsträgern aufgebaut. Wirkungsarme oder funktionslose Einheiten sind für jedes Energon Klötze am Bein. Um konkurrenzfähig zu sein, muß das Energon sich ihrer nach bester Möglichkeit entledigen.
In der Soziologie und Staatslehre sind Wortverbindungen mit dem Begriff "Träger" ziemlich verbreitet. Man spricht dort von "Trägern der Staatsgewalt", von "Trägern der öffentlichen Meinung", von Organisationsträgern, Kulturträgern, Rechtsträgern und Machtträgern.1 Othmar Spann, der, von ganz anderen Vorstellungen ausgehend, zu manchen ähnlichen Ergebnissen kam, bezeichnete die Produktionsmittel als "Leistungsträger". Gutenberg verwendete für Einheiten in Betrieben das Wort "Funktionsträger", das auch in der Biologie bereits aufgetaucht war.2 Ich halte die Bezeichnung "Wirkungsträger" für neutraler und daher besser. Außerdem ist Funktion etwas Potentielles, Wirkung dagegen etwas Aktuelles. Eine Funktion kann sehr wohl auch wirkungsarm sein. Und Wirkungen sind es, woraus sich letztlich jedes Energon zusammensetzt. Die materiellen Einheiten, die diese Wirkungen erbringen, sind Träger dieser Wirkungen - also Wirkungsträger.
Wirkungsträger sind sowohl Gewebe als auch Organe oder einzelne Zellen, sowohl die "Organellen" innerhalb der Zellen als auch die aus zahlreichen Organen aufgebauten "Organapparate" (etwa der Fortpflanzungsapparat) und die "Organsysteme" (etwa das Nervensystem).
In den Betrieben sind Gebäude, Anlagen und Maschinen Wirkungsträger, ebenso Angestellte, Abteilungen und Stäbe. Im Staat ist jedes Ministerium ein Wirkungsträger, ebenso jede Behörde, jeder Polizist und jedes Ressort.
Nach dieser Gemeinsamkeit nun zu den Verschiedenheiten. Bei den Tieren und Pflanzen sind die Teile aus lebender Substanz aufgebaut. Sie sind fest miteinander
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verwachsen. Sie gehen aus einer gemeinsamen Keimzelle hervor. Das sind die drei wesentlichen Punkte, in denen sie sich von den künstlich gebildeten Einheiten unterscheiden, aus denen sich die Berufskörper und Erwerbsorganisationen aufbauen. Ich behaupte, daß keines dieser Unterscheidungsmerkmale von wirklich grundsätzlicher Bedeutung ist. Es handelt sich hier bloß um ein anderes Wachstums- und Bildungsprinzip, das schon bei den Organismen nachweisbar ist, jedoch erst beim Menschen zur Entfaltung kam und unseren eminenten Aufstieg ermöglichte.
Wir wenden uns jetzt einigen bisher als Nebensächlichkeiten abgetanen Phänomenen zu, die jedoch zum Verständnis der Evolution von allergrößter Bedeutung sind.
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Erstes Objekt unserer Betrachtung: die Stacheln eines Rosenstrauches. Funktion dieser spitzen Wirkungsträger ist es, größere pflanzenfressende Tiere vom Verspeisen der Blätter abzuhalten. Sie üben also Schutzwirkung aus. Aufgebaut sind sie aus Zellen. Später sterben diese ab, indem sie immer mehr verholzen. Der Stachel wird dadurch noch härter, seine Abwehrwirkung entsprechend größer. Das ist ein Beweis dafür, daß die Funktionserfüllung nicht unbedingt und notwendigerweise an den lebenden Zustand geknüpft ist. Im Falle dieser Stacheln wird die
Abbildung 2: Organbildung bei Amöben
a) Amoeba euglypha baut aus selbstgebildeten Kalkplättchen ein schützendes Gehäuse auf.
b) Amoeba difflugia bildet ein ganz ähnliches Gehäuse aus Sandkörnchen. Sie verwendet also bereits fertig in der Umwelt vorhandene Einheiten und macht diese zu Bestandteilen ihres Wirkungskörpers.
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Funktionserfüllung sogar verbessert, wenn das lebende "Material" in den toten Zustand übergeht.3
Bei Bäumen ist es ähnlich. Wenn durch Verholzen der Zellen der Stamm abstirbt, verbessert sich dessen Funktionserfüllung. Die gewaltige Last der Baumkrone einer Eiche könnte wohl kaum von einem Stamm, der aus lebenden Zellen besteht, getragen werden.
In anderen Fällen wird der Wirkungsträger von vornherein aus totem Material aufgebaut. Das zeigen die Skelette der Radiolarien, die Panzer der Krebse und Insekten, die Schalen der Schnecken und Muscheln. Die lebenden Zellen üben hier nur noch die Funktion der Herstellung aus. Der Wirkungsträger selbst besteht von Anfang an aus anorganischem beziehungsweise totem Material.
