EINLEITUNG
Man hält es heute für eine Selbstverständlichkeit, daß die vom Menschen geschaffenen Berufs- strukturen und Betriebe etwas grundsätzlich anderes sind als die tierischen und pflanzlichen Körper. Eine Schusterwerkstatt mit einer Heckenrose zu vergleichen oder einen Tausendfüßler mit einer Versicherungsgesellschaft erscheint völlig absurd.
In diesem Buch soll gezeigt werden, daß unser Denken uns hier täuscht. Was uns absurd erscheint, ist gerade die Realität. Wir sind in altherkömmlichen Denkschablonen festgefahren. Was unsere Sinne und unser Gehirn uns vorgaukeln, ist in vieler Hinsicht eine Illusion.
Sowohl in der Biologie als auch in der Wirtschaft ist man bis heute an dem sehr offensichtlichen Zusammenhang beider Bereiche achtlos vorbeigegangen. Alle Tiere, alle Pflanzen, alle menschlichen Berufsstrukturen und alle Erwerbsbetriebe haben die gleiche zentrale Ausrichtung, sozusagen das gleiche Existenzrückgrat. So verschieden sie auch aussehen, sie sind alle darauf ausgerichtet, ihr Energiepotential zu erhöhen. Ihre Existenz steht und fällt mit dieser einen Tätigkeit. Nur wenn es ihnen glückt, eine im Durchschnitt aktive Energiebilanz zu erzielen, können sie bestehen. Sie müssen mehr nutzbare Energie einnehmen, als ihre Erwerbsanstrengung sie selbst an Energie kostet. Wird ihr Saldo passiv, dann mögen sie sich noch aus Reserven oder durch Abbau der eigenen Struktur existent erhalten, bleibt es jedoch passiv, dann zerfallen sie, vergehen sie. Das gilt für jeden Wurm ebenso wie für eine Lokomotivfabrik, für jedes Bakterium ebenso wie für einen Geldschrankknacker.
Ohne Energie gibt es keinerlei Bewegung, keinerlei Vorgang, auch nicht für den tausendsten Teil einer Sekunde. Ohne Energie gibt es weder Aufbau noch Erhaltung irgendeiner Struktur; ohne Energie kein Wachstum und keine Vermehrung.
(Originalbuchseite 10)
Was Energie letztlich ist, kann bis heute kein Physiker sagen. Man hat, was das Wesen der Energie betrifft, noch nicht einmal einen Anhaltspunkt. Nach dem Weltbild der modernen Atomphysik mündet letztlich alles in Energie ... Energie liegt allen Erscheinungen zugrunde.
Energie ist ungemein wandlungsfähig. Sie tritt als Wärme in Erscheinung, als kinetische Energie, Elektrizität und chemische Energie. Weitere Erscheinungsformen sind Magnetismus, Massenanziehung, Kernkräfte und Ruhmassenenergie. Jede dieser Energieformen kann sich in jede andere verwandeln, und wir können auch bereits jede messen. Einheiten zur Messung der Energie sind unter anderen Erg, Kalorien, Pferdekraftstunden, Elektronenvolt, Wattsekunden. Jedes dieser Maße läßt sich in jedes andere umrechnen. Aber was das so ungemein Wandlungsfähige ist, das hier gemessen wird, das wissen wir nicht.
Die Tiere und Pflanzen wie auch alle vom Menschen geschaffenen Erwerbsstrukturen müssen aber nicht nur im Durchschnitt mehr Energie einnehmen, als diese Einnahme sie selbst kostet, sondern sie müssen darüber hinaus auch konkurrenzfähig sein. Sowohl im Reich der Organismen als auch im Wirtschaftsleben können Monopole nur schwer erreicht und behauptet werden. Fast immer stehen einer Erwerbsquelle mehrere Energieanwärter gegenüber. Die Folge: ein Konkurrenzkampf der Energieanwärter, der über deren Sein oder Nichtsein entscheidet.
Auf welche Besonderheiten stützt sich nun die Eigenschaft, die wir "Konkurrenzfähigkeit" nennen? Und sind es bei Pflanzen und Tieren andere Besonderheiten als bei den menschlichen Erwerbsstrukturen, oder sind es die gleichen? Ist es möglich, sie zu messen?