Der Wirkungsträger muß aber nicht einmal unbedingt von den Zellen selbst hergestellt sein. Das zeigen etwa Amöben, die Schutzpanzer bilden. Bei der Gattung Euglypha scheidet das Tier selbst kleine Kalkplättchen ab, bei der Gattung Difflugia wird durch Zusammenkitten von Sandkörnern ein ganz ähnlich aussehendes Gehäuse gebildet (Abb. 2). Vom Standpunkt der Energiebilanz bedeutet das, daß die Amöben der einen Gattung das Rohmaterial in ihren Körper aufnehmen und entsprechend gestalten müssen. Das dürfte teurer kommen als die Verwendung von Sandteilchen, wenn solche in der Umwelt reichlich vorhanden sind. Für beide Tätigkeiten ist - das muß man im Auge behalten - ein besonderes, irgendwo im Körper verankertes Aktionsrezept notwendig, das sich in der Generationsfolge bilden mußte. Wir stehen hier also schon bei Einzellern vor verschiedenen "Verfahren", die zur Bildung eines ungefähr gleich wirksamen Wirkungsträgers führen. Im einen Fall wird der Wirkungsträger vom Körper selbst hervorgebracht, im anderen bedient sich der Körper schon bestehender Einheiten. Von der Bilanz her ergibt sich daraus kein grundsätzlicher Unterschied. Worauf es ausschließlich ankommt, sind die Abwehrwirkung des Panzers und dessen Herstellungskosten.
Solche Beispiele gibt es in großer Zahl. Die Bienen bauen ihre Waben aus körpereigenem Material, dem aus Drüsen abgeschiedenen Wachs. Die Wespen bauen ganz ähnliche Waben aus Pflanzenteilen, die sie zerkauen und mit Abscheidungen aus Munddrüsen zusammenleimen. Von der Bilanz her ist hier wie dort bloß von Bedeutung, was jeder dieser Vorgänge an Energie kostet und wie gut die Waben die benötigte Wirkung erbringen. Ob sie aus Material bestehen, das vom Körper abgeschieden oder von anderswoher gewonnen wird, fällt nicht ins Gewicht.
Noch ein Beispiel: Besonders für Landtiere sind Organe wichtig, die dem Körper melden, wo oben und unten ist. Meist haben diese Wirkungsträger die Form eines Bläschens, das mit druckempfindlichen Zellen ausgekleidet ist und in dem
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sich kugelige oder scheibchenförmige Körper befinden (Statolithen). Je nach der Lage des Tieres drücken diese auf die eine oder andere Seite, das wird dem Zentralnervensystem weitergemeldet und dort verarbeitet.
Bei den meisten Tieren werden die Statolithen von Zellen abgeschieden. Bei den zehnfüßigen Krebsen dagegen mündet das Bläschen mit einer Öffnung nach außen, und der Krebs stopft (nach jeder Häutung) durch diese Öffnung Sandkörner oder kleine Steine hinein, die ihm nun als Statolithen dienen. Daß sie für ihn wichtige - ja unentbehrliche Wirkungsträger sind, steht außer Zweifel. Sind sie nun etwa nicht Teile seines Körpers, nur weil sie nicht von dessen Zellen abgeschieden wurden?
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Nächste Frage: Ist nur das Teil eines Tieres oder einer Pflanze, was mit ihm verwachsen ist? Betrachten wir die Erwerbsformen einiger Wassertiere und einiger Spinnen (Abb. 3).
Unter den Meereswürmern gibt es Arten, die Kleinlebewesen mittels klebriger Fortsätze fangen. Diese sind fadenartige, um das Maul angeordnete Organe, die
Abbildung 3: Verwachsene und nicht verwachsene Organe
a) An den klebrigen Farngarnen eines "Leimrutenfängers" (Vermetus) haften vorbeitreibende Kleinlebewesen fest.
b) Die Lassospinne (Dicrostichus) schleudert einen Faden mit klebrigem Endtröpfchen gegen Insekten und erbeutet sie so.
c) Das Fangorgan der Netzspinne. Ihr Netz ist nicht mehr mit ihrem Körper verwachsen.
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wie eine Leimrute vorgestreckt werden. Vorbeischwimmende Kleinlebewesen kleben daran fest, die Fortsätze werden eingezogen, und die Beute wird verspeist. Auch in anderen Tiergruppen gibt es diese Erwerbsart, man faßt diese Tiere als "Leimrutenfänger" zusammen. Daß diese Leimruten vom Körper hervorgebrachte und mit diesem verwachsene Organe sind, steht außer Zweifel.
Eine ähnliche Erwerbsart übt die australische Spinne Dicrostichus aus. Sie scheidet aus einer Spinndrüse einen Faden ab, an dessen Ende sich ein klebriges Tröpfchen befindet. Diesen hält sie wie ein Lasso mit einem Vorderbein und schleudert ihn gegen vorbeikommende Insekten. Klebt eines daran fest, wird es herangezogen und verspeist. Das Fangwerkzeug ist hier noch immer vom Körper hervorgebracht - richtig verwachsen ist es aber nicht mehr.
Schließlich die uns wohlbekannten Spinnen, die ein Netz bauen. Dieses ist bereits völlig getrennt vom Körper der Spinne. Gehört es nun zu ihrem Körper oder nicht?
Nach bisheriger Denkgepflogenheit ist es nicht Teil des Körpers - einfach deshalb, weil es nicht mit ihm verwachsen ist. Stellen wir nun aber Leimrutenfänger, Lassospinne und netzbauende Spinne nebeneinander, dann wird offenbar, daß eine solche Trennung ganz willkürlich ist. Von der Bilanz her betrachtet - und diese ist es, die letztlich über Sein und Nichtsein entscheidet - ist es durchaus irrelevant, ob das Fangorgan am Körper festgewachsen ist oder nicht. Im Falle der Netzspinne wäre das sogar ein Nachteil.
Weder ist es also wesentlich, ob die Wirkungsträger aus körpereigenem Material bestehen, noch daß sie mit diesem verwachsen sind.4
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Dritter und wichtigster Punkt: Gehören nur solche Einheiten zu einem Tier oder einer Pflanze, die von der Keimzelle hervorgebracht wurden?
Der Panzer der Amöbe Difflugia, die Waben der Wespen und die Statolithen der zehnfüßigen Krebse haben uns bereits gezeigt, daß dem durchaus nicht so ist. Dafür gibt es aber noch viel eindrucksvollere Beispiele (Abb. 4).
Der Einsiedlerkrebs ist jedermann bekannt. Während bei seinen Verwandten der Schwanz ebenso gepanzert ist wie der übrige Körper, ist das bei ihm nicht der Fall. Er verbirgt sein ungeschütztes Hinterende in leeren Schneckenhäusern, die
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somit die bei anderen Krebsen vom Panzer ausgeübte Schutzwirkung übernehmen. Daß diese Schneckenhäuser zu sehr wichtigen Wirkungsträgern für den Einsiedlerkrebs werden, läßt sich experimentell leicht nachweisen. Nimmt man ihm das Haus weg, fällt er bald anderen Tieren zum Opfer. Das Schneckenhaus besteht weder aus lebendem Material, noch ist es mit ihm verwachsen, noch hat es die eigene Keimzelle hervorgebracht.
Die Wollkrabbe (Dromia vulgaris) tarnt sich, indem sie mit dem letzten Gehfußpaar einen Schwamm über ihren Rücken hält. Auch dadurch wird eine Schutzwirkung erzielt - die Leistung geht hier aber noch um ein Stück weiter als beim Einsiedlerkrebs. Bei diesem sind wohl Verhaltensrezepte entwickelt, die ihn befähigen, leere Schneckenhäuser zu erkennen und sie seinem Körper anzugliedern - ja unter mehreren wählt er sogar eines von passender Größe aus. Aber irgendwelche Veränderungen nimmt er daran nicht vor. Die Wollkrabbe dagegen schneidet sich den Schwamm mit ihren Scheren zurecht, bis er die zum Bedecken ihres Rückens passende Größe und Gestalt hat. Dafür sind bereits wesentlich kompliziertere - auch hier wieder angeborene - Aktions- und Reaktionsprogramme notwendig.
In diesem Fall ist die dem Körper angegliederte fremde Einheit (der Schwamm) bereits ein anderer Organismus. Bei zahlreichen Tieren führen solche Nutzbarmachungen anderer Energone noch wesentlich weiter.
Abbildung 4: Organerwerb bei Tieren
a) Bei den Krebsen ist normalerweise der Schwanz ebenso gepanzert wie der übrige Körper (Flußkrebs).
b) Der Einsiedlerkrebs verwendet leere Schneckenhäuser als schützende Panzer; er "erspart" sich die Panzerung des Schwanzes.
c) Die Wollkrabbe (Dromia vulgaris) steigert die Abwehrkraft ihres natürlichen Panzers durch Tarnung. Sie schneidet mit ihren Scheren einen Schwamm derart zurecht, daß er ihren Rückenschild genau bedeckt. Mit dem letzten Gehfußpaar hält sie ihn fest. Ein fremder Organismus wird so künstlich verändert und in ein Schutzorgan verwandelt.
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In der Außenhaut von Korallenpolypen und Muscheln findet man in großer Zahl einzellige Algen. Sie sind derart in das Körpergewebe verwoben, daß sie oft nur durch ihre Färbung von den übrigen Zellen zu unterscheiden sind. Beide Teile profitieren von diesem Verhältnis - es ist eine "Symbiose". Die Algen benötigen Kohlendioxyd, das in den tierischen Zellen als Stoffwechselprodukt abfällt. Es kann von ihnen also unmittelbar aufgenommen werden. Die tierischen Gewebe wieder benötigen Sauerstoff - diesen geben die Algen ab. Beim Wurm Convoluta, in dessen Körper ebenfalls solche Algen leben, geht das Abhängigkeitsverhältnis bereits so weit, daß dieser - im Gegensatz zu seinen Verwandten - kein Nierensystem mehr ausbildet. Die Algen beseitigen seine Stoffwechselschlacken. Verhindert man bei jungen Würmern dieser Art, daß sie sich mit solchen Algen infizieren, gehen sie bald zugrunde. Ohne eine entsprechende Einheit, die die innere Entgiftung bewerkstelligt, ist dieser Organismus nicht lebensfähig. Sind diese Algen nun Organe von Convoluta oder sind sie es nicht? Sie entstammen nicht seiner Keimzelle.
Dieser Punkt ist so wichtig und wendet sich so radikal gegen das bisherige Grundkonzept5 sowohl der Biologie als auch des allgemeinen Denkens, daß ich noch weitere Beispiele anführe.