Bei den Tieren und Pflanzen treten uns "Individuen" und "Arten" gegenüber. Einzelne Individuen mögen im Konkurrenzkampf oder durch Umwelteinflüsse zugrunde gehen, das bedeutet aber nicht, daß die Art ausstirbt. Ständig sterben kleine Tannen ab oder gehen Gazellen zugrunde, aber die Arten bleiben bestehen: als ganz bestimmte raum-zeitliche Strukturen, die nicht nur erwerbsfähig, sondern auch konkurrenzfähig sind. Erst wenn sich die Umweltbedingungen derart verändern, daß der Konstruktionstyp nicht mehr zu einer aktiven Energiebilanz gelangen kann, kann dieser sich nicht halten: "stirbt aus". In der Evolution hat sich das Aussterben von Arten unzählige Male zugetragen.
Auch in dieser Hinsicht verhält es sich bei den menschlichen Erwerbsstrukturen ebenso. Auch hier kann man zwischen Erwerbsart und Erwerbsindividuum unterscheiden. Auch hier mag ein Berufstätiger arbeitslos werden oder ein Betrieb zugrunde gehen, die betreffende Berufs- oder Betriebsart stirbt deshalb nicht aus. Es handelt sich auch hier um raum-zeitliche Strukturen, die in einer bestimmten Umwelt erwerbs- und konkurrenzfähig sind. Verändern sich die Umweltfaktoren - besonders die Ergiebigkeit der Erwerbsquelle -, dann sind diese Strukturen dem Untergang geweiht. Auch Berufe und Betriebsarten sind im Lauf der menschlichen Geschichte "ausgestorben".
(Original-Buchseite 11)
Da es für energieerwerbende Systeme keine gemeinsame Bezeichnung gibt, nenne ich jedes solche System "Energon". Die Energone sind somit nicht durch ein besonderes Aussehen, sondern durch eine besondere Wirkung definiert.
Den Begriff "System" vermeide ich in diesem Buch, denn er wird verschieden gebraucht und ist deshalb mißverständlich. In den Naturwissenschaften ist es durchaus üblich, die Lebewesen als Systeme - als "lebende Systeme" - zu bezeichnen. In der Wirtschaft dagegen nennt man nicht die einzelne Erwerbsstruktur System, sondern die übergeordnete politisch-wirtschaftliche Konstruktion. Man spricht dort von planwirtschaftlichen oder marktwirtschaftlichen "Systemen", doch niemandem würde es einfallen, einen Goldschmied mit den zu seinem Beruf gehörenden Werkzeugen und sonstigen Einheiten oder gar einen Opernsänger ein "System" zu nennen. In jüngster Zeit faßt durch den Einfluß der Kybernetik der Systembegriff auch in der Betriebswirtschaft Fuß, zu den kleineren, einfachen Erwerbsstrukturen ist er noch nicht vorgedrungen. Der neue Begriff "Energon" überbrückt diese Schwierigkeit.
Jedes Energon ist ein arbeitsteiliges "Gefüge". Es besteht aus funktionellen Einheiten, die durch ihr Zusammenwirken eine aktive Energiebilanz erzielen. Bei den höheren Pflanzen und Tieren sind diese untergeordneten Einheiten Gewebe und Organe. Beim Berufstätigen treten zu den natürlichen Organen seines Körpers noch künstlich geschaffene Einheiten (Werkzeuge, Einrichtungen und ähnliches) hinzu. Bei den Betrieben, die sich aus zahlreichen Berufsstrukturen zusammensetzen, sind die untergeordneten Einheiten Angestellte, Maschinen, Anlagen, Abteilungen und dergleichen. Wesentlich ist, daß es in jedem Fall nicht eigentlich auf das Aussehen dieser Einheiten und auf die Art ihrer Funktionsausübung ankommt - sondern auf die jeweils erzielte Wirkung.
Diese Betrachtungsweise ist dem Mann der Wirtschaft geläufiger als dem Biologen. In den Betrieben können nicht selten Funktionen sowohl von einem Menschen als auch von einer Maschine ausgeübt werden. Und oft können sehr verschiedene Verfahren zum gleichen benötigten Ergebnis führen. Die Struktur einer untergeordneten Einheit und die Art ihrer Tätigkeit ist somit nur von sekundärer Bedeutung. Von primärer Wichtigkeit sind einzig die Wirkung und ihre Kosten. Nur diese beiden Faktoren beeinflussen die Bilanz. So betrachtet, bestehen die menschlichen Erwerbskörper letztlich nicht eigentlich aus materiellen Einheiten, sondern aus Wirkungen. Sie sind Wirkungsgefüge.
Bei den Tieren und Pflanzen sind die Teile nicht beliebig auswechselbar, wir sind deshalb gewohnt, diese Körper mit anderen Augen zu betrachten als die Betriebe. Aber auch hier kommt es bei den untergeordneten Einheiten nicht eigentlich auf deren äußere Gestalt und deren Funktionsweise an - sondern auf die Wirkung und deren Kosten an Energie. Auch hier wird nicht selten das gleiche
(Original-Buchseite 12)
Ergebnis auf sehr verschiedene Art erzielt. Allein die Stachelhäuter (Seesterne, Seewalzen, Seeigel) haben nicht weniger als fünf verschiedene Organtypen der Atmung hervorgebracht. Manche atmen durch Einstülpungen der Körperwand in die Leibeshöhle, andere durch Kiemen bei der Mundöffnung, wieder andere durch lungenartige Bildungen im After. Wesentlich ist auch hier bloß, daß dem Organismus die benötigte Gasmenge zugeführt wird - wie das im einzelnen erfolgt, ist von sekundärer Bedeutung. Auch hier können ganz verschiedene Verfahren zum gleichen Ergebnis führen. So ist in Trockengebieten die Speicherung von Wasser lebensnotwendig. Die in australischen Steppen lebende Kröte Chiroleptes platycephalus speichert Wasser in der Harnblase, in den Lymphräumen unter der Haut und in der Leibeshöhle - sie schwillt wie eine Kugel an, vergräbt sich 30 Zentimeter in die Erde und kann so Trockenperioden überstehen. Das Kamel wieder trägt in seinem Höcker Fettvorräte mit sich, aus denen es durch chemischen Abbau Wasser gewinnt. 30 Kilo Fett ergeben etwa 32 Liter Wasser. Hier wird mit verschiedenen Verfahren das gleiche erreicht. Wesentlich ist letztlich bloß die Wirkung.
Auch Tiere und Pflanzen sind also Wirkungsgefüge.
Wenn uns die menschlichen Erwerbsstrukturen als etwas so völlig anderes erscheinen als die pflanzlichen und tierischen Körper, dann liegt das vor allem an drei Dingen: ihre Teile bestehen weitgehend aus unorganischem Material (man denke etwa an Maschinen). Sie sind miteinander nicht fest verwachsen. Und sie haben eine völlig andere Entstehungsweise.
Ich werde zu zeigen versuchen, daß diese Unterschiede nicht grundsätzlicher Art sind. Der Energonbegriff ist mehr als eine bloße Modellvorstellung. Er zeigt Zusammenhänge auf, die der Begriff "Lebewesen" - seit Urzeiten von einer Generation an die nächste als Selbstverständlichkeit weitergegeben - uns verschleiert hat.
Ich werde zeigen, daß alle Energone - notwendigerweise - nach den gleichen Gesetzen aufgebaut sind und daß die so ausschlaggebende Konkurrenzfähigkeit bei allen auf den gleichen Grundvoraussetzungen beruht. Dabei geht es nicht etwa um metaphysische, mystische Vorstellungen, sondern um konkret meßbare Zusammenhänge.1
Auch die Staatskörper, so werde ich zeigen, sind Energone - oder Teile von solchen. Ihre Struktur ist jedoch schwieriger zu verstehen. Ihnen wenden wir uns deshalb erst am Ende des Buches zu.
(Original-Buchseite 13)
Ich behaupte jedoch nicht nur, daß Pflanzen, Tiere, menschliche Erwerbskörper und Staatsgebilde eine gemeinsame, uns bisher verborgen gebliebene Struktur haben, sondern ich werde den Beweis dafür antreten, daß alle diese Energone durch Stammesverwandtschaft verbunden sind. Bis heute herrscht die Überzeugung, daß die Evolution der Organismen im Menschen. ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, daß wir eine Art Endpunkt, wenn nicht gar Ziel der Organismenentfaltung, "Krone der Schöpfung" sind. Das ist jedoch eine Illusion, geboren aus übertrieben hoher Selbsteinschätzung. Die Evolution ist längst über uns hinweggeflossen. Sie setzt sich in den von uns gebildeten Berufskörpern, Erwerbsbetrieben und Staatsgebilden fort - in denen der Mensch nur eine Art von steuernder Keimzelle ist.
Das ist Ausgangspunkt der Gedanken, die hier vorgetragen werden sollen. Zentrum bildet die Energontheorie.
Im ersten Teil dieses Buches definiere ich den Energonbegriff genauer und gebe einen Überblick über alle mir bekanntgewordenen Arbeiten, die sich bereits mit einer ähnlichen Thematik beschäftigt haben. Es folgen die Hauptargumente meiner Theorien sowie ein Überblick über die Erwerbsformen der Energone und über den Weg ihrer Evolution.