Eine sehr schwer aufschließbare Nahrung ist die im Holz enthaltene Zellulose. Zu ihrer Verdauung (Spaltung) ist ein besonderes Ferment notwendig, das nur wenige Tiere erzeugen. Die Termiten, die ausschließlich von Holz leben, schaffen die Aufschließung auch ohne Produktion eines solchen Stoffes - und zwar mit Hilfe von Einzellern, die in einem Abschnitt ihres Darmes leben. Diese Organismen treten somit funktionell an die Stelle von sonst notwendigen Drüsen. Tötet man diese "Verdauungshelfer" - was durch Sterilisierung möglich ist -, frißt die Termite zwar weiter, verhungert jedoch. Auch hier stellt sich die Frage: Gehören diese Einzeller nun zu ihrem Körper oder nicht? Ohne sie kann das Energon. "Termite" nicht existieren - doch aus der Keimzelle sind sie nicht hervorgewachsen.
Es geht noch weiter: Andere Insekten, die mit Hilfe ähnlicher Verdauungshelfer Blut und Pflanzensäfte aufschließen, haben diese in besonderen, oft recht komplizierten Behältern untergebracht. Es sind vom Erbrezept aufgebaute Organe, "Mycetome" genannt (Abb. 5). Bei manchen Arten werden eigene Kanäle und Spritzvorrichtungen ausgebildet, die lediglich die Funktion haben, die Verdauungshelfer auf die Eier zu übertragen - also die Weitergabe an die Brut zu sichern. Beim Brotkäfer beschmiert das weibliche Tier die abgelegten Eier mit Kot, und den ausschlüpfenden Jungen ist das Verhalten angeboren, einen Teil der Eischale aufzufressen. So gelangen sie an die für sie lebensnotwendigen Ver-
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a) Blattfloh (Psylla buxi) mit verzweigten Mycetomen ("Symbiontenherbergen") im Abdomen (M).
b) "Beschmiereinrichtung" bei Cerogria heros. Die Bakterien sind hier in sackartigen Ausstülpungen untergebracht, die in unmittelbarer Verbindung mit dem Legeapparat stehen. Die Eier werden so bei der Ablage mit Bakterien infiziert.
c) "Bakterienspritze" bei Cleonus piger (einem Rüsselkäfer). Hier sind die sackartigen Ausstülpungen mit einer Längsmuskulatur versehen, und die Mündungsöffnung ist von einem Schließmuskel umgriffen. c2: Schnitt durch eine solche "Spritze". Das keulenförmige Organ ist im Inneren in Kammern aufgeteilt. Durch Zusammenziehen der Säcke werden die Bakterien auf die abgelegten Eier gespritzt.
Bisher hat man diese komplizierten erblichen Organe dem "Körper" der betreffenden Tiere zugeordnet, die darin enthaltenen Verdauungshelfer, die die lebenswichtige Funktion erbringen (und denen dieser ganze Aufwand dient), dagegen nicht. Näheres im Text.
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dauungshelfer. Sollen nun alle diese Hilfseinrichtungen (Organe, Verhaltensrezepte) zum Körper gezählt werden, weil sie vom Erbrezept geschaffen wurden, die Einheiten aber, die die eigentliche Funktion ausüben, nicht? Die bisher übliche Betrachtungsweise ist - gelinde gesagt - oberflächlich.6
Weder ist es Kriterium für die Zugehörigkeit zu einem Organismus, daß die Teile aus lebender Substanz bestehen müssen; noch müssen sie mit dem Körper fest verwachsen sein; noch müssen sie von der Keimzelle aufgebaut worden sein.
Sehr deutlich zeigt das auch das heute so aktuelle Thema der Organverpflanzung: Das Herz, das Dr. Barnard seinem Patienten Blaiberg einpflanzte, war nicht aus dessen Keimzelle entsprungen. Es gehörte zu einem anderen Körper, der 24 Jahre lang durchaus andere Wege ging. Für Blaiberg war das belanglos. Wesentlich für ihn war, daß sein eigener Wirkungsträger "Herz" die erforderlichen Dienste nicht mehr leistete und er ohne einen solchen nicht weiterleben konnte. Eine andere Einheit konnte dazu gebracht werden, diesen Dienst zu übernehmen - woher sie stammte, war sekundär.
Schon seit längerer Zeit setzt man bei defekter Herztätigkeit "Schrittmacher" unter die Haut ein, die dem Herz die zu seiner Tätigkeit nötigen Kommandos geben. In diesem Fall ist es ein technisches Gebilde, das eine Nervenstruktur ersetzt. Hört es zu funktionieren auf, bedeutet das den Tod des Individuums.
Um die hier vorliegende Problematik vom Evolutionsstandpunkt her zu würdigen, ist es notwendig, die Kompetenzen des Erbrezeptes näher zu betrachten.
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Die Erbrezepte (der "genetische Code") sind nicht etwa eine nebulose Vorstellung. Wie bereits gesagt, kann man sie im Elektronenmikroskop sichtbar machen (Abb. 25). Unsere heute bereits sehr genaue Kenntnis ihres molekularen Aufbaus verdanken wir den Forschungserfolgen der Biochemie in den letzten Jahrzehnten. Mehr als zehn Wissenschaftler haben für Teilarbeiten auf diesem Gebiet Nobelpreise erhalten.7
Für die Höherentwicklung der Organismen im Verlauf der Evolution waren diese Wirkungsträger eine notwendige Voraussetzung. Sie geben beim Fortpflanzungsvorgang alle erblichen Eigenschaften von einem Individuum auf das nächste
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weiter. Nur Änderungen an diesem Wirkungsträger selbst, also am Erbrezept, können somit zu erblichen Änderungen in der körperlichen Struktur führen.