Im zweiten und dritten Teil rückt dann die Frage nach einer meßbaren Bestimmung der Konkurrenzfähigkeit in den Mittelpunkt. Erst werden die von außen her einwirkenden Faktoren besprochen, dann die im Inneren jedes Energons auftretenden Probleme. Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Gesamtentwicklung. Dort versuche ich auch eine Standortbestimmung unserer heutigen wirtschaftlichen und politischen Situation zu geben.
Es ist bestimmt problematisch, die Darlegung einer Theorie gleich auch mit ihrer praktischen Anwendung auf aktuelle Probleme zu verbinden. Eine Theorie mag richtig sein, die Anwendung dagegen falsch, dann leidet die an sich richtige Theorie unter der falschen Anwendung. Anderseits werden wohl viele Kritiker, selbst wenn sie den Inhalt dieses Buches auf nur zwei Spalten zusammenfassen, eine solche Anwendung versuchen. Deshalb glaube ich, es auch selbst tun zu können.
Konrad Lorenz sagte einmal, daß sich die Glieder eines Ganzen nur gleichzeitig oder überhaupt nicht verstehen ließen: vor ebendiesem Problem stand ich bei meiner Arbeit. Der Energonbegriff führt zu einer radikal anderen Betrachtungsweise des Gewohnten, und es ist darum schwierig, an irgendeinem "Zipfel" mit der Darlegung zu beginnen. Ich habe versucht, den Stoff so gut es ging auf einen Faden aufzureihen; das aber bedeutet, daß nicht auf jeden sich ergebenden Einwand sofort eingegangen werden kann. Der große Umfang des behandelten Gebietes hat außerdem zur Folge, daß manches, was auf ein Kapitel zusammenge-
(Original-Buchseite 14)
preßt ist, eigentlich den mehrfachen Raum einnehmen oder überhaupt in einem eigenen Buch abgehandelt sein sollte. Es erscheint mir jedoch vor allem wichtig, einen Überblick über meine Theorien und ihre wichtigsten Konsequenzen zu geben.
Meine Untersuchungen erstreckten sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Aus diesem Grunde ist es mir nicht möglich, alle, die mir dabei geholfen haben, namentlich anzuführen. Ich möchte ihnen hier nochmals auf das herzlichste danken.
In der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre erleichterten mir besonders die Darstellungen von Sombart, Nicklisch und Gutenberg den Weg in diese dem Biologen fernstehenden Wissensgebiete. In der Staatslehre hielt ich mich in erster Linie an die Werke von Gierke, Kelsen, Jellinek und Krüger. Für wertvolle Informationen und Korrekturen bin ich Herrn Doz. Dr. H. Lexa vom Institut für Industrielle Betriebslehre und Herrn Dr. R. Reim vom Institut für politische Ökonomie, beide an der Hochschule für Welthandel in Wien, zu Dank verpflichtet. Auf dem Gebiet der Physik halfen mir Herr Prof. Dr. H. Thirring und Herr Dr. G. Ecker, auf dem Gebiet der physikalischen Chemie Herr Prof. Dr. E. Broda. Auf meinem eigenen Fachgebiet, der Zoologie, danke ich besonders den Professoren Dr. W. Kühnelt, Dr. W. Marinelli und Dr. F. Schaller von der Wiener Universität und Prof. Dr. G. Steiner aus Heidelberg für Kritik und Information. Laufende Anregungen, besonders auf dem Gebiet der Verhaltensforschung, erhielt ich von meinem langjährigen Freund Doz. Dr. I. Eibl-Eibesfeldt. In der Botanik bin ich den Professoren Dr. A. Biebl, Dr. B. Gessner, Dr. F. Knoll und Dr. H. Mohr sowie Doz. Dr. L. Burian zu Dank verpflichtet.
Recherchen, besonders auf dem historischen Sektor, führte
sehr tatkräftig Frau Dr. M. Windisch-Graetz für mich aus. Meinem
Freund Fritz Molden habe ich dafür zu danken, daß er mir für
Informationsbeschaffung beträchtliche Mittel bewilligte und hinsichtlich
der um mehrere Jahre verspäteten Ablieferung so viel Geduld bewies.
Die Zeichnungen fertigte Herr Kurt Röschl an.
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Anmerkungen:
1 Schon hier sei darauf hingewiesen, daß die Verwandtschaften, die aufgezeigt werden sollen, sich nicht in die Alternative homolog - analog fügen. Dieses heute die Biologie beherrschende Bewertungsschema tritt in seiner Bedeutung zurück, es geht um weit weniger sinnfällige Zusammenhänge.