Die Bezeichnung "Rezept" wird nur von wenigen Biologen gebraucht.8 Ich verwende sie, um den funktionellen Unterschied zur Steuerung zu unterstreichen. Rezept und Steuerung können zusammenfallen - bei den Erbrezepten dürfte das weitgehend der Fall sein. Funktionell handelt es sich aber um zwei sehr verschiedene Aufgaben - das kann man sich am Beispiel der vom Menschen gebildeten Energone besser klarmachen als bei den Vorgängen im Körper der Tiere und Pflanzen. Wie jeder Unternehmer weiß, ist es wesentlich einfacher, Leute zu finden, die nach gegebenem Programm Befehle erteilen können, als solche, die imstande sind, selbst neue zielführende Aktions- und Reaktionsprogramme zu entwerfen. Ganz allgemein gilt: Nicht die Steuerung ist die eigentliche Essenz zielführender Abläufe, sondern die dieser Steuerung zugrunde liegenden Koordinationsvorschriften. Was in der Evolution der Tiere und Pflanzen so enorm lange Zeit in Anspruch nahm, war nicht das Hervorbringen von Einheiten, die Befehle ausführen (und deren Ausführung überwachen) konnten, sondern das Hervorbringen der für diese Befehle notwendigen Rezepte.9
Theoretisch betrachtet ist die erste und einfachste Organisationsstufe die, auf der das jeweilige Erbrezept keine andere Leistung erbringt, als alle für den Organismus nötigen Organe aufzubauen. In diesem Fall ist die Tätigkeit der einzelnen Organe nicht koordiniert: eine zentrale Steuerung des Verhaltens fehlt dann. Bei den meisten Pflanzen sehen wir dieses Prinzip verwirklicht. Es gibt hier wohl mancherlei Wechselwirkungen zwischen den Teilen (Korrelationen), doch ein zentrales Organ zur Verhaltenssteuerung wird nicht ausgebildet. jede funktionelle Einheit - Blätter, Aste, Kanäle, Wurzeln - leistet bestimmte Funktionen, und das Zusammenwirken aller führt zu einer im Durchschnitt aktiven Energiebilanz.
Die zweite Stufe ist dann die, auf der das Erbrezept zusätzlich zu allen übrigen Wirkungsträgern noch einen besonderen aufbaut, dem die Verhaltenssteuerung obliegt. Dieses Prinzip ist bei allen Tieren verwirklicht, die ein Zentralnervensystem (Gehirn) ausbilden. Wichtig ist nun dies.- Für jede Steuerung muß dieses Organ über ein entsprechendes. Steuerungsrezept verfügen. Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe werden auch diese Steuerungsrezepte vom Erbrezept aufgebaut. Das Erbrezept baut also in diesem Fall nicht nur den gesamten Körper und
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eine zentrale Steuerungsstruktur auf, es stellt darüber hinaus auch noch die Verhaltensrezepte her, nach denen dieser Steuermechanismus den Körper dirigiert.
Das bedeutet also, daß das Verhalten angeboren sei. Ein Beispiel sind etwa die Insekten, die weitgehend durch solche Rezepte gesteuert sind. Ihre Aktionen und Reaktionen verlaufen demgemäß sehr maschinenhaft - ihre Fähigkeit, diese abzuändern und zu erweitern, ist gering. Wir sagen: Ihr Verhalten ist "instinktgesteuert". Wie diese "Instinkte" im einzelnen funktionieren, wodurch sie ausgelöst werden und wie sie miteinander verknüpft sind, ist schon weitgehend erforscht.10
Die dritte Entwicklungsstufe - es gibt hier alle erdenklichen Übergänge und Überlappungen - ist dadurch gekennzeichnet, daß das Gehirn fähig wird, selbst neue Verhaltensrezepte aufzubauen. Diese Fähigkeit kommt besonders den Säugetieren zu. Man nennt sie deshalb "Lerntiere". Ihre Verhaltensrezepte sind zum guten Teil nicht erblich festgelegt, sondern sie lernen das für ihr Leben Notwendige während der Jugendperiode über den Vorgang des "Spielens" und "Übens". Da diese Tiere somit nicht fertig zur Welt kommen, ist zusätzlich entsprechender Brutschutz und Brutpflege für ihre Entwicklung erforderlich.
Auf dieser dritten Stufe baut also das Erbrezept das Steuerungsorgan auf - liefert aber nur noch einen Teil der für das Verbalten notwendigen Rezepte. Das Gehirn ist leistungsfähiger geworden und vermag solche in individueller Auseinandersetzung mit der Umwelt selbst zu schaffen. Diese Tiere haben den Vorteil, sich in ihrem Verhalten den Umweltbedingungen weit besser anpassen zu können. Ihre Reaktionen sind weniger maschinenhaft. Sie sind nicht mehr das Werk des Erbrezepts. Ein anderer Wirkungsträger hat ihre Bildung übernommen.
Die Vorteile dieser Funktionsverlagerung - vomErbrezept auf das Zentralnervensystem - liegen auf der Hand. Das Erbrezept konnte sich in der Generationsfolge nur sehr allmählich verändern - etwa durch Mutationen. Zu Veränderungen im angeborenen Verhalten konnte es somit in der Evolution nur sehr allmählich kommen. Und war ein solches Verhalten nicht mehr zielführend - etwa bei Veränderungen der Umweltbedingungen -, dann konnte es auch nur sehr langsam wieder zurückgebildet werden. Das Zentralnervensystem dagegen konnte nun innerhalb einer einzigen Lebensspanne neue Verhaltensrezepte ausbilden, und taugten diese nicht, konnte es sich dieser wieder entledigen - sie einfach "vergessen". Das aber bedeutete die Möglichkeit zu einer unabsehbaren Leistungssteigerung. Die Energone konnten so um ein Tausend- oder Hunderttausendfachesschneller zu zielführenden Aktions- und Reaktionsprogrammen gelangen.11
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Zur Gänze hat auch der Mensch diese Stufe noch nicht erreicht. Auch uns sind noch manche Verhaltensnormen angeboren, werden also immer noch vom Erbrezept diktiert. Unser eher unklares Triebverhalten gehört hierher - aber auch konkrete Bewegungskoordinationen liegen noch in erblicher Fixierung vor. Das gilt zum Beispiel für die Suchbewegungen des Säuglings nach der Mutterbrust und für das Saugen selbst. Auch die Ausdrucksbewegungen der menschlichen Mimik dürften weitgehend angeboren sein.12
Die Stufenfolge lautet also:
Zweite Stufe: Das Erbrezept baut zusätzlich ein besonderes Organ auf, welches das Zusammenwirken der Organe koordiniert, und liefert außerdem die dazu nötigen Rezepte.
Dritte Stufe: Das Zentralnervensystem übernimmt die Funktion der Rezeptbildung. Die Rezepte sind nun nicht mehr angeboren, sondern erworben.
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Genauso wie die Schaffung der Verhaltensrezepte schrittweise in die Kompetenz des Zentralnervensystems überging, verlagerte sich auch die Schaffung der Aufbaurezepte auf dieses Organ.
Auf der ersten (niedersten) Stufe baut das Erbrezept sämtliche körperlichen Strukturen auf. Alle Wirkungsträger sind somit "angeboren".
Die zweite Stufe demonstriert uns der Einsiedlerkrebs. Die schützende Einheit für seinen Schwanz baut nicht mehr sein Erbrezept auf - sondern deren Beschaffung erfolgt über ein Verhaltensrezept. Dem Krebs ist angeboren, nach leeren Schneckenhäusern zu suchen und seinen Schwanz darin zu verstecken. Das bedeutet: Auch diese Organbeschaffung wird immer noch vom Erbrezept diktiert - aber nur mehr indirekt. Das Erbrezept baut diese Einheit (den Panzer) nicht mehr selbst aus Zellen auf, sondern bildet ein Rezept, auf Grund dessen der Körper diese schützende Einheit erwirbt. Die Organbeschaffung geht also auf das Zen-
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tralnervensystem über - die Vorschrift, wie das zu erfolgen hat, wird aber noch vom Erbrezept geliefert.13
Die dritte Stufe in dieser Parallelentwicklung entspricht genau jener bei der Entwicklung der Verhaltenssteuerung: Das Zentralnervensystem wird schließlich fähig, auch Rezepte zur Organfindung oder zum Organaufbau selbst zu bilden. Das ist genau die Schwelle, die der Mensch überschritten hat. Die geistigen Fähigkeiten unserer Vorfahren erreichten einen Punkt, wo es ihnen möglich wurde, nicht nur individuell Rezepte für das Verhalten aufzubauen - sondern auch solche zur Bildung zusätzlicher Wirkungsträger.
Jedes menschliche Kind, das die Verwendbarkeit eines Stockes erprobt oder aus Teilen eine funktionelle Einheit zusammenzufügen versucht, demonstriert uns die Anfangsstadien in dieser Entwicklung. Die Möglichkeiten, die sich für die Machtentfaltung der Energone aus diesem Fortschritt ergaben, waren außerordentlich. Das Energon Urmensch konnte plötzlich den genetisch gewachsenen Leib durch beliebig viele zusätzliche Einheiten erweitern.
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Eine vierte Entwicklungsstufe - auf beiden Entwicklungsgeleisen - folgte dichtauf. Durch die Fähigkeit des Nachmachens (die nur wenige Tiere haben), durch bewußtes Vormachen (Erziehung) und vor allem durch die Entwicklung der Informationsträger "Sprache" und "Schrift" gelangte der Mensch dahin, individuell gebildete Rezepte - sowohl solche des Verhaltens als auch der Organbeschaffung oder künstlichen Organbildung - auf andere Menschen weiter zu übertragen.
Die besondere Bedeutung der Sprache liegt darin, daß durch sie Erfahrungen objektunabhängig weitergegeben ("tradiert") werden können. Objekte brauchen dem, der neue Rezepte entwickelt, nicht mehr in natura vorgezeigt zu werden - wie es beim Vormachen und Nachmachen der Fall ist -, sie können in Sätzen
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"beschrieben" werden. Durch die Schrift wurde dann die Informationsweitergabe sogar personenunabhängig. Durch dieses Hilfsmittel kann auch über Generationen hinweg eine Weitergabe an andere Menschen erfolgen. Radio und Fernsehen erweiterten noch diese Möglichkeiten. Heute kann eine Information in Sekundenschnelle an Menschen in jedem Weltteil gelangen.14
Man muß sich klarmachen, was diese Fortschritte - von der Evolution her - bedeuten.
Individuell erzielte Fortschritte brauchten nun nicht mehr über den Weg des Erbrezeptes weitergegeben zu werden. Dieses hätte eine solche Rezeptfülle auch niemals bewältigen können. Das Zentralnervensystem dagegen - ein aus Millionen, ja Milliarden von Zellen bestehendes Organ - kann eine ungleich größere Zahl von neuen Rezepten übernehmen.15 Selbst Rezepte aufbauen kann wohl das Individuum innerhalb seiner Lebensspanne nur eine sehr beschränkte Anzahl. Von anderen übernehmen kann es dagegen - je nach individueller Lernbegabung - ganz außerordentlich viele.
So vermochte nun eine Generation auf den Erfahrungen der vorhergehenden weiterzubauen. Der Mensch gelangte nicht nur zu erworbenem Verhalten, sondern auch zu einer ständig ansteigenden Anzahl erworbener Organe. Er bildete "künstliche Organe" - zusätzliche Wirkungsträger.
Das sind evolutionäre Zusammenhänge, die man bisher nicht erkannt hat und die ich in diesem Buch nachzuweisen versuche.16
Wenn dieser bedeutsame Entwicklungsverlauf bis heute nicht erkannt wurde, dann liegt das an einer uns seit Jahrtausenden eingefleischten, vom Sinnfälligen her diktierten Beurteilungsform. Die vom Menschen künstlich geschaffenen Einheiten bieten sich unserem beurteilenden Gehirn als etwas deutlich Getrenntes dar: deshalb erscheint es uns selbstverständlich, sie nicht als dem Körper, sondern der Umwelt zugehörig zu betrachten. Von der Lebensentwicklung her läßt sich jedoch nicht rechtfertigen, daß man auf Grund einer Funktionsverlagerung den Menschen von seiner "Technik" (im weitesten Sinne) abtrennt.
Man muß sich hier daran erinnern, daß es in der pflanzlichen und tierischen Evolution sehr oft zu Funktionsverlagerungen kam. - Wir kommen auf dieses
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Thema noch ausführlich zurück. Ein Beispiel: Innerhalb der Weichtiere (Mollusken) übernahm bei den Tintenfischen der Atemapparat zusätzlich die Fortbewegungsfunktion: sie schwimmen durch ruckweises Ausstoßen des Atemwassers. Niemand würde deshalb auf den Gedanken kommen, die Tintenfische auf Grund dieser Funktionsverlagerung aus der Lebensentwicklung ausklammern zu wollen. Am Entwicklungspunkt "Mensch" fand jedoch - funktionell betrachtet - auch nichts anderes als eine Funktionsverlagerung statt: das Zentralnervensystem übernahm zusätzlich die Funktion des Aufbaus weiterer Wirkungsträger. Die Folgeerscheinungen - das wird nicht bestritten - waren in diesem Fall ungemein größer. Diese Funktionserweiterung wurde zum Ausgangspunkt für die Bildung eines ganzen Reiches neuer, größerer Lebenskörper - so wie bereits einige Einzeller zum Ausgangspunkt der Entwicklung des Reiches der vielzelligen Organismen geworden waren. Eine neue Lebens"sphäre" entstand so, wie Teilhard de Chardin es nannte (er nannte sie "Noosphäre").17 Die Folgeerscheinungen waren also außerordentliche - doch eine prinzipielle Abtrennung des ersten Evolutionsteils vom darauffolgenden rechtfertigen sie keinesfalls.
Wie früh in der Evolution diese Entwicklung einsetzte, zeigt heute noch die bereits erwähnte Amöbe Difflugia. Schon dieser Einzeller bildet - erwirbt also - ein zusätzliches Organ: aus Sandkörnern baut er sich einen Panzer auf. Bei den Korallenpolypen, beim Wurm Convoluta und bei den Termiten sind es dann bereits andere Energone, die in das eigene Wirkungsgefüge eingebaut werden. Solange die Rezepte für solches Verhalten noch vom Genom beigesteuert werden mußten, konnte dieser Entwicklungsweg nur sehr beschränkt weiterführen. Als jedoch das Zentralnervensystem auch diese Tätigkeit übernahm, und besonders als dann über Sprache und Schrift die gebildeten Rezepte auch noch direkt an andere Individuen weitergegeben werden konnten, sprengten die Energone gleichsam die "Ketten", die bis dahin ihre Evolution gebremst hatten. Der Weg zu einer geradezu schrankenlosen Machtsteigerung war plötzlich frei.
Betrachten wir, wohin das im einzelnen führte.
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Anmerkungen:
1 W. Eucken
sprach sogar von "Bedarfsträgern". ("Grundsätze der Wirtschaftspolitik",
Hamburg 1959, S. 62.)
2
C. C. Schneider, "Lehrbuch der vergleichenden Histologie der Tiere", Jena
1902, S. 123.
3 Eine weitere
Funktion dieser Stacheln ist die Verankerung der Äste beim "Hochklettern".
Auch diese Funktion kann der verholzte Stachel besser ausüben.
4 Dies vertrat
bereits Hans Domizlaff: "Allseitige Sichtbarkeit" gehöre nicht zu
den "Bedingungen eines Lebewesens". Der "Zusammenhalt" könne auch
ein unsichtbarer sein. Den Ameisenstaat hätte man nur deshalb nicht
als Lebewesen - Domizlaff spricht von "Großorganismen" - angesehen,
weil er nicht "äußerlich festgewachsen" sei. ("Brevier für
Könige", Hamburg 1952, S. 98.)
5 Dieses
Grundkonzept lautet, brutal ausgedrückt: Die "Katze" endet am Ende
ihrer Schnurrbarthaare, die "Tanne" am Ende ihrer Wurzelspitzen.
6 Heute
deutet man sogar die Chloroplasten aller nucleobiontischen Pflanzen (das
sind solche mit kernhaltigen Zellen) als rückgebildete Einzeller (Cyanophyceen),
also als Symbionten. Dies würde ihre Fähigkeit zur Eigenvermehrung
erklären.
7 J. Lederberg
(1958), A. Kornberg (1959), S. Ochoa (1959), M. F. Perutz (1962), F. H.
Crick (1962), J. D. Watson (1962), M. H. Wilkins (1962), F. Jacob (1965),
J. Monod (1965), N. W. Niernberg (1968), H. G. Khorana (1968), R. H. Holley
(1968), M. Delbrück (1969).
8 Zum Beispiel
von dem Virusforscher W. Weidel. ("Virus, die Geschichte vom geborgten
Leben", Berlin 1957.)
9 In der
Biologie, vor allem in der Verhaltensforschung, wird heute vielfach von
angeborenen "Programmen" und von "Programmiertsein" gesprochen. Dieser
Begriff hat jedoch den Nachteil, daß er sich stark mit der Vorstellung
eines bewußten Agens, welches das Programm vorschreibt, assoziiert
(agere, lat., handeln, tun). "Rezept" scheint mir neutraler. Ein solches
kann übernommen werden, wie immer es auch zustande kam (recipio =
ich empfange).
10 Eine
vorzügliche Übersicht gibt I. Eibl-Eibesfeldt in "Grundriß
der vergleichenden Verhaltensforschung", München 1967. In Teil 4 /
Kap. II kommen wir noch ausführlicher auf dieses Thema zurück.
11 Auf
einen weiteren Vorteil wies Konrad Lorenz hin: Das Genom gewinnt erhöhtes
Angepaßtsein an die lebenswichtigen Bedingungen "nur durch Erfolg",
während der lernbefähigte Organismus "auch durch seine Mißerfolge
lernt". ("Innate Bases of Learning", S. 46.)
12 Dies
vermutete bereits Charles Darwin. ("The Expression of Emotions in Man and
Animals", London 1872.) Unbemerkt geschossene Filmaufnahmen bei verschiedenen
Völkern haben dies bestätigt. (H. Hass, "Wir Menschen", Wien
1968, S. 169 ff.)
13 Die
oft zitierten Beispiele für "Werkzeuggebrauch" im Tierreich sind hier
einzuordnen. (Der Spechtfink benützt Kaktusstacheln, um Insekten aus
Bohrlöchern hervorzuholen, die Weberameise verwendet ihre Larven als
"Weberschiffchen", um Blätter aneinanderzubinden). Es handelt sich
hier fast durchwegs um angeborene Leistungen. Erworbener Werkzeuggebrauch,
die nächsthöhere Entwicklungsstufe, ist weit seltener. In diesem
Buch wird die Bezeichnung "Werkzeug" vermieden, weil viele der vom Menschen
künstlich gebildeten Wirkungsträger nicht eigentlich Werkzeugcharakter
haben: etwa Kleider, Schuhe, Stühle, Häuser, Brücken, Straßen.
K. Stefanic-Allmayer spricht von "technischen Organen" ("Allgemeine Organisationslehre",
Wien 1950, S. 43). Doch diese Bezeichnung hat wieder den Nachteil, daß
sie sich nicht so gut auf die tierischen Vorstufen anwenden läßt.
14 M.
McLuhan vertritt die Ansicht, daß die Menschheit gleichsam in den
früheren Zustand der Dorfgemeinschaft zurückkehrt. So wie früher
im Dorf fast jeder erfuhr, was sich Besonderes zutrug, so gelangen wir
jetzt allmählich dahin, daß die Gesamtmenschheit geradezu augenblicklich
an
besonderen Ereignissen teilnimmt (Beispiel: Fernsehübertragung der
ersten Mondlandung). Vgl. Anhang III.
15 Die
Speichertätigkeit des menschlichen Gehirns wird heute auf 106 bis
108 bit geschätzt. (M. H. Mirow, "Kybernetik", Wiesbaden 1969,
S. 125.) Bit ist das von Claude Shannon entwickelte Maß für
Informationsgehalt: eine der modernen Informationstheorie - innerhalb der
Kybernetik - zugrunde liegende Größe.
16 Eine
graphische Darstellung des Gesamtvorganges gebe ich in Anhang IV.
17 Teilhard
de Chardin dürfte der einzige sein, der bisher in aller Konsequenz
dafür eintrat, daß die Schöpfungen des Menschen - sämtliche
vom Menschen "vitalisierte Materie" - ebenfalls Teil der Lebensentwicklung
sind. (Besonders zu empfehlen "Die Hominisation", Ineditum 1925, in: "Auswahl
aus dem Werk", Frankfurt 1967.) Auf die Grundgedanken Pater Teilhards gehe
ich in Anhang II näher ein